Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021101--04922-3029133
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 712 Dr. Bloch's Wochenschrifl. Nr. 39 bleiben sollte. Gibt es eine dunkle Partie in dieser sonst übersichtlichen Entwicklung, so wird sie durch staunenswerthe Willigkeit bezeichnet, mit der die Conservativen dem verzweifelten Catilinarier folgten. Darum hilft es ihnen auch nichts, wenn sie jetzt, wo es nichts mehr zu vertuschen gibt, einen Strich zwischen sich und ihm ziehen möchten. Es ist zu beweisen und es wird vor Gericht bewiesen werden, daß die Herren um die schweren Verfehlungen ihres Hammerstein lange gewußt und ihn doch an der Spitze der Partei gelassen haben. Die Liste der Verbrechen und Vergehen des Herrn von Hammerstein ist lang genug, um einer ganzen Zunft von Bankerotirern und Fälschern zur Ausstattung zu dienen. Er hat den Pensionsfonds der „Kreuzzeitung" im Betrage von 200.000 Mark unterschlagen, er hat den Stocker-Fonds von 13.000 Mark unterschlagen und den verstorbenen Rendanten Güthlein dieses Verbrechens bezichtigt; er hat das Vermögen der „Kreuzzeitung", 400.000 Mark, leichtfertig verwirthschaftet; er hat den Papierlieferanten des Blattes höhere als die empfangenen Preise berechnen lasten, um ihn durch die Differenz für Privatschulden bezahlt zu machen. Er hat Wechsel in der Höhe von 200.000 Mark gefälscht. Er ist — Antisemit. Berlin, 21. September. Aus zuverlässiger Quelle erfährt Man, daß der Kaiser sich sowohl über den Fall H ammer stein, wie über das Verhalten Stöcker's in den schärfsten Ausdrücken abfällig geäußert habe. Hnmmerstein — ein Opfer der Alliance Israglite. B erNn, 21. September. Bezeichnend für den blinden Parteifanatismus der Conservativen ist die Mittheilung des Correspondenten der „Hamburger Nachrichten", wonach ihm ein hochstehender, durch und durch gebildeter ehrenhafter Conservativer allen Ernstes versicherte, FloraGaß, die vielgenannte Dame in der Hammer st ei n-Affaire, sei Agentin der Alliance Isra<siite gewesen und habe in deren Austrag den edlen Freiherr» zugrunde gerichtet. Der „Oesterr. Volksfreund" des Dr. Psenner Nr. 38 vom 22. September nennt H. „Ein Opfer jüdischer Rachsucht" und schreibt über ihn: „Wie die Bremsen das ahnungslose Pferd, so überfielen diese Preßinsecten den unerschrockenen Mann. Mit ununterbrochenen Federstichen setzen sie ihm zu, jeder Tag bringt eine neue Form des Angriffes. Da es nicht möglich ist, in Berlin, dem Wohnorte des Verleumdeten, offenkundige Lügen zu verbreiten, so bringen zuerst die Genoffen in Wien oder Paris eine erfundene Geschichte, die dann in die Berliner Judenblätter ausgenommen wird. Von va fliegt die Ente durch die ganze Welt. Aus geringfügigen Thatsachen, die Herr von Hammerstein hoffentlich demnächst völlig aufklären wird, ist ein undurchdringliches Lügengewebe um den Mann gesponnen. Uebrigens steht schon für die nächste Zeit ein von Hammerstein gegen ein Frankfurter Judenblatr angestrengter Preßproceß wegen Ebrenbeleidigung in Aussicht, welcher das erste Licht in die Sache bringen wird." „Zur Erklärung des ungeheuren Judenhasses gegen Hammerstein diene, daß derselbe es hauptsächlich fertig gebracht Hut, in die preußische conservative Partei einen ausgesprochen antisemitischen Zug hineinzubringen. Während die österreichischen Conservativen mit den Judenliberalen die Coalition schlossen, haben die preußischen Conservativen wiederholte und sehr energische Vorstöße gegen die Judenherrschaft unternommen. Die Seele dieser Richtung war Freiherr v. Hammerstein, daher jener Haß und jene wüthende Verfolgung seitens der jüdischen Preffe und ihrer Verbündeten. Wenn man die stets wiederkehrenden, giftstrotzenden Notizen, in denen beinahe nichts Thatsächliches enthalten ist, genau verfolgt, so muß man nur staunen über die Geriebenheit der Schmocks, aus einem Gramm Wahrheit einige Centner Lügenbrei zu bereiten. Wenn es ein Ruhm ist für eine Coterie, in der Verdrehung und Verkehrung der Wahrheit jede andere bei weitem zu übertreffen, diesen Ruhm müssen wir den Preßjuden und ihrem Anhang ohne Weigern zugestehen." Hammerstem und Witte. Der vieledle Freiherr von Hammer st ein hat in den kirchlichen Streitigkeiten des letzten Jahrzehnts vielfach eine Rolle gespielt. Während er sich überall als ein glaubenseifriger Vorkämpfer für Religion und Christenthum geberdete, war er auch hier in seinen Mitteln und Wegen nichts weniger als scrupulös. Insbesondere hat er in der bekannten Angelegenheit des Pastors Witte Dinge fertig gebracht, die für ihn so bezeichnend waren, daß der Pastor Witte schon vor fünf Jahren in seiner bekannten Broschüre schrieb: ,,Leuß und Freiherr von Hammerstein, v o n Hammerstein und Leuß — jeder konnte vom Andern sagen: „ich halt' einen Kameraden, einen bessern find'st du nicht," beide ergänzten, verjüngten und begeisterten einander." Herr v. Hammerstein, „der in mancherlei Sätteln gerechte Chestedacteur und Politikus", stand u. A. auch dem bekannten Eonfistorialpräsidenten Hegel außerordentlich nahe. H ammerstein, beziehungsweise die „Kreuzzeitung", war früher und genauer über die gegen Witte beschlossene Disciplinaruntersuchung unterrichtet, als dieser selbst. Er hat sich die redlichste Mühe gegeben, im Interesse des ihm engbefreundeten Stöcker die Vernichtung des Pastors Witte herbeizuführen. Herr v. Hammer st ein war namentlich eifrig am Werke, als es sich darum handelte, einen Mann wie Witte für v e r r ü ck t erklären zu lassen, während dieser schon vor fünf Jahren einen derartig gesunden Sinn und klaren Blick zeigte, daß er den edlen Freiherrn schon damals v o l l - ständig erkannte und ihn in seiner Jämmerlichkeit gebührend kennzeichnete. Der Steckbrief gegen Herrn v. Hammerstein. B e r l i n, 24. September. „Gegen unten beschriebenen ehemaligen Zeitungsredacteur Freiherrn Wilhelm v. H a m m e r st e i n, welcher flüchtig ist, ist in den Acten U. R. l, 414/95, die Untersuchungshaft wegen mehrfacherschwerer Urkundenfälschung in Verbindung mit Betrug und Untreue verhängt. Es wird ersucht, denselben zu verhaften und in das Untersuchungsgefängniß zu Berlin, Alt-Moabit 12a, abzuliefern. Der Untersuchungsrichter beim königlichen Landgericht I. Beschreibung: Alter: 57 Jahre; geboren am 21. Februar 1838 zu Retzow in Mecklenburg-Schwerin; Größe: 1 Meter 70 Centimeter; Haare: sehr dünn; Statur: gedrungen; Stirne: hoch; Augenbrauen: blond, schwach; Nase: gewöhnlich; Zähne: vollständig; Gesicht: oval; Sprache: deutsch; Bart: Schnurrbart; Augen: blau; Kinn: rund; Gesichtsfarbe: gesund". Israel Meisels. In Hernals ist am 18. d. M. ein etwa 77jähriger Greis der gewesene Hausirer Israel M e i s e l s, dem brutalen Attentate eines „Pülchers" zum Opfer gefallen. Nachmittags gegen 3 Uhr fand man den alten Mann vor dem Hause, Teichgasse Nr. 3, bewußtlos auf, wo er, ohne mittheilen zu können, was ihm widerfahren sei, bald darnach verschied. Meisels war, wie Augenzeugen berichteten, von einem Burschen durch mehrere Gassen verfolgt und wegen des Ausfalls der-Gemeinderathswahlen gehänselt worden. Hiebei unternahm der Bursche auch thätliche Angriffe auf den Greis, zupfte ihn am Barte und insultirte ihn noch in anderer Weise. Ein Sicherheitswachmann verjagte den rohen Gesellen und forderte auch Meisels auf, seines Weges zu gehen. Einige Minuten später begegnete Meisels seinem Widersacher, der ihm vielleicht auflauerte, neuerdings. Es kam zu einem kurzen Wortwechsel, dann versetzte der Strolch dem alten Manne mit den Worten: „Da hast Du Saujud!" einen Stoß in die Magengegend, der den Attaquirten tödtete. Aus der Menschenmenge, die den todten Alten umgab, wurden Rufe laut: „Der Jud ist hin." Tags darauf wurde der Bursche von der Polizei ausgeforscht und verhaftet. Er ist der 34jährige Schneidergehilfe Josef Lutzak, zu Jnzersdorf geboren, Hernals, Rosensteingasse Nr. 43 wohnhaft. Er wurde dem Polizeicommissariate Hernals überstellt und dort bis 6 Uhr eindringlichst einvernommen. Er verwickelte sich aber bei seinen Angaben in Widersprüche, so daß er sich endlich, als man ihm diese im Verhöre vorhielt, gezwungen sah, ein Geständniß abzulegen. Die antisemitischen Aeußerungen stellte Lutzak entschieden in Abrede. Am 20. d. M. hat im Beisein einer Landesgerichts- Commission die gerichtliche Obduction der Leiche des unglücklichen Hausirers stattgefunden. Die durch den Universitäts-Assistenten am pathologisch, anatomischen Institute, Herrn Dr. Max Richter, vorgenommene Obduction der Leiche ergab vor Allem, daß der unglückliche Greis nicht erst nach etwa drei Viertelstunden, wie es geheißen hatte, sondern sofort nach dem wahrscheinlich mit größerer Kraftentfaltung in die Magengegend bewerkstelligten Stoße todt zusammengestürzt sei. Es erscheint sohin die Annahme gerechtfertigt, daß der alte Mann an Shock (Schreck) in Folge der erwähnten Mißhandlung gestorben war. Solche Shockfälle können auch bei jüngeren, gesunden Personen in Fällen unerwarteter Angriffe auf die Bauch- oder Magengegend den Tod herbeiführen. Umsomehr war dies in Ansehung des Meisels möglich, der, wie die Obduction ergab, an allgemeiner Tuberkulose (sogar das Herz zeigte tuberkulöse Knötchen) gelitten hatte und auch, seinem Alter entsprechend, in hohem Grade marastisch gewesen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.