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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1 ■' Sette 703 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Wir fordern Sie daher auf, ans Ihrem Platze als Abgeordneter aus;uharrm. Wenn jedoch politische Grund«', deren Berechtigung wir als Fernstehende nicht zu bcurlheilen vermögen, die Äiederlegung Ihres Mandates dennoch zu einer unausweichlichen Nothwendigleit machen sollten, dann rechnen wir, hochgeeh'ter Herr, mit Bestimmthcit darauf, daß Sie sich neuerlich um-das Mandat des Slädtewahlbczirkes Kolomea-Buczacz-Snyatin bewerben werden, rend in diesem Falle werden Ihre Wähler wie Ein Mann treu zu Ihnen stehen und Ihnen — so Gott will! trotz aller Anfeindungen und Jntriguen wieder zum Siege verhelfen! (Folgen die Unterschriften.) Dr. Josef S. Bloch antwortete mit nachstehendem Schreiben: An die geehrten Wähler des Reichsraths-Wahlbezirkes Kolomea Buczacz Sniatyn. Die Wünsche und Gesinnungen, welche Sie in Ihrer geschätzten Zuschrift zum Ausdruck bringen, verpflichten mich zu tiefem und innigem Danke, denn dieselben sind ein Beweis Ihres ungeschwächten Vertrauens zu Ihrem bisherigen Abgeordneten und bestärken ihn nur neuerlich in dem Bewußtsein, seine Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt zu haben. Zahlreiche Zuschriften, welche im Laufe der letzten Wochen aus allen Theilen des Landes an mich gelangt sind, fordern mit Nachdruck, daß ich auf meinem Platz ausharre. In Erinnerung an die Gewaltthätigkeiten und Pöbelexcesse, welche aus Anlaß der letzten Reichsrathswahl eigens dazu veranstaltet wurden, um die jüdischen Wähler von der Wahlurne fernzuhalten, in Erinnerung an die traurigen Menschenopfer, welche jene Reichsrathswahl gekostet hat, wird an mein Pflichtgefühl appellirt, das Recht der Wähler vor dem Reichsrathe zu vertherdigen. Die angekündigte Resignation wird als „feige Flucht" verurtheilt, als schnöder Verrath an denen, die chr Vertrauen mir zugewendet und für meine Wahl unter den größten persönlichen Opfern und Gefahren gewirkt haben. Da ich nichtsdestoweniger nach wie vor an den Gedanken'festhalte, vor Beginn des neuen Sessionsabschnittes das Mandat in die Hände der Wähler zurückzulegen, so fühle ich mich verpflichtet, die Gründe dieses Entschlusses darzulegen. Was die Legalttät der Wahl anlangt, so habe ich gegenüber den leitenden Männern des Polenclubs stets betont, es sei nicht mein Wunsch, daß man zu meinen Gunsten etwa irgendwie ein Unrecht beschönige oder vertheidige, sondern ich verlange lediglich gegen Unrecht und Vergewattiguug geschützt zu werden. Das wurde mir auch zugesagt. Bis zu dem letztenTage des abgelaufenen Sessionsabschnittes hatte es den Anschein, als ob dieses Versprechen eingelöst würde, und als der Referent, welcher im Legitimationsausschuß über die Wahl von Kolomea bestellt worden, erklärte, der polnischen Sprache — in welcher die Acten abgefaßt find — nicht hinreichend mächtig zu sein, wurde zur objectiven Prüfung der Acten auf Befürwortung nicht blos der polnischen Ausschußmitglieder, sondern auch der Mitglieder des Hohenwartcürbs (Dr. E b e n h o ch) und der liberalen Partei (Baron Sch ars chmidt) ein eigenes Subcomite gewählt. Einstimmig betonte man die Notwendigkeit, gegenüber dem antisemitischen Terrorismus den Standpunkt des Gesetzes und der objectiven Gerechtigkeit festzuhalten und zu schützen. Allein noch bevor den Mitgliedern des Subcomitss die Wahlacten zugänglich gemacht worden, ehe sie noch in der Lage waren, irgendwie Einsicht in die Acten zu nehmen, geschweige denn irgend ein Urthei! zu schöpfen, trat der Obmann des Polenclubs an mich mit dem Ansinnen heran, das Mandat freiwillig zurückzulegen — ohne Rücksicht auf den Inhalt der Acten, ohne Rücksicht auf das Ergebniß der erst im Laufe der Herbstsession vorzunehmenden Prüfung derselben. Welche Einflüsse diesen Situationswechsel plötzlich herbeigeführt haben, ist mir unbekannt. Herr v. Z a l es ki moti- Nr. 39 virte sein