Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 40 (2.10.1895)
- Date
- 1895-10-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 750 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. ^0 Aus dem judenreinen Sachsen. Wenn man den sächsischen Antisemiten glaubt, so müßte ihr Land das glücklichste in Deutschland sein. Ist es doch fast „judenrein" Leider entsprechen dieThatsachen nicht dem Bilde.das der sächsischlocal-patriotische Antisemitismus entwirft. Selbst die judenfeindliche „Botksrundschau" gibt es zu, indem sie am 22. August schreibt: »Die Verhältnisse haben sich trotz aller scheinbaren Beweise für die Besserung der Lage der unteren Volksschichten zu Gunsten des Großcapitals verschoben. 1877 betrug die Summe der Einkünste in Sachsen 1,032.360.705 Mk., wovon auf die Personen mit einem Einkommen bis zu 2200 Mk. (diese machten damals 94-23 v £>. aller Emgcsch ätzten aus) 63 60 v. H. entfielen. Heute machen die Personen mit einem Einkommen bis zu 2200 Mk. 93-33 v. H. der Gesammtbevölkerung aus, haben jedoch von dem Gesammteinkommen der sächsischen Bevölkerung von 1,666 520 451 Mk. nur 51-82 v H. zu beanspruchen. Man ersieht hieraus, daß in den lebten 18 Jahren die niederen Einkommenclassen sich blos um 0'90 v. H. vermindert haben, während die Einwohnerzahl Sachsens etwa um 33*v. H. gestiegen ist. — 93-33 v. H. der sächsischen Bevölkerung befindet'sich mithin nicht nur in einer dürftigen Lage, während nur 6'67 v. H. Wohlstand und Ueberflus; besitzen, sondern das Einkommen der unteren Volksschichten hat sich trotz ihrer bedeutenden Vermehrung gegrn 1877 doch um 12-78 v. H. verschlechtert. Wo bleibt da der ökonomische Aufschwung der niederen Vvlksclassen? Bon einem erhöhten Wohlstand der unteren Volksschichten und des Mittelstandes zu sprechen, verbietet auch die Concnrsstatistik, da dieselbe umfangreicher wird. Ferner sind die Schulzinsen, welche auf Grundstücken ruhen, seit 1877 von 84,212.840 Mk. auf 139.953.530 Mk. angewachsen. Nimmt man an. daß der Zinsfuß im Durchschnitt 4'/.-, v. H. beträgt, so würde sich die Capitalbelastung sämmtlicher Grundstücke auf 3y4 Milliarden Mark belaufen. Die nothwendige Folgerung, daß die „Judenreinheit" eines Landes dieses nicht glücklicher macht, werden die sächsischantisemitischen Patrioten natürlich nicht ziehen. Nationaler Hochmuth in Japan. Ganz wie in unserm lieben Euvopa breitet der nationale Hochmuth in dem siegreichen Japan seine Schwingen aus. Noch vor dem Ausbruch des Krieges mit China hat ein Herr Kanzo Uchimuro eine Schrift veröffentlicht, die nicht nur lesenswerth ist wegen der Gedanken- und Stilblüthen, in denen Jungjapan aufgeht, sondern die auch bemerkenswerthe Selbstkritiken enthält. Da heißt es: „Die Tiefe des Hebräers und die Schweigsamkeit des Teutonen mag uns nicht zukommen, aber die Eiudrucksfähigkeit des Hellenen und die Lebhaftigkeit des Italieners sind sicherlich auch unsere Eigenschaften. Wie diese beiden Völker sind wir geschaffen, um in die Lichtseite des Daseins zu blicken, und wir glauben, daß irgendwo nach jener Richtung unser? vom Himmel verfügte Sendung in dieser Welt geht." In dieser „Lichtseite des Daseins" erblickt der Verfasser Japan unter Anderm auch als den weltbeherrschcnden Industriestaat der Zukunft: „Menschliche Finger sind immer noch die besten Maschinen, die die Menschheit besitzt, und wir wissen nicht, welche wunderbare Umwälzung sich in industri llen Kreisen vollziehen wird, wenn erst die 400 Millionen geschickter japanischer Finger ganz beschäftigt sein werden. Schon verdrängen unsere Weber die Engländer aus dem Osten und die Zeit wird kommen, wo England im eigenen Lande die Früchte unserer Arbeit sehen wird. Die Schweiz wird dereinst ihr angestammtes Monopol der Uhrenfabrikation an uns abzugeben haben und Flandern wird nicht lange mehr unbestritten seine Vortrefslichkeit in der Verfertigung von Spitzen und Möbelstoffen behaupten. Die Zeit wird kommen, wo wir mit unseren Fingerspitzen die ganze Welt schlagen." Nicht minder strebsam und bescheiden ist Herr Kanzo Uchimuro in politischer Hinsicht; er sagt: „Wir werden, wenn es sein muß, das demüthige Asien führen, um das stolze Europa zur Umkehr zu zwingen, — aber wir wollen de» Frieden .... Ihr Jnstinct sagte der hohen Pforte, daß wir ihre natürlichen Verbündeten sind, wenn die Gier Europas sich über das mohammedanische Kaiserreich stürzt. Japan ist der Apfel des orientalischen^ Auges und ganz Asien ist stolz darauf, es zur Schwester zu haben. „Strahle über den Osten und strahle zurück über den Westen, o, du Land der aufgebenden Sonne, und erfülle so deine vom Himmel verfügte Bestimmung." Das sind nicht etwa Aeußerungen eines überspannten jungen Chauvinisten, kein Japaner wird sie für übertrieben oder gar unbescheiden halten, hat doch selbst Fukuzara, der Herausgeber der einflußreichen Zeitung „Jiji Schimbo" — er ist zugleich Leiter einer sehr besuchten