Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 707 Volk von Wucherern. Dabei ließ man jedoch außer Acht, daß nicht nur die Juden sich von jeglicher Solidarität mit dem wuchernden Millionär losgesagt (noch bevor die Katastrophe zum Ausbruch kam), daß er seine Glaubensgenoffen ebenso erbarmungslos behandelte, wie seine christlichen Clienten; daß die Odessaer Judenschaft schon seit Jahren bei der Behörde petitionirt, daß man dem unseligen Treiben des millionenreichen Wucherers ein Ende machen und ihm sein scheußliches, gemeinschädliches Handwerk legen möge; daß sogar seine Frau und Kinder in Folge seiner Grausamkeit und Hartherzigkeit mit ihm jegliche Beziehungen abgebrochen und ihn gleich einen Verpesteten gemieden. ... Das Alles wurde von unseren Antisemiten nicht beachtet und die ganze Nation verantwortlich gemacht für das verbrecherische Gebühren des Einzelnen. Selbst der Umstand, daß bei Secirung der Leiche des ermordeten Wucherers im Gehirn pathologische Abnormitäten constatirt worden waren, die den Unglücklichen geradezu unzurechnungsfähig machten und seine beispiellose Grausamkeit durch Verfolgungswahn erklärten, konnte die Hetzjagd nicht aufhören machen und Oiser Dimant hat durch seinen tragischen Tod den russischen Juden noch mehr Unrecht zugefügt, als durch sein verabscheunngswürdiges Leben und Treiben. Den Judophoben war dieser Fall Wasser auf die Mühle und da der Ermordete Großgrundbesitzer in Beffarabien war, so tauchte auch sofort der Vorschlag auf, den Juden den Erwerb von Grundbesitz selbst da zu verbieten, wo es ihnen bis jetzt gestattet war. Nicht wahr, dies ist eben so rationell wie logisch? XXIV. Professor Bogoljubow und Samuel Poljakotv Ich hatte bereits Gelegenheit, des berühmten und human gesinnten Professors Bogoljubow zu erwähnen, welcher vor ein paar Monaten den Sculptor Leopold Bernstamm dem Kaiser Nicolai vorstellte und bewirkte, daß diesem Bildhauer die Ehre zu Theil wird, Ihre Majestäten den Kaiser und die Käiserm zu modelliren (die Arbeiten werden im Laufe des September beginnen und trifft der junge Künstler zu diesem Behufe aus Paris hier ein). Dieser Tage nun hatte der ehrwürdige, 88jährige Professor Bogoljubow nochmals Gelegenheit, den Adel seiner vorurtheilsfreien Gesinnung zu bekunden. Er that nur freilich, was recht war; aber wie Wenige sind es, die das Rechte tbun und die, ohne hämische Mißdeutungen zu befürchten, der Wahrheit den ihr gebührenden Tribut entrichten. Der Sachverhalt dieser interessanten Angelegenheit, in welcher Professor Bogoljubow als Judenfreund aufzutreten Veranlassung fand, ist folgender und wirft derselbe ein grelles Streiflicht auf gewisse Verhältnisse: Herr Bogoljubow, der sich durch große Generosität im Wohlthun auszeichnet und bedeutende Summen für Kunst und Wiffenschafi gespendet, hatte in seiner Heimatsstadt Ssaratow ein Museum gegründet, das die Productionen russischer Künstler enthält. Ein Mitarbeiter der antisemitischen Tageszeitung „Nowoje Wremja" hatte nun diese- Museum besucht und darin — hombile dictu — die Marmerbüste des weiland Eisenbahn- ' königs Samuel Poljakow entdeckt — inde ira uub hatte der Journalist nichts Eiligeres zu thun, als in seinem Blatte einen fulminanten Artikel gelegentlich einer derartigen „Profanation" loszulassen. In einem russischen Nationalmuseum, in diesem Sanctnarium panrussischer Kunst, wo nur die Productionen und die Conterfeis echt in arischer und rechtgläubiger Wolle gefärbter nationaler Größen Platz finden sollten — hatte sich ein Jude eingodrängt, ein frecher, krnmmnasiger Jude, der den Süden Rußlands mit einem riesigen Eisenbahnnetz bedeckt und dabei die Impertinenz gehabt hatte, so und so viele Millionen in die Tasche zu stecken, während doch die christlichen Müßiggänger und Thunichtgute darauf ein weit begründeteres Anrecht zu haben glaubten. Und dieser freche Jude, der während seines langen Lebens sich erdreistet. Eisenbahnen zu bauen und Goldschätze zu häufen, hatte nach seinem Tode die Aufdringlichkeit, sich in ein russisches Nationalmuseum einzuschleichen, wo doch nur nationalen Götzen Platz gebührt! Ist das nicht eine bodenlose Unverschämtheit? Und es ertönte das wüste Geschrei „Schmeißt ihn 'raus den Juden Jtzig" nach bekannter Melodie. Fort.mit der Marmordüste des Eisenbahnjuden! lautete die Devise. Zuvörderst ward Professor