Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 38 (18.9.1895)
- Date
- 1895-09-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite K99 Leipzig. (Dr. MoritzBrasch) ist dieser Tage unerwartet in Leipzig gestorben. Mit ihm ist ein Schriftsteller von vielseitigstem Wissen und Können aus dem Leben geschieden. Hauptsächlich vertrat er ein nicht häufiges Genre, das des philosophischen Feuilletonisten, der es verstand, den schwersten Stoffen eine leichte und gewandte Form zu geben. Vom philosophischen Standpunkt aus hat er sich mit Schiller wie mit Laffalle beschäftigt, über Mendelssohn und Schopenhauer u. A. hat er Monographien veröffentlicht und viele dramaturgische und ästhetische Themata behandelt. Sein praktisches Wirken hat er längere Zeit der Redaction von Brockhaus' Conversationslexikon geliehen. Brasch, ein geborener Leipziger, der auch immer gern im Dienst schriftstellerischer Berufsinteressen gestanden, hat ein Alter von nur 52 Jahren erreicht. Berlin, 8. September. Herrn Regierungsrath Dr. Bernhard Weinstein, der auch Privatdocent in der philosophischen Facultät der hiesigen Universität und Mitglied der kaiserlichen Normal-Aichungscommission ist, ist das Prädicat „Professor" beigelegt worden. Regierungsrath Weinstein ist in der Normal-Aichungscommission Nachfolger des unvergessenen Regierungsrathes Löwen Herz, der in der Blüthe der Jahre dahingerafft wurde. Jnotvrazlatv, 7. September. Herr Rentier W o l f s o h n hat 500.000 M. zur Erbauung eines jüdischen Krankenhauses gespendet. Berlin, 14. September. Gegen den aus dem Proceß L e u ß bekannten Antisemitenführer Dr. S ch n u tz in Hannover ist das Strafverfahren wegen Unterschlagung eingeleitet. Wegen seiner Beziehungen zur Frau Schnutz schwur der Reichstagsabgeordnete Leuß einen Meineid, der ihn auf vier Jahre in's Zuchthaus brachte. Berlin, 8. September. Zu Justizräthen wurden in dieser Woche ernannt die hiesigen Rechtsanwälte Dr. jur. Sobernheim, Gimkiewicz, Felix Kaufmann und Dr. jar. Goldschmidt, der Sohn des sel. Rabbiners Dr. Goldschmidt in Leipzig. New-Aork, 28. August. In den nächsten Tagen wird ein hochinteressantes Buch zur Ausgabe gelangen, das Herrn Simon Wolf in Philadelphia zum Verfasser hat. Dasselbe behandelt, wie sein Diel: „Der amerikanische Jude alsPatriot undSoldat" besagt, den Antheil der Juden an den Kämpfen der Vereinigten Staaten von der Begründung bis auf die Gegenwart. New Aork, 2. September. Seit dem 1. d. M. erscheint hier unter der Redaction des Herrn Dr. Michael Singer ein neues jüdisches Blatt „Der Jude" (Ibe Jew). Feuilleton. Alte Kleider? (Fortsetzung.) Schnell bildete sich um uns eine Gruppe neugieriger Gesichter „Was kuckt 'r? — Habt 'r noch nischt ä lebendigen Goi') gesehen?" — „Ich bin kein Goi, liebster Aron, ich bm ein Jude" — „E soi!! — Nu also — ä Jüd habt 'r doch ewadde* 2) schon gesehen — Sagen Sie nur, geehrter Herr, haben Sie nicht etwas Verwandte oder Bekannte, wo Sie mich hiurecommandiren können? — Sie wissen doch, — ich zahle die höchsten Preise baar!" — „Ich werde mich für Sie interessiren, Herr Aron" — und drehte mich, des trockenen Tones satt, zu einer Gruppe handelnder Leute. Alle möglichen Kleidungsstücke wurden da ausgekramt, betastet, taxirt — „A nagelneier Rock — noch warm — for den Muff und den Umhänger möcht ich der'n allenfalls geben —" — „haste Geschäft — ä Chochim!3 *) — for dos Röckel? — Wer tragt denn ä so was noch? — Nicht ä Poschet ^) werth" — „Nu, Mauschelchen," dreht sich der Mann um — „Du siehst doch aus wie ä Kenig — wie kommste zu der Eleganz — auf einmal ä neien Hut aus altem Filz —? — Und die Patschkajims. 5) ') Christ. 2) sicher. 3) kluger Mensch. *) das Geringste. •) Beinkleider. — Gar — hochfein — geh nur nischt in'n Regen damit, sonst kommste mit die halben Hosen nach Haus." Der Angeredete drehte sich mit den Worten um: ,.