Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 718 Dr Bloch's Wochenschrift Nr. 39 Wien. Der bekannte hebräische Schriftsteller N. S o- | kolow aus Warschau, Herausgeber der täglich erscheinenden > hebräischen Zeitschrift „Hazifira", befindet sich dermalen auf einer Studienreise nach Italien und weilte im Laufe dieser Tage in Wien. Tobitschan. (Orig.-Corr.) Der sehr tüchtige und geschätzte Thierarzi der Gutmann'schen Herrschaft Tobitschan Herr Josef Haas verschied im Alter von 27 Jahren. Sämmtliche Glocken läuteten bei der Ueberführung der Leiche nach Prerau, dem Wohnsitze seiner schwerbetroffenen Eltern und Angehörigen. Der Rabbiner Herr Dr. Jacob Tauber widmete dem allzu früh Verklärten einen ehrenden Nachruf und Worte des Trostes der unglücklichen Witwe. Klosterneuburg, 23. September 1895. Durch den Austritt des Jur.-Dr. Heinrich Bloch aus dem israelitischen Religionsverbande ist das von demselben innegehabte Mandat eines Vertreters für den israelitischen Religionsunterricht im Bezirksschulrathe erledigt worden. Der Landesschulrath hat nun den vielgeachteten Präses der israelitischen Cultnsgemeinde Tulln, Herrn Dominik W ei n b erg er, Weingroßhändler in Klosterneuburg, mit diesem Mandate bedacht und denselben zum Vertreter des israelitischen Religionsunterrichtes in den Bezirksschulrath des polit. Bezirkes Tulln ernannt. Bei den gut gekannten Intentionen dieses achtbaren und intelligenten Mannes steht es außer Zweifel, daß derselbe sein Amt vollkommen ausfüllen wird. FrauzeuSbad. Componist Herr D. K a h a n 6 aus Wien, ein langjähriger treuer Curgast Franzensbads, versammelte mehrmals seit seiner nahezu neunwöchentlichen Anwesenheit in seinem Absteigequartier „Stadt Frankfurt" ein äußerst kunstsinniges Publicum. Die gefeierte Künstlerin Fräulein Irene von Brennerberg, welche zwei reizende Composttionen von D. Kahan 6: „Romanze" und „Tarantella", zum Vortrage brachte, erzielte durch ihr edles, wunderbares Spiel, mit welchem sie bereits in verschiedenen Concerten in dieser Saison brillirte, den größten Beifall.. Herr Goldschmidt besorgte die Clavierbegleitung in vollendeter Weise. Nächster Tage wird der Componist seine neueste Sonate für Violine und Clavier im engeren Kreise vortragen. Bekanntlich ist Herr K a h a n 6 selbst ein Violinvirtuos. durch deffen fein nuancirtes Spiel diese Composition an Werth noch gewinnen wird. Leider verläßt Herr K a h a n 6 binnen Kurzem unseren Curort und begibt sich zur Nachcur nach Wiesbaden, um von dortnach Wien zurückzukehren. Klasno. Heute feierte die Firma H. P e r l b e r g e r's Sohn, k. k. land. priv. Spiritus-Raffinerie, Liqueur-, Rum- und Essig-Fabrik, Weingroßhandlung in Klasno bei Wieliczka, den 60jährigen Bestand des Hauses. Die zahlreichen Beamten und Angestellten der Firma überreichten bei dieser Gelegenheit zur Ehrung ihres Chefs des Herrn Joachim Simon Perlberger ein prachtvolles Album. Von Nah' und Fern', den zahlreichen Verwandten und Geschäftsfreunden liefen Glückwünsche ein. Wadowiee 22. September 1695. Mittwoch, am Vortage des Neujahrsfestes um 4 Uhr Früh, kam der hieher berufene Borbeter Herr Samu Fink er aus Krakau an, um zu den hohen Feiertagen vorzubeten. Als der Gottesdienst beginnen sollte, da wurde er von einen Herzschlag getroffen, und stürzte todt zu Boden. Herr F i n k e r stand im 68. Lebensjahre, hinterläßt eine Witwe und 5 unversorgte