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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 710 Dr. Bloch's Wochrnschrist. Nr. 39 Vor einigen Jahren gründete Kraus das Stellenvermittlungsbureau. Wer sich an ihn wandte, um eine Hausbesorger- oder Portierstelle zu erlangen, mußte vor allem Mitglied des Vereines werden, den Mitgliedsbeitrag für ein Jahr im voraus erlegen, Jnseratengebühren und Botenhonorare bezahlen. Dies machte gewöhnlich zusammen fünfzehn bis zwanzig Muldenaus. Natürlich hat Kraus nie Jemanden eine Stelle verschafft. Wenn seine Opfer ihm dann Vorwürfe machten, erklärte er ihnen, daß sie aus dem Verein ausgeschlossen seienundstatutarisch keinen Kreuzer zurückerhalten. Aus diesem Grunde kam es in dem Bureau des Vereines „Zum heiligen Petrus", Gumpendorferstraße 35, das sich neben der Spänglerwerkstätte des Kraus befindet, zu erregten Scenen, die oft in Schlägereien ausarteten. Hatte Kraus seine Opfer zur Thür herausgeworfen, dann ging es gewöhnlich in ein nahegelegenes Wirthshaus, wo er sich über die „beschäftigungslosen Arbeiter" beklagte. War Kraus nicht durch seine Vereinsthätigkeit in Anspruch genommen, so saß er von Vormittags bis spät Nachts im Wwthshause und schimpfte über die Juden, die an „Allem" schuld seien. Wenn Spenden für den Verein kamen, behielt fie Kraus natürlich auch für sich. Selbstverständlich hat der Verein „Zum heiligen Petrus" mit der Verhaftung Kraus' sein Ende gefunden; die behördliche Auflösungserklärung dürfte in den nächsten Tagen erfolgen. Das Märchen vom Ritualmord. Bor Kurzem wurde von einem ungarischen Antisemitenblatte gemeldet, daß das etwa sechsjährige Töchterchen Julie des Landmannes Johann Balazs in Garam-Kis-Sallo im Honter Comitat in das Gewölblocal des Ignaz Adler um Branntwein geschickt worden war und seither verschollen blieb, bis man fünf Tage spater die Leiche des Kindes fand, welche entsetzlich zugerichtet war. Mehrere clericale und oppositionelle Blätter, insbesondere „Magyar Allam", benützten den Vorfall, den sie als „Ritualmord" hinstellten, um gegen die Juden zu hetzen. Diese menschenfreundlichen Absichten sind aber, gewiß zum Leidwesen der agitationssüchtigen Finsterlinge, rasch genug zunichte geworden; denn der Mörder des Kindes ist bereits gefangen und hat ein umfassendes Geständniß abgelegt. Wie nämlich „Fövarosi Lapok" aus I p o l y s a g telegraphisch gemeldet wird, ist der Thäter des Mordes in Garam-Kis-Sallo in der Person des Müllergehilfen C s o m o r verhaftet worden. Der Mörder hat seine That vor dem königlichen Bezirksgericht in Vamos-Mikola auch bereits eingesta.iden. Ferner wurde auch der eigene Vater des ermordeten Kindes i n H a f t genommen, da derselbe nicht nur Kenntniß von dem Morde gehabt, sondern auch an der Ausführung desselben sich betheiligt haben soll. An die Spender und Gönner des „Ferienheim", Verein für israelitische Feriencolonien. Wir haben vor Schulbeginn unsere drei Colonien geschlossen und 328 Kinder gestärkt und sichtlich erholt ihren Eltern heimgebracht. Namentlich in der jüngsten Colonie, welche wir in Theresienfeld in eigener Regie führten, haben wir ganz besonders günstige Resultate erzielt, denn Brustumfang und Gewichtszunahme der Kinder weisen hier den höchsten Percentsatz aus. Wenn wir auch mit begreiflichem Zagen an die Einführung einer eigenen Regie gingen, wobei die Verantwortung und die ganze Arbeitslast eines großen Haushaltes auf uns fiel, so sind wir für die riesige Mühe durch das glänzende Ergebniß reichlich gelohnt. Das heurige Jahr weist nicht nur einen bedeutenden Fortschritt bezüglich der Anzahl der auf's Land entsendeten Kinder auf, sondern es bereicherte in wesentlichen Dingen auch unsere Erfahrung. Die von uns angelegten Consum-Tabellen zeigen den Haushaltsgebrauch nach Kilo und Betrag und bilden nunmehr wichtige Wegweiser für unsere Colonien. Nach Maßgabe der erhöhten Kinderzahl mußten wir unser Inventar um 56 Betten mit der dazu gehörigen completen Betteinrichtung vermehren, und eine vollständige rituelle Kücheneinrichtung zur Abspeisung von täglich 60 Personen ist unser eigen. Unseren Freunden und Gönnern haben wir hoffentlich durch unsere angestrengte Thätigkeit den Beweis geliefert, daß unser noch junger Verein des Interesses