Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Dr. Bloch's Wochenschrift. kennen. Das Eine ist so abstoßend, wie das Andere. Einen Hellen freundlichen „Guten Tag", fröhlich und stramm, den Blick in des Eintretenden Auge, den kriegt man in jüdischen Geschäften selten zu hören. Ich hatte einem Graveur eine Bestellung zu machen und suchte mir einen Juden auf, obwohl ich einen weiten Umweg zu machen hatte. Als ich eintrat, schrieb er an einem Brief. Ich grüßte — er ließ sich nicht stören und stand nicht auf. Es ist nicht gerade angenehm, mit Einem zu reden, der einen Brief schreibt. Ein leises Brümmeln setzte mich in Kenntniß davon, daß er mich verstanden. Er hat aber trotzdem seinen Auftrag zu meiner vollen Zufriedenheit ausgeführt. Ein anderes Beispiel. Der Friseur, den ich mir aufgetrieben, rasirt geradezu wundervoll. Seine leichte Hand mit dem Messer schwebt schmetterlingsgleich über den Bartstoppeln. Er streicht aber jedesmal seinen Ehrensold ein ohne eine Silbe des Dankes. — Ein drittes Beispiel. Einer unserer Händler bittet jedes Mal die eintretenden Kunden um Entschuldigung, daß er sie warten lassen muß; er hat i m m e r etwas Anderes zu thun, ein Kistchen zu expediren, oder eine Rechnung zu schreiben, oder irgend was sonst. Der ist meiner Ansicht nach der Unhöflichste von Allen, weil er das dunkle Gefühl seiner Ungezogenheit hat und es abschütteln will, indem er sich — entschuldigt. Die anderen wissen nichts von ihren Verstößen gegen die gute Sitte. Viel ließe sich auch gegen die abscheulichen Gewohnheiten mancher Commis in der Modewaarenbranche einwenden. Diese kriecherische Art, mit Damen zu verkehren, muß diesen nur höchst abstoßend oder im besten Falle lächerlich, albern und abgeschmackt Vorkommen. Die Herren Ladenschwengel spielen den ganzen Tag den Don Juan mit der Elle und sind, je geistreicher sie sich selber Vorkommen, nur desto läppischer. Dieser Art Höflichkeit ist gesunde Grobheit ohne alle Frage vorzuziehen. Ihre Principale mögen die Herrchen ein bischen erziehen. Jeder einzelne jüdische Gewerbetreibende halte es sich vor Augen, daß das Vorurtheil gegen jüdische Arbeit nicht blos bei Ariern, sondern auch bei Stammesgenossen beinahe ein allgemeines ist, daß jeder Fehler und jede Nachlässigkeit nicht nur ihm selbst, sondern allen Allen, der ganzen großen Gesammtheit, schadet, unermeßlich schadet. Den Consumenten empfehlen wir aber, im Anfang den Arbeitern mit Wohlwollen entgegenzukommen. Die höchste Anspornung der Leistungsfähigkeit auf der einen, freundliche Nachsicht auf der anderen Seite. So muß es, so wird es gehen! Wenn die jüdischen Gewerbetreibenden gut- und ernstgemeinten Rathschlägen wohlgesinnter Freunde zugänglich sind, wenn sie sich nicht für den Gipfel der Vollkommenheit halten, sondern im Gegentheile mit uns glauben, daß sie viel zu lernen und zu v e rlernen haben, dann werden sie den Erfolg bald an sich selber verspüren. Man ist jetzt in allen maßgebenden Kreisen bereit, ihnen aufzuhelfen. Die Stimmung ist für sie eine günstige. Sie mögen den Moment nicht vorüberziehen lassen, ohne ihn auszunützen. Wie sagte doch unser großer Feind Bismarck: „Ich setze Euch in den Sattel, aber reiten müßt Ihr selbst". Lernen wir doch von unseren Gegnern! _ Fr. Ein Mahnwort. * n. In Nr. 39 dieses Blattes vom 27. v. M. veröffentlichten wir unter obigem Titel eine kleine Liste von Gewerbetreibenden, die trotz ihres regen Verkehres mit unseren Glaubensgenossen bei der letzten Gemeinderathswahl in antisemitischem Sinne ihre Stimmen abgaben; es scheint aber, daß diese von dem Lose betroffen wurden, das ihnen wohl gebührt und haben sich, wie wir aus sicherer Quelle erfahren, die jüdischen Hausfrauen bereits andere Bezugsquellen versorgt, bei welchen ebenso gute Bedienung ist, als bei den erwähnten Gegnern. Wenn wir nun heute diese Liste um Seite 745 nur wenige Fälle vermehren, so ist der Grund hierfür, daß der Antisemitismus auch dort bereits Eingang sich geschafft, wo man von dieser Pestilenz wahrlich nichts wissen sollte. Nicht nur im Kreise von K a u f l e u t e n, die ihre Kunden zum weitaus größten Theile