Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021101--04923-3029134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

BPS..,»-! Nr. 39 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 713 war. Nach der Obduction wurde die Leiche in die Todtenkammer zurückgetragen. In imposanter Weise wurde der greise Hausirer zu Grabe geleitet. Das Begräbniß, dessen Kosten die Wiener Cultusgemeinde im Vereine mit der israelitischen Beerdigungsbrüderschast von Ottakring-Hernals bestritt, gestaltete sich zu einer Traucrkundgebung sür das unglückliche Opfer roher Brutalität. Vor 9 Uhr Vormittags hatten sich im Trauerhause, Hernals, Gschwandnergasse 8, vor welchem vier Sicherheilswachleute Pofio gefaßt hatten, der Rabbiner der Cultusgemeinde Ottakring, Doctoi Deutsch, der Cantor Schlesinger mit dem ganzen Chor, der Cultusvorsteher von Ottakring, R o s n e r, der Präses der Ottakringer Beerdigungsbrüderschaft, Trnka, sammt dem ganzen Ausschüsse, der Secretär der israelitischen Cultusgemeinde, Dr. Lieb e n, Dr. K o h n als Vertreter des Brauereibesitzers Moriz v. Kuf fn e r und nebstdem ein nach Hunderten zahlendes Publicum eingesunden. Ebenso war auch der ganze Beamtenkörper des Jnformationsbureaus „Creditschutz", woselbst einer der Söhne des Verstorbenen bedienstrt ist, wie auch die Beamten und Arbeiter des Fabrikshauses Ludwig und Sohn Nachfolger, in welchem Hause der zweite Sohn des Verstorbenen thätig ist, erschienen. Als der Leichenzug am Centralfriedhof, wo sich inzwischen auch der ehemalige Gemeinderath Simon als Präses der Wiener Cultusgemeinde eingefunden hatte, angekommen war, wurde der Sarg in die Vorhalle des Friedhofes gebracht. Nach einem vom Cantor Schlesinger und dem Chore vorgetragenen Choralgesange hielt Rabbiner Dr. Deutsch dem Tobten einen tiefempfundenen Nachruf. Er führte aus, daß die so imposante Betheiligung an dem Leichenbegängnisse des armen, alten Meisels ein erfreuliches Zeichen des Zusammengehörigkeitsgefühls unter den Juden sei und fuhr dann fort: „Der Verstorbene, den wir trauernd umstehen, er hieß Israel Meisels. Wenn Sie mich fragen, wer war Israel M e isel s, so muß ich Ihnen sagen: Ich weiß es nicht. Er gehörte zu jener großen, breiten Schichte der unbescholtenen, ehrlichen Leute, welche in ihrem Gottesglauben, in ihrer einfachen und bescheidenen Lebensweise ihr Leben und ihre Welt ausfüllen, ohne sich in irgend einer Weise der Außenwelt bemerkbar zu machen. Stille, wie sie gelebt, pflegen sie auch begraben zu werden. Aber diese starke Betheiligung gilt der Ausnahme, der Außergewöhnlichkeit dieses Todesfalles. Der arme, alte Mann hat am Vortage des Neujahrsfestes seine bescheidene Stube festlich geordnet, und in der Absicht, sich für das bevor st ehende Fe st ein Stückchen Fleisch zu kaufen, dessen er die ganze Woche entbehrte, geht er hinaus aus seiner Stube, und wie er so des Weges geht, kommt ihm ein Mensch in die Quere, der ihm mit brutaler, ungeschlachter Gewalt und Rohheit einen Stoß versetzt, der ihn zur Erde nieder st reckt, von der er sich nicht mehr erheben sollte. War das ein Feind von ihm? War das ein Racheact? Nein! Dieser Stoß galt nicht Einem aus der menschlichen Gesellschaft, dieser Stoß galt dem Juden Israel Meisels, er fiel als Opfer seines Glaubens, als Mitglied der jüdischen Gesellschaft. Dieser Stoß wird empfunden von uns Allen, wir Alle verspüren ihn, der Stoß ist uns versetzt worden. Wir sprechen in unseren Andachtsübungen zu Gott, daß er uns Beistand leiste um Dererwillen, die als Märtyrer seines heiligen Namens in den Tod getrieben wurden. Nun denn, dieser Mann gehört von nun ab auch zu diesen Edlen, die für ihren Glauben den Tod gefunden. Wir haben ihn im Leben wenig beachtet, weil seine Bescheidenheit uns hiezu keine Veranlassung gegeben, aber sein Tod hat uns ihn werth und t'heuer gemacht, und seinen Werth erkennen wir heute schon, indem er das Zusammengehörigkeitsgefühl in uns Allen wachgerufen hat, und so sei und bleibe sein Andenken gesegnet. Amen!" Nach dieser Rede, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte, wurde der Sarg in das Grab gesenkt. Am offenen Grabe richtete sodann Dr. Arnold Ascher als Ehrenmitglied des Wiener