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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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IS-'L.. Nr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 711 stellung ist einfach und klar, und die gewonnenen Ergebnisse sind der Hauptsache nach wohl begründet. Die Fäcultät steht daher nicht an, die Arbeit des Preises für würdig zu erklären." Ueber einen antisemitischen Parteiführer und Wucherer Namens Sedlatzeck in Breslau weiß die „Schief. Ztg." folgendes Nähere zu berichten: Bor wenigen Wochen ist der Graveur Fritz Sedlatzeck (eine Leuchte der antisemitischen Partei in Breslau. Red. der Volks-Zeitung), gegen den inzwischen eine Untersuchung wegen Wuchers eingeleitet ist, nach der Schweiz geflüchtet, nachdem er vorher sein am Ringe befindliches Geschäft seinem Bruder Paul Sedlatzeck übertragen hattte. Er pflegte seit Jahren geldbedürftige und leichtsinnige junge Leute, zumeist Schüler höherer Lehran st alten, in der schamlosesten Weise zu bewuchern. Die durchschnittlich sechzehn Jahre alten, natürlich ganz geschästsunknndigen jungen Leute wurden durch berauschende Getränke und durch die fortwährend wiederholte Anrede „Herr Doctor" in eine Stimmung versetzt, in der sie alles Mögliche zu unterschreiben bereit waren und dann ging man ans Geschäft. Sedlatzeck gab nicht etwa baares Geld zu hohen Zinsen, aber er verlauste „aus Gefälligkeit" allerlei Werthsachen auf Credit. Freilich war dabei die Differenz zwischen seiner Taxe und der der Pfandleiher, bei denen die jungen Leute hinterher mir den gekauften Gegenständen vorsprachen, immer recht bedeutend. Manchmal auch versuchte Sedlatzeck, seinen jungen Freunden für einen entsprechend anständigen Betrag Dinge aufzureden, die zwar keinen Metall-, dafür aber einen um so bedeutenderen culturhistorischen Werth hatten, wie eine alte japanrsche Generalsuniform, einen Knotenstock aus den Urwäldern Javas u. dergl. Die Zahlung erfolgte durch Wechsel oder Schuldscheine, und gleichzeitig ließ sich Sedlatzeck von den Kunden eine Erklärung des Inhalts unterschreiben, daß sie bereits volljährig seien. Den vorgeschriebenen Text dieser Erklärung pflegte er hierbei durch eine anscheinend zufällige Handbeweguug den Blicken der Unterzeichner zu entziehen. Manche der jungen Leute pflegten mit den auf diese Weise erlangten Kostbarkeiten erst eine Zeit lang Staat zu machen; die meisten aber trugen sie sofort zum Pfandleiher und verjubelten den Erlös. Die Reue kam ihnen erst später, wenn Sedlatzeck seine Ansprüche aus. den Schuldtiteln geltend machte; dann nämlich benutzte er die wahrheitswidrigen Majorennitätserklärungen als Preßmittel gegen die Eltern der Schuldner und erzwang auf diese Weise die Einlösung der Schuldtitel zum vollen Betrage, oder wenigstens eine Abfindung. Schließlich kam der Onkel einer der bewucherten Schüler hinter die Sache und brachte sie zur Anzeige. Es sollen nicht weniger als vierhundert junge Leute ermittelt worden sein, denen Sedlatzeck in der geschilderten Weise aus der Verlegenheit geholfen hat. Paul Sedlatzeck, der Bruder des Fritz Sedlatzeck, ist auf Grund eines von der Staatsanwaltschaft erlassenen Haftbefehls festgenommen worden, da er dringend verdächtig ist, seinem Bruder bei dessen Gaunereien hilfreiche Hand geleistet zu haben. Chinesisch. London, 21. September. Die „Times., melden aus Honkong: Der Literaturkanzler beschenkte bei den jährlichen Prüfungen in Canton Tausende von