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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 19)
Language
German
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BMärfas*’ jiiiö' rTir~—.•.nrr.marrTgr "Trum—*--y«**»c?-c,:■»ksr«»k»«i Nr. 39 Dr Bloch's Wochrnfchrifi. wehmiithigen Gedanken und mechanisch die Vorbereitungen für de» Gang ins Gotteshaus treffend, wohin sie mit dem Eintritt der Dämmerung wallen werden. * Fritz Berger ist Jurist und steht vor seinen letzten Rigorosen. In seinen Charakter sind zwei Elemente gemischt, die sich sonst gewöhnlich ausschließen : auf der einen Seite Lebenslust und flotter Sinn, auf der anderen Seite Liebe für die Wissenschaft und eine im Nothfalle eiserne Härte des Willens und jene stoische, auf jeden Genuß verzichten könnende Ruhe, wenn er sie zur Erreichung der Ziele seines Ehrgeizes nöthig hat. Obwohl vom Hause aus religiös erzogen, wurde ihm beim Eintritt in die Universität seine jüdische Religion als zu spiritualistisch verächtlich. Er fing an für deutsches Wesen zu schwärmen und wurde mit Leib und Seele ein deutscher Student, der sich nur wohlig fühlt, wo Humpen klingen, Terzen schwirren und rauhe Kehlen das Lob der Liebe und des Bieres singen, und dem die „Honorigkeit" das einzige Gebot ist, bei dessen Beobachtung man ohne Gewissensscrupel die Frau des Nächsten verführen und den Kameraden im Duell erschlagen darf. Wegen dieser Entfremdung vom jüdischen Boden entzogen ihm die vermögenden Eltern jede weitere Unterstützung. Der Verlust machte auf Fritz Berger nicht den geringsten Eindruck. Er liebte den Genuß und konnte ihn auch verachten. Er lächelte bei dem Gedanken: Ich kann mich auch mit wenig behelfen nnd das werde ich mir verschaffen. Als einer der besten Studenten erwarb er sich durch Stunden geben seinen Lebensunterhalt. Um mit mehr Sicherheit als Deutscher aufzutreten, erklärte er sich confessionslos, m d um leichter Carriere machen zu können, hatte er sich bereits den Plan zmechtgelegt, sväter zu einer der christlichen Kirchen überzutreten. Die Verbindung, welcher Fritz Berger angehörte, war bislang seuchenfrei vom Antisemitismus, aber die maßgebende Rolle, die dieser geborne Jude in derselben führte, erweckte die Mißgunst sein-r arischen Commilitonen und die Sticheleien waren nun bei jeder Zusammenkunft an der Tagesordnung. Anfangs wurden diese von Fritz Berger ignorirt, als gingen sie nicht ihn an, aber je unempfindlicher er sich zeigte, desto massiver wurden die judenseindlichen Auslassungen und direct auf ihn gemünzt und er mußte endlich doch darauf regardiren, wodurch es zum Schluffe des letzten Schuljahres schon mehrere Rencontr s gab. Wegen der bervorstehenden Wiedereröffnung der Universität sind viele Studenten bereits zurückgekehrt und gestern Abends hatte die Verbindung, der Fritz Berger angehört, schon ihre erste diesjährige Zusammenkunft und gleich in derselben wurde er in gröblichster Weise prvvocirt. „Ihr werdet mir Genugthuung geben," sagte er kalten Blutes. Aber wie einstudirt schrien die Provocauten einstimmig : „Wir schlagen uns mit keinem Juden Es wäre daraufhin gewiß eine gerade nicht commeutmüßige Paukerei entstände», wenn nicht die gemäßigteren Elemente den in seiner Ehre so