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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-02 · 40 (2.10.1895) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
40 (2.10.1895)
Date
1895-10-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 734 Nr. 40;|f Dr Bloch's Wochrn^tzcist. und geeignet, die aufrichtigste Andacht zu erwecken. Die sonore Stimme Ci.uor Schäfer's ist dem Ohre ivohlthuend und von einer! solchen Wärme und Innigkeit durchhaucht, daß ihr jedes Ohrunwillkürlich lauschen muß. Und nun erst die Predigt. Der Rabbiner Herr Wilhelm Reich ist noch, seinem äußeren Erscheinen nach, em junger Mann; steht er aber auf der Kanzel glaubt man thatsächlich einen ergrauten Weltweiten zu vernehmen. Seine Predigten am Neujahrs- und Versöhnungstage ließen an Form, an geistigen Inhalt, wie auch an zeitgemäßen Vortrag nichts zu wünschen übrig. Kurz, das Ensemble im Badener Tempel hat auf mich erbauend und andachterwcckend gewirkt, und ich kann mich nicht enthalten, sowohl dem tüchtigen energischen Vorstande, wie den trefflichen Functionären einen aufrichtigen »^ejascber-Loacli« zuzurufen. Nun aber möchte ich auch noch auf etwas anderes aufmerksam machen. Ich fand den Badener Tempel in Anbetracht der großen Menge von Andächtigen, die an den hohen Feiertagen dort zusammenströmt, viel zu klein, und wäre es nicht möglich, ihn dem Bedürfniffe nach zu vergrößern? Unsere Finanzgrößen, die sich auf jedem Gebiete der Humanität splendid zeigen, könnten hier ihr echtes jüdisches Herz bethätigen. Ich würde mich glücklich fühlen, wenn diese meine Zeilen hiezu den Anstoß geben sollten. Rohatyu. Herr Rabbiner Nathan L e v i n, Schwiegersohn des berühmten Lemberger Oberrabbiners S ch m e l k e s, ist zum hiestgen Rabbiner bestellt und vor den Feiertagen in sein Amt eingeführt worden. Unserer Gemeinde ist zu dieser Wahl zu gratuliren. Der neue Rabbiner zeichnet sich nicht nur durch große talmudische Gelehrsamkeit und theologisches Wiffen aus, sondernauch durch humane Gesinnung, Herzensgüte und Toleranz. Jüdische und arische Hrrbflrsahnungen. Dichter Nebel hüllt des Morgens die Landschaft ein, daß man ihre Formen nicht unterscheiden kann, als ob die Welt wieder in ein Chaos verwandelt wäre. Endlich kämpft sich die Sonne durch, aber sie hat nicht das freudige Aussehen, „wie der Held, der die Bahn durchschreitet". Die ganze Natur athmet Schwermuth trotz des sonnigen Tages. Ein kühler West spielt mit den herabgefallenen fahlen Blatten» der Bäume und einsam senkt die Aster ihr Sternenhaupt im Garten. Bald neigt die Sonne kampfesmüde als blntrothe Scheibe wieder ihrem Untergange zu und sendet ihre schiefen Strahlen wie die letzten Grüße einer Scheidenden von weiter Ferne. Wieder verschleiern grane Nebel den Blick und schaurig breitet die Finstcrniß ihr Bahrtuch über die Sterbende. Der Jude hat die wehmüthige Stimmung dieser Zeit zu seinem Cultus gemacht. Die Atmosphäre der Gasse war zu delselben wie die Todesahnung in einem Sterbehause, Alles Ernst, Weichheit und Rührung, und dieses Enipsinden steigert sich bis zur Rüste des Versöhnungstages und erreichte ihren Höhepunkt am Abend des Kol-Nidre, bei dessen weicher Melodie sich das beschwerte Herz in Thrünen oustöste. Der Jude des Ghetto war ausgeschlossen von der Natur. Wie