Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 41 (9.10.1895)
- Date
- 1895-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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.... II ja Nr. 41 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 745 dec Erde. Goethe sagte einmal: „Unverdiente Armuth macht stolz"—und unverdienter Haß sollte es nicht machen? Beruht dieser Haß auf Neid, so thut man uns damit die Ehre an, uns für Menschen zu halten, die etwas sind und bedeuten; man beneidet doch nur einen großen und nicht einen unbedeutenden Menschen. Haßt man uns aber wegen unserer angeblichen oder wirklichen Fehler, so beweist dies immerhin, daß man von unserer sittlichen Qualität immer etwas Höheres und Besseres zu erwarten gewohnt ist, indem man seine allgemein menschlichen Fehler dem Juden als solchen verübelt. Wollen wir aber die tiefere Berechtigung unseres jüdischen Selbstbewußtseins darthun, so müffen wir auf diejenigen Momente Hinweisen, welche den Inbegriff und den Stolz einer Nation ausmachen, ich meine ihre Literatur und ihre Geschichte. Und wahrlich, in diesen beiden Beziehungen braucht Israel einen Vergleich mit den anderen Völkern des Alterlhums und der Neuzeit keineswegs zu scheuen. Wo gibt es ein Volk, dessen alte Literatur die „Bibel", d. h. das Grundbuch geworden ist für alle civilisirten Völker, aus dem ihre Herzen und Geister eingestandenermaßen die edelste Nahrung erhalten und die höchsten Wahrheiten der Religion und Sittlichkeit geschöpft haben?! Wo gab es noch ein Volk, das solche religiöse Gesänge der Welt gegeben, wie es unsere Psalmen sind, die heute noch alle Töne auf der Stufenleiter menschlicher Empfindungen anschlagen, die heute noch in allen Synagogen und in allen — Kirchen gesungen werden, weil sie heute noch geeignet sind, tröstend und erhebend, läuternd und veredelnd auf den Menschen einzuwirken, der mit dem Herzen sie zu lesen versteht?! Wo gibt es ferner ein Volk, aus dessen Mitte Redner hervorgegangen wären, wie unsere Propheten, welche nicht Staats reden, sondern W el tred e n gehalten, die durch alle Zeiten forthallen, Männer, die vor Thronen nicht gezittert und vor der Bolksmeinung nicht zurückgeschreckt, wenn es galt, für die edelsten Güter des Menschen, für Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit zu sprechen und zu kämpfen?; die nicht, wie manche Priester anderer Völker, das Volk zu verdummen, sondern in jeder Hinsicht aufzuklären suchten (lifkoach enajim iwroth); die nicht, wie manche Priester anderer Völker die Bolksrechte zu kürzen, die Bolksfreiheit zu unterdrücken bestrebt waren, sondern die Befreiung der Unterdrückten als ihre schönste Aufgabe betrachteten; die endlich nicht, wie manche Priester anderer Völker, den Racenhaß gepredigt und blutige Kämpfe entfesselt, sondern vielmehr die allgemeine Menschenliebe und den ewigen Völkerfrieden als das höchste Ziel menschlicher Entwicklung hingestellt. Und unsere Spru ch d i ch t er, welch einen Schatz von Lebenskunft und Lebensweisheit haben sie der Menschheit hinterlassen! Und unsere späteren Weisen/wie haben sie es verstanden, auf den Trümmern des jüdischen Staates den Riesenbau des Talmud aufzurichten, dessen geistige und sittlich-religiöse Schätze unser Volk in seiner späteren, so leidensreichen Geschichte vor geistiger Erschlaffung und sittlicher Versumpfung bewahren sollten! Denn auch in Bezug auf seine Geschichte kann Israel einen Vergleich mit den anderen Culturvölkern ruhig aushalten. Wir wollen nicht Hinweisen auf die Blüthezeit des jüdischen Staates, da aus der Mitte unseres Volkes tapfere Kroger und mächtige Helden hervorgegangen, die sich den Heiden der Weltgeschichte kühn an die Seite stellen dürfen; denn nicht die Kraft des Armes ist für uns der Maßstab wahren Heldenthums und nicht auf blutigen Schlachtfeldern wollte Israel seine Triumphe feiern. Wir wollen nur Hinweisen auf die Zeiten des Druckes und des Elends, um da die wahre Heldengröße Israels zu erkennen und zu bewundern. Alle Elemente, Feuer, Wasser und Erde, wurden mißbraucht, um unser Volk seinem Glauben abwendig zu machen; aber Israel ließ sich nicht bewegen, seinen einig-einzigen Gott zu verlassen, sein Heiligthum zu verrathen, seiner geschichtlichen Aufgabe untreu zu werden. Dieses realistische Volk hat vielmehr der Welt ein Beispiel gegeben, was der Mensch, was ein ganzes Volk für eine große Idee, für ein hohes Ideal zu thun und zu opfern im Stande ist. Freilich sind die zahllosen Leiden an unserem Volke nicht spurlos vorübergegangen; aber, am Körper gebrochen, wußte Israel seinen Geist gesund und lebensfrisch zu erhalten, in seiner Knechtsgestalt war der Jude