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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-09 · 41 (9.10.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
41 (9.10.1895)
Date
1895-10-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 744 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 41 Ein Wort an unser Kleingewerbe. " Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit haben einen großen Theil unserer Glaubensgenossen unsanft aus dem Traumschlafe ihrer Judolenz wachgerüttelt und endlich zur Besinnung auf sich selbst gebracht. Sie scheint sich demnach nicht gar besonders bewährt zu haben, die Politik des Vogels Strauß. Während der vorn seinen Kopf in den Sand steckte und sich nicht zu erkennen gab, rupften sie ihm hinten eine seiner prächtigen Federn nach der anderen höchst schmerzhaft aus und sind eben im Begriffe, ihm ein wenig den Klagen umzudrehen und ein seliges Ende zu bereiten. Die alte Wahrheit ist noch immer nicht genügend verbreitet, daß Rosenöl ein sehr ungeeignetes Mittel zur Vertreibung gewisser lästiger Jnsecten ist. Nun bricht sich die Erkenntniß langsam Bahn, daß wir zu drastischeren Mitteln unsere Zuflucht nehnien müssen, wenn die Cur gelingen soll. Wenn wir auch dem Gerüchte nicht unbedingt Glauben schenken wollen, daß in mehreren Wiener Bezirken die liberalen Wahlcomitös antisemitisch gewählt haben sollen, so ist doch die Thatsache, daß es entstehen, Glauben und Verbreitung finden konnte, an und für sich schon ein sehr bedenkliches Symptom für die Situation! Ja, Thatsache ist es, daß unsere besten Freunde oder die sich wenigstens dafür ausgaben, uns schmählich verrathen und im Stiche gelassen haben. Handwerker und Gewerbetreibende die fast ausschließlich von jüdischem Gelde leben, entdeckten am Wahltage ihr antisemitisches Herz für L u e g e r und die weiße Nelke. Das von den christlich-socialen Führern propagirte System der doppelten Stimmzettel — der liberale für die „Freundschaft" und der andere für die Urne — stand in üppigster Blüthe. Auch gut! So erinnern wir uns wenigstens unserer Pflichten unseren armen Stammesangehörigen gegenüber, die schwer um ihre Exfftenz ringen. Unterstützen wir ausgiebiger, als es bisher geschehen, unsere stiefmütterlich behandelten kleinen Leute. Es sei unsere heilige Aufgabe, sie nach Möglichkeit zu fördern und zu beschäftigen. Von arischer Seite haben sie ja nichts zu erwarten, als Schimpf und Schlag. Wer seinen Todfeinden die Mittel an die Hand gibt, ihn zu bekämpfen, der huldigt selbstmörderischen Grundsätzen, der arbeitet an seiner eigenen Vernichtung mit und untergräbt die Wurzeln seiner Existenz. Er ist ein zweifacher Verräther: um das, was er thut, und um das, was er unterläßt. Man mißverstehe uns nicht. Nicht wir boycottiren, nicht u n i e r e Absicht ist es, irgend Jemanden auszuschließen von der Kette des Verkehrs. Man zwingt uns, uns unser Haut zu wehren. Die christlich-socialen Antisemiten boycottiren die Juden, sie wollen sie vernichten und zu Grunde richten. Seit einem Jahrzehnt erschallt unausgesetzt ihr schriller Hetzruf: Kauft nicht bei Juden! Und wir, die Boycottirten, sollen unser Geld zu den Boycottirern tragen?! Das wäre ja der helle Wahuwitz und in der Geschichte des Strikes ein Novum von sehr trauriger Curiosität. Ziehen wir uns möglichst zurück vom öffentlichen Leben und Treiben, schieben wir in diesen unsäglich traurigen Zeitläuften allen übertriebenen Luxus, allen unnöthigen Aufwand bei Seite und denken wir an diejenigen, welche, wenn die Gegensätze aufeinanderstoßen, den Shock für uns auffangen. 