und der Unterstützung würdig sei. Daher drängt es uns auch, den edlen Gönnern, die durch ihre vielfachen und vielseitigen Spenden an Utensilien und Victualien es uns möglich machten — trotz unseres bescheidenen Vermög.nsstandes 328 Kinder unter Aufsicht vorzüglicher Lehrkräfte wegzuschicken, unseren tiefgefühlten Dank auszudrücken, dem wir auch den Dank an die Herren der Presse, die unsere Bestrebungen so wacker unterstützten, sowie auch an jene lieben Gäste, welche ihr warmes Interesse für unsere edle Sache durch einen Besuch in der Theresienfelder Colonie bekundeten, anfügen und uns noch die Bitte erlauben, dem Verein „Ferienheim" ihr Wohlwollen zu bewahren, aus daß er immer weitere Ziele ins Auge fassen dürfe, damit die jüdischen armen Kinder auch Theil haben können an Sonne, Luft und Wald, die Gott der Herr für alle Menschenkinder geschaffen. Antonie Graf Schriftführerin des „Ferienheim". Der erste semitische Bürgermeister von Grost- Wien. Trotz des Wahlsieges, den die antiliberale Partei im dritten Wahlkörper erfochten hat, scheint die „Verjudung" noch immer nicht ihre äußersten Grenzen erreicht zu haben. Von gut informirter Seite wird uns mitgetheilt, daß der erste Bürgermeister von Groß-Wien, den die antisemitische Partei auf den curulischen Stuhl setzen wird, ein Judenstämmling sein dürfte. In antiliberalen Kreisen wird mit ziemlicher Bestimmtheit angenommen, daß Dr. Lueger die Bestätigung als Bürgermeister nicht erhalten werde. In diesem Falle ist der Candidat der Antisemiten für die Bürgermeisterwürde der neue Gemeinderath im dritten Wahlkörper des ersten Bezirkes, Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Joseph Porz er, dessen Racenreinheit die „O esterreich ische Wochenschrift" Nr. 37, 1891 sichergestellt hat. Der Ur-urgroßvater des Herrn Dr. P o r z e r war ein jüdischer Hausirer in Mähren, der von Dorf zu Dorf seine Waare feilbot. Dessen Sohn, der sich einige kaufmännische Bildung erworben hatte, zog nach Brünn und nahm, als Kaiser Josef II. anordnete, daß die Juden Familiennamen sich beilegen müssen, den Namen Neustein an. Früher hieß er kurzweg „Reb Jontef". Sein Sohn Heinrich übersiedelte Anfangs der Dreißigerjahre nach Wien, wo er ein Geschäft mit rohen Kuh- und Ochsenhäuten etablirte. Mit einem Mädchen Namens „Kohn" verheiratet, wurde Heinrich Neustein, der Sohn des „Reb Jontef", Vater mehrerer Kinder, deren ältestes ein Mädchen Namens Betty war, und diese ist die Mutter des Herrn Dr. P o r z e r. 23 Jahre alt, nahm sie die Taufe, um den Wiener Kaffeesieder Porzer zu heiraten. Diese getaufte Jüdin hat sich um die Erziehung ihres Sohnes, der frühzeitig Begabung und Fähigkeit an den Tag legte, nicht blos große Mühe gegeben, sich hat auch die größten Opfer gebracht um ihn zu seiner jetzigen Stellung zu erheben. Herr Dr. Porzer besitzt in Wiener jüdischen Familien mehrere Verwandte, so den Dichter Ludwig August Frankl, der erste Secretär der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. „Reb Jontef", der Urgroßvater des Herrn Dr. Porzer, hat sich wohl kaum träumen lassen, daß einer seiner Nachkommen Bürgermeister eines antisemitischen Wiener Gemeinderathes werden sollte. Auszeichnung eines israelitischen Lehrers durch die theologische Facultät zu Berlin. Es handelt sich um den königlichen Preis, der dem früheren Lehrer und jetzigen stuä. phil. Felix Coblenz aus Ottweiler im Bezirk Trier verliehen worden ist. Die Aufgabe lautete: „Recht und Schranken der Behauptung, daß als das betende Ich in den Psalmen nicht erst im gottesdienstlichen Gebrauch derselben, sondern schon nach der Absicht der Dichter die israelitische Gemeinde anzusehen sei, sind am exegetischen Thatbestande darzuthun." Hierauf war nur die Arbeit von Coblenz eingegangen, über welche die Facultät folgendes Urtheil fällte: „Der Verfasser der mit dem Motto „Immer strebe zum Ganzen u. s. w." versehenen Arbeit hat zwar nicht gerade neue Gesichtspunkte für die Lösung der im Thema enthaltenen Frage aufgestellt, aber er hat das vorhandene Material und zwar sowohl die Quellen als die Literatur über diese mit großem Fleiß und recht gutem Berständniß durchgearbeitet. Er hat ferner den Stoff im Allgemeinen gut disponirt; die Dar-

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