Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Seite 717 anläßlich der Feier der Thronbesteigung keinen Anstand, unseren Glaubensgenossen neue Gunstbezeuguugen zu erweisen. Als an diesem Tage der hochehrwürdige Rabbiner der Türkei sich in Jeldiz im kaiserlichen Schlosse eingesunden, um seinem Herrscher seine innigsten Glückwünsche zu Füßen zu legen, neigte sich das Haupt des Großherrn vor dem jüdischen Seelenhirten, damit er es segne. Und da sind wohl Worte des Segens aus den Tiefen des Herzens geflossen! Denn mag man an dem Juden noch so viel rügen und aussetzen, den Vorwurf der Undankbarkeit wird ihm schwerlich Jemand machen. Während der erste jüdischeGeistlichevor dem Angesichte des hochherzigen Sultans weilte, wurden zu gleicher Zeit von unseren Glaubensgenossen in allen Bethäusern die tiefgefühltesten Bittgebete für den „König mit dem milden Herzen" gesprochen. Zu einem solchen Fest wurde auch ich eingeladen. Ich konnte da den herzerhebenden Ausdruck einer ungeheuchelten Liebe wahrnehmen. In mehreren Sprachen zugleich wurde die Bedeutung des Tages dargelegt. Einige Sätze aus dem spanisch gehaltenen Vortrag des Rabbiners mögen an dieser Stelle wiedergegeben werden: „Uns Israeliten", sagte er, „die wir Bewohner der Türkei sind, liegt besonders die Pflicht ob, erkenntlich zu sein für all' die Wohlthaten, die uns die ottomanische Regierung erwiesen. Ihr allein verdanken wir unser Dasein, unseren Fortbestand; denn ohne ihren Beistand, was wäre nicht aus unserem Volke vielleicht geworden?! Als Europa noch in tiefster Unwissenheit versunken war, als wir aus Spanien vertrieben, dieses Land der größten Ignoranz und des religiösen Fanatismus verließen, wo unsere Väter und selbst unsere Kinder blieben, die die Priester den Brüsten der Mütter entrissen, als wir daun verhungernd und verdurstend umherzogen, an alle Thüren pochend, bittend um Einlaß zu Ruhe und Frieden, als uns alle Länder die Thore verschlossen, wer war es, der damals die Arme aufgemacht, um uns aufzunehmen, um uns zu beschützen? Eine solche barmherzige That. einen solchen Act der Liebe und der reinen Menschfreundlichkcit konnte nur die türkische Regierung begehen! Selbst zur Stunde, im neunzehnten Jahrhundert, wo in den ckeisten civilisirten Ländern von Europa die entsetzliche Plage des Antisemitismus sich allmählich verbreitet, die jüdische Nation auf's Niedrigste herabwürdigend und unsere Brüder mit unerhörten Verleumdungen und empörenden Beschimpfungen unablässig verfolgend, leben wir hier in Eintracht und Sicherheit unter den schützenden Fittichen Sr. Majestät des Sultans. Die abscheuliche Aussaat wird in der Türkei nicht emporkeimen. Auf dem Boden, wo jeder Bürger volle Gleichberechtigung genießt, im Lande der wahren Freiheit wird und kann diese Giftpflanze nicht zu Leben kommen!" Begeisterung sprach aus den Zügen der Zuhörer, die mit Andacht horchten. Dem Oberrabbiner der Türkei machte der Sultan, bei Gelegenheit der Verheiratung seiner Enkelin, ein Geschenk von 100 türkischen Pfund, um seine warme Anteilnahme an allen Geschehnissen innerhalb des Judenthums zu bezeugen. Man kann sich lebhaft den Eindruck dieser allerhöchsten Gabe denken. Eine ähnliche Schenkung ließ der wohlthätige Fürst kürzlich auch einem jüdischen Waisenhause in Amerika zukommen. Dem Herrn Baron von Rothschild gab der Sultan die Erlaubniß zur weiteren Colonisirung von 200 jüdischen Familien am Oberlaufe des Jordans, im Hauran. Zugleich sprach er die Anerkennung aller in Palästina befindlichen außerstaatlichen Schulen aus und ordnete an, daß in denselben künftighin die türkische Sprache unterrichtet werden soll. Soviel Gunst und Gnade in solch kurzer Spanne Zeit! Ja, wirklich der Name „der König mit dem milden Herzen" ist ein wohlverdienter. 0. 