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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 708 Nr. 39 Dr. Blvch's Wochenschrift. daß diese „Mutter" sich so wirksam für die armen Gymnasiasten eiusetzt, allein sie hat, um mich des Gemeinplatzes zu bedienen, entschieden das Bad mit dem Kinde ausgeschütlet. Thatsache ist, daß unsere Gymnasiasten heutzutage nicht gar zu viel zu lernen haben. Ich, der ich selbst das Gymnasium absolvirt habe, und seither mit Gymnasiasten aller Classen zu thun habe, weiß den Unterschied zwischen Einst und Jetzt sehr gut zu würdigen. Ohne mich in Einzelheiten einzulassen, will ich nur im Allgemeinen anführen, daß der Gymnasiast von heute speciell aus den classischen Sprachen das Pensum für die nächste Unterrichtsstunde in der vorhergehenden bereits vom Lehrer in der Schule präparirt erhält, während es noch zu unseren Zeiten hieß: „Präpariren Sie für die nächste Stunde von hier bis da." Da die geschätzte „Mutter" auch das Studium der classischen Sprachen für etwas hält, was besser einem anderen wichtiger« Gegenstände Platz machen sollte, — nicht nur das Studium der hebräischen Grammatik — so taucht in mir der Verdacht auf, dieselbe möchte den armen Gymnasiasten das Ganze lernen, oder wie sie sich so treffend ausdrückt, das „Stucken" ersparen und dieselben das Gymnasium überhaupt ohne Studium absolviren lassen. In ihrer überströmenden Zärtlichkeit übersieht sie wohl den unendlichen Werth der humanistischen Studien — doch das darf man ihr wohl verzeihen. Allein das geringe Maß von Kenntnissen in der hebräischen Sprache, welches im Gymnasium verlangt und gelehrt wird, für die Apostasie jugendlich unreifer Schüler verantwortlich zu machen, das dürfte wohl viel zu weit gehen heißen. Weil das junge Herrchen, den Kopf mit allen möglichen und noch ungeordneten Gedanken von Freisinn und Fortschritt, mit idealen Zukunftsbildern angefüllt, das geringfügige Pensum, das zu erlernen ihm obliegt, nicht äuffaffeu kann oder will, deshalb soll der nach der geäußerten Meinung allzu anstrengende Religionsunterricht Schuld daran sein, daß einer oder der andere sich confessionslos erklären. Ohne darauf einzugehen, wie weit die Vorwürfe gegen die Religionslehrer gerechtfertigt sind, will ich nur kur; sagen: Nicht die hebräische Grammatik ist daran Schuld, sondern die heutige unjüdische Erziehung! Ich kenne specielle Fälle von W'ener jüdischen Häusern, wo vor den Kindern in der verächtlichsten Weise über Gott und die Religion gesprochen wird; ich bin auch überzeugt, daß solche Familien nicht vereinzelt dastehen, sondern daß sie eine breite Schichte bilden. Ist es dann ein Wunder, wenn in solchen Kind rn die Mißachtung und Außerachtlassung der einfachsten religiösen Vorschriften zur offenen Verachtung, ja zur inneren Apostasie emporwächst, welcher dann als notwendige Folge der offenkundig feige Abfall folgt, sobald sich irgend ein Anlaß mit einigem Anschein von? Berechtigung darbietet? Und dieser Anlaß sind in den meisten Fällen, die von der geschätzten „Mutter" geschildert worden sind, die Psalmen und die hebräische Grammatik, tzuis uou rillet?! Zum Lachen wäre es, wenn es nicht gar so traurig wäre, daß eine jüdische Mutter das Auswendiglernen der Psalmen als zur Irreligiosität führend erklärt, der Psalmen, welche die größten Geister aller Zeiten als ein unvergängliches