Hausirervereines an den Verstorbenen namens seiner ehemaligen Berufscollegen warme Worte des Abschiedes. Er schilderte die Leiden, Unbilden, Beschimpfungen und Rohheiten» welche die jüdischen Haufirer, diese Aermsten unter den Armen, täglich, ja stündlich zu erdulden haben. Sie haben auch die Kunde von dem so grausamen Tode ihres ehemaligen Berufsgenosien mit begründeter Angst und beklemmender Besorgniß vernommen. „Der I ud e/' sagte Dr. Ascher, „dem aus Uebermuth Waareü weggenommen wurden, welche ihm trotz seiner flehentlichen Bitten nicht zurückgegeben werden, der Hausirer, der ohne jede Veranlassung geschlagen und beleidigt wurde, Du. der Du durch Mißhandlung den Tod fände st, sie geben ein beklagenswerthes Bild dieses Berufes. Wir aber wollen an Deinem Sarge die Hoffnung und den Wunsch aussprechen, daß aus Deinem Blute, die Blume wahrer Menschlichkeit und Nächstenliebe er* sprieße, damit wieder Eintracht und Friede unter allen Menschen ein kehre." Hierauf fielen die ersten Schollen in's offene Grab und die Trauerfeier für das unschuldige Opfer menschlicher Verwilderung war damit zu Ende. Dr. Adolf Iofef Pick. Wer im letzten Jahrzehnt des Vormärz in Prag gelebt hat, der wird sich mit Vergnügen an die frische geistige Strömung erinnern, die damals bei der jüdischen Jugend sich kund gab, und die umso wohlthucnder wirkte, je weniger sie von Außen her irgendwelche Nahrung fand. Die Verhältnisse waren ja ini Allgemeinen sehr trübe, das politische Leben in einer für die heutige Zeit ganz unglaublichen Weise eingeengt, und speciell auf den Juden lastete noch ein besonderer Druck, der ihnen das Fortkvnnneu auf den wenigen Lebenswegen, die ihnen nicht voll vornherein versperrt waren, erschwerte. Aber die geistige Kraft und das Streben, das sich nicht nach Außen bethätigen konnte, wendete sich der inneren Ausbildung zli, und es herrschte unter den jungen Leuten ein Idealismus, wie ihn die heutige Zeit nicht nur nicht mehr hervorbringt, sondern kaum mehr begreift. Und diesen Idealismus haben sie sich auch später durchs ganze Leben bewahrt, unbeirrt von den Hemmungen, die er ihnen im praktischen Leben schuf, und unbeirrt von dem Gegensätze, in welchen er sie zu der realistischen Zeitströmung brachte. Einer der letzten aus dieser Schaar und einer der besten unter ihnen, Dr. Adolf Josef P i ck, ist vor einigen Tagen in Pohrlitz, wohin er sich nach abgeschlossener Lebensarbeit zurückgezogen hatte, im 72. Lebensjahre plötzlich verschieden. Zu Neustadt an der Mettau in Böhmen geboren, trat Pick nach absolvirten Vorstudien in die juridische Facultät ein, mehr den äußeren Verhältnissen als dem inneren Berufe Folge gebend, denn Neigung und Interesse trieben ihn zu den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, in denen er sich auch autodidaktisch mit dem größten Eifer auszubilden suchte. Oft konnte man ihn in später Nachtstunde auf dem Altstädter Ring sehen, wie er, mit einer Kerze in der Hand, sich nach einer Himmelskarte Namen und Lage der Sternbilder einprägte. Die Bewegung des Jahres 1848, in die er sich mit dem ganzen Feuereifer seiner Natur stürzte, führte ihn als Mitglied einer Studentendeputation nach Wien, wohin er bald darauf ganz übersiedelte. Die Hoffnung auf eine bleibende Besserung der confessionellen Verhältnisse veranlaßte ihn, sein Brodstudium aufzugeben und sich ganz den Fächern zuzuwenden, zu denen ihn Befähigung und Neigung hinzogen. Bald lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Lehrer und Collegen auf sich, die seine vorzüglichen Leistungen anerkannten. Aber inzwischen war der Rückschlag eingetreten. Einer nach dem anderen seiner Studiengenoffen erlangte Amt und Stellung, ihm blieben sie verschlossen, und auch an der Sternwarte, wo er als Assistent eingetreten war, zeigte sich bald, daß an ein weiteres Fortkommen nicht zu denken sei. Denn Pick hing mit seiner vollen Ueberzeugung an dem Glauben seiner Väter; ihm war das Judenthum nicht blos die Religion, in der er zufällig geboren und erzogen war, sondern es galt ihm als die beste und in ihren ethischen Satzungen einzig richtige unter allen Religionen, die er auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.