Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-10-02 · 40 (2.10.1895) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
40 (2.10.1895)
Date
1895-10-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021102--04937-3029149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 726 Dr. Bloch's Wvchenfrlzrifk. Nr. 40 nicht auf den Wink pariren. . . Sehen Sie, hier habe ich zehn» tausend Zustimmungstelegramme aus Ungarn bekommen." „Wollen Sie mir nicht in eines wenigstens die Einsicht gestatten. Herr Doctor?" „Was fällt Ihnen ein? Disccetion Ehrensache." Eiligst versteckte er den Bündel Papiere in seine rückwärtige Rocktasche. „Werden Sie bestätigt werden, Herr Doctor?" fragte ich. „Ich kann Ihnen darauf heute schon eine bestimmte Antwort ertheilen." Ich horchte auf. „Sicher ist so viel, daß ich der Sanction.um Bürgermeister von Wien zu werden, bedarf. Ich bitte Sie, das als fest- - ste-hend zu betrachten." „Darf ich in diese Ihre hochwichtige Mittheilung die unbedingt Verläßlichen unserer Parteigenossen im Vertrauen und unter dem Siegel der Verschwiegenheit einweihen? „Thun Sie, was Sie nicht lassen können." Er machte eine Geberde der Ungeduld und stand auf. Ich empfahl mich und ging. Auf der Treppe begegnete ich einem hoch- und langnasigen Herrn mit einem Zahnstocher im Mund. Er tänzelte die Stufen hinan und wiegte sich dabei kokett in den Hüften: Die schwarze Durchlaucht! Ich grüßte und blieb stehen, um ihn vorbei zu lassen. Er nahm den Zahnstocher aus dem Mund und reichte mir ihn: „Behalten Sie ihn zum Andenken." Und schon war er an mir vorüber, der ich, nachdenklich dys fürstliche Geschenk betrachtend, stehen blieb. „Er ißt die Kapaunen und mir verehrt er den Zahnstocher!" O. edler Erbführer! Ich schließe Dir, mein Pumpo, das interessante Hölzchen in diesem Briefe bei. Verleibe es Deiner Raritätensammlung ein, in der sich auch der Nagel befindet, den der Schönerer dem Bergani mit zarter sinniger Anspielung auf des Letzteren frühzeitiges Ende seinerzeit überschickt hat. Du! der lange angekündigten Gerichtsverhandlung gegen den edlen Herausnehmer des „Deutschen Bolksblatt" habe ich beizuwohnen nicht verabsäumt und mich ganz köstlich dabei unterhalten. Als die „zaubergewaltige Erscheinung" sich langsam in den Saal herein bewegte, ging ein lebhaftes „Ah" der Bewunderung durch die Reihen der Anwesenden. Alle Mienen erheiterten sich auf. — so mag den athenischen Richtern zu Muthe gewesen sein, als sich Phryne, welche zwar nicht das „Griechische Bolksblatt" herausgab, vor ihnen enthüllte — sie betrieb ein anderes Gewerbe — und ihnen zurief: „Jetzt richtet mich!" Dieser Bergani, der Verfasser der Reisebriefe aus Norwegen, sollte eigentlich blos verschleiert vor seinen Richtern erscheinen dürfen. Seine Zaubergewalt ist zu groß, sie muß gedämpft werden, den unparteiischesten Beisitzer könnte sie zu seinen Gunsten beeinflussen. Er trug Pumphosen, welche seine vollen, um nicht zu sagen üppigen Formen auf das Vortheilhafteste zur Geltung brachten. Im Antlitze — durchgeistigte, reizende Züge von edlem Liebreiz — trug er eine erborgte Zuversicht zur Schau. Er bat den Gerichtshof, ihm aeneigtes Gehör zu leihen, und schilderte in bewegten Worten, was er Alles auszustehen habe. Na, unter uns gesprochen, Pumpo meiner rassenreinen Seele, Schönerer vivisekirt ihn nicht übel. Wenn ein Pferd oder ein Hund so gequält und geschunden würde, schritte der Thierschutzverein gleich ein. Gegen das Taubenschießen hat der protestirt, aber er sieht zu, wie antisemitisches Federvieh bei lebendigem Leibe gemartert wird. Bergani. der erste Abschriftsteller unserer Tage, schmückt sich zwar grundsätzlich nur mit fremden Federn, aber die thun gerade am meisten weh, wenn sie einem ausgerissen werden. Der Ehrenbürger von Mühldorf stand dem Arnoscht, welchen der Schloßherr von Rosenau — Huß, huß! pack ihn! faß ihn! — auf ihn gehetzt hatte, mit ersichtlichem Unbehagen gegenüber. Die ganze Procedur hatte entschieden etwas Peinliches für ihn. Er hat eine unüberwindliche Abneigung gegen Gerichtssäle. Wie athmete er auf, als er glücklich draußen war. Der Wähler im ersten Wahlkörper verlangte — Zeugengebühr