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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 704 Dr. Blvch's Wochrnfchrifi. Nr. 39 Hauer sehr vertraut im Ohre klingt, die Nachricht auf, daß derselbe Manu von den Antisemiten auf den Schild erhoben uud zu chrem Candidaten proclamirt wurde. Sie zerrten den Künstler in chr widerliches, aller Sitte und jedem politischen Anstand in's Gesicht spuckende Gebühren hinein und er folgte ihrer Aufforderung, caudidirte — allerdings ohne in eine Wählerversammlung zu gehen! — und wurde vom dritten Wahlkörper in der inneren Stadt in den Gemeinderath auch richtig gewählt. In ein wenig sonderbarer Gesellschaft fand er sich allerdings, der protestantische „Ketzer", neben dem Erz-Fanatiker Dechant Wiesinger! Doch an Kleinigkeiten soll man sich nicht stoßen. C o st e n o b l e's Freunde versichern, er hätte nur candidirt, weil er mit Sicherheit auf eineu Durchfall rechnete, der chm ungeheuren Spaß bereitet hätte. Man muß den Mann eben kennen. Alles ist er eher, als ein politischer Kopf. Er fühlt sich wohl, wenn er seine Waidtasche umhängen hat, den Stutzen an der Schulter und die Pürschstiefeln an den Beinen. Soll er jetzt Juden abschießen, nach bekanntem Schneid e r'schem Recept? Wir fürchten oder wir hoffen vielmehr, er wird die zu diesem Zwecke mitgenommene Flinte sehr rasch in's Korn werfen, bis er nur einmal zur rechten Besinnung gelangt, in welche Jagdgesellschaft er diesmal hineingerathen ist und welche saubere Zwecke er mit dem Klange seines ehrlichen Namens gedeckt hat. Das Erwachen wird ein fürchterliches und die Enttäuschung eine wahrhaft beschämende sein! In der Künstlergenossenschaft, wo er eine dominirende Stellung bisher eingenommen, wird man den antisemitischen Gemeinderath schon aus rein praktischen Erwägungen ein wenig in den Hintergrund drücken müssen. Wie hat doch der große Meister Rudolf Alt erst letzthin gesagt: „Wenn uns die paar reichen Wiener Juden nicht unsere Sachen abkaufen würden, stünde sehr schlecht mit uns!" Nein, wir glauben es nun imd nimmer, daß ein Mann, der sein ganzes Leben begeistert in den Dienst des Schönen gestellt, daß ein Co st e noble sich zum Judenfresser, zum Pfaffercknecht hergibt und sich in eine Partei als Gemeiner einrechen läßt, die das häßlichste, widerlichste, ekeligste Treiben, das Wien je gesehen, turbulent in Scene setzt. Seine derbe, offene, gerade und erfrischend grobe Natur soll mit der Fälschung pactiren, seine lautere Biederkeit mit der niederträchtigsten Verleumdung?! Wir erinnern daran, daß sein Bild schon jetzt in der Ehrengalerie im städtischen Museum prangt. Ob die Nachwelt dem antisemitischen Gemeinderath diese Stelle beläßt, die die Mitwelt bereitwillig dem Zeitgenossen eingeräumt? Daß es ihm nur nicht ergehe, wie dem Marino Falieri, dessen Bildniß als das einzige in der langen Reche der Dogen fehlt. In der schönen Reihe der Portraits der großen Wiener Künstler möge man nicht einst auf eine leere Stelle an der Wand deuten .... Costenoble entstammt einer hochangesehenen Wiener Künstlerfamilie. Sein Vater war der seinerzeit berühmte Hofschauspieler und Regisseur Carl Ludwig Costenoble, (1769—1837) den Anschütz in seinen Memoiren den „polternden Alten par excellence" nennt. Wie würde der jetzt prachtvoll poltern, wenn er wüßte, was seine Wiener treiben! Wenn wir die für den Theaterfreund sehr interessanten Tagebuchblätter des alten Herrn langsam durch die Finger gleiten lassen und ab und zu hineinblicken, stoßen wir auf manches Interessante, das auf die damaligen Zeitverhältnisse ein Streiflicht wirft und zum Nachdenken und Vergleichen auffordert. — Väter und Söhne! * * Costenoble kam