Kinder. Prag. Fräulein Emilie Grün, Tochter des Herrn Rabbiners Dr. Nathan G rün, hat sich mit Herrn Jacob Lewin aus Wien, Sohn des Herrn Bczirksrabbiners David Lewin in Jllawa (Ungarn), verlobt. Amsterdam, 8. September. Die Wahl des Herrn Dr. Leewenstein zum Oberrabbiner von Leeuwarden ist seitens der jüdischen Centralcommission bestätigt worden. Me Rückkehr. Es ist einer der letzten Tage des September. Schwermüthig blickt ein Stück aschgrauen Himmels durch die Fenster der Wohnungen der dichtbevölkerten Straßen der Weltstadt, als wollte er das menschliche Mitleid mit der sterbenden Natur erregen. Aber der Mensch ist im Allgemeinen undankbar. Er genießt die Natur in ihrer Schönheit und verläßt sie, wenn sie altert, zieht sich von ihr in die Stadt zurück und schafft sich wieder andere Genüsse. Es beginnt die „Saison", wenn d»e Natur in Agonie kommt. Nur in den „Hütten Sem's" wird das Gefühl für sie bewahrt, und wenn die Natur mit dem Tode ringt, steht der Jude schwer gebeugt vor diesem Bilde der Vergänglichkeit und sucht Trost in dem Gedanken, daß er das Ewige, das Heilige nicht in der Hülle, sondern im Gei st e, nicht außer sich, sondern nur i n sich finden kann. Angesichts der sterbenden Natur, feiert der Jude den heiligsten und heiligenden Tag, den Jom-K'ppur und heute ist l>er Rüstlag zu demselben. In einer der ersten Nachmiltagsstunden dieses Tages finden wir in einem gerade nicht fein, aber doch mit aller Bequemlichkeit eingerichteten Zimmer ein Greisenpaar, den Mann in der einen, die Frau in der anders» Fensternische sitzend, mit dickleibigen Gebetbüchern, vor sich, denen man es ansieht, daß es Erbstücke sind. Sie beten nicht, sondern ordnen nur die Gebetstücke, wie sie beim morgigen öffentlichen Gottesdienste der Reihe nach folgen werden, und machen sich durch Einbiegen *der Ecken Zeichen, damit sie während der Andacht nicht lang zu blättern brauchen. Dabei muß aber das Greisenpaar doch von schweren Gedanken gedrückt sein, denn von Zeit zu Zeit entringt sich ein schwerer Seufzer oer Brust des Einen oder der Anderen. Und wie denn nicht! Aus so manchem Blatte bemerken sie noch Spuren eingetrockneter Thränen, die von den früheren Besitzern dieser Gebetbücher herrühren und gewiß Thränen waren, welche Eltern für das Wohl ihrer Kinder weinten. Auch s i e haben ein Kind, ein einziges Kind, einen Sohn, der vielleicht gar nicht weiß, was morgen für ein Tag ist, so entkremdet hat er sich von seinem Stamme. Von einem solch' schmerzlichen Gedanken überwältigt, schlägt der Greis das Gebetbuch zu. „Rachel, ich werde an ihn schreiben und an den morgigen Tag erinnern, „sagt er, „um Mechile bitten" setzt er bitter hinzu, „wenn die Welt so aus ihren Fugen getreten, die Ordnung umgekehrt ist." „Ist er denn hier?" „Ja, die Herrschaft, bei der er über Ferien auf dem Lande war, ist bereits w'eder in der Stadt." „Aber wohnt er denn noch in seinem früheren Quartier?" „Das weiß ich nicht, doch ich schreibe die alte Adreffe, der Brief wird schon ankommen." Und der Greis setzte sich an den Schreibtisch und fertigte mit zitternder Hand den Brief an den Sohn aus. „Hör', was ich geschrieben habe, Rackel:" „Fritz! Wenn wir auch Tag für Tag das ganze Jahr hindurch die Scheidewand fühlen, die Dich von uns trennt, wenn wir auch fort und fort von dem Gedanken gequält werden, daß unser einziger Sohn, unser einziges Kind doch nicht unsere