bei Bekennern jüdischen Glaubens haben, sondern auch in Geselligkeits-Vereinen, namentlich bei einer Corporation, bei der dies vermöge ihres Rufes, der sich auch außerhalb der schwarz-gelben Grenzpfähle erstreckt, nie zu erwarten war und auch nie zu rechtfertigen ist. Diese Fülle sind folgende: Im Bezirke Mariahilf ist seit vielen Jahren eine Firma etablirt, die sich mit dem Verkauf von Strohhüten befaßt, einem Artikel, der sehr lucrativ ist und, wie es scheint, auch sehr flotten Absatz findet. Diese Firma läßt auch, dem kaufniännischen Brauche folgend, die Provinzen durch ihre Vertreter bereisen, um womöglich noch größeren Umsatz zu erzielen. Die Fabrikate scheinen auch entsprechend zu sein, da die Inhaber zu den bedeutenderen Firmen dieser Branche gehören. Nun, durch die antisemitischen Siege angeregt, wurde den Reisenden, speciell aber demjenigen der österreichischen Provinzen, der decidirte Auftrag, von nun an mit den jüdischen Kunden nicht mehr zu arbeiten! Der Reisende hat sich mit dieser Ordre in einem Gasthause in einer niederösterreichischen Provinzstadt geradezu gebrüstet, obwohl die Firma Brüder Oberwalder, Wien, VII., Mariahilserstraße 78, zahlreiche Juden zu bedienen hat- Das ist der Dank für die langjährigen Bezüge, die zahl! reiche unserer Glaubensbrüder von dieser antisemitischen Firma machten!! Musik sollte doch wahrlich für solch unsaubere Motive nicht herangezogen werden, dieses mußte erst einem Vereine Vorbehalten bleiben, der, wie erwähnt, von allen religiösen und confessionellen Fragen ferne hätte bleiben sollen. DerWiener Männergesang-Berein, der sich ehedem nur durch künstlerisches Wirken, durch freisinnige Kundgebungen und durch Acte der Wohlthätigkeit hervorgethan, hat in seiner letzten General-Versammlung bei der Wahl der Bereins-Functionäre die öffentlichen Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, indem er sich in demonstrativer Weife durch eine merkwürdige Abstimmung zu antisemitischen Allüren bekannte. Nach gewissen Erfahrungen der letzten Wochen braucht ein solches Borkommniß nicht gerade zu überraschen, immerhin erscheint es auffallend bei einer Bereinigung, welche auf einem Gebiete der Kunst wirkt, das uns in höhere Sphären heben soll. Der Darstellung des Vorfalles in den Tagesblättern wären noch einige kennzeichnende Details anzufügen. In der Vorbesprechung für die Wahl der Functionäre wurde Herr Heinrich Fleis chm ann ohne sein Zuthun für eine Schriftführerstelle vorgeschlagen, nachdem der Posten von mehreren Anderen wegen der großen damit verbundenen Arbeit abgelehnt worden war. Herr Fleischmann erklärte, daß er die Candidatur annehme, weil er als Jude dieselbe unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht nur als eine Ehre für sich, sondern auch als eine Bekundung des Freisinnes des Vereines ansehe; natürlich setze er voraus, daß es sich dabei um vollen Ernst handle. (Zwischenrufe: Hier wird nicht gescherzt!) In der Debatte, die sich nun in Abwesenheit des Herrn Fleischmann über diese Candidatur entspann, sprach sich der Steueramts-Adjunct Herr Hanns B l a s ch k e, wie er sagte, im Namen des Gros der Mitglieder gegen diese Wahl aus. Eine Begründung fügte er nicht bei; er schwieg vielsagend trotz mehrfacher Interpellationen über seine Motive und rechnete wohl darauf, daß dieselben ohnedies würden erkannt werden. Darin irrte sich auch der Opponent nicht. Dies ging daraus hervor, daß der Hof-Buchhändler Herr Künast und der Architekt Herr Ludwig Tischler fich veranlaßt sahen, lebhaft dagegen aufzutreten, daß bei den Bereinswahlen confessionelle Gegensätze zum Ausdrucke gebracht werden. Es kam zur Abstimmung. Wäre bei derselben Herr Fleischmann in der Minorität geblieben oder auch nur mit einer schwachen Mehrheit aufgestellt worden, so würde er zurückgetreten sein und deffen Candidatur wäre in dieser privaten Versammlung von der Tagesordnung verschwunden. Allein sämmtliche anwesenden Mitglieder — etwa achtzig an der Zahl — sprachen sich, mit Ausnahme des Herrn Blaschke, für die Nominirung des Herrn F l e i s chmann aus, und dieses Resultat wurde mit Beifallsbezeigungen