Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 40 (2.10.1895)
- Date
- 1895-10-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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■ Nr. 40 Dr Bloch's Wochenschrift Seite 731 Interesse gewidmet. Sein Aussatz ist die umfassendste und . gründlichste Untersuchung der von den antisemitischen Agrariern ausgestellten Behauptung, die bisher veröffentlicht worden ist. Wenn gegen das lärmende Treiben der agrarischen Agitation in der Öeffentlichkeit noch eine ruhige, sachliche Erörterung anfkommen kann, so wird seine Arbeit dem allgemeinen Interesse diesen wichtigen Dienst leisten. ■ * -I- > * In der agrarischen und antisemitischen! Presse sind in letzter Zeit erregte Beschwerden über Getreidespeculationen laut geworden, die aus einen starken Druckder Preise hinausgehen sollten. Der Regierung wurde dabei der Borwurf gemacht, daß sie dieses Vorgehen der jüdischen Firma Cohn und Rosenberg durch Gewährung langer und hoher Zollcredite — es wurde die Summe von , 37* Millionen Mark genannt — gefördert habe. Es ist > daher sehr zweckmäßig, daß die halbamtliche „Berlinei! Correspondenz" am 29. August die Angelegenheit, soweit irgend! eine Maßregel der Behörden dabei in Frage kommt, durch! folgende Mittheilung aufklärt:! „Nach einer von der „Deutschen Tageszeitung" gebrachten und f von der „Post" bestätigten Angabe soll der Firma Cohn u. Rosenj bcrg hier der Zoll für das von ihr in großen Mengen hierher \ gebrachte Getreide creditirt und sie dadurch in ihren Baissespeculationen I wesentlich unterstützt worden sein. Diese Angabe ist unzutreffend, ta die genannte Firma bei dem Berliner Hauptsteueramt einen Zollcredit überhaupt nicht genießt, sondern das hier zur Eingangsabfertigung gelangende Getreide bar verzollt, insbesondere auch im laufenden Quartal einen erheblichen Betrag an Getreidezoll bar entrichtet hat. Die Jichaber der Firma sind allerdings zugleich an der Actieuaesellschaft Humbvldtmühle in Tegel betheil'gt, die bei der Ausfuhr ihrer Mühlenfabrikate für die entsprechenden Getreidemengcu Zollfteiheit genießt und der zu diesem Behuf ein Zollkonto für Getreide nach Maßgabe der Bestimmungen des Zolltarifgcsetzes bewilligt ist. Die für diew Mühle zu den letzten Quartalen contirten Getreidemengen dürfen aier bestimmungsmäßig nur mit Genehmigung des Hauptamtes in unverarbeitetem Zustande veräußert werden und diese Genehmigung ist nur ausnahmsweise und aus besonderer Veranlassung zu ertheilen. Für etwaige Baissespeeularionen in Getreide sind daher diese Mengen nicht verwendbar. Trotz der von der „Berliner Correspondenz" gebrachten Klarstellung des Sachverhalts fuhren einzelne (agrarisch-antisemitiscke) Zeitungen fort, die der Firma Cohn u. R o s en b e r g in Berlin für vom Auslände bezogenes Getreide angeblich gewährten Zollbegünstigungen zum Gegenstand mehr oder minder unzutreffender Erörterungen zu machen. Das halbamtliche Blatt stellt deshalb am 9. September nochmals fest, „daß die Behauptung, die genannte Firma sei in ihren Speculationen, über welche selbst übrigens an dieser Stelle ein Urtheil auszusprechen keine Veranlassung vorliegt, durch Zollbegünstigungen amtlich unterstützt worden, jeder t hatsä ch l i ch e n Unterlage entbehrt." Einer der tüchtigsten französischen Ofsiciere Namens Wolfs hatte um die Beförderung zum Divisions-General nachgesuchr. j Um der Bitte (deren Gewährung bei den persönlichen Verdiensten des > Bittstellers zweifellos schien) noch mehr Nachdruck zu verleihen, ließ! sich der Jude Wolfs taufen. Nach wenigen Tagen wurde er zum! König Louis Philipp gerufen. „Sie haben sich taufen lassen, mein! Herr?", begann der Monarch. „So ist es, erwiderte Wolfs, und in! der Angst, daß seine jüdische Abstammung der Beförderung hinderlich! sein könnte, fügte er hinzu: „Ich weiß, daß Ew. Majestät, wie sie cs schon oft betont, die religiöse Abstammung eines Soldaten bei dessen ' Beförderung nicht in Erwägung ziehen." „So" — donnerte nun der > König — „das wußten Sie, mein Herr, daß ich diesen Grundsatz , hatte, uird doch schenkten Sie Ihrem Könige so wenig Vertrauen, doch glaubten Sie seinen Worten so wenig, daß Sie, um befördert zu werden, meinten, sich taufen lassen zu müssen! Mein Herr, selbst wenn! ich Ihnen diesen Mangel an Vertrauen zu Ihrem Könige verzeihen! wollte, so kann ich schon aus rein tactischen Gründen Ihnen die er- \ betene Beförderung nicht bewilligen. Die wichtigste Eigenschaft des \ Soldaten ist seine unbestechliche Treue; je höher der Rang eines j Soldaten, um so unerschütterlicher muß diese Treue beschaffen sein.! Nie kann ich Ihnen, mein Herr, diesen veranllvortungsreichen Posten,! den