Studenten mit einer in Verse gebrachten Ausgabe einiger kaiserlichen Verordnungen, in denen gewisse heterodoxe Lehren, die nicht genau bezeichnet sind, mit denen aber offenbar das Christenthum gemeint ist. streng verurtheilt werden. In der Verordnung heißt es: Die stupide schwarzhaarige Race achtet nicht auf das eigene Leben und will gegen unsterbliche Männer und Weiber aukämpsen, sich zusammenthun und gleich dem Vieh sich betragen. Ich, der Kaiser, befehle den Behörden, dieses Gewürm auszurotten, die Schlangen zu tödten und sie Wölfen und Tigern vorzuwerfen. Der Grazer Lueger. Graz, 20. September. Der antisemitische Gemeinderath Feichtinger Provocirte heute Nachts im Kaffeehause in der Mur-Vorstadt einen großen S c a n d a l. indem er den Ausfall der Wiener Gemeinderathswahlen in einer für die anwesenden Gäste höchst verletzenden Weise besprach. Der Cafetier wies Feich ting er zur Ruhe und ersuchte ihn, das Local zu verlassen, worauf der erhöhte Zorn F e i ch t i n g e r's sich gegen den Cafetier wendete. Schließlich kam ein Wachmann, verhaftete den Gemeinderath Feichtinger und führte ihn auf die Polizeiwachstube, von wo er nach Aufnahme eines Protokolls entlaffen wurde. Der wirthschastliche Club des Grazer Gemeinderathes hielt heute eine Sitzung, worin dem Gemeinderath Feichtinger nahegelegt wurde, bis zur Austragung seiner mehrfachen Gerichtsangelegenheiten den Club zu meiden. Feichtinger erklärte darauf seinen Austritt. Herr von Hammerstein. Aus Berlin wird uns geschrieben: Hammerstein ist noch immer in Aller Munde: die Polizei fragt, ob der fromme Mann sich wohl in Corfu oder in Amerika aushalte, das Publicum fragt, wie sich die conservative Gesellschaft solange von einem abgefeimten Betrüger habe nasführen lassen können, und „die Psychologen", deren es ja bei uns eine Menge gibt, finden die „Psyche Hammerstein" interessant genug, um an ihr herumzudociren und zu combiniren. Nun, und die Physiognomie dieses politischen Hochstaplers ist ja auch so interessant, daß es der Mühe werth ist, sich noch einmal über das Leben und Wesen dieses Mannes zu orientiren. Schon als er die politische Bühne betrat, war er ein verkrachter Mann. Als mecklenburgischer Forstbeamter mußte er znsehen, wie sein väterliches Gut unter schlechter Verwaltung herunterkam. Als gewissermaßen latenter Bankerotteur, der sich von Tag zu Tag durchfristete, begann er seine öffentliche Thätigkeit. Eine unbändige Verschwendungssucht, ein in seinen Aenßerungen tact- und geschmackloser Hang nach üppigem Wohlleben wirkten zu seinem Ruin. Mit einem fanatischen Haß gegen die wirthschastlichen Zustände, denen er sein selbstverschuldetes Unglück zuschrieb, stürzte er sich, kaum daß er in das preußiswe Abgeordnetenhaus gewählt worden, in die Kümpfe der Tagespolitik. Es war das zu Ende der Siebziger-Jahre, als Fürst Bismarck seine große Wendung von der .vreihandelpolitik zum Schutzzoll vollzogen hatte. Eine zuweilen schmerzhafte Auflösung alter Parteibande und die Herstellung neuer tragfähiger Parteigruppirungen gaben damals dem politischen Leben Ziel und Inhalt. Die machtvolle Gestalt des Fürsten Bismarck aber bildete ken Mittelpunkt, um den in Liebe, Haß und Gährung die Parteiorgane brandeten. Ein Mann, wie Herr von Ham m erster n, war dem Reichskanzler gerade recht. Mit einer sozusagen brutalen Schmiegsamkeit verstand es der bisher unbekannte Abgeordnete die conservativen Parteigenossen zu faseiuiren, die Gegner zu brüskiren. Bon mittelmäßiger Begabung