Denkmal der Dichtkunst preisen und verherrlichen, der Psalmen, die einen integrirenden Theil unserer heiligen Schrift ausmachen! Ist eines Menschen, sei es der glänzendsten Redner, Zunge wohl im Stande, die Gottesfurcht, die Menschenliebe, das Rechte, Alles Gute, Schöne und Wahre, besser eindringlicher zu schildern, als es das lebendige göttliche Wort der Psalmen thut? Sind solche Schüler für das Obergymnasium reif, die unsere herrlichen Psalmen als Gegenstand des Abscheu, und als kräftigen Grund zum Abfall betrachten, weil sie ein paar Verse auswendig lernen sollen? Ein paar solcher Jungen wegen, die zu bequem sind, Juden zu sein, das Hebräische in Form der Psalmen aus der Schule hinauszubugsiren, das hieße in der That, mit Kanonenkugeln auf Spatzen schießen. Mögen solche Leute immerhin abfallen, mögen sie das Judenthum immerhin wie ein lästiges Gewand abschütteln; von solche» weiß das Judenthum nichts, es hat von ihnen nichts zu erwarten. Möge man doch versuchen, schon im Hause dem Kinde religiösen Geist einzuimpfen, möge man ihm das Judenthum als den alten vererbten Väterglauben darstellen, der als köstliches Gut unangetastet bleiben müsse; dann würde sich gewiß die statistisch ausgewiesene Anzahl von jugendlichen Apostaten verringern, dann würden gewiß keine Gymnasiasten, aber auch keine Erwachsenen, einiger Psalmenverse oder einiger hebräischer Berbalformen wegen zu — Renegaten werden. Phil. Dr. F. K. Sehr geehrter Herr Redacteur! In Nr. 37 Ihres geschätzten Blattes von 13. d. Mts. haben Sie einem Artikel unter der obigen Spitzmarke und mit der Fertigung „Eine Mutter" Raum gegeben. Sie würden mich zu großem Danke verpflichten, wenn Sie in der gleichen Angelegenheit folgende Zeilen freundlichst aufnehmen wollten. Es ist zweifellos richtig, daß der Religionsunterricht, wie er an unseren Mittelschulen erlheilt wird, zumeist ein verfehlter ist und daß es besser wäre, „lieber weniger tobten Wiffenskram zu verlangen und durch das lebendige Wort, durch einen zündenden, zu Herzen gehenden Vortrag die Schüler für die Religion zu erwärmeil". Es ist wohl auch angezeigt, daß diese Frage, die als eine der wichtigsten des innern jüdischen Lebens bezeichnet werden darf, in jüdischen Blättern zur Diskussion komme. Nur darf es nicht in einer solchen Weise geschehen, wie in dem. obgenannten Artikel. Diesem sieht man es nämlich an, daß ihn wirklich „eine Mutter" geschrieben hat, eine wahrhaft jüdische Mutter wohl nicht, sicher aber eine zärtliche Mutter. Ja, jetzt muß das arme Söhnchen wieder in's Gymnasium, muß von Neuem stucken und büffeln. Und da soll er sich etwa auch noch mit einer dritten „tobten Sprache" abgeben, um nicht befürchten zu müssen, daß es ihm gehe wie jenen sauberen Herren Hauslehrern, die sogar „Vorzugsschülcr waren, sich aber confessionslos erklärt halten, um nicht Gefahr zu laufen, bei ihrem als streng bekannten Neligionsprofessor durchzufallen" oder gar wie jenem Aermsten, der jetzt trotz seines angeborenen Hanges zum Wohlthun, trotz Mundy und Aesculap, Packel schupfen muß! Nein, das soll und darf nicht geschehen, dagegen muß etwas gethan werden. Und was thut „eine Mutter" in ihrer Liebe nicht Alles, wenn es gilt, den gefährdeten Jungen — zu vertheidigen! Wenn's sein muß, setzt sie sich sogar hin und schreibt einen Artikel. Und also lautet ihr flammenglühendes Mene