Sie erbeten haben, nun anveetrauen, Ihnen, der Sie gezeigt i haben, daß Sie im Stande sind, kleinlicher Bortheile willen das Höchste und Heiligste, was der Mensch besitzt, zu verrathen? Wer die , Fahne s e i n e r R e l i g i o n verrathen kann, wird auch nicht zögern, wen n's was e i n t r ä g t, die Fahne seines Königs zu v err ath en." Sv sprach Louis Philipp und ließ den verdutzten Officier stehen. Correspondenzen. Wien. Am 29. September hat der bisherige Abgeordnete für Kolomea, Dr. Joses S. Bloch, dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses die Zurücklegung seines Mandates angezekgt. Wien. Als antisemitische Agitatoren werden uns genannt: Photograph Johann Hahn, Mariahilferstraße 105, Anton B u x b a u m IX. Türkenstraße 23. Beide haben größtentheils jüdische Kundschaften. Wien. (Das Wohlthätigkeitsbureau des Baron Hirsch.) In den letzten Tagen tauchte wiederholt die Nachricht auf. daß Baron Hirsch seine in Wien und Galizien für arme Gewerbetreibende ohne Unterschied der Eonfession errichteten Wohllhätigkeitsinstitute aufgelöst habe. Die Nachricht ist in dieser Form unrichtig. Weder das in Wien, noch die in Galizien bestehenden Wohlthätigkeitsinstitute wurden aufgelöst, sondern blos reorganisirt. Das Wiener Bureau wurde von Baron Hirsch monatlich mit 10.600 ff. dotirt. Das galizische Institut erhielt 12.000 fl. monatlich. Die Leitung des Wiener Institutes war einem Damencomite anvertraut. Baron Hirsch hat nunmehr die Leitung des Institutes aus sachlichen Erwägungen einem aus drei Herren bestehenden Eomils übertragen. Die Reorganisirung besteht hauptsächlich darin, daß nunmehr blos unverzinsliche rückzahlbare Darlehen gewährt werden. Gegen einen Darlehensnehmer, der zoblnngsnnsähig geworden, werden auch in Zukunft keine gerichtlichen" Schritte ergriffen werden. Doch soll Jeder, der seiner Zahlungspflicht nicht nachgekommen ist, die Berechtigung verlieren, ein zweites Mal die Hilfe dcs Institutes in Anspruch zu nehmen. Die neue Leitung nimmt ihre Thätigkeit bereits Dienstag den 1. October auf. Das neue Bureau befindet sich in der Weihburggasse. Wien. Derselbe Eorrespondent des „Pesti Naplo", der vor einigen Tagen die Unterredung mit Dr. Lueger hatte, besuchte mehrere führende Persönlichkeiten der liberalen Partei, darunter auch Herrn Gemeinderath Dr. Alfred Stern und publicirt nunmehr sehr ausführliche Mittheilungen über die Aeußerungen desselben, die im Nachfolgenden in knappen Auszügen gekennzeichnet sind: Dr. Alfred Stern ließ sich nach einer allgemeinen Auseinandersetzung also vernehmen: Bis um die Mitte der Achtziger- Jahre wurde das Wort „Jude" im Gemeinderathe niemals in gehässigem Sinne gebraucht. Endlich nahm die Regierung den Antisemitismus unter ihre Protection, um durch denselben die liberale Partei zu sprengen. Lueger, der damals den Grafen Taaffe heftig angriff, bezeichnete denselben kürzlich als den bedeutendsten Staatsmann, den Oesterreich seit vielen Jahren hatte. Ich spreche nicht von einzelnen Personen, aber so viel kann ich sagen, daß wiederholt Versuche gemacht wurden, die Juden den Liberalen abwendig zu machen und für die Regierung des Grafen Taaffe zu gewinnen, wogegen ihnen als Eompensation in Aussicht gestellt wurde, daß die Regierung in diesem Falle energische Maßregeln gegen den Antisemitismus ergreifen werde. Ich könnte Ihnen hierüber sehr interessante und pikante Geschichten erzählen. Genug an dem, wir halten treu zu den Liberalen, welche die Staatsgrundgesetze geschaffen haben. Die liberale Partei hat während der letzten Jahre unsere Anhänglichkeit nicht in demselben Maße honorirt. Es kostete nicht geringe Mühe, sie hie und da zu einer Kundgebung zu vermögen, die, da sie nur selten erfolgte, wirkungslos blieb. In tbeoretischen Princkpien-Fragen aber hat die Partei allezeit ihre Pflicht gethan. Dr. Stern schilderte sodann recht drastisch die Lage des Judenthums in Wien und sagte unter Anderm: Da sprechen die Leute von dem Zusammenhalten der Juden, von jüdischen Finanzkönigen. Die vornehmsten Banken und Verkehrsinstitute haben durch die grundsätzliche Ausschließung der Juden erreicht, daß heute ihr Personal antisemitisch ist, obgleich fürstlich reiche Hände, von denen häufig die Rede ist, dies hätten verhindern können. In der Oesterreichisch-Ungarischcn Bank, deren Gouverneur ein liberaler Ungar ist, wird kein Jude ausgenommen. Einem einzigen ist es durch große Protection gelungen . . . Der antisemitische Gemeinderath wird uns viel Uebles zufüqen. Gegen Rechtsverletzungen werden wir die Hilfe des Gesetzes anrufen. Die liberale Minderheit wird uns in der Zurückweisung der Beschimpfungen und Verletzungen hehilslich