innerlich freier, in seiner Erniedrigung stand er geistig und sittlich höher als seine rohen Peiniger, und in den Zeiten des schmählichsten Druckes vermochte Israel noch eine Schaar von Dichtern und Denkern aus sich zu erzeugen, deren hohe Bedeutung in der Geschichte des menschlichen Denkens unbestritten ist. Treffend sagen daher unsere Alten : Kol seman schejisroel bijeridoh tachtonoh hem olim „auf einer je tieferen Stufe des Leidens Israel betrachtet werde, desto höher müsse es steigen in seiner sittlichen Werthschätzung", desto glänzender muß seine wahre Heldengröße in die Erscheinung treten. Und nun fragen wir: hat ein Volk mit einer solchen Literatur und einer solchen Geschichte nicht das Recht, sich selbst zu vertrauen und unbeirrt seinen Gang durch die Geschichte fortzusetzen, so es sich der Schätze seiner Literatur und der Thatsachen seiner Geschichte nur recht lebendig bewußt wird? Braucht ein Volk mit einer solchen Vergangenheit für seine Zukunft zu fürchten und zu zagen? Nein; mag die Gegenwart noch so trübe sein, Israel darf dennoch mit dem Palmzweige in der Hand, mit dem Zeichen siegesbewußten Selbstvertrauens, einherschreiten und in diesem Bewußtsein dem Gebote des Festesfreude Nachkommen. Denn jeder Israelit, der von dem Geiste seiner Literatur und den Lehren seiner Geschichte durchdrungen ist, trägt das Bewußtem in sich von der Ewigkeit, von der Unzerstörbarkeit seines Volkes und seiner weltgestaltenden Gedanken. Wenn aber die Zahl der Feinde, wenn die Brutalität der Thatsachen so mächtig geworden, daß ihre Sprache unser noch so berechtigtes Selbstbewußtsein übertönt und allmälig schwinden läßt, welches Moment vermag uns da noch ohne Furcht und Zagen der Zukunft entgegenschauen zu lassen? Da bringt uns das Fest ein zweites Symbol, die Snkkah, die ein Ausdruck sein soll unseres rückhaltlosen Gottvertrauens. In der Herbsteszelt sollen wir aus unserer festen Wohnung in die gebrechliche Hütte ziehen, und damit dem Gedanken Ausdruck geben, daß wir unter dem Schutze unseres Gottes die Stürme von Außen nicht zu fürchten brauchen, daß derselbe Gott, der unsere Väter während ihrer vierzigjährigen Wüstenwanderung beschützt hat, uns auch fernerhin beschützen wird, wenn auch unser Gang durch die Gerichte einer Wüstenwandsrung ähnlich sein sollte. Oder haben wir etwa nicht das historische Recht, ein solches Gottvertrauen zu hegen? Es gibt Wunder in Natur und Geschichte, die wir nur deshalb nicht als solche anstaunen, weil wir sie alltäglich vor Augen sehen, und ein solches Wunder ist die Erhaltung unseres Volkes in den Stürmen der Jahrtausende. Große Geschichtsschreiber haben Israel oft „das Räthsel der Weltgeschichte" genannt; dieses Räthsel findet aber seine einzig richtige Lösung in der Annahme einer allmächtigen Vorsehung, die unser Volk zu ihren großen Zwecken erzieht und beschützt — „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr" und als solche müsset Ihr b e st e h e n. Allerdings kommen wir leicht in Versuchung, zu vermeinen, Koehi weozem jodi osoh li eth hachaile haseh unsere eigene sittliche und geistige Kraft, ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen hat uns trotz aller Verfolgungen erhalten. Daß aber eben diese Umstände zu unserer Erhaltung zusammenkommen mußten, daß jene geistige und sittliche Kraft unter Verhältnissen sich zeigte, unter denen man sie am allerwenigsten zu erwarten berechtigt war. das ist nur der bollgiltigste Beweis (Ki hu hanothen lecho Koach laasoth choil). daß eben die göttliche Vorsehung es war, welche unserem Volke jene Heldenkraft verliehen, die es, einem Fels im Meere gleich, allen Stürmen des Bölkerhasies siegreichen Widerstand leisten ließ. Unser Gottvertrauen, es gründet sich nicht aus ein mystisches Empfinden, sondern auf die sicherste Quelle aller Erkenntnis, auf sinnliche Wahrnehmung, auf ureigenste geschichtliche Erfahrung. Und wenn Israel durch die Betätigung seines ewigen Gottesgesetzes, seines religiösen Gottvertrauens sich immer werther und würdiger zeigt, wenn es in der Kenntniß und Würdigung seiner unvergleichlichen Literatur und Geschichte jenen edlen Stolz, jene vornehme Selbstachtung sich bewahrt, die nichts gemein hat mit der vorlauten Aufdring, lichkeit, welche man uns oft zum Vorwurf macht, dann wird es durch ein solches Verhalten eine religiöse und sittliche Höhe erreichen, wohin ihm der Haß seiner Feinde nimmermehr zu folgen vermag, dann darf es an seinem Feste auch in trüber Zeit mit freudiger Zuversicht seiner Zukunst entgegensehen, und dann wird auch die schmachvolle Bewegung unserer Zeit "ch bewährt haben, als „ein Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft".