Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 706 Nr. 39 Dr. VLoch's Wochenschrift. nächsten Wahl doch wieder antijüdisch wählen. Nicht weit entfernt von diesem Ehrenmanue begegnen wir einem Herrenschneider, Namens P o t t n i k. Derselbe arbeitet beinahe ausschließlich für Juden, trotzdem ließ es sich der gute Mann auf das Eifrigste angelegen sein, seine wichtige Stimme den ärgsten Feinden seiner Arbeitgeber zuzuwenden. Wie man sieht, ist der Schneidermeister auch im Zuschneiden für Antisemitismus nur zu gut bewandert und vielleicht werden die Herren Juden von diesem sie beglückenden Tailleur sich doch a bwenden. Adresse: Lazzenhof. Wir setzen unsere Wanderung fort und gelangen nun in die S a l z g a s s e, ein kleines schmales Sackgäßchen, welches während der Sommermonate den Kindern zum Spielplatz dient. In einem der beiden Häuser, welche die Gasse bilden, befindet sich ein Greißlerladen, der Eigenthumer desselben heißt Anton H e n z e l. In diesem Geschäfte, wenn man diesen Namen gebrauchen darf, ist es für die Bekenner jüdischen Glaubens sehr sicher, denn dorthin verirrt sich gar niemals ein Mitglied der alleinselig machenden Kirche, weder männlich noch weiblichen Geschlechtes und hätte man aus diesem sehr triftigen Grunde doch auch nur der Meinung sein müssen, daß hier von Antisemitismus keine Spur vorhanden sei. Henzel hat seinen Stimmzettel abgegeben, aber für Pater Wiesinger und Genossen! Hier muß besonders erwähnt werden, daß bei diesen Gregorig ianer sich während der Vormittagsstunden, namentlich gegen 10 Uhr, ein sehr reges Leben entfaltet, da um diese Zeit die in der Nähe befindlichen Bediensteten ihr Frühstück dortselbst nehmen und verdient ein Erlaß eines Chefs einer größeren Firma Beachtung, der bereits seinem zahlreichen Personal auf das Strengste verbietet, ihre Magenbedürfniffe bei Henzel zu befriedigen; hoffentlich werden wir solche Thaten noch öfters registriren können. Holz und Kohlen sind Bedarfsartikel, die in jedem Haushalte am dringendsten benöthigt werden. Wie viele Gulden werden an die Händler mit diesen Materialien alljährlich verabfolgt? Arm und Reich muß während der Wintermonate in's Budget eine hübsche Summe einstellen. Im Hause Nr. 3 der Sterngasse, anstoßend an das großartige Palais Sina, befindet sich ein überaus freundlicher Kohlenhändler, der zugleich' als Hausbesorger fungirt. Stets liebenswürdig, kann jeder Vorübergehende, der ihm bekannt ist, auf ein sehr artiges Compliment gefaßt sein. Er kennt unter seinen Kunden, die natürlich beinahe nur aus -r — Juden bestehen keinen Unterschied, er nimmt Bestellungen und auch Geld von Juden, am Wahltag aber geht er mit den — Antisemiten! Wer zählt die Hunderte, die dem Cumpan Lueger's aus jüdischen Säcken zugewendet wurden — und die Wahl der antisemitischen Candidaten ist die Folge! Wer durch circa 15 Jahre nicht in die verlängerte Sterngaffe gekommen, dürfte diese wahrlich nicht mehr erkennen, ein neues Viertel ist erstanden, ein Palast neben dem anderen, neue Straßenzüge durchqueren als Verkehrsader die Stätte, an welcher das Polizeigefangenhaus mit seinen grauen Mauern gestanden. Wie nicht anders zu erwarten, haben sich hier, in der Borlauf- und Marc-Aurelstraße zahlreiche Glaubensgenossen niedergelassen und da auch viel consumirt wird, war auch an Gemischtwaarenhändlern für dieses Viertel kein Mangel. Anton Winkler hat sich ebenfalls hier etablirt, um jüdischen Familien seine Waare änzubieten. Er hat auch ganz gut gewirthschaftet, bis zum 17. d. M. und wenn er auch bereits in einem an ein hervorragendes Blatt gerichteten „Eingesendet" behauptet, daß er nicht Antisemit ist. so kann man die Thatsache entgegnen, daß Winkler am Wahltage gesehen wurde, als er von einem, mit einer weißen Nelke geschmückten Agitator abgeholt wurde, einen Wagen bestieg, dessen Kutscher gleichfalls das antisemitische Abzeichen im Knopfloch trug. Daß daher der solcher Art zur Urne gebrachte Wähler seine Stimme nur den Gegnern zuwenden konnte, ist doch mehr als selbstverständlich. Wir haben diese Fälle angeführt, um zu beweisen, wie weit das Gefühl der Schuldigkeit bei unseren Feinden ist. Es gibt jüdische Bäcker, jüdische Herren- und Damenkleidermacher, jüdische Gemischtwaaren- und jüdische Kohlenhändler, bei denen wir ebensogut unseren Bedarf decken können, als bei den vorerwähnten antisemitischen Gewerbe- und Handeltreibenden. Wien, im September 1895. e. J. Vertrag zur Geschichte der russtschen Juden. ' XXIII. Der jüdische Sofer und der russische Czar. Dem Anscheine nach sind das zwei ganz hellrogene Begriffe, zwischen denen nicht die geringste Gemeinschaft nachgewiesen werden kann. 