Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 40 (2.10.1895)
- Date
- 1895-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 724 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 40 die Juden höchst ungün st igenZeitperiode aus« gearbeitet worden ist. Warum aber schlüpfte dieser verhängnißvolle Punkt oder vielmehr diese tödtliche Beleidigung und höchste Ungerechtigkeit in unveränderter Gestalt durch? Und da liegt vor uns das Statut — ein Grund der Freude und des Glücks für die einen (die Privilegirten) ein Grund des Jammers und des Elends für die anderen — die Aus gestoßenen. Ist es denn möglich, daß die ärztliche Corporation als Ganzes sich zu dieser schreienden Ungerechtigkeit indifferent verhalten sollte? „Ich glaube, daß auch Nichtchristen in reichem Maße, sowohl materiell als auch auf andere Weise zu Gunsten der me« dicinischen Facultät Opfer gebracht haben, und wäre es daher vollkommen angemessen, daß die meoicinische Facultät und medicinische Gesellschaft bei dem Ministerium der Volksaufklärung petitioniren, daß man das Statut des weiblichen medicinischen Institutes in dem Sinne abändere, daß auch Mitglieder nichtchristlicher Confession ausgenommen werden. Vielleicht ist unsere Epoche eine derartige, daß man aus sie das ml admirari anwenden könne. Doch wäre das im gegebenen Falle gar zu trostlos." Profeffor Menaffejin bringt dieses Schreiben mit folgender Randbemerkung: „Bei aller unserer Sympathie für die von dem geschätzten Autor vertheidigte Sache und den von ihm gemachten Vorschlag haben wir Grund zur Voraussetzung, an den Erfolg einer derartigen Petition, wenigstens in der nächsten Zukunft, zu zweifeln". Der geschätzte Autor, der, Dank seiner Verbindungen, die Sachlage richtiger überschauen kann, als viele Andere, gibt uns hiemit den wohlgemeinten Rath, keine Illusionen zu hegen, sondern die nüchternen Thatsachen anzuerkennen, wie schmerzlich auch dieselben für uns seien. An eine Besserung der Verhältnisse sei für den Augenblick nicht zu denken. Man müsse sich in Geduld fassen und von der Zukunft erhoffen; vielleicht, daß in deren dunklem Schooße sich ein freundlicheres Los birgt. Uebrigens macht sich eine gewisse Umkehr zum Besseren schon dadurch bemerkbar, daß etliche, sonst von Judenhaß triefende Organe unserer Oeffentlichkeit letzthin etwas mildere Saiten aufziehen und eine Tendenz bekunden, die man nicht umhin kann, als ein Symptom der Zeit zu betrachten, wenngleich eine effektive Besserung der Verhältnisse einstweilen noch in unabsehbarer weiter Ferne liegt. So z. B. hat das officielle Organ des Königreichs Polen, der „Warschawsky Dnewnik", das unter dem früheren Statthalter Generalfeldmarfchall Gurko (ein Antisemit reinsten Wassers) und dem früheren Redacteur, einem Ex-Uhlaneuobersten, auf dem Gebiete des Judenhasses keine Grenzen kannte, jetzt unter dem weit milderen Regime des Grafen Schuwalow (eines vorurtheilsfreien, aufgeklärten Mannes) und der Leitung eines ehemaligen Universitätsprofeffors ganz andere Saiten aufgezogen und ist aus den früheren dur-Tönen in eine moll-Weise übergegangen, die sehr angenehm, wie auch höchst seltsam berührt, besonders wenn man die Antecedentien dieses Blattes berücksichtigt. „Die Juden haben den ganzen Handel des Landes an sich gerissen, man muß die christlichen Kaufleute unterstützen, weil die Christen gewiffenhafter als die Juden sind." „Dieses Lied", bemerkt der „Warschawsky Dnewnik", „hören wir schon seit lange; es wird uns von den örtlichen antisemitischen Organen und den hiesigen Judophoben gesungen.*) Es ist sicherlich nicht gut, daß der Gesammthandel sich in jüdischen Händen eoncentrirt. Aber ach! es will uns schier bedünken, wenn sich der Handel in den Händen der hiesigen Christen concentrirte, so wäre es vielleicht für die Käufer noch schlimmer. An Beweisen dafür mangelt es nicht. An jedem Samstag, an jedem jüdischen Feiertage steigen die Marktpreise. Und wenn es noch auf solche Gegenstände wäre, welche die Juden ausschließlich verschleißen. Nein, sogar die Brodpreise steigen um Vr Kop. und noch mehr per Pfund. Je länger die jüdischen Feste währen, desto höher steigen die Preise aller Gegenstände. Was wäre dann, wenn die durch keine jüdische Concurrenz mehr eingeschränkten Christen nur allein Handel treiben würden? Jetzt bekunden die christlichen Händler ihren Haiappetit blos an jüdischen Feiertagen, dann aber ...." *) Wie lange ist es her, daß der „Warschawsky Dnewnik" selbst zu den vornehmsten, jetzt von ihm bemakelten antisemitischen Organen gehörte und sein Chef-Redacteur ein eifriger Führer der polnischen Judophoben war! Wer bürgt dafür, daß der Saulus für immer zum Paulus geworden ist, daß er sich mihi abermals haute und die Farbe wechselt! Ich bringe Ihnen diese Worte als charakteristisches Symptom, nicht