aus Hamburg, gastirte am Burgtheater und gefiel. Bevor er jedoch den ihn an Wien bindenden Vertrag Unterzeichnete, iuformirte er sich ein wenig: „26. November 1822. Nachdem ich mir beim Nechtsgelehrten Dr. Bloch Raths erholte, Unterzeichnete ich bei der Direktion den Contract für sechs volle Jahre." Früher hatte er schon Gelegenheit, den Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Großen zu bemerken: „21. März 1820. Zum Banker Rothschild, um mir einen Empfehlungsbrief an Frankfurter Handlungshäuser zu erbitten. Ich hatte mir vor einigen Tagen Raths erholt bei dem alten Baron von Arnstein. Dieser sagte sehr wohlwollend: „Gehen Sie zum Geheimrath R o t h s ch i l d . . . . er ist ein guter Mann, der Herr Geheimrath." Der Herr Geheimrath empfing mich wirklich übe r ausg n ädig und sag temirgernAd ressen zu. Ungnädiger, als dieser im Gelde schwelgende Israelit benahm sich der hochgeborne Herr Graf Fries, als ich mich ansag en ließ . . . Ei, dachte ich, da ist doch der Verkehr mit dem Krösus aus dem Stamme Juda weit angenehme r." — „18. März 1820. In demselben Jahre studirte er das Stück „Unser Verkehr" mit hochadeligen Dilettanten ein, die es auf einen: Haustheater darstellen wollten. In dem Stück waren einige Rollen im jüdischen Dialect' und der hochgeborne Fürst Schwarzenberg gab die Rolle des Juden Jacob. Sehr ergötzlich schildert Costenoble, der den deutsch-jüdischen Jargon meisterhaft beherrschte, seine Erlebnisse: „Bereits Vormittags mußte ich mich auf Kurlander's Wunsch zu einer Gräfen Forgatsch begeben, um auch ihr eine Judenmutter vorzusagen. Die Hochgeborne lag noch im Bette, als ich mich anmelden ließ. Ich wurde vor ihr Dauuenlager citirt. Die Dame, in hübschen Jahren, lag recht liebreizend da, mit rougirten Wangen. Kaum hatte ich meine Lection begonnen, als eine junge Baronesse Hügel eintrat, bei der ich nun gleichfalls den Jnstructor machen mußte. Weiter als bis zum „Jüdeln? bringt man diese Leute denn doch nicht; zur Auffassung eines Charakters haben sie weder Zeit noch Willen. Nun wird man in Wien noch hartnäckiger behaupten, ich sei ein. Jude, weil ich Unterricht im Mansch el n e r t h e i l e." Man sieht, der alte Costenoble galt für einen erklärten Judenfrmnd. Vielleicht weil er mit jüdischen Literaten, wie L e t t e r i s, der bekanntlich den „Faust" in das hebräische übersetzt, und Jeitteles verkehrte? Man erschrecke nicht über den letzteren Namen, es ist ganz derselbe Jeitteles, dessen Gedichte Beethoven zu dem herrlichen Liede „An die entfernte Geliebte" begeistert hatten. Das Tagebuch vermeldet über die Beiden: „28. Oktober 1818. In den Zwischenacten machte ich die Bekanntschaft des Herausgebers der Modezeitung .... So viel hatte ich bei dem ersten Discurse weg, daß Herr Schicks das Pulver keineswegs erfunden hat und ohne Mitarbeiter wie Heben st reit, Jeitteles und andere helle Köpfe, mit seiner Zeitung zu keiner Bedeutung gelangen würde. — 11. März 1832. Die Parodie „der Schicksalsstrumpf". Das Wesentlichste rührt aus der Feder des Arztes Alois Jeitteles, mehreres von unserem Jeitteles her, und das Geringste brachte Castelli zur Welt. Nun wundert es mich nicht mehr, warum mir diese Parodie der Schuld uns aller Schicksalstragödien so gefallen könnte. Mir war es stets ein Räthsel, daß der flache Castelli, dessen Geburten fast nichts sind, als gemeiner Volkswitz, so einen gei st r ei chenStrumpfhabe stricken können. —- 29. November 1835. Jeitteles wird Mitarbeiter der Zeitschrift, die L e m b e r t herausgibt. Auspicien für den „Telegraphen", w enn s o l ch e Köpfe, wi e I e i t t e l es, sich der Sache .annehmen. .

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