Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- äMi^^'^SV&Sft&MfeTO' «£r~ Nr. 39 7. März 1832. Lett eris ist ein gutmüthiger Mann; er besitzt viel Stubengelehrsamkeit, aber über theatralische Vorstellungen versteht er nicht zu urtheilen. 8. März. 1832. Ich lernte das kindliche Gemüth L ett eris noch klarer erkennen. Je deutlicher dieser junge Mann seine Begeisterung über theatralische Leistungen ausspricht, desto weiter erscheint er mir, da seine reine Seele sich so ganz arglos vor Jedermann entfaltet. 26. Juli 1832. Gegen Abend kam L e t t e r i s. Er machte mich mit einigen seiner Dichtungen bekannt, die wirklich poetisch gedacht und ausgeführt sind. Wenn dieser Mann doch Anerkennung finden würde, damit er sich der Dürftigkeit entwinde." C ostenoble war ein begeisterter Bewunderer L e s s i n g's, den die modernen Antisemiten am liebsten aus der deutschen Literatur hinausdrängeln möchten. „25. Jänner 1819. Zum erstenmale: „Nathan der Weise". Dieses herrliche Stück wurde erbärmlich verstümmelt auf die Hofbühne gebracht.... K o ch' s Nathan war ein gewöhnlicher, ehrlicher, zärtlicher Vater, keineswegs aber der ideale Nathan, der Kosmopolit, die personificirte Me ns ch en tugendin ihrer st rahlendenWür de — mit einem Worte, der Nathan, welcher jedes Vorurtheil, jeden Wahn und Aberglauben und jede Leidenschaft besiegt und unter sich gebracht hat. — So etwas darzustellen, geht über den K o ch'schen bürgerlich hausbackenen Horizont und konnte nur von einem Geiste, wie Jffland, erfaßt und gegeben werden. Der ganze Nathan wurde trotz seiner Verstümmelung mit großem Beifalle ausgenommen. Die Wiener priesen die Vorstellung durchwegs. 21. Februar 1833. Zur Geburtsfeier des unsterblichen L e s s i n g: „Minna von Barnhelm". Dem großen Dichter zu Ehren hatten die ersten Mitglieder die kleinen Rollen übernommen". Aus dem Tagebuche C o st e n o b l e's entnimmt man auf jeder Seite den bescheidenen, ehrlichen Sinn des Schreibers, seine neidlose Anerkennung fremder Größe und fremder Erfolge. Es ist eine sympathische, milde Erscheinung, die da zu uns spricht, aber auch ein feiner logischer Denker und scharfer Beobachter. Väter und Söhne! Wie muthet doch gleich die folgende kleine Episode an! Sie zeigt uns den Schauspieler, der nach einer dankbaren, effectvollen Rolle — Shylock — greift, aber der ein ehrlicher Mann zugleich ist, der sich mit seinem Gewissen vorher auseinandersetzt: „9. Februar 1821. . Im Parterre traf ich Herrn Pol lack, der stets mit zuvorkommendem Wesen sich mir genähert hatte und auch heute seine wohlwollende Gesinnung für mich bestätigte. Ich sprach mit ihm von meiner Sehnsucht, den Juden Shylock im „Kaufmann von Venedig" geben zu dürfen. So aufgeklärt und klug ein Sohn Israels auch sein mag, nie will er eingestehen, daß Shylock ein Charakter sei, der auf der Bühne geduldet werden dürfe. Vergebens suchte ich das Grandiose des Shylock zu beweisen und das Kleinliche im Charakter des Antonio, der den Juden zur Annahme des Christenthums, ganz gegen Christi Lehre, forciren will. Vergebens führte ich an, Shylock sei nur ein Individuum und kein Prototyp, gerade wie Franz Moor, der scheußlichste Charakter, den je die Bühne sah, nur als Individuum aufzufassen ist. Herr Pollack war nicht gläubig zu machen. „Geschieht das am grünen Holze," Seite 765 dachte ich, „was wird es am dürren Reisig alttestamentarischer Gläubigen werden!" — Wir wollen unsere kleine Auslese mit folgendem Detail beschließen: „14. Mai 1835. Der Theaterdiener brachte mir Vormittags den Nachtrag der Benefice mit 53 fl. 45 kr. C.-M. Der Kaiser hat, wie ehemals sein Vater, 200 fl. C.-M., der reiche Fürst Metternich 10fl. (!!) und Freiherr Eskeles 50fl. C.- M. gegeben. Freilich ist ein christlicher Fürst etwas Anderes als ein jüdischer Freiherr!" Ist es heute anders? Man ersieht aus C o st e n o b l e's Tagebüchern, welche angesehene und geachtete Stellung in den Zwanziger- und Dreißiger-Jahren die Wiener Juden in der Literatur und Kunst, und in der Gesellschaft eingenommen und wie würdig sie derselben sich in jeder Hinsicht zeigten. Nun macht man sinnlose, krampfhafte Versuche, sie in das Ghetto des Mittelalters zurück zu drängen, überfluthet sie mit wahnwitzigen Beschimpfungen — und einer, der den Namen Costenoble trägt, einer, der noch neuen Glanz und Ruhm ihm hinzugefügt zu dem alten, läßt sich nun brauchen, bei diesem unheiligen Werke Handlangerdienste zu leisten. * 4- * Der alte Costenoble hatte auch einen Sohn R obert, der 1799 geboren war und 1868 starb. Der war ein großer Sonderling und der „letzte Goldmacher" von Wien. Will der Bildhauer ihm etwa nachgerathen und Unsinniges, Unmögliches, aller Vernunft Widersprechendes mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte unternehmen!? 0.6. Ein Mahnwo^t. Der so ungünstige Ausfall der Gemeinderathswaülen ist wohl geeignet, namentlich uns Juden zu der Erkenntniß zu bringen, daß wir trotz allen Verkehres mit unseren auch anderen Confesfionen angehörenden Mitbürgern bedacht sein mögen, in jeder Hinsicht unseren Glaubensgenoffen noch näher zu kommen, als es bisher der Fall war. Nicht daß wir auch dieselbe Maxime beobachten sollen, wie die Gegner, die mit allen möglichen unlauteren Mitteln wider uns zu Felde ziehen, sondern wir sollen es uns zur Ausgabe machen, bei Einkäufen, namentlich in wirthschaftlicher Beziehung, unsere Glaubensbrüder zu berücksichtigen, und wenn auch schon in diesen Blättern des Oefteren dieses Thema ventilirt und allgemein empfohlen wurde, so ist es doch wahrlich in jetziger Zeit umso mehr Pflicht jedes Einzelnen unter uns, jüdische Handwerker zu unterstützen. Es ist doch eine nur zu bekannte Thatsache, daß speciell in der „Hochburg des Liberalismus", wie die innere Stadt genannt wird, der diesmalige antisemitische Sieg zum größten Theile den Kleingewerbetreibenden zugefchrieben werden muß, die hauptsächlich im dritten Wahlkörper zu den Gegnern halten. Man kann Niemanden die Meinung über die zu wählenden Candidaten aufoctroyiren, aber Thatsache ist, daß zahlreiche sogenannte kleine Leute antisemitisch wählten, deren Hauptclientel-Juden find, ja man kann sogar sagen, daß die meisten dieser Leute nur Juden bedienen. Zur befferen Charakterifirung dienen folgende Fälle, die wir aus einer Unzahl herausgreifen. Im Centrum der Stadt, in der Rothgaffe, hat seit vielen Jahren ein Bäckermeister ein Local inne. Wie der Eigenthümer des Ladens in früherer Zeit gestimmt, ist nicht bekannt, aber bei der großen stattgehabten Wahl sagte er, er fiimnie nur für die Antisemiten! Wenn man nun heute bei dem Bäckerladen vorbei kommt, sieht man eine erkleckliche Anzahl von schön geformten, gut gebackenen und hoffentlich auch wohlschmeckenden — Barchessen zur Auswahl bereit liegen und unsere jüdischen Damen und Hausfrauen haben nichts Eiligeres zu thun, als zu diesem declarirten Antisemiten das so sauer und bitter erworbene Geld zu tragen, um dem Herrn Chef die nöthigen Mittel zu geben, wieder frisch auf die Juden zu Hetzen und mitzuwirken am Niedergange und an der Beschimpfung und Verunglimpfung unseres Stammes. Der Bäckermeister lacht sich in's Fäustchen und wird bei der Dr. Vloch's Wochenschrift.