itnd dürftigen Kenntnissen, wußte er sich gleichwohl geschickt in Scene zu setzen. Es galt, das Centrum für die Bismarck'sche Wirtschaftspolitik zn gewinnen und die Beilegung des Culturkampfes unter dem Anscheine einer Zusammenfassung der christlichen Volkskräfte zu vollziehen. Namentlich für die letztere Ausgabe konnte es anscheinend keinen geeigneteren Vorkämpfer als den so inbrünstig frommen Herrn v. Hammerstein geben. Das war ja der iu's Weltliche übersetzte Stöcker, ein orthodoxer Stürmer, den man nur zu hetzen brauchte. Und er ließ sich hetzen. Zum Lohn dafür ward ihm die glänzend dotirte Stellung eines Ehefredacteurs der „Kreuzzeitung", nur daß die 40.000 Mark Jahreseinkünfte noch immer nicht hinreichten, um seine kostspieligen Bedürfnisse zu decken. Der Ton näselnder Demagogie, auf den er gestimmt erschien, lockte und schüchterte zugleich ein. Wenn er im Parlament sprach, kamen Plattitüden heraus, aber er brachte sie vor, als stecke hinter ihnen eine Persönlichkeit. Er operirte niemals anders als mit Gemeinplätzen, und es ist factisch unmöglich, aus den vielen Reden und den zahllosen Artikeln dieses Mannes auch nur einen Gedanken herauszufinden, der sich über das Gewöhnliche erhebt. Hierin glich er Herrn Stöcker. Herr von Hammerstein- Woßu (statt „Wozu") war jahrelang das schmückende Beiwo t für ihn, nachdem er sich nicht gescheut hatte, einnral im Abgeordnetenhause dem demokratischen Abgeordneten Starn (Frankfurt) im Mauscbeltone zu antworten. Der Antisemitismus hat vielen Subjecten vorübergehend eine Art öffentlicher Rolle ermöglicht, aber eine so concentrirte Rohheit wie diejenige Hammerstein's findet man unter den übrigen Hetzern nicht leicht. Er war ein abstoßendes Gemisch von Brutalität und gezierter Gelecktheit. Als alternder Mann kleidete er sich mit stutzerhafter Sorgfalt, und der durchgezogene Scheitel im schwarzen, osficiermäßig frisirten Haar gaben mit dem zärtlich gepflegten Schnurrbart dem Gesicht jenen unnachahmlichen Zug junkerhafter Süffisance, an dessen Wiedergabe auch die besten Zeichner der Witzblätier umsomst sich abmühten. Die Brücke zwischen seiner politischen Rolle und seinem privaten Lebenswandel war geschlagen durch die vollkommene Corruptheit seiner Verhältnisse und die daraus hervorgehende Nöthigung zu einer Art von drohender und finsterer Heucheln. In dem Augenblick, wo er nach der Moral, die er ausposaunte, hätte leben wollen, wäre er verloren gewesen. Darum mußte er das Doppeldasein eines Moralfexes und eines Betrügers fortsetzen, so lange cs eben gehen mochte. Aus der fortschreitend wachsenden Demagogie seiner Kampfesweise konnte der Criminalist ganz wrrthvolle Schlüsse auf seine wachsenden, persönlichen Verlegenheiten und den endlichen Niedergang in das Betcügerthnm ziehen. Solange er seine Verhältnisse noch überblicken konnte und die Schwierigkeiten noch überwinden zu können meinte, war er verhältnißmäßig zurückhaltend. So diente er der Politik des Fürsten Bismarck bis zum Jahre 1887 zu dessen Zufriedenheit, ausfallend und provocant, wenn es der Reichskanzler verlangte, fügsam, wo es ihm aufgetragen wurde. Die Cartellpolitik aber machte er nicht mit. und an dem Tage, wo Fürst Bismarck das nicht mehr tragfähige conservative System mit den Nationalliberalen versöhnte, hatte er einen Feind mehr, eben diesen Herrn von Hammerstein, der Alles zn verlieren fürchtete, wenn die sociale Revolution von oben her unter-

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