Fortsetzung ist, wie wir, ich und Deine Mutter, von unseren Eltern und unsere Eltern wieder von den ihrigen und so zurück bis in das Dunkel der Jahrtausende — gepeinigt von den marternden Gedanken, daß mit unserem Tode ein Zweig von unseren Vordern gänzlich abstirbt und abgebrochen wird, so fühlen wir es heute doch noch mehr, als an jedem anderen Tage, ist unsere Herzensqual heute grausamer als sonst, heute am Vorabende des Jom-Kippur, auf dem Wege zum Kol-Nidre. Sitten, Gcbräuche, selbst Dogmen können von Geschlecht zu Geschlecht wandelbar sein, ohne daß dadurch die Kette zerrissen werden muß, welche die Kinder mit den Eltern verbindet; allein sobald die Kinder nicht mehr die Gefühle der Ellern haben, sind sie ganz andere Menschen als diese geworden, gehören Beide nicht mehr einem und demselben Stamme an. Und leider sind unsere Gefühle verschieden. Mir und Deiner Mutter ist der morgige Tag ein furchtbarer, wir könnten ihn so wenig verschlafen oder wegscherzen, wie unsere Gicht, wenn das Weiter sich ändert; Dir aber ist er wie jeder andere Tag des Jahres, Du erwartest von ihm keine Entscheidung Deines Schicksals für das falzende Jahr, Du hältst vielleicht heule Abends e.n Saufgelage mit, schlägst Dich morgen und vergießest Blut. Du bist unser Fleisch und Blut, doch nicht mehr unser, denn Du bist von uns verschieden in dem, was den Menschen erst zum Menschen macht — unsere Gefühle sind nicht die Deinen. O, wüßtest Du, wie weh es uns thut, für Dich morgen beten zu wollen, weil Du doch unser Kind bist, und es nicht zu können, nicht den Muth dazu zu haben, nachdem Du an die Macht dieses Tages nicht glaubst! O, wärest Du nicht unser Kind, könnten wir uns all-r Gedanken an Dich entschlagen! Denn, wenn wir Deiner gedenken, müssen wir's mit Kummer; wenn wir Dich i», unser Gebet einschließen, scheuchst Du von uns die Befriedigung, die das Gebet gewähren soll. Ach, wozu haben wir gelebt, wozu haben wir Dich erzogen? Mußten wir einen fremden Stamm mit Dir bereichern, mußten wir unseren Samen auf einen fremden, unserem Stamme sogar feindlichen Boden legen! Ich kenne Deine Philosophie, sie ist Trugschluß. Du sagst: Man wird in der Religion wie im Vaterlande geboren, und wenn es kein Verrath an dem Vaterlande ist, ausztlwandern, warum soll es Verrath heißen, aus seiner Religion auszutreten? Aber seinen Stamm verläßt auch der Auswanderer nicht, und wir Juden sind ja auch ein Stamm, den Du in schamlosester Weise verleugnest, während Du Dich an einen Stamm hängst, der gerade das Stammes.,efühl als einzigen Cultus kennt. O, Fritz, kehre zurück, werde wieder ganz unser! Du spottest gewiß unserer morgigen Bittgebete — spolle nur, wir werden uns doch zwingen, auch für Dich zu bitten: um Dein Glück? Nein! So lange ein günstiger Stern Deinem Leibe wohlthut, wirst Du nicht in Dick gehen. Möge Gott es fügen, daß Dir ein Uebel zustoße! Es thut uns weh, unserem Kinde Unglück zu wünschen, aber es kann zu Deinem Heile werden, daß wir Dich wieder umarmen könnten als Deine Dich liebenden Eltern-." „Bist Du nicht doch etwas zu hart gegen ihn?" sagte die Greisin weinend. „Zu hart? Wenn es i h n erschüttern soll, müßte mein empörtes Herz noch höher aufwogen; ich habe mir Gewalt angethan, ihn nicht zu verfluchen." Der Brief wurde weggeschickt. Das Greisenpaar brachte die noch übrigen Stunden des Tages fast schweigend zu, jedes versank in seinen