8. New Nork, 1. September. Einen Beiicht, den ein Besucher der Col o nie Wood bine kürzlich erstattete, entnehmen wir die folgenden interessanten Angaben über die jetzige Situation des erst seit vier Jahren existirenden Dorfes. Dasselbe umfaßt ein Areal von 5500 Acres, wovon aber nur 1600 (640 Hektar) bebaut werden. Zum ersten Mal versprechen dieselben in diesem Jahre eine befriedigende Ernte für die aufgewendete Mühe. In 75 Häusern lebt eine Bevölkerung von 700 Seelen, nur zum Theil noch die ersten Ansiedler, von denen ein beträchtlicher Theil sich schon in alle Winde zerstreut hat. .Neue Ankömmlinge haben indeß die Lücken ausgefüllt, und die Gesammtzahl ist eher gewachsen, als daß sie sich vermindert hätte. Der Berichterstatter besuchte einen jener ersten Ansiedler, der ausgehalten hat und jetzt ganz zufrieden lebt. Er hat 10 Acres (4 Hektar) Land, baut Kartoffeln, Weizen, Wassermelonen und etwas Wein, pflanzt jährlich eine Anzahl Fruchtbäume und besitzt ein Haus von 7 Zimmern sowie Kellereien für Wein und Früchte. Die Ackerbauschule, welche mit der Colonie verbunden ist, bietet den Bauern große Vortheile. Das Gleiche gilt von einigen Fabriken, welche im Orte sind und viele Colonisten beschäftigen. Die bisher aufgewendeten Kosten belaufen sich außer den eigenen Mitteln der Colonisten auf 25.000 Dollars. Doch erhalten dieselben das Land nur auf Abzahlung so daß ein Theil dieser Summen wieder einkommen soll. Capftadt, 16. August. Mit dem Schiffe Aroundel Castle sind von London 389 Paffagiere angekommen, wovon allein 53 russisch-jüdische Emigranten waren. Sie haben sich fast ausnahmslos nach Johannesburg begeben. Nur wenige blieben in Capstadt. Im ganzen Monat Juni sind 198 Glaubensgenoffen in unserem Hafen als Einwanderer gelandet, wovon mehr als 3/4 nach Johannesburg gegangen find. Eine so bedeutende Einwanderung, und speciell von Juden, wie in diesem Jahre, hat Süd-Afrika noch nicht gesehen. Obgleich aber in Johannesburg mehr Juden wohnen, als im ganzen übrigen Süd-Asrika, so geschieht doch von den reichgewordenen Eingcwanderten nichts, um ihren neuankommenden Brüdern hilfreich zur Seite zu stehen. Die Zeitung „The Light“ bespöttelt in einer kleinen Auseinandersetzung unter dem drolligen Titel „Hilchoth Afrika", die „englischen Juden", d. h. diejenigen russischen Juden, welche schon einige Jahre in Süd-Afrika ansässig sind und sich englischer dünken als die Engländer selbst. Wien. (Verlobung). Fräulein Ella Fanto, Tochter des Großindustriellen Herrn Friedrich Fanto (Firma David Fanto und Comp.), hat sich mit dem Fabriksbesitzer Herrn Dr. Emil Kafka (Firma Brüder Kafka und Grünberger) hier, verlobt. Wien-Mariahilf. Der verdienstvolle Schriftführer des Mariahilfer Tempelvereines, Herr Hermann Liebermann, feierte im Vormonate das Fest der silbernen Hochzeit. Neben den unzähligen Gratulationen, die ihm aus diesem Anlässe von allen Seiten entgegenkamen, wurde der Jubilar durch eine ganz besondere Ehrung seitens der Vorstandscollegen des genannten Vereines ausgezeichnet. Am 1. Tag Rosch-Haschonoh begab sich nämlich eine Deputation des Vorstandes, bestehend aus dem Präsidenten Architekten Fleischer, Vicepräses Commcrcialrath Eisenberger und k. u. k. Hoflieferanten I. T o f f l e r in die Wohnung des Jubilars und überbrachte ihm eine künstlerisch ausgestattete Adresse, welchen in schwungvollen Worten die Verdienste des Gefeierten ehemaligen Präses, derzeit. Schriftführers und Obmannes unserer Seetionen in gebührender Weise würdigt. Bei Ueberreichung der Adresse hielt der Vereinspräses eine in herzlichsten Worten gehaltene Ansprache, worauf der Jubilar mit sichtlicher Rührung dankte und die Versicherung gab, allezeit treu zum Vereine zu halten und für das Judenthum zu wirken. Wien. Der Unterricht an der von der hohen k. k. Statthalterei conceffionirten Cantoren-Bildungsanstalt, unter der Direktion des Obercaniors Bauer in Wun, II., Novaragaffe Nr. 27, beginnt am 15. Oktober. In dieser bewährten Anstalt werden junge, stimmbegabte Leute in allen Fächern des Cantorates vollständig ausgebildet. Wien. (Spenden für denSynagogen-Berein „Beth- Israel".) Von Herrn Bernhard Reicherund Frau erhielt derVerein eine goldgestickte Betpultdecke aus weißen Seidenmoiree antique. Von Herrn I. H. W a l t u ch zum Gedächtnih an dessen jüngst verschiedene Gattin eine reich in Gold gestickte Tischdecke aus weißem Seidenmoiree aoiiqne. Von Herrn Simon Morgenroth und Frau eine goldgestickte Seidenmappe. Von Frau Doctorin Fanny Seid erlin g zwei broncirte Metallopferstöcke. Von Herrn Adolf Losch ein Spenden-Einlagebuch in Prachteinband. Todesfall. Herr phil. Dr. August Mayer, Associe der Firma Mayer Möller, ist am 21. September gestorben. Das Leichenbegängniß fand Montag, 10 Uhr Vormittags, am Central-Friedhose statt. Leichenbegängniß. Unter imposanter Betheiligung der Kanfmannswelt wurde gestern der hiesige Kaufmann Arnold Fuchs zu Grabe getragen.