Bogoljubow vor den Richter stuhl der öffentlichen Meinung e'ttirt und aufgefordert, sich über sein geradezu unqualificirbares Gebühren zu verantworten, daß er die Büste eines Juden im Nationalmuseum placirt. Und der Angeklagte, gegen den. trotz der hohen Stellung, die er einnimmt, eine förmliche Hetz- und Treibjagd inscenirt wurde, sah sich gezwungen, vor dem Forum des empörten öffentlichen Gewissens zu erscheinen und sich zu verantworten. Mylords und Gentlemen! begann der ehrwürdige Künstler. Ich bin als Verbrecher angeklagt, den Juden Poljakow, vielmehr dessen Marmorbüste in dem von mir gegründeten Ssaratow'schen Museum ausgestellt z-u haben und Sie sehen darin eine Beleidigung des russischen Nationalgefühls. Ich bekenne mich für nichtschuldig und hoffe ich, daß auch Sie, Mylords und Gentlemen, Mitglieder der hohen Jury, ihr blot guilty und ein freisprechendes Berdict promulgiren werden, wenn Sie sich mit den Gründen bekannt gemacht haben werden, die mich bewogen haben, den Juden Poljakow diese snpreme posthume Ehre zu erweisen. Ich wünschte nur, daß viele solcher Christen lebten, wie der Jude gewesen, der Anlaß zu dieser Gerichtsverhandlung gegeben. Wahrlich, ich sage Euch, es stände dann beffer um uns! Dieser Jude Poljakow hat mehr als drei Millionen Rubel für die Bsrbreitung der Volksbildung in Rußland gespendet; dieser Jude Poljakow hat in Moskau das Lyeeum Cäsarewitsch Nicolai mit einen Aufwande von 400.000 Rubel gegründet; dieser Jude Poljakow hat für 800.000 Rubel ein Internat bei der St. Petersburger Universität in's Leben gerufen; dieser Jude Poljakow hat für 250.000 Rubel eine Eisenbahnschule in Charkow organifirt und noch zahlreiche andere Lehranstalten subventionirt; dieser Jude Poljakow hat endlich mir die Mittel gegeben (da meine eigenen nicht hinreichten), um das Museum in Ssaratow, ein russisches Nationalmuseum, nicht nur zu gründen, sondern auch zu unterhalten. . . . Und ihr fragt mich noch, warum ich diesem Juden habe die hohe Ehre zu Theil werden lassen! Nein, Mylords und Gentlemen. zu Eurer Ehre hoffe ich, daß ihr mich mit dieser Frage verschonen werdet, denn dadurch würdet ihr Euch selbst ein geistiges Armuthszeugniß ausstellen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß es Pflicht des russischen Volkes gewesen wäre, dem Juden Poljakow diese posthume und wohlverdiente Ehre zu erweisen; daß dessen Porträt oder Büste in dem Moskauischen Lyceum, in dem Internat der Petersburger Universität, in der Eisenbahnschule und in zahlreichen anderen Lehranstalten hätte aufgestellt werden müffen, um das Andenken ihres Wohlthälers zu ehren. Doch wenn Ihr das nicht gethan, was Euere verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen wäre, so dürfte Ihr eS doch mir nicht zum Verbrechen anrechnen, wenn ich in Ssaratow das gut zu machen bestrebt war, was Ihr in Moskau, Petersburg, Charkow und anderen Städten zu thun versäumt. Mylords und Gentlemen! Das wäre Alles, was ich zu meiner Rechtfertigung in Angelegenheit der gegen mich erhobenen schweren Anklage sagen könne. Wer sich frei fühlt von jeder Schuld, der werfe den ersten Stein auf mich. Dixi et salva animam meam. Sprach's und setzte sich würdevoll nieder auf der Armensünderbank, die in diesem Augenblick weit imposanter und ehrwürdiger erschien, als die prunkvolle Estrade, auf welcher das hohe Tribunal placirt war. Und die Richter sahen beschämt auf die Erde, in die sie sehr gern versunken wären, da ihnen der Ausgang der Gerichtsverhandlung ganz uner wartet kam. Der Religionsunterricht und die Apostasie. öäulisr taceat in ecclesia! Dies war der erste Gedanke, der mir vor der Leciüre des Aussatzes „Vom jüdischen Religionsunterrichte in den Gymnasien" in Nr. 37 dieses geschätzten Blattes sich ausdrängte, als ich die Unterschrift „Eine Mutter" las. Gewöhnlich pflegen die blitzschnell auftauchenden Gedanken die richtigsten und treffendsten zu sein, und in der That, der Inhalt und die Fassung des Aussatzes bestätigten mir zur Genüge, daß die besorgte „Mutter" beffer geschwiegen hätte. Mer objektiv über irgend eine Angelegenheit urtheilen will, muß, wie es sich ja von selbst versteht, alle persönlichen Gefühle beiseite lassen, stets das Allgemeine im Auge behalten, aus episodische Vorkommnisse kein Rücksicht nehmen \ Es ist ja gewiß ein schönes Zeugniß der weiblichen Herzensgute,