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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-09 · 41 (9.10.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
41 (9.10.1895)
Date
1895-10-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 742 Dr. Bloch's Wochrnfchrrst Nr. 41 Staat erfüllt und welche zu schützen die Armee ebenso berufen ist, wie alle übrigen Classen der bürgerlichen Gesellschaft. Zwei der als Zeugen einvernommenen Officiere haben unter E i d in Abrede gestellt, diese Schimpfworte gebraucht zu haben, ein dritter Officier und die einvernommenen Wachorgane haben ebenso unter Eid versichert, daß die erwähnten Beschimpfungen thatsächlich gefallen sind. Die Heiligkeit des Eides — das ist auch so ein Requisit aus der Rüstkammer des Antisemitismus. Immer kehrt die nichtswürdige Lüge wieder, daß der Jude es mit dem Eide vor Gericht nicht genau nehme. Hier haben wir einmal den gegentheiligen Fall in einer geradezu elastischen Form! Zwei Officiere, die ihr Adel und der Rock des Kaisers zu allen Tugenden der Ritterlichkeit verpflichten würde, zwei Männer, deren Christenthum und Arierthum sich urkundlich als ein unverfälschtes Nachweisen läßt, gerathen in eidlichen Widerspruch mit eurem Kameraden, der sich der gleichen Eigenschaften rühmen kann! Und nun stelle man hiezu noch die mehr als sonderbare Auffassung des Vertreters der Staatsbehörde! Als Dr. Rosenfeld constatirte, daß die ersterwähnten zwei Officiere unter Eid leugneten, drohte ihm der Staatsanwalt mit neuerlicher Strafverfolgung; als aber die Aussage des dritten Officiers die Kritik Dr. R o senf e ld's rechtfertigte, schwieg der Staatsanwalt. Er schwieg, obgleich es evident war, daß entweder die zwei ersten oder der dritte Officier eine falsche Zeugenaussage vor Gericht abgegeben und das Verbrechen des Meineides begangen hatten! „Justitia regnorum fundamentum!“ — die Göttin der Gerechtigkeit wird zwar mit einer Binde um die Augen dargestellt, aber daß sie die Ohren auch mit Wachs verstopft habe und solchen eidlichen Widersprüchen eine beharrliche Schwerhörigkeit entgegensetze, das ist durchaus neu! Ein officiöses Communiquä, welches offenbar mehr den Zweck hat, die erregte öffentliche Meinung zu beschwichtigen, als den Forderungen des beleidigten Rechtsgefühles volle Rechnung zu tragen, versichert, daß die Militärgerichte sich mit den merklvürdigen Jncidenzien der Affaire Munk beschäftigen; das ist recht löblich, und wir warten mit Spannung darauf, ob die Mißhandlung einerseits und die falsche Zeugenaussage andererseits die entsprechende Sühne finden werden. Wenn in gewissen bürgerlichen Kreisen die Anschauung immer mehr an Boden gewinnt, daß gegen den Juden Alles erlaubt sei, Lug und Trug, Schimpf und Unglimpf, Hinterlist und Treubruch, Raub und Mord, so darf doch in den Kreisen der Armee eine solche Anschauung nicht Wurzel fassen. „In Deinem Lager ist Oesterreich!" rief einst Oesterreichs größter Dichter unserem tapferen Heere zu, das ganze Oesterreich mit all' seinen Volksstämmen und all' seinen Confessionen. Diese Gemeinschaft ist noch die einzige, welche die Eücheit des Staates und die Gleichwertigkeit all' seiner einzelnen Glieder repräsentirt. Wohin würde man gelangen, wenn die Racenhetze und der confessionelle Hader auch in die Armee Eingang fänden und wenn der Officier die Juden für Ausgestoßeue hielte, auf welche sich der Schutz der bewaffneten Macht nicht zu erstrecken habe? Daß solche Vorurtheile bereits, wenn auch nur noch vereinzelt, in militärischen Kreisen platzzugreifen beginnen, wissen wir aus einer ganzen Reche von Thatsachen, und es scheint hoch an der Zeit, der herandrängenden Fluth einen kräftigen Damm entgegenzusetzen. Und noch Eines! Bei jener nächtlichen Attaque ist das Wort: „Feiger Jude!" gefallen. Auch dieser Schimpf entstammt dem antisemitischen Wörterbuche. Der angeblich arischen Tapferkeit und Ritterlichkeit wird mit Vorliebe die angeblich jüdische Furchtsamkeit gegenübergestellt. Aber so gewiß es ist, daß der tausendjährige Druck, der auf den Juden lastete, nicht geeignet war, ihr Selbstbewußtsein und das Vertrauen auf ihre physische Kraft zu heben, so gewiß ist es auch, daß die Juden trotz alledem und alledem den Vorwurf