Privat- Universität —, ein Mann, dessen maßgebendes Ansehen unbestritten ist in Japan, einmal in einem Artikel seiner Zeitung gesagt: „Einen heißen Wunsch haben wir, daß auch ■ wir in die Lage kommen, unsere Bedrücker zu bedrücke« und so in spätern Zeiten das Monopol der Unterdrückung über! die ganze Welt ausüben mögen." (Köln. Ztg. 31. Aug.) j Die Börse und die Juden. Die agrarisck-antisemitij schen Blätter werden nicht müde, die Börse und! namentlich die jüdischen Finanziers für den niedrigen Stand der Getreidepreise verantwortlich zu machen. Gegenüber den Klagen der Agrarier über eine künstliche Beeinflussung der Getreidepreise durch die Börsenspeculation weist die „Freih. Corr." auf eine Abhandlung des Professors Conrad in dem Februarheft der „Jahrb. für Nationalökonomie und Statistik" hin. Professor Conrad untersucht darin, ob die Behauptung begründet ist, daß die Getreidepreise von der Speculation gerade in den Zeiten herabgedrückt werden, wo der Landwirth genöthigt ist, seinen Erdrusch zu veräußern, d. i. in den Monaten bald nach der Ernte, insbesondere September, Oktober. November, während sie eine Steigerung der Preise herbeizuführen wisse in den letzten Monaten des Erntejahres, wo der Landwirth über keinen Borrath mehr verfüge. Der Verfasser findet, daß im Durchschnitt der 28 Jahre von 1865 bis 1893 derjenige Landwirth das beste Geschäft gemacht hat, der regelmäßig im August den größten Theil seines Getreides absetzte, lieber die Berliner Börsenpreise für Weizen urtheilt Professor Conrad: „Auch hier ist es das erste Viertel des Kalenderjahres, das mit 2 und l'/2 v. H. unter dem Durchschnitt bleibt, während das letzte Vierteljahr des Erntejabres 1 bis 1 */z v. H. über dem Durchschnitt aufweist. Auch der August hat den höchsten Preis wie der Juni. Die vier Mvnate September bis Deceinber eutsprecheu völlig dem Durchschnitte oder stehen sogar noch etwas über demselben. Wenn hier ein Einfluß der Börse überhaupt zum Ausdruck gekommen ist, so hat er a u s g l e i ch e n d gewirkt, also günstig, nicht s ch ä d l i ch." Professor Conrad vergleicht ferner die einzelnen Perioden der 28 Jahre uud stellt fest, daß man keinen Anhalt dafür gewinne, zu sagen, daß in der neueren Zeit die Preisvertheilung sich für die Landwirthe ungünstiger g e st a l t e t hat als früher, und eine Vergleichung der Preisgestaltung in den einzelnen Provinzen, wie in Berlin führe zu keinem anderen Ergebniß." Die Untersuchung wendet sich alsdann den Roggenpreisen zu und hier erklärt der Verfasser: „Für den Roggen wird mau sagen müssen, daß die Börse uuhediugt nicht nachtheilig auf die Preisbildung eingeivirkt hat. Dies führt zu der Bermuthune, daß sich die Berliner Börse bei dem Weizen mehr unter dem Druck der überseeischen Coucurreuz befindet uud durch diese zu Schwankungen gebracht ist, die sie bei dem Roggen zu vermeiden vermochte. Es ergibt sich ferner schlagend, daß der Landwirth die beste Ausnützung der Preise erzielt, der bald nach der Ernte den Roggen ansdrischt und verkauft." Auch die Statistik über die Getreide-Einfuhr, die Gerste- und Haferpreise werden zur Untersuchung herangezogeu. Hier lauten die Schlußsätze: Die zusammengestellten Mvnatspreise ergeben im Ganzen unzweifelhaft keinen Anhaltzur Unterstützung der Meinung, daß die Börse die Preise künstlich beeinflußt. Die großen Schwankungen der Weizenpreise sind wohl ebenso wenig wie die Steigerung am Ende des Erutejahres der Speculation allein zur Last zu legen, jedenfalls nicht der Berliner Börse, die vielmehr vom Auslande beeinflußt wird. Ein Beleg dafür ist in den noch bedeutenderen Schwankungen bei den Getreidearten zu suchen, die in weit geringerem Maße Gegenstand der Speculation sind als der Weizen. Doch bedarf dieser Punkt noch einer weiteren Untersuchung. Bei dem Roggen war in der neueren Zeit, und zwar ganz besonders bei den Ultimopreisen, eine außergewöhnliche Gleichmäßigkeit der Monatspreise nachzuweisen. Hierauf ist besonderes Gewicht zu legen, weil das Bestreben des Esiectivhandels naturgemäß darauf gerichtet ist, in der Zeit die Preise zu drücken, wo der Landwirth verkaufen muß, um sie zu steigern, wenn der Kaufmann hauptsächlich die Waare in den Händen hat. Da gerade bei dem Roggen die Berliner Börse, die für den Roggenhandel den Zentralpunkt bildet, nicht im Stande gewesen ist, eine Termin- Verschiebung herbeizusühren, so bleibt nur die Annahme, daß entweder die Börse den Preis nicht für Wochen oder Monate willkürlich zu beeinflussen vermag, oder daß der Terminhandel, der andere Interessen verfolgt als der Effectivhandel, diesem entgegenwirkt und dadurch eine Ausgleichung zu Gunsten der Producenten herbeigesührt hat." Niemand wird Professor Conrad einer einseitigen Voreingenommenheit für die Börse beschuldigen können, bemerkt dazu die „Freih. Corr.", in seinen wissenschaftlichen Arbeiten hat er vielmehr alle Zeit der Landwirthschaft ein besonderes