ein Bettler, gedemuthigt, stand er vor ihr; sie war ihm nur Stiefmutter; durch die zweite Hand ließ sie ihn kümmerlich so viel Nahrung zukommen, um nur leben zu können. Er muß durch List das Tauschmittel erringen, wofür er sich von ihren eingeborenen Kindern das Nothwendigste oder die Brosamen ansklaubte, die von ihrem reichen Tische abfielen, um den die Erbgesesseneu schwelgten. Keinen Fußbreit Bodens besaß er. Er konnte nicht säen und nicht ernten, weder pflanzen, noch Lese halten; ihm lächelte nicht die Flur, ihm flüsterte nicht der Wald zu. Scheu und ängstlich schlich er auf den Landstraßen und Fußpfaden und als Echo seiner Seufzer hörte er von allen Seiten nur das Wort: „Fremdling" widerlallen. Sogar Licht und Lust waren ihm nicht gegönnt und zur Zeit, wenn Alles Lebenssülle und Lebenslust athmete, war er gerade am gebrochensten und niedergeschlagensten. Seinen Frühling füllte die „Sephira" aus; seinen Sommer vertrauerte er in den „drei Wochen". Hätte man da nicht meinen sollen, das Sterben^ der Natur berühre ihn nicht oder er empfinde sogar Schadenfreude, wenn er sah, wie auch i b r Glanz vergeht und sie wie er verödet und gemieden wird? Und doch hatte Keiner das Sterben der Natur so tief empfunden, wie der Jude des Ghetto. Es war, besonders am Lol-diiäre- Abend, wenn Alles in den Sterbekleideru in die Synagoge wallte, als ob der Tod auch durch die Gasse schritte, welcher doch dis- Natur in ihrem Leben so ferne stand. Aber diese jüdische Trauer bei der sterbenden Natur war eine hehre und heiligende, ste bildete gerade die Spitze des jüdischen Spiritualismus. Der allgemeine Tod gemahnte den Juden, daß die Welt der Dinge kein Sein an sich ist, sondern einen heiligen Herrn hat, die Dinge also nrchl das Hervorbringende sind, sondern die Kraft, die ihnen von ihrem heftigen Herrn gegeben worden ist, und wenn diese Krasl von ihnen weicht, sie zu sein aushören und vergehen und Himmel und Erde ebenso vergehen würden, wenn sie nicht von dieser Kraft getragen werden. Diese Kraft muß denmach über Leben und Tod aller Dinge gebieten und den Einzelnen zum Leben gedenken können auch im allgemeinen Sterben. Darum wiederholte der Jude in diesem Jammer der sterbenden Natur so oft die Bitte um das Leben. In der Trauer angesichts der mit dem Tode ringenden Welt erfaßte der Jude sein Ich, hielt Einkehr in sich und folgte der inner» Nöthigung, seine Bestimmung für ein überweltliches, unvergängliches, ewiges Sein anzuerkennen; er forschte daher nach, wie er gegen diese Bestimmung gehandelt und wie er sich wieder erheben könne durch Heiligung seines Wandels. Schmerz und Trost lagen in seiner Trauer. Das ist jüdische Naturauffassung und aus dieser datirt die jüdische Aera von der Schöpfung und fällt das jüdische Neujahr zur Zeit des Wechsels der Erscheinungen, um aus dem Zeitlichen das Ewige, aus dem Vergänglichen das Unvergängliche und aus dem Niedrigen das Heilige zu erkennen. Die Ghettoriegel wurden weggeschoben, der Jude trat hinaus , in's allgemeine Leben, assimilirte sich mit den arischen Völkern und lernte deren Anschauungen von Welt und Natur, und diese heilige Zeit ringt ihm nur den Ausruf ab: Es herbstelt! Es herbstelt! Auch in diesem Ausrufe liegt der ganze Jammer des Erdcnlebens, aber ohne Trost und Erhebung. Dem Arier