Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 746 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 41 ausgenommen. Dies war freilich bei der öffentlichen Abstimmung. In der officiellen Plenarversammlung, die darauf folgte, richtete Reichsraths-Abgeordneter N eub er, nachdem er zum Obmann gewählt worden war, einen warmen Appell im liberalen Sinne an den Verein, wie bisher die volle Eintracht zu bewahren. Die Wahl in den Ausschuß fiel aber nicht sehr harmonisch aus. Wie schon gemeldet, siegte nämlich die Liste, auf welcher der Name Fleischmann's durch einen anderen ersetzt worden war, über die von der Vorversammlung beschlossene Liste mit 162 gegen 37 Stimmen. Da gegen die Wahl des vorgeschlagenen Candidaten kein einziges persönliches Moment geltend gemacht worden war, so bedeutete diese mit so eclatanter Majorität erfolgte Zurückweisung derselben zweifellos eine Kundgebung gegen seine Confeffion. Hiebei hatte offenbar eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern, welche bei der öffentlichen Abstimmung die Hände, für den aufgestellten Candidaten Fleisch mann erhob, "unter dem Schutze der geheimen Abstimmung gegen denselben votirt. „Frei und treu in Lied und Thal", heißt der Wahlspruch des Männergesanq.Vereins, und er macht einen erhebenden Eindruck, wenn er hundertstimmig durch den vollen Saal rauscht. .Mit dieser Devise stimmt es freilich nicht, das Eine öffentlich zu bekunden und das andere Gegentheilige im Geheimen zu üben. Der Männerqesang-Verein. der nicht nur durch seine vornehmen Kunstleistungen. sondern auch durch die Theilnahme der Bevölkerung ohne Unterschied der Confeffion zu seiner Höhe belangt ist. entfremdet sich seiner Aufgabe, wenn er durch Demonstrationen von der geschilderten Art in das Parteiaetriebe hinabsteigt. Bei dieser General-Versammlung ereignete sich übrigens noch eine interessante Episode. Ein Mitglied stellte den Antrag, das alljährliche geistliche Concert heuer ausfallen zu lassen und statt dessen eine Stiftungsmesse des Vereins zu veranstalten. Der neugewählte Obmann Herr Neu b er wendete sich jedoch dagegen, da es nicht Sache des Vereines sei. in dieser ohnedies reactionären Zeit im clericalen Fahrwasser zu segeln. Der noch kurz vorder mit Jubel begrüßte Obmann mußte jetzt bereits Murren und Pollern hören, und mit Mühe vermochte er schließlich durch eine Vertagung dieser Angelegenheit den Abend ohne stärkere Dissonanz zu schließen. Der Wiener Männergesang-Verein macht in einem langathmigen, ziemlich confus gerathenen Communique den mißlungenen Versuch, sich vom Vorwurf der Hinterhältigkeit und des Wortbrnchs zu reinigen. — Sehr charakteristisch ist noch folgende Episode aus den Vorgängen bei der vorigen Freitag stattgehabten Hauptwahl der Bereinssunctionäre. Es circulirten bekanntlich zwei Listen, eine rothe, welche als die officielle galt und die Candidatur des Bankbeamten Herrn Heinrich Fleischmann für eine Schriftführerstelle enthielt, und eine weiße, auf welcher diese Name fehlte und statt dessen der Name des Magistrats-Beamten Herrn Eduard G ö t t l fiqurirte. Herr G ö t t l, der zufällig in Deutschland weilte, hatte auf eine telegraphische Anfrage, ob er die Candidatur annehme, ausdrücklich ablehnend geantwortet, mit dem Hinweis daraus, daß er als Funktionär eines anderen Wiener Gesangvereines nicht in der Lage sei. die angebotene Stelle anzunehmen. Diese Absage des Herrn G ö t t l traf Freitag Früh in Wien ein, trotzdem wurde die Gegenliste mit seinem Namen Abends bei der Wahlversammlung ausgegeben und so gegen seinen Willen seine Wahl dmchgesetzt, jene des Herrn Fleischmann jedoch zugleich unmöglich gemacht. Die Vereinsleitung pflegt jetzt Erhebungen darüber, welche Persönlichkeiten dieses Wahlmanöver in Scene setzten, und hat sich die entsprechenden Schritte gegen dieselben Vorbehalten. Da Herr Göttl auch in der Sitzung der Vereinsleitung dabei beharrte, die Stelle eines Schriftführers nicht bekleiden zu können, so wird eine Neuwahl, die jedoch statutengemäß erst in einigen Wochen stattfinden kann, vorgenommen werden. Eine Anzahl von Bereinsmitgliedern jüdischer Confession, die sich durch die bekannten Vorgänge verletzt und beeinträchtigt