der Feigheit tausendfach in glänzender Weise widerlegt haben. Unser erhabener Monarch hat ihre Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausdrücklich anerkannt und die Blätter der österreichischen Kriegsgeschichte, wie die Aufzeichnungen des deutschen Generalstabs verzeichnen Beispiele seltenen Heldenmuthes und kühner Todesverachtung jüdischer Soldaten. Und wenn in dem vorliegenden Falle die Palme des Muthes und der Tapferkeit Einem gebührt, so sind es wahrlich nicht die aristokratischen und arischen Officiere, sondern der jüdische und bürgerliche Anwalt Dr. Rosenfeld, der seinen Gegnern mit dem vollen Einsatz seiner physischen Persönlichkeit entgegengetreten ist und sich der Bewunderung und dankbaren Anerkennung nicht blos seiner Glaubensgenossen, sondern auch seiner Mitbürger christlicher Confession verdient gemacht hat! Jüdisches Selbstvertrauen und Gottvertrauen. (Eine Betrachtung zum Sulkoth-Feste von Dr. H. G o i t e i n in Nachod. Auf das ernste Fest der Entsagung und Versöhnung folgt unmittelbar das liebliche Sukkothfest, das uns auffordertz zur Freude vor unserem Gotte, zur Freude ob des Segens der religiösen und sittlichen Ernte, die wir an dem vorangegangenen Neujahrs- und Versöhnungsfeste abgehalten und deren Reinertrag die ungetrübteste Lebeusfreudigkeit bilden soll, webosiibo ach someach. Sind wir aber in unserer Zeit auch in der Lage und Stimmung, dieser Aufforderung des Festes nachzukommen? Kann derjenige, der sich noch als ein lebendiges Glied fühlt in der KeUe der jüdischen Gesammtheit, kann dieser der ganzen ungetheilten Freude sich hingeben, so er die drohenden Gewitterwolken bemerkt, die am Horizonte des Vaterlandes über das Judenthum sich zusammenziehen, so er als Jude, als Mensch, als Patriot die ganze Schmach und den ganzen Jammer empfindet in der judenfeindlichen Bewegung unserer Zeit? Liegt es nicht näher, mit Koheleth auszurufen: „zum Scherze sage ich, er sei eitel nichts, zur Freude, was soll sie uns", an» gesichts der Thatsache, daß es gewissenlosen Demagogen gelungen ist, der urtheilslosen Menge gegenüber den Juden als den alleinigen Sündenbock hinzustellcn für alle Uebel unserer heutigen Gesellschaftsordnung und somit ihre giftige Saat des Racen- und Religionshasses auf's Ueppigste emporwuchern zu sehen? Wohl versetzt uns der Prophet am ersten Tage des Festes in jene Zeit hinein, da „der Ewige als König anerkannt wird auf der ganzen Erde" und die Völker hinauf wallfahrten nach Jerusalem, „um sich einmüthig zu beugen vor dem Herrn der Heerschaaren". Sehen wir aber, wie wenig die heutige Wirklichkeit diesem prophetischen Zukunftsideale entspricht, ist es uns da nicht, als müßten wir wieder mit Koheleth sprechen: „Was da war, das wird auch sein .... es gibt nichts Neues, es gibt keinen Fortschritt unter der Sonne?!" Und dennoch sagt uns die Schrift: „Freue Dich an Deinem Feste", überall, zu allen Zeiten und in allen Lagen! Als ob nun die Thora solche Zeiten in Betracht gezogen und solchen Bedenken hätte begegnen wollen, hat sie uns an diesem Feste in den Geboten des Lulef und Sukkah zwei Gedanken, zwei inhaltsschwere Worte nahegelegt, die uns selbst in den düstersten Zeilen Muth und Ausdauer, Hoffnung und Zukunstsfreudigkeit einflößen sollen. Diese Worte heißen Selbstvertrauen und Gottvertrauen, jüdisches Selbstbewußtsein und jüdisches Gottesbewußtsein. Ueber die Bedeutung des Lulef, der hervorragendsten Pflanze in unserem Feststrauß, machen unsere Alten folgende sinnreiche Bemerkung: Am Neujahrs- und Versöhnungstage kommen die Völker mit Israel vor das göttliche Weltgericht, um dort gleichsam vor dem Fcrum der Geschichte ihre Anklagen gegen Israel zu erheben. Es ist nun unentschieden, wer in diesem Procefse Recht behalte; da erscheint Israel nach dem Versöhnungstage mit dem Palmzweige, mit diesem Zeichen des Sieges, in der Hand und bezeugt damit, daß es Sieger geblieben in dem ungleichen Kampfe. Der Palmzweig soll somit ein Symbol, ein Ausdruck sein unseres siegesgewissen Selbstvertrauens, unseres jüdischen Selbstbewußtseins. Zu diesem berechtigt uns vor Allem der Umstand, daß wir unstreitig das — bestgehaßte Volk bilden unter allen Völkern

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