4- * * Das Kleingewerbe soll gerettet werden. Das klingt so schön und scheint so einfach. Es muß sich aber auch wollen — retten lassen. Vieles ist zu rügen und muß abgestellt werden. Der jüdische Handwerker ist im Allgemeinen nicht minder geschickt und oft geschickter, als der arische. Er arbeitet gerne und hat eineu großen Vorsprung voraus, der ausschlaggebend sein kann im socialen Wettbewerb: er ist dem Dämon Alkohol nicht verschrieben. Aber anderswo hapert es gewaltig, und das soll ohne Schönfärberei und Vertuschung rund herausgesagt werden. Auf drei Dinge ist vor Allem zu achten, wenn ein Erfolg erzielt werden soll, und in drei Worte wollen wir sie zusammenfassen. Sie lauten: Pünktlichkeit — Höflichkeit — Reinlichkeit! Der Schreiber dieser Zeilen hatte in den letzten Tagen vielfältige Veranlassung, mit jüdischen, kleinen Leuten zu verkehren, und es that ihm tief in der Seele weh, sie nicht so zu finden, wie er es in ihrem wohlverstandenen Interesse gewünscht hätte. Pünktlichkeit! „Sie sind unzuverlässig, man kann sie beim besten Willen nicht beschäftigen." Das ist eine allgemeine Klage, die man überall zu hören bekommt. Und Pünktlichkeit ist doch keine allzuschwere Sache. Warum treffen sie so viele Andere? Uebernehmt nicht voreiligerweise Aufträge zu Fristen, die ihr nicht einhalten könnt. Laßt Euch lieber ein paar Tage mehr Zeit zur Lieferung. Denkt, daß ein Versprechen eingehalten werden m u ß unter allen Umständen, komme dazwischen was da wolle. Aus Eurer Unpünktlichkeit entwickelt sich ein anderer Uebelstand: der Besteller beginnt mit ihr zu rechnen. Er gibt eine Woche früher, als er die Sache benöthigt, als letzten Termin an. Ihr habt das bald heraus und bringt sie ihm um zwei Wochen später. Das sind unleidliche Uebelstände, die abgestellt werden sollen. Der Auftraggeber wird übelgelaunt und verdrießlich, chicanirt Euch bei der Rechnung und läßt Euch drei Mal solang auf Euer Geld warten, als Ihr ihn auf seine Ware habt warten lassen. Pünktlichkeit beiderseits und im Vertrauen gesagt: Ihr könnt dann vielleicht auch einwenig bessere Preise erzielen, wenn Ihr auf Tag und Stunde, so wie es besprochen war,' mit Euren Sachen fertig seid. „Das ist ein ordentlicher, peinlich genauer Geschäftsmann", denkt sich dann die Kunde, „dem darf ich gar nicht versuchen, etwas von seinem Preise abzudrücken". Seht Ihr, so müßt Ihr es machen, wenn Ihr concurrenzfähig werden wollt und Euch geholfen werden soll. Ihr müßt Euch aus dem Sumpf, in den Ihr durch eigenes und fremdes Verschulden gerathen, nur herausziehen lassen. Aus einem Sumpf kommt man bekanntlich nicht sehr proper und adrett heraus. Bevor man in den Salon geht, muß man schon noch ein wemg Toilette machen, nicht wahr? Die Reinlichkeit ist in der Culturgeschichte der Völker ein sehr wichtiger Factor. Fragt doch einmal die Aerzte und die Bacteriologen und Ihr werdet eine Antwort erhalten, über die Ihr staunt. Die moderne Antiseptik und Aseptik sind nur auf das Princip der Reinlichkeit basirt. Der große Lehrer Moses hat vor Jahrtausenden schon den Werth der Reinlichkeit erkannt und die Errungenschaft John Listers anticipirt. Wenn der berühmte Chemiker Liebig die Cultur eines Volkes nach dem Verbrauch der Seife bemißt, so steht. er auf dem Boden mosaischer Anschauung. Und Ihr wollt nicht mit? Ihr wollt lieber der Vernunft und Religion zum Trotz MbSchmutz verharren? Fühlt Ihr Euch denn gar fo gemüthlich darin? — Die großen jüdischen Gastwirthe und Selcher gehen den kleinen ja mit rühmlichem Beispiel voran. Macht's nach, so gut Ihr könnt, aber macht's nach. Wer hat denn Lust, in ein Wirthshaus zu gehen, wo der Frack des Kellnerjungen von vielfarbigen Saucen - Spuren starrt? Geflickt darf er sein, das gestehe ich ihm zu, aber schmutzig oder zerfetzt darf er unter gar keinen Umständen sein. Merkt's Euch, hört Ihr! Die Reinlichkeit und Accuratesse in der Ausführung der Arbeiten, die ergibt sich dann fast von selbst. Wer selbst reinlich ist in seiner Person, so weit es sein Handwerk nur immer zuläßt, wer pünktlich fertig wird zur festgesetzten Zeit, denkt Ihr, daß der schleuderhaft und schlecht arbeiten kann? — das ist einfach unmöglich. Nun zum letzten Capitel der moralischen Vorlesung für heute. Die rechte Höflichkeit eines stolzen freien Bürgers hat unser kleiner Mann leider verlernt. Er hat sie besessen und sie ist ihm gänzlich abhanden gekommen. Der Antisemitismus hat sie ihm hinwegescamotirt. Entweder kriecherisch oder unartig — ein Drittes scheinen sie nicht zu

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