tief Gekränkten in ihre Mitte genommen und mit ihm dar Local verlassen hätte». Fritz Berger verbrachte eine fürchterliche Nacht. Er ist eine jener starker Nature», die nicht so lüstern die Neige der Lust auskostl», als de» Wermuthsbecher, der ihnen gereicht wird, biS zum letzten Tropfen leeren. Auch heute hat sich sein empörtes Gemüth noch nicht beruhigt nnd in dieser Stimmung erhält er in einer späten Nachmittagsstunde den Brief seines Vaters. Das Zimmer, das er bewohnt, ist nur dürftig möblirt. Ucber dem Bette hängen gekreuzt zwei altdeutsche Schwerter, auf dem Tische liegen in genialer Unordnung Bücher und Scripture», dem Sofa am nächsten ein lateinischer Spinoza und ein „Engen Aram" im Originale. Di se beiden müssen gerade im Lesen sein. Der Bewohner des Zimmrrs steht am Fenster, bleich, mit zusammen gekniffenen Lippen und gefurchter S'irn. Die Strahlen d-r unt-rgehenden Sonne fallen auf den Brief, den er seit einer Stunde schon oft gelesen und jetzt wieder liest. Jedes Wort darin ist ein Stich in sein Herz, aber er fühlte Wohllust bei diesen Wunden. Der Kampf, welcher seit gestern Abends m seinem Innern tobte, beginnt zur Ruhe zu kommen und diesem folgte ein Entschluß. Das Greisenpaar war gerade fertig mit seiner Toilette und im Begriffe, den Weg zum Gotteshaus anzutreten, als Fritz zur Thür hereinstürzte und sich vor den Eltern niederwarf: „Verzeihung, Vater, Mutter! Ich bin wieder Euei! Ich will Jude sein, nur im Judenthum ist Heiligkeit, Liebe und Gerechtigkeit." Mit stummer Entzückung hoben die Eltern den reuigen Sohn ans und umarmten und küßten ihn wiederholt. Endlich legte der Vater, der die Resignation merken mochte, die diese Wandlung den Sohn gestvtet haben mußte, segnend die Hände auf bas Haupt des Kindes und schloß laut: . . . nnd gebe dir den Frieden." Sie wallten dann, den Sohn in der Mitte, zum Tempel, und mit der weichen Melodie des Kvl-Nidre zog Gott wieder ein in das Herz des Verirrten. Alte Kleider? (Fortsetzung.) Sarah, die ich scharf im Auge hielt, spitzte die Ohren, sie ließ sich zwar — ein Ereigniß, das roth im Kalender angestrichen zu werden verdient — noch ein zweites Glas Bier geben und sah sich die Bilder in „die fliegenden Blätter" an — lesen konnte Sarah nicht — aber, wenn sie auch nicht die eite 719 leise geführte Unterhaltung ganz verstehen konnte, so merkte sie an den Blicken, an den Gesten doch genau, um was es sich handelte. Jetzt war ihre Erwartung auf das Höchste gespannt, das Geheimniß sollte decouorirt werden! — Wie der Tiger, der aus den Dschungeln, seinem Versteck, Plötzlich sein Opfer überfällt, so stürzte Sarah mit einem Satze aus niich los! —: „Kennen Se mich?" — schrie sie mich an, daß ich vor Schreck beinah vom Stuhl fiel, — „kennen Se mich?" — Ohne meine Antwort abzuwarten, schrie sie weiter: „Wenn Se mich möchten kennen, dann würden Se wissen, daß icheine anständige, bekowete') Frau bin, die sich um die Narrischkeitrn-) von die Leit litt kümmert." Ruffer Seisensteiner und Jeiteles sahen die Sarah ganz perplex an l — Auf diesen Ueberfall waren sie nicht vorbereitet. — Ehe die drei sich vom Schrecken erholt hatten und nur ein Wort entgegnen konnten, hatte sich Sarah den nächststeheuden unbesetzten Stuhl genommen, ihn