und Spielhonorar. In zu weit gehender Bescheidenheit reihte sich der Ehrenbürger von Mühldorf selbst unter die Dickhäuter ein! — Denk' Dir, der nichtswürdige Johannes erklärt mir seine Bereitwilligkeit, mir Cognac einschenken zu wollen. Jetzt, wo ich mich übersoffen habe und keinen sehen kann, jetzt will er mir welchen verabreichen, der elendeste aller Wichte; den haben gewiß die Juden bestochen, mich zu Tode zu ärgern; niedrig denkender Bursch, heb' dich von hinnen. Hast du eine Ahnung und kannst du auch nur annähernd empfinden und ermessen, was jetzt in meiner Seele und in meinem Magen vorgeht? Na also! Schweig und trolle Dich. So sprach ich zu dem feilen Knechte der Zahl. Deswegen bin ich aber doch mit Heils und U. d. G. Dein Teutvbold. Circular des Ausschusses des jüngst gegründeten Vereines der Lehrer der Baron Hirsch-Stiftung Der Ausschuß dieses Vereines versendet nachfolgendes Circular an sämmtliche Lehrer-Stiftungsschuleu: Collegen! Das Werk, das zu vollführen wir berufen sind, das Werk der Befreiung unserer Glaubensgenossen von geistiger Finsterniß, Gesinnungslauheit und abschreckendem Jndifferentismus, dieses Werk ist zugleich erhaben und heilig! Wir dürfen die Schwierigkeit desselben nicht verkennen, denn wir haben ein doppeltes Vorurtheil zu bekämpfen, auf der einen Seite das Mißtrauen derjenigen, für deren Wohl zu wirken unsere Pflicht ist, auf der anderen Seite die Gleichgiltigkeit derjenigen, die bereits die Erhabenheit unseres Werkes begreifen, uns aber ihre Mithilfe versagen. Ein schwerer Kampf, der aber, mit Ueberlegung, der erforderlichen Taktik, mit ununterbrochener Ausdauer und Unermüdlichkeit geführt, sicherlich siegreich ausgefochten werden wird. Wir werden das Mißtrauen zerstreuen und die Gleichgiltigkeit bannen. 1. Wenn wir in wahrer, aufrichtiger, ungeheuchelter, aus der Tiefe eines edlen Herzens fließender collegialer Eintracht leben werden, immer und überall dessen eingedenk, daß Eintracht baut, Zwietracht hingegen selbst das größte Werk zerstört. 2. Wenn wir ferner nicht auf einen Augenblick vergessen, daß man uns zu gemeinsamer Arbeit berufen und daß es unser aller Streben sein muß, uns in dieser Richtung gerne und bereitwillig gegenseitig zu unterstützen. 3. Das Avancement oder irgend ein Erfolg eines Collegen soll in uns nicht das häßliche Gefühl des Neides, sondern Freude, Befriedigung und Hoffnung, ja sogar die Zuversicht erwecken, daß auch bei uns, wenn die Vorbedingungen vorhanden sein werden, der Lohn nicht ausbleiben wird. 4. Bewahren wir den Vorgesetzten gegenüber die gebührende Loyalität, unbedingten Gehorsam und unterlassen wir jeden Widerstand, der in seinen Folgen nicht nur für den Widerspenstigen nachtheilig ist, sondern auch für die ganz unserer Obhut anvertraute Sache. Wen von uns erfüllt nicht mit Schrecken die Thatsache, daß das löbliche Curatorium infolge der Streitigkeiten, die es schlichten mußte, sei es zwischen Lehrern, sei es zwischen Lehrern und Leitern, Leitern und Comitös oder Correspondenten u. s. w., die für uns wichtigste Frage, nämlich das Pensionsstatut und die Angelegenheit der Witwen- und Waisen-Bersorgung um ein halbes Jahrspäteralsursprünglich beabsichtigt war, beschlossen hat. Zar Loyalität und unbedingtem Gehorsam fühlen wir uns umso eher verpflichtet, als das löbliche Curatorium zweimal in verhältnismäßig kurzer Zeit eine Reorganisation unserer persönlichen Verhältnisse in so freigiebger Weise dmchgeführt hat, wie wir sie selbst nicht einmal träumten. 5. Durch ein musterhaftes Verhalten in der Schule, im Hause und außerhalb des Hauses, durch Tact im Verkehre mit den Leuten, durch Bescheidenheit, Sanftmuth, Zuvorkommenheit und Einsicht werden wir die Achtung und Liebe der Bevölkerung gewinnen, in der wir leben. — Nur der mit diesen Eigenschaften ausgestattete Lehrer kann mit Erfolg in seinem Berufe wirken. 6. Wenn wir bei entsprechender Bescheidenheit sehr vorsichtig in der Wahl der Gesellschaft sein werden, in der wir außer dem Hause zu verkehren gedenken. Wenn ein College in dieser Richtung fehlt, sind wir solidarisch verpflichtet, alle uns zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.