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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Veite 716 Nr. 39 Ir. Bloch's Wochenschrift. was sie thun, wenn sie dies unterlassen. Derjenige, welcher dies unterläßt, scheidet sich selbst aus von der Gemeinde seiner Glaubensgenossen, und unter solchen Umständen verliert er auch den Anspruch auf die Wohlthaten, welche die Religionsgemeinde ihm in Freud und Leid bietet. Von Feinden umgeben, mögen die Juden zusammenhalten und auch in der neuen Aera der alten Satzungen ihrer Religion eingedenk sein." Mit einem Gebet für König und Vaterland schloß Dr. K o h n seine wirkungsvolle Rede. Ueber denselben Gegenstand äußerte sich in seiner heutigen Predigt auch Rabbiner Dr. Kayserling. „Während da und dort noch zahlreiche Vorurtheile gegen das Judenthum genährt und geschürt werden" — sagte er — „verzeichnen wir bei uns mit Freude Fortschritte und Triumphe des Liberalismus, und mit Stolz sehen wir unser ungarisches Vaterland wieder als Bollwerk ter freiheitlichen Institutionen. Die bürgerliche Ehe, welche jetzt bei uns eingeführt wird, hat mit der Religiofität nichts gemein. Gleichwie im Menschen zwei verschiedene Elemente: Körper und Geist, vereint sind, so hat auch die Ehe zwei verschiedene Bestandtheile. Sie ist ein bürgerlicher Vertrag und dieser wird bei der Civilbehörde geschloffen werden muffen. Allein noch wichtiger ist ihre Bedeutung als Gottesbund und dieser muß nach den Satzungen der Religion die göttliche Weihe erhalten. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Civilehe die Eheschließung vor dem Diener Gottes nicht hat verdrängen können. Der neuen „bürgerlichen Ehe möge allemal die alte jüdische Eheschließung folgen, dann werden wir nicht blos jüdische Gotteshäuser und jüdische Friedhöfe, sondern auch jüdische Häuser und jüdische Familien haben." Brodh, 22. September. Die in der letzten Nummer der »Oesterreichischen Wochenschrift" meinem Nachrufe über Schorr gewordene Berichtigung wirkt geradezu komisch, indem Jemand, der dem Verstorbenen in jeder Beziehung fremd und fern stand, sich herausnimmt meine unmittelbar geschöpften Angaben zu widerlegen und, als ob der Betreffende zu der nächsten Verwandtschaft des Herrn Schorr gehören würde, dem Prediger für die gehaltene Grabrede zu danken. Ich würde selbstverständlich auf eine solche unberufene Berichtigung nicht weiter reagiren, wenn es nicht gelten würde, einen Verdacht abzuwälzen, als hätte ich eine auf literarischem Gebiete historische Persönlichkeit in falscher Beleuchtung dargestellt, wozu ich wahrlich keinen Grund hätte, da ich mit Herrn Schorr ein Leben lang in den freundlichsten Beziehungen stand. Ich habe in meinem Nachrufe der Begabung und Bedeutung des Verstorbenen volle Gerechtigkeit gezollt, ihn als Forscher und Kritiker in jene Position gestellt, die ihm gebührt, aber bedauert, daß ein Mann von so hervorragender geistiger Begabung in der Stadt, in der er lebte, seines sprichwörtlich gewordenen Geizes wegen, und fast unbeachtet starb und eine kurze Strecke Weges von nur wenigen Personen begleitet wurde, da sein Tod, wie sein Leben keine Theilnahme weckte. Oder ist es nicht Geiz, wenn ein Mann, der kaum den zehnten Theil seines Einkommens verzehrte, niemals einen Act der Wohlthätigkeit übte, nie einem Humanitären Vereine beitrat, in den denkbar kümmerlichsten Verhältnissen lebte, sich von minder begüterten Verwandten verpflegen ließ, die allerschäbigsten Kleider trug, die Zündhölzchen im Kaffeschrank verwahrte und jedes Mal bedauerte. Miethe zahlen zu müssen, statt wie Diogenes in einem Faffe zu wohnen? Ein Diogenes mit Hundertfünzigtausend Gulden Nachlaß! Ich muß wiederholen, daß Schorr ein großer Hebräist, ein tiefsinniger Forscher und stahlharter Kritiker war, aber als Mensch unter Menschen vollständig steril. Leo Herzberg-Fränkel. Berlin, 8. September. Ein allgemein geachteter Veteran der Presse, Hermann Holdheim, .ein Sohn des sel. Rabbiners Dr. S. Holdheim, das älteste Mitglied der Redaction der „Volkszeitung", feierte am 7. d. M. seinem siebzigsten Geburtstag. Seit 46 Jahren ist er in der Redaction verschiedener Berliner Blätter thätig gewesen. Die „Volkszeitung" rühmt mit Recht die Unerschrockenheit und Ueberzeugungstreue, mit der Hermann Holdheim seinen Beruf erfüllt hat. Ein Ruheposten war der seine nicht, namentlich nicht in den Zeiten der Reaction. Zum ersten Mal wurde Holdheim unter dem Ministerium Manteuffel, am 23. März 1849, „wegen Aufreizung zu Haß und Verachtung" zu acht Wochen Gefängniß verurtheilt; seitdem stand er