mit Heftigkeit dicht mir an die Seite hingestelll, sich dann ihr angetrunkenes Glas Bier herübergeholt und sich mit den Worten zu mir gesetzt: „Se erlauben" — „Se müssen nämlich wissen," fuhr sie gleich fort, „was Ihnen der Ruffer mit de Hosen da vorgeschmußt3) hat, ist erstens nit ä so gewesen! — Wie mer der lahme Hirsch die Hosen hatte angeboten, ist Ruffer ä so von der Seite gekommen und hat ihm ä so ä Stupp4) gegeben. daß mer der lahme Hirsch über de Fieß3) gefallen. Darauf ist der lahme Hirsch überhaupt erst auf Ruffern aufmerksam geworden. Er hat schon gewußt, was Ruffer mit dem Stupp gemeint hat! — Er hat sich gar nicht weiter mit mir eingelassen, sondern hat sich umgedreht und ist gleich zu Ruffer gegangen, und jenner°) hat se ihm abgekauft for ä ganz mtgeheiren Preis, for 1 Mark 75 Pfennig — ä Preis, wie er schon nischt feit Menschengedenken for ä so ä alte Buxen') gezahlt worden ist; nit Werth war se 1 Mark 50 Pfennig. — Abgesehen davon, daß Ruffer mer um das Geschäft gebracht hatte, spaß a Geschäft aber er verderbt mer die Preise und verwöhnt mer die Leite! — Jst's ä so gewesen, Seifensteiner? — Se waren doch auch dabei, und Sie Jeiteles, Sie haben doch dabei gesessen? — war's ä so?" — Sarah hatte die Frage so dringend gestellt, daß sich Seifensteiner, der es mit Keinem verderben wollte, doch zu einer Antwort gezwungen sah. Mit einem den vollendeten Zweifel ausdrückenden Achselzucken, begleitet mit dem dazu gehörigen — „Nu" — entledigte r-r sich, ohne sich nach einer Seite hin etwas vergegen zu haben, seiner Antwort. Jeiteles drückte sich verlegen um eine Antwort herum, er wandte sich nach links und hielt seine Hände, gleichsam wie abwehrend, nach rechts, das sollte so viel heißen, als: „Ich weiß viel!" — Die bekannte Thatsache, daß, wenn ein Jude am wenigsten weiß, er kurzweg antwortet: „Ich weiß viel." — Ehe Sarah diesem Zweifel begegnen konnte, kam ihr Ruffer zuvor. — ..Frau Sarah," in der Bezeichnung „Frau" lag ein gewiffer feierlicher Ton, „N ozu ieg,.n sie sich auf, für wen?" Wenn Ruffer hvchdrulsch sprcch, so mußte cine ganz besondere Veranlassung dazu vorlieoen: es bezerchnete das Würdevolle, das tief Ueberzeugende. — „Nehmen Sie wirklich an, was ich ganz kutschieren besneite. Sie haben Recht! Darauf könnte ich Ihnen erwidirn: .Geschäft ist Geschäfts aber ich will gar nicht weiter auf die ganze Sache eingehen, sondern Sie nur fragen: .Hoben Sie schon mal erlebt von Wolf Ruffer einen unanständigen Zug am Leibe? Ist Wolf Ruffer nicht immer dagewcsen, wenn Sie ihn gerufen hoben?" „Spaß Hab' ich Ihnen schon gerufen, einmal zur Zude!^ Ae Wichtigkeit," damit drehte sich Soiob Halbfort von Ruffer. „Nu, und geschäftlich gar nich? Denken Se nur nach, es wird Ihnen schon einfallen. Frau Sarah Gobeles!" — „Das hat doch damit nichts zu tdun," umging Sarah die ihr peinliche Frage, „Hab' ich denn überhaupt gesagt, daß Se ä unverständigen Zug am Leibe haben? Ich Hab' nur gesagt, daß es ä Gemeinheit von Ihnen is gewesen, mer de Hose von lahmen Hirsch vor der Nase wegzuchappen." ") — „Sie gestatten mir ') ehrbare. 2) Narrheiten. 3) vorerzählt. 4) Stoß. 5) Füße. *) jener. 7) Hose. ft) Taufe. °) wcgzniiehmcn.

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