'Der allmächtige russische Czar und der obscure Thoraschreiber; der absolute Beherrscher von 130 Millionen Einwohnern, der Gebieter eines Flächenraumes, der sich über zwei Drittel Europas und ein Drittel Asiens erstreckt, und der staubgeborene Jude, der trotzdem, daß Johannes Gänsefleisch Guttenberg bereits vor 400 Jahren den Buchdruck erfunden, fortfährt, in Quadratzeichen die heilige Schrift auf Pergament zu malen, derartig den Fortschritt ignorirend. Kann man sich zwei grellere Contraste denken? Und dennoch fand dieser Tage zwischen diesen beiden Antipoden, von dsnen der eine auf der höchsten Stufe irdischer Macht steht, während der andere sich auf der niedrigsten Sprosse der socialen Leiter befindet, eine Annäherung statt und sämmtliche russische Zeitungen registrirten dieses Factum, freilich über das Judenthum des einen ganz hinweggehend. In heiklen Fällen versieht man es eben, die jüdische Angehörigkeit des Betreffenden zu ignoriren, nämlich wenn es sich um etwas handelt, was dem Juden zur Ehre gereicht. Dahingegen man die Lärmtrommel rührt und ganz Israel dafür verantwortlich macht, wenn sich einer seiner Söhne vergangen. Der Sachverhalt ist folgender und gewinnt an pikantem Interesse dadurch, daß den Vermittler in dieser Angelegenheit der Stammvater des naturalistischen französischen Romanes Emile Zola spielte. Der berühmte Belletrist wandte sich an den Chef-Redacteur des officiellen Regierungsorgans „Prowitclstwenny Wjestnik", Kammerherrn Slutschewsly, mit folgendem Empfehlungsschreiben: „Ich erlaube mir, Ihnen Herrn I. Sofer dringendst anzuempfehlen, der ein sehr geschickter Künstler auf dem Gebiete mikrographischer Miniätur ist und dessen hochinteressante Arbeit ich hier beilege." Ich hätte Gelegenheit, diese Arbeit iinsetes französischen Glaubensgenossen zu sehen und muß gestehen, daß dieselbe in derThat bewunderungswerth ist und derRecommandation von Herrn Emile Zola alle Ehre macht. Zuerst sehen Sie vor sich ein auf einem großen Bogen in Tusch ausgeführtes Porträt des Kaisers Nicolai ll., welches sich durch frappante Aehnlichckeit auszeichnet. Wenn Sie aber genauer Hinsehen, so löst sich dies große Bild in einzelne kleine Buchstaben auf, deren Zahl 61-800 beträgt und welche den Text des kaiserlichen Gnaden- Manifestes vom 14. November 1^94 bilden, und außerdem noch eine ausführliche Biographie Seiner Majestät, Alles in französischer Sprache ausgeführt, bringen. Es ist geradezu wunderbar zu sehen, wie sich die zahlreichen wimmelnden Buch-- staben zu einem harmonischen Ganzen zusammengesügt, wie sie in Reih und Glied in Schlachtordnung aufgestellt, das wohlgelungene Conterfei des jungen Monarchen bilden. Der Kaiser ist in der Uniform seines Husarenregimentes dargestellt und die schlanke elegante Gestalt mit den ausdrucksvollen Zügen und den großen geistsprühenden Augen, mit dem Munde, um dsffen volle Lippen ein liebenswürdiges, Herzensgüte bekundendes Lächeln spielt, hebt sich sehr effektvoll von dem weißen Fonds ab. Die Kunst, Eleganz, Minituosität und Sauberkeit der Ausführung sind wirklich wunderbar und lassen alle dem ähnliche künstlerische Produktionen auf diesem durchaus nicht neuen Gebiete weit hinter sich zurück. Unter dem Bilde in der Mitte hält ein zweiköpfiger Adler (bekanntlich das russische Reichswappen) einen Lorbeer- und Eichenzweig; letzterer ist aus den biographischen Daten des Kaisers gebildet. Sämmtliche russische Zeitungen brachten Schilderungen dieses Kunstwerkes, nannten den durch Emile Zola so angelegentlich empfohlenen Autor einen hervorragenden Künstler, ohne jedoch mit einem Worte zu erwähnen, daß derselbe ein Jude, ein Thoraschreiber sei. In dem dramatischen Jncident mit dem blutsaugerischen Wucherer Oiser Dimant (der von einem seiner Opfer, dem der erbarmungslose Vampyr schon gar zu sehr zngesetzt hatte, ermordet worden war) beeilten , sich sämmtliche unserer Preßorgane (mit nur wenigen Ausnahmen) nicht nur die Nationalität des Wucherers hervorzustreichen, sondern machten die gesammten Juden für dessen aussaugerisches Gebühren verantwortlich, ziehen uns alle! der Mitschuld, nannten uns ein