Tekel Upharsin: Ihr Religionslehrer, Ihr untersteht Euch, einen armen Jungen fallen zu lassen, well er das Hebräische vernachlässigt, weil er diese „Psalmen der Väter" (?!) nicht lernen mag? Wehe! dreimal Wehe! Aber Euch mögen sie kommen die Geister Eurer Opfer, Eurer Confeffionslosen und Handelsbeflissenen!. Verehrte Gnädige! Ihren Eifer in allen Ehren, aber ich glaube, er ist falsch angebracht. Wäre es nicht vielleicht besser gewesen, anstatt des Lehrers den Herrn Sohn herzunehmen und ihm ungeiähr Folgendes zu sagen: Lieber Sohn! Es mag ja sein, daß Dein Religionsprofessor kein besonders liebenswürdiger Mann ist und auch vielleicht kein großer Pädagoge; das will ich Dir glauben. Aber Du darfst doch nicht mehr der grüne Junge sein, der es aus kindischer Faulheit nicht einsehen will, daß der Lehrer der jüdischen Religion, schon um sein Ansehen vor den Schülern und — vor seinen College» zu wahren, gezwungen ist, darauf zu achten, daß man von seinem Gegenstände nicht mehr dasselbe sage wie vor einigen Jahren, da es hieß: „Wer lernen wollte lernte, wer nicht lernen wollte kam auch durch." Solltest du erst das theologische Zeug lernen, das Deine katholischen Mittelschüler wörtlich „aufsagen" müssen, du wärest noch viel schlimmer dran! Und vor Allem, mein Sohn, bedenke: Das Hebräische ist keine todte Sprache wie Latein und Griechisch, k.ine fremde Sprache für uns wie Englisch und Französisch! Nein, sie war die Sprache unserer Vorfahren und sie wird vielleicht wieder die Sprache unserer Nachkommen werden; in ihr ist das Buch der Bücher geschrieben, die zorn- und liebeglühenden Reden der Propheten, die Psalmen Davids. Und diese Psalmen — von denen Du, zu Deiner Schande sag' ich's, nicht einmal recht den Namen kennst, denn Du nanntest sie vorhin „Psalmen der Väter" — sind keine unzüchtigen Ovidischen Gedichte, sind keine holperige Herodotische Prosa; sie sind ein hohes und herrliches Denkmal allhebräischer Poesie, ehrwürdig allen Nationen. Dir aber seien sie doppelt heilig, heilig wie die Sprache und die Geschichte Deines Volkes, von dem sie sagen, es sei ein schlechtes Volk, ein Volk von Schacherern und Hausirern. Dann wirst Du es auch nie verdienen, daß man Dich verachte, wie jtzne Buben, die, ihre Nation geringschätzend, sich des Glaubens ledig erklären wegen ... der Strenge eines Lehrers! Vielleicht holen Sie das Versäumte nach, meine Gnädige? Semmering, 16. September 1895. Cand. med. Karl Pollak. Ausruf! Das Unterzeichnete Comite hat gestern von dem Vorstände der österr.-ung. Gemeinde in Jerusalem nachstehendes Telegramm erhalten : »Zwölfhundert Seelen leiden Noth, bitten schleunigst e Hilfe." Dieser Nothschrei wird die Herzen unserer verehrlichen Gemeindemitglieder nicht ungerührt lassen. Jede Gabe trägt dazu bei, die Noth von Hunderten, die durch Glauben und Landsmannschaf mit uns verbunden sind, zu lindern, und wird unsere Gebete um ein gu*eS glückliches Jahr unterstützen. Wir bitten geneigte Spenden an den Unterzeichneten H. Berger,!., Gonzagagasse 5 zu senden. Hochachtungsvoll das Comite: Oberrabbiner Dr. Güdemann, H. Berger, D. K o h n. Spenden-Berzeichniß. Julius Mauthner Wien ll. Tempelgasse 7 fl. 10; Adolf Weiß jun. I. Deutschmeisterplatz 2 fl 10; I. und Th. Reitlinger, Zieglergafse 7, fl. 20; Beruh. Friedmann, Firma Heeg

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