wert ich dieser sich hiedurch kundthuenden Geinnungsänderung des officiellen Warschauer Organes irgend noch eine prrncipielle Bedeutung beimesse oder in diesen Worten eine freudige Morgenröthe sähe, sondern, einfach weil dieses Geständniß der Nothschrei einer schönen Seele ist. Dieselbe Erscheinung macht sich überall bemerklich; gleiche Ursachen erzeugen gleiche Wirkungen, und wahrlich, es stünde um die ökonomische Lage Rußlands weit besser, wenn man die Thore des Judengheltos sperrweit öffnen und den Exodus nach Rußland sich vollziehen ließ. Der allgemeine Wohlstand würde sicherlich dadurch gewinnen. Man wendet freilich ein, daß das russische Ghetto sich über 24 Gouvernements erstreckt, die einen Flächenraum einnehmen, in dem man Frankreich, Italien, Schweiz, Portugal und noch etliche deutsche Fürstenthümer bequem placiren könnte; daß folglich die russischen Juden trotz des herrschenden Absperrungssystems einen größereu Spielraum hätten, als ihre Glaubensgenossen in obengenannten Ländern. Dem ist jedoch nur scheinbar so. Denn man muß berücksichtigen, daß die in diesen 24 Gouvernements integrirten Juden nur die Städte bevölkern, daß ihnen der Aufenthalt auf dem flachen Lande verboten ist, wodurch die Bewegungsfreiheit erheblich gehindert ist und eine künstliche Massenanhäufung in den Städten, eine furchtbare Concurrenz und ein unsägliches Elend hervorgebrachtwird.DaistderSitzdesUebels. Wenn man den Juden Zugfreiheit im Ghetto gewähren würde, ihnen gestattete, den ganzen ihnen zur Ansiedelung angewiesenen Rayon zu bewohnen, so wäre dem Uebel abgeholfen. Aber da Pfercht man sie in den Städten zusammen, nimmt ihnen jegliches Gewerbe, beraubt sie der Subsistenzmittel, schafft gewaltsam ein Proletariat, verdammt Millionen zum langsamen Dahinsiechen. Und wenn die ausgestreute schlimme Saat böse Früchte getragen, wenn Armuth und Schmutz, materieller Niedergang und sittliche Verkommenheit wachsen, so thut man ganz erstaunt, erhebt ein Geschrei über jüdische Degeneration und sinnt aus neue Repressivmaßregeln, welche diese unleidlichen Zustände beseitigen sollen, sie selbstverständlich aber nur noch acuter machen. Der Religionsunterricht und die Apostasie. Wer hätte es noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten, daß der Antisemitismus dem Judenthume manch' schöne Blüthe erspricßen lassen werde! Eine jüdische Mutter negirt das Kaffeehaus und beschäftigt sich wieder mit der Erziehung und Fortbildung ihres Kindes, sie ergreift sogar die Feder und kämpft recht wacker für die jüdische Schuljugend; ein Mediciner findet es sogar nicht mehr „unzeitgemäß", für den jüdischen Religionsunterricht in die Schranken zu treten! Das sind unstreitig recht erfreuliche Zeichen eines regen Erwachens des wahren, jüdischen Geistes. Nun sei auch mir — einem alten Fachmann — gestaltet, in dieser vitalen Schulfrage seiner langjährigen Erfahrung Ausdruck zu geben. Allen jenen, die gleich dem Herrn Phil. Dr. F. K. (der Herr hätte weiser gehandelt, für seine Polemik mit voller Unterschrift einzutreten) der wackern „Mutter" mit solchem Eifer und Schärfe entgegentreten, möchte ich als erfahrener Schulmann zurufen: Nicht im erschreckenden Donnergetöse, nicht im blendenden Blitzeszucken wird der Lehrer leine schönen, segensreichen Erfolge finden, sondern nu'' in der Ausübung liebevoller Nachsicht und Geduld, in dem Bestreben möglichster Veredelung des Kinderherzens, in der individuellen Erkenntniß der Geistesgaben seiner ihm anvertrauten Schuljugend. Dies muß der oberste Grundsatz eines jeden Lehrers sein, umsomehr muß aber der Religionslehrer von der Wahrheit dieses göttlichen Ausspruches durchdrungen sein. Es genügt durchaus nicht, wenn der Religionslehrer über die häusliche Erziehung empört ist, es genügt auch nicht, wenn e: von der Schönheit der Psalmen durchdrungen ist, es genügt lange nicht, ein bedeutender Hebräer und vielleicht gar ein großer Philosoph oder Philolog zu sein; er muß vielmehr bestrebt sein, den Schaden, den der religiöse Sinn des Kindes durch eine verfehlte häusliche Erziehung erleidet, durch seinen belebenden Vortrag wett zu machen, er muß eben den Sinn des Kindes auf die Schönheit der jüdischen Literatur zu lenken wissen, er muß auch befähigt sein, den vorgeschriebenen Lehrstoff seinen Schülern interessant und augenehm zu machen. Daß es aber leider Religionslehrer gibt, die, im Sinne des Herrn Phil. Dr. F. K. wirkend, in ihrem Uebereifer, oder aus Mangel pädagogischen Tactes, oder auch ans anderen Gründen bona üäe viel, sehr viel verschulden, daß sie aus einem oder oem anderen Grunde manches Ki'nderheiz verbittern, dem Jndenthnm entfremden, ju die Zukunft manch hoffnungsvollen .Kindes in Frage stellen, ist zweifellos. Mir speciell steht in dieser Richtung ein leider nur zu reiches Material