wohl sünfzigmal in Untersuchung und wurde im Ganzen fünfundzwanzigmal verurtheilt. Die Thätigkeit eines Journalisten ist von außen her schwer zu beurtheilen, namentlich bei einem Manne von der Bescheidenheit Hermann Holdheim's. Unter seinen College» aber genießt derselbe die Beliebtheit, die Männer aller Parteien einem Journalisten widmen, der mit fester, treuer Pflichterfüllung Biederkeit und Einfachheit des Wesens verbindet. Berlin, 9. September. Der „Berliner Börsen-Courier" bringt die folgende interessante Mittheilung: „Bor einiger Zeit wurde — wir wissen nicht, von welcher Behörde — an vermögende preußische Männer ein Circular verschickt, in welchem dieselben aufgefordert wurden, Beiträge für ein Seemann s- Heim zu zeichnen. Das Circular erhielt auch ein namhafter Industrieller in der preußischen Lausitz, einer der geachtetsten und wohlhabendsten Einwohner der betreffenden Stadt. Dem Circular war ein Fragebogen beigifügt. Die erste Frage lautete, ob der Adressat sich betheiligen wolle. Die zweite Frage ging dahin, mit welcher Summe er sich betheiligen wolle. Die Antwort lautete: „Mit 10.000 Mark." Welche Zinsen er dafür fordere? Antwort: „Keine." Welchen Zeitpunkt eir für die Zahlung seines Beitrages bestimme? Antwort: „Denjenigen Tag, an welchem der erste Jude zum Officier der Armee ernannt werden wird!" . . . Wir geben die kleine Anekdote, für deren Wahrheit wir einstehen können, ohne jeden weiteren Commentar." Berlin. Hinsichtlich der Anstellung iü" bischer Lehrerinnen in den hiesigen Gemeindeschulen hatte bekanntlich das königliche Provinzial-Schulcollegium unter dem 16. Juni d. I. an die städtische Schuldeputation eine Verfügung erlassen, in welcher zwar die Berufung der jüdischen Gemeindeschullehrerin Neugan bestätigt, jedoch zugleich angeordnet worden ist. daß i n Zukunft jüdische Gemeindeschullehrerinnen hauptsächlich nur für den jüdischen Religionsunterricht in den hiesigen Gemeindeschulen angestellt werden sollen. Die städtische Schuldeputation, welche sich am vorigen Mittwoch unter Vorsitz des Bürgermeisters Kirschner mit dieser Angelegenheit beschäftigte, hat beschloffen, dem Magistrat zu empfehlen, gegen diese Verfügung beim Unterrich t s m i ni st er Einspruch zu erheben. London, 6. September. Ein Plan, der auf dem Continent schon in vielen Städten eingeführt ist, wird jetzt auch hier discutirt. Es handelt sich um die Errichtung einer jüdischen Lesehalle u nd Bibliothek, deren Benutzung gratis sein soll. — Aus Cypern erfahren wir, daß eine Anzahl russischer Juden, die nach Egypten gehen wollten, auf der Insel gelandet sind und dort Land erworben haben, das sie bebauen wollen. Man darf auf die Entwicklung dieses intereffanten Versuches gespannt sein. — Unter dem 3. d. M. benachrichtigte der Vorsitzende des Board of Trade, also der berufensten Instanz, den Secretär der „Gesellschaft gegen Einwanderung mittelloser Fremder", daß der Board nickt beabsichtige, die Einwanderungsfrage zum Gegenstand einer Berathung zu machen. Diese bedeutsame amtliche Kundgebung ist von größter principieller Wichtigkeit, weil sie die Stellung der Regierung klarlegt. Damit kann die Befürchtung, daß der Einwanderung unserer russischen Glaubensgenossen Schwierigkeiten bereitet werden könnten, als beseitigt gelten. Coustantinopel. Im kurzen Zeitraum von einem Monat haben sich hier einige Ereignisse zugetragen, über die ich berichte. DieVorkommnisse legen Zeugniß ab von dem Wohlwollen, deffen sich unsere ottomanischen Glaubensgenossen von Seite des Sultans fortgesetzt erfreuen, währen sie andererseits die volle Hingebung der Israeliten an ihren Herrscher und ihre innige Verknüpfung mit ihrem Vaterlande zeigen. Ende vorigen Monats wurde hier die neunzehnte Wiederkehr des Tages festlich begangen, an welchem Se. Majestät der Sultan den Thron seiner Vorfahren bestiegen. Die Feier war eine allgemeine; denn die ganze Bevölkerung nahm an ihr Theil. In derThat kann das Oberhaupt des osmanischen Reiches vollund ganzauf seine Untergebenen bauen, wenigstens ist solches Vertrauen gegenüber den semitischen Staatsbürgern durchaus berechtigt, weil begründet. Diese Wahrheit scheint der edle Fürst zu kennen. Zugleich weiß er ganz genau, daß, wenn es zum Aeußersten kommt und er wegen verletzter Ehre und angetasteter Rechte sein Volk zu den Waffen ruft, dann stehen Türke und Jude wie ein Mann da, mit Gut und Blut das j thenre Vaterland und das auf's Innigste verehrte Herrscherhaus ' zu schützen und zu vertheidigen. Deshalb nahm der Kaiser auch

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