Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 39. Dl*« BIOCH S Jahrgang XII. Centralorgan für die gesummten Interessen des Iudenthums. -- Wien, 27. Septembers!895. --4—r- Erscheint jeden Freitag. - - Man abonniri bei allen Postanstaltrn des Ih- und Auslandes. Inhalt: Leitartikel: Das Reichsrathsmandat im Wahlbezirk Kvlomea-Buzzacz-Sniatyn. — Zur Luge in Wien. — Väter und Söhne. Ein Mahnwort. — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. — Der Religionsunterricht und die Apostasie. — Aufruf. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ministerpräsident Baron Banffy und Jontel Kahne. Jüdische Soldaten. Ein edler antisemitischer Priester. Ein Mißtrauensvotum gegen den Antisemiten Dr. Kaiser. Das Ende des Vereines „Zum heiligen Petrus". Das Märchen vom Ritualmord. An die Spender und Gönner des „Ferienheim". Der erste semitische Bürgermeister von Groß-Wien. Auszeichnung eines israelitischen Lehrers durch die theologische Facultät zu Berlin. Ueber einen antisemitischen Parteiführer und Wucherer Namens Sedlatzeck. Chinesisch. Der Grazer Lueger. Herrvon Hammerstein. Hammerstein — ein Opfer der Alliance Israslite. Hammerstein und Witte. Der Steckbrief gegen Herrn von Hammerstein. — Jsral Meisels. Dr. Adolf Josef Pick. — Correspond e n z e n: Wien, Saybusch, Steyr, Budweis, Prag, Pohrlitz, Agram, Brabec, Budapest, Brody, Berlin, London, Constantinopel, New-Aork, Capstadt. Vermischtes: Wien, Tobitschan, Klosterneuburg, Franzensbad, Klasno, Badovice, Prag, Amsterdam. Die Rückkehr. — Alte Kleider. — Briefkasten. — Inserate. ■ -. Bepjgsprrts für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzelexemplare 2b kr. Wr'» Ausland: halbjährig » fl. 10 Kr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. U . -.=% A. ft. Poysparftaffen-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Ledsrtion und Administration: Wien »., Untere Nugartenstratzr 1 a. Telephon-Nr. 6535. *.- .■■-=* Das Reichsrathsmandat tm Wahlbezirk Rolomea-Ourzarz-Sniatyn. Dem bisherigen Abgeordneten des genannten Wahlbezirkes ist nachstehende Zuschrift mit mehreren hundert Unterschriften zugemittelt worden: Se. Hochwohlgeboren Herrn Dr. Josef S. Bloch Reichsrathsabgeordneter Wien. Hochverehrter Herr! Mit schmerzlichem Erstaunen haben die Wähler des Städtebezirkes Kolomea-Sniatyn-Buczacz vernommen, daß Sie die Absicht haben, das Reichsrathsmandat noch vor dessen gesetzlichem Ablaufe uiedcrzulegen. Noch größer aber ist unser Erstaunen über die Gründe, welche Sie für die Nothwendigkeit dieses Schrittes geltend machen und welche sich kurz dahin zusammenfassen lassen, daß der reichsräthliche Polenclub, dem von antisemitischer Seite ausgeübten Terrorismus nachgebend, einer Verhandlung über den gegen Ihre Wahl vorliegenden Protest aus dem Wege gehen will. So sehr wir auch die persönliche Selbstverleugnung, welche Sie in dieser schwierigen Lage bekunden, anerkennen müssen, so wenig vermögen wir doch die für den Mandatsverzicht angeführten Gründe zu billigen. Gestatten Sie, hochverehrter Herr, daß wir Sie zunächst an eine schwer in's Gewicht fallende Thatsache erinnern, an die Thatsache, daß Ihr Mandat mit dem Blute Ihrer Wähler erkauft ist, daß diese vielfach Leben, Gesundheit und Existenz in die Schanze geschlagen haben, um Ihnen zum Siege zu verhelfen. Ein so errungener Sieg erlegt heilige Pflichten auf, und zum ersten Male zwingt uns unser Abgeordneter, ihn an seine Pflichten zu mahnen. Die innige Verehrung, welche wir für Sie heg^n, die gewohnte Unterordnung unter Ihre kluge und bewährte Führung können uns nicht bestimmen, in diesem Falle Ihren Entschluß gutzuheißen. Wir müssen unsere Stimme erheben und Ihnen sagen, daß es Ihre Pflicht ist, gerade im jetzigen Augenblick auf Ihrem Platze auszuharren, denn nicht blos um Ihre