fühlen, trat zu einer Besprechung zusammen, um angesichts der hervorgetretenen Strömung über ihre zukünftige Haltung schlüssig zu werden. Es wurde der Beschluß gefaßt, der Bereinsleitung die Demission dieser Gruppe mitzutheilen mit der Motivirung, daß die am 1. October stattgehabte Wahl unverkennbar einen antisemitischen Charakter getrogen Hobe. Ein Mitglied der Vereinsleitung erschien dieser Tage bei dieser Fraktion, um ihr von der mehrfach erwähnten Resolution Kenntniß zu geben und den Herren nahezulegen, unter solchen Umständen von einem Austritt abzusehen. Es machten sich Stimmen geltend, daß diese Declaration der Bereinsleitung nicht als ausreichend angesehen werden könne, doch wird eine endgiltige Entscheidung wahrscheinlich von der Haltung abhängen, welche die Plenarversammlung am nächsten Freitag gegenüber der Resolution einnehmen wird. Soll man darüber noch Bemerkungen verlieren? Mosenthal sagt: „Geht's noch höher hinauf, Nein, hier hört es auf!" Fürwahr diese Worte kommen uns in den Sinn! Reichsrathsabgeordneter Wilhelm N e u b e r als aufrichtig bekannter liberaler Abgeordneter der Wiener Handelskammer sollte unter solchen Leuten die ihm als Nachfolger des im Vorjahre verstorbenen Olschbaur übertragene Stelle des Vereinspräsidenten behalten! Es ist nicht gut denkbar! Aber auch nach anderer Richtung gibt uns diese Wahl Anlaß zum Denken. Wir sind im Beginne des Winters mit seinen Freuden: Concerte und Unterhaltungen. Concerte sind angemeldet: Philharmonische Gesellschaft, Wiener Männergesang-Verein, ohne die anderen, theils von bekannten Concertgebern arrangirt, theils fungiren wenig hervorgetretene Genies als Concertgeber. Wen werden wir, — sollten wir aber unter derartig traurigen Verhältnissen in den Sälen nicht finden, und zwar in den ersten Reihen: Juden! Geschmäht, geächtet, beschämt und besudelt auf der einen Seite, die ersten Plätze behaupten auf der anderen! Sind der Beispiele noch nicht genug, wie wir allgemein und überall behandelt werden, und noch immer keine Umkehr?! Der Wiener Männergesang-Verein hat die werktätigste Unterstützung bei unseren Glaubensgenossen, die Concerte besuchen beinahe ausschließlich Juden und dann die Beleidigungen, die sich jetzt besonders mehren! Abstinenz von den öffentlichen Orten, Gärten, Sälen, wie es Dr. Güdemann, unser geehrter Oberrabbiner, an den verflossenen Feiertagen von der Kanzel uns zurief und wie es der bekannte, geschätzte Gemeinderath Dr. Alfred Stern gesagt! Abstinenz soll unser Losungswort, unsere Parole sein, bis es wieder dämmert! Eine jüdische Frau an ihre Schwestern. Es ist in den jüngsten Tagen von dieser Stelle aus von berufener Feder so viel Erhebendes und Belehrendes über die Lage und das künftige Verhalten der Juden der antisemitischen Strömung gegenüber geschrieben worden, daß ich es als eine Unbescheidenheit ansehen muß, in dieser Sache das Wort zu ergreifen. Zu meiner Entschuldigung will ich nur anführen, daß es mich geradezu drängt, in diesen an Aufregungen und Demüthigungen so reichen Tagen zu meinen Mitschwestern zu reden, weil ich von der Erwägung ausgehe, daß auch die jüdische Frau Stellung nehmen muß zur brennenden Tagesfrage und daß mehr noch als von der politischen Haltung des Mannes, von der Klugheit und dem Takte der jüdischen Frau der konfessionelle Friede abhängt. Einer unserer hervorragendsten Glaubensgenossen, Gemeinderath Dr. Alfred Stern, hat uns in diesen Tagen, gelegentlich eines Interview durch den CorresMndenten des „Pesti Naplo", quasi eine Direktive für unser künftiges Verhalten gegenüber den kommenden Ereignissen gegeben und wir werden gut thun, uns daran zu halten. Wir werden uns von allen gesellschaftlichen Vergnügungen zurückziehen, wir werden gehen, bevor wir „gegangen werden". Der Großmogul der Wiener Antisemiten hat die Parole ausgegeben: „Hinaus mit den Juden aus dem Gemeinderathe, dem Parlamente, dem Landtage, aus allen Aemtern". Dieses „Hinaus" wird der Mob in seine Sprache übersetzen und der Ruf: „Hinaus mit den Juden" wird überall.dort erschallen, wo nur überhaupt ein Jude oder auch ein unglücklicherweise jüdisch aussehender Christ erscheint. Darum folgen wir dem weisen Rathe und ziehen wir uns zurück!