Verlangen mit einem Versprechen, welches er dem Prinzen Liechtenstein verpfändet habe, mich zur freiwilligen Niederlegung des Mandates zu veranlassen. . Da Herr v. Zaleski für den Fall meiner Weigerung, seinem Ansinnen zu entsprechen, die unbedingte Annullirung des Mandates in Aussicht stellen zu dürfen glaubte und es in seiner Macht als Obmann des Polenclubs gelegen ist, einen solchen Beschluß ohne Rücksicht auf Inhalt und Beschaffenheit der Acten herbeizuführen, so war ich gezwungen, der gegen mich geübten Gewalt zu weichen und die Verzichtleistung auf das Mandat in Aussicht zu stellen, welches ja ohnehin in dem Augenblicke keinen Werth mehr für mich besäße, wo ich verhindert würde, es mit vollem Nachdrucke und gemäß den Intentionen meiner Wähler auszuüben. Meine Wähler werden mir das Zeugniß nicht verweigern, daß ich, unter den schwierigsten Verhältnissen von der schwankenden Grundlage eines bestrittenen Mandates aus unausgesetzt mit geheimen und» offenen Widersachern kämpfend, auf mich allein angewiesen, meine parlamentarische Pflicht zu erfüllen strebte. Dies hat die ungezügelte Wuth der Reactionäre innerhalb aller Parteien gegen mich entfesselt und der seither unendlich gesteigerten Macht dieser Reactionäre, deren Gunst zu gewinnen meinem Talent versagt bleibt, falle ich zum Opfer. Geehrte Wähler! An Ihnen wird es nunmehr sein, sich die Frage vorzulegen, weshalb ich dem Prinzen Liechtenst e i n und seinem Anhänge geopfert werde, und nach Maßgabe der Entscheidung dieser Frage Ihre Neuwahl zu treffen. Es ist wohl für jeden Kenner der Sachlage zweifellos, daß unter allen jüdischen Mitgliedern des Reichsrathes ich den Antisemiten der unbequem st e Jude gewesen bin, und zwar deshalb, weil ich durch meinen Beruf in den Stand gesetzt war, die Verleumdungen der jüdischen Lehre und Geschichte wissenschaftlich zu entkräften und die Verdächtigungen der jüdischen Gesammtheit zu widerlegen, und weil ich überdies die Entschlossenheit besaß, die Entkräftung und Widerlegung der antisemitischen Lügen und Entstellungen ohne Rücksicht auf höhere Wünsche prompt zu besorgen. Einen weniger mit unserer Lehre und Geschichte vertrauten Juden, einen zahmeren Juden wird man sich vielleicht gern an meiner Stelle gefallen lassen, diesem soll ich Platz machen, deshalb und nur deshalb werde ich geopfert. Aber ich glaube nicht, daß ein solcher zahmerer Jude, daß heißt ein solcher, welcher die Verunglimpfungen des Judenthums nicht widerlegen kann und will, sich Ihnen als meinen Nachfolger anbieten wird, noch glaubeich, wenn er dies thäte, daß Sie ihn wählen würden. D(es hieße einen siegreich behaupteten Posten preisgeben. Denn ich scheide nicht als ein Besiegter, man annullirt meine Wahl, meine Nachweisungen der antisemitischen Fälschungen und Entstellungen waren nicht zu annulliren, denn sie enthielten die Wahrheit. Dieser Wahrheit bin ich weiter zu dienen entschlossen, und es ist gewiß keÄe Anmaßung, wenn ich mich für am meisten geeignet erachte, den Kampf mit den antisemitischen Strauchrittern fortzusetzen, denn man wird mir, wie bisher, diese zweifelhafte Ehre und dieses noch zweifelhaftere Vergnügen gern überlassen. Deshalb ersuche ich Sie, geehrte Wähler, von Neuem um Ihre Stimmen. Nicht um meine Rechtfertigung und Ehre ist es mir zu thun, sondern um die Rechtfertigung und Ehre des Judenthums, das ich gegen die Verdächtigungen und Verleumdungen der Antisemiten vertheidigt habe. Soll Schneider Recht behalten oder ich? — das ist die Frage, über welche Sie zu entscheiden haben. Lassen Sie sich über den Kern dieser Frage nicht durch die Versicherung täuschen, daß man statt meiner Ihnen wieder einen Juden concediren wird, einen Juden, der das Placet des Prinzen Liechtenstein und Schneiders erhalten soll und der desselben würdig ist. Stehen Sie treu zu mir, wie ich treu und unerschrocken auf dem Posten ausgeharrt habe, auf den Sie vor Jahren nach meiner Zurückweisung

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