ist ursprünglich der Mensch nichts weiter als ein Naturwesen und er fühlt sich von der Natur nicht gesondert, sondern als ein iutegrirender Theil von ihr. Jedes Naturwesen ist ihm aber eine Parallele von Gott und der Begriff eines Schöpfers, folglich auch der Begriff des Moralischen und Heiligen fremd. Er kennt keinen Richter über seine Handlungen, keine Richtschnur für sein Handeln. Das im Judenthum wurzelnde Christenthum konnte diese pantheistische arische Naturanschauung nicht ganz ausrotten. Ist sie doch in der Sprache zurückgeblieben. Schon das Wort nntnru enthält den Begriff von Selbstschaffen, Erhalten, Zerstören u. s. w.; noch deutlicher liegt aber diese Vergötier„ng der Natur in der Phrase: „Die Wohlthaten, die wir von Gott u n d der Natur" oder gar „von der Natur empfangen haben", als ob die Natur etwas geben könnte, was nicht Gott ihr erst gegeben, als ob die Natur selbstständig oder mindestens eine Parallele von Gott wäre. Vom Pantheismus zum Materialismus ist aber nur ein lleiuer Schritt. Der zersplitterte Gott kann leicht ganz vernichtet werden, und so ist der moderne Arier, der das Christenthum als jüdisch verwirft, materialistisch und der Jude, der sich ihm anpaßt, m-t ihm. Es herbstelt! Wer zu dieser Zeit gerade Entbehrungen leidet, verzweifelt sofort und wirft das Leben weg. Zu keiner Zeit des Jahres gibt es so viel- Selbstmorde wie im Herbst. Es ist ja so lncht, die allgemeine Katastrophe mitzumachen, Alles stirbt, den Tod ist verlockend. Es herbstelt! Wem es zu dieser Zeit wohl geht, denkt an Theater, Cvncerte, Bälle und Gesellschaften, gleichsam um die düsteren Gedanken wegzuspotten, zu trotzen dem Tode, anstatt zu beten zu Dem, der über Tod und Leben gebietet. Cs herbstelt! Essen und trinken wir, komme es, woher es kommen mag. Genießen wir das Leben, so lange wir können und durch welche Mittel wir cs können, im Tode ist ja ohnedies Alles aus." So denkt der moderne Arier und der mit ihm assimilirte Jude angesichts der sterbenden Natur, während der alte Jude fastete und sich kasteiete. Jetzt stoßen uns die arischen Völker wieder von sich: „Ihr gekört nicht zu uns! Ja, sie haben Recht. Wie der Himmel von der Erde sind unsere Gedanken über Gott und Welt von den ihrigen verschieden. Kehren wir also wieder zu unserer Naturanschauung zurück und erfassen wir im allgemeinen Sterben unser Ich als ein Vcrnunftwesen, das nur verwandt mit der Natur, aber ihren Gesetzen nicht ganz unterworfen ist. Alte Kleider? (Fortsetzung.) Alle Achtung vor Frau Gobeles, eine sehr tüchtige Frau, hat sie sich doch nach und nach unberufen neun Kinder angeschafft!" — „Nu ne Sie!" rief Sarah geringschätzend dazwischen. „Ich habe zwei Kinder, sie sollen wer gesund sein bis 100 Jahr, und bin zufrieden. „Omein"*) flüsterte Seifensteiner vor sich hin. „Ein Sohn habe ich von 24 Jahr und eine Tochter mein Röschen von 19 Jahr, — soll ich Ihnen sagen, was für Kinder?" — sehr nett, brave Kinder", bemerkte Seifensteiner, dabei verlieh er seinen Worten dadurch, daß er mit dem Messer bei jedem Wort schwungvoll leise auf den Tisch schlug, besonderen Nachdruck. — „Sarah's Nettester, ihr Benjamin, oder wie er sich hochdeitsch nennt, „Benno" ist natürlich im gleichen Atter, *) Amen.

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