eigene, sondern auch um die Ehre Ihrer Wähler handelt es sich. Wahlproteste können niemals den Abgeordneten persönlich. sondern immer nur die Partei oder Wählergruppe treffen, welche ihn auf den Schild gehoben hat, und der Abgeordnete hat in solchem Falle direct die Pflicht, seine' Wähler gegen ungerechte Anklagen in Schutz zu nehmen und die Legalität der Wahl zu vertheidigen. Höher noch als seine eigene Ehre muß ihm die seiner Wähler stehen! Und Sie wollen sich der Pflicht entziehen, fudnns Zeugniß abzulrgen? Nein, hochverehrter Herr, das dürfen Sie nicht und wir als Ihre Wähler sprechen Ihnen direct das Recht dazu ab! Sie waren ja sonst nie der Mann, der sich durch das Lärmen und Schreien der Gegner hätte einschüchtern lassen und — verzeihen Sie unsere Offenheit — wir begreifen darum umso weniger, was Sie heute zu einem Rückzuge ohne Schwertstreich bestimmen könnte. Sie wissen selbst am besten, wie ungerechtfertigt, wie lächerlich die gegen Ihre Wahl erhobenen Einwendungen sind. Man sagt, daß Todte in die Wählerlisten eingereiht wurden. Wohl hat es Todte gegeben, aber nicht vor der Wahl, sondern nach derselben. An der Spitze des Magistrates von Kolomea stand damals als Bürgermeister ein christkatholifcher, national gesinnter Pole, der aus seinen Sympathien für Ihren Gegencandidaten Grafen Starzenski kein Hehl machte. Und dieser Mann sollte zu Ihren Gunsten Verstorbene in die Wählerliste eingereiht haben? Seit dem Bestände der Verfassung hat der Städtewahlbezirk Ko'omea-Buczacz-Sniatyn stets Abgeordnete jüdischer Eonfession in den Reichsrath entsendet. Es besteht hier eine absolute Majorität jübischer Wähler, und es wäre geradezu eine Fälschung der thatsächlichen Verhältnisse, wenn der entscheidende Einfluß dieser Majorität nicht in der Person des Abgeordneten zum Ausdrucke käme. Allerdings ist bei den letzten allgemeinen Reichsrathswahlen der Versuch gemacht worden, eine künstliche Majorität zu schaffen man hat Judenexcesse veranstaltet und die christliche Bevölkerung, zu Gewaltthätigkeiten aufgereizt, um die jüdischen Wähler an der Ausübung ihres Wahlrechtes zu verhindern, und die Letzteren konnten nur mit Lebensgefahr ihre Stimmen für den Mann ihrer Vertrauens abgeben. Dennoch ergab das Wahlresultat 2128 Stimmen gegen 1788, also eine Majorität für uns von nahezu 350 Stimmen. Wenn Mißbräuche und Nngesetzlichkeiten vorgekommen sind, so sind dieselben wahrhaftig nicht auf Rechnung der jüdischen Wähler zu setzen, welchen man ein wahres Martyrium bei der Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte auferlegte. * Ihr Rücktritt hätte noch einen Anschein von Recht, wenn die erste Instanz, nämlich der Legitimationsausschuß des Abgeordnetenhauses, einen Ihre Wahl in ungünstigem Sinne tangirenden Beschluß gefaßt hätte. Aber dies ist nicht der Fall. Im Gegentheil, wir leben in der festen Zuversicht, daß eine unbefangene Prüfung der Acten die volle Rechtmäßigkeit der Wahl ergeben müffe. Nichts, aber auch rein gar nichts liegt heute vor, als das blöde Geschrei der Lueger und Schneider, daß die Reichsratswahl im Städtewahlbezirke Kolomea-Buezacz-Sniatyn eine angebliche Schwindelwahl gewesen sei. Sie dürfen dem Terrorismus von Leuten nicht weichen, welche sich durch Ihre Anwesenheit im Parlament genirt fühlen, die mit Verleumdungen gegen die jüdische Religion und das jüdische Religiovsschrifthum sich etwas zurückhallen müssen, so lange noch Einer dabei sitzt, der in diesen Dingen wohl Bescheid und mit der Fackel der Wissenschaft ihnen heimzuleuchten weiß. Die Niederlegung Ihres Mandates — wir scheuen uns nicht, cs bei aller Ihnen schuldigen Achtung anszusprtchen — wäre eine Pflichtvergessenheit gegen Ihre Wähler und gegen alle Ihre Glaiibensgnossen, und einer solchen können und werden Sie sich nicht schuldig machen.