ä fainer Witz!" — Eine Officiersuniform nahm mein Augenmerk in Anspruch. Ich hatte geglaubt, daß diese mehr Interesse Hervorrufen würde, aber nein — „Wer kaust ä Officiersuniform!" — „A Gemeiner ist kein Officicr und ä Officier kauft keine alte Sachen — also for wen?" — „In Afrika können sich die schwarzen Leit ä Jontef') damit machen — aber hier?" gab mir ein die Uniform besehender Mann auf meine Frage, wer so etwas kaufe, zur Antwort. „Ei weh — die Sarah kommt!" damit stürzte er einer mit einem großen Bündel beladenen Frau entgegen. „Wer ist Sarah? —" — „Die kluge Sarah! Sie kauft am besten ein, sie taxirt am besten, und sie weiß am besten, wohin mit der 'Schaure!2) — Im Augenblick war auch Sarah umringt von 20 Leuten, so daß sie sich erll mit ihren Ellenbogen energisch Lust machte, mit der Schürze den Tisch abwischte und wortlos die Sachen auspackte! — Wäsche, Unterröcke, Ballkleider — Damenhauben — Ballschuhe — Tricots — Straußfedern — Corsets — Alles durchen-andir. Sie hatte die Gegenstände wie zur Ausstellung auf einen großen Tisch ausgebreitet, und jetzt ging das Befühlen und Besehen los. Wehe Dem, der die Sachen „nischt anständig" behandelte. Sie rieß ihm solche sofort aus der Hand, mit den Worten: „For Enk2) Hab' ich überhaupt nischt!" — Dem verkaufte sie nichts, und wenn er ihr mehr als alle Andern bot. Die Leute dort refpectirten sie ungemein, sie war tonangebend für die Tendenz der Börse; war sie flau gestimmt, dann konnte man überhaupt keine Preise erzielen. Diese Stimmung ----- Schwankungen aber benutzte Wolf Ruffer. War die Börse flau, so kaufte er Alles auf und exportirte die Sachen nach Brasilien. — Sarah und Ruffer waren Feinde, geschäftliche Feinde, keine Concurrenten, sondern Jeder wollte den Markt beherrschen. Da Ruffer aber ein wohlhabender Mann war und Sarah, die eine Familie von elf Köpfen zu ernähren hatte, dieses nicht war, so hatte Ruffer doch die Oberhand und ließ es der Sarah auch manchmal fühlen oder Sarah redete es sich ein, daß er sie das fühlen lassen wolle. Ruffer stand von seinem Platze auf,urollte sich eine Cigarette, stellte sich drei Schritte ungefähr zur Seite von dem Tisch, auf dem Sarah's Maaren lagen — blies dicke Rauchwölken in kräftigen Zügen und sah mit einem verschmitzten Blick nach rechts auf die alten Sachen. Er verstand etwas, der Wolf Ruffer!! — „Hm, ist das ä gerissener Jung! — Was meinen Sie, mit ä Kuck^) sieht er mehr, wie die ganze Leit hier zusammen, nor die Sarah ist ihm gewachstn — in fünf Minuten werden Se sehen, geht der Tanz los!" sagte mir Aron, der sich mir attachirt hatte. „Sehen Sie, wie sie hinschielt auf Ruffern? Sie thut so, als wenn sie ihm nischt ansieht, — und er so, als wenn er sie nischt anfieht — sie wollen sich nischt zu erkennen geben! — Verstehen Se, was ich mein, geehrter Herr?' Ich nickte zustimmend. Sarah hatte fast ihren halben Kram verhandelt, Jeder kaufte was er brauchte, mit der anderen Hälfte aber schien sie fitzen zu bleiben. „Ruffer's Kunststück gewiß," sagte sie zu einem Nebenstehenden. „Er hat mer gewiß meine 'Schaure vermißt, der Chasserkopf2) der". — „Was wollen Se?" frug Ruffer, der ein sehr feines Gehör hatte, „ich kümmere mer um Ihre Maasses 6) nit ä so viel! Daß Se Bowel einkaufen, dafür kann ch nischt. müssen Se eben lernen." — „Bon Ihnen gewiß, Herr Ruffer. — Ich brauch zu lernen von Herrn Ruffer! — Spaß! — Möcht ich aussehen! — Soll mich Gott davor bewahren! Wollen Se was handeln?" wandte sie sich zu mir. „Haben Se gehört, ich soll lernen von ihm, sogar sehr gut. — For Wolf Ruffer habe ich überhaupt eine Waare, verstehen Se mich, Herr Ruffer? Expertiren Se Ihre Sachen nach Meschugatien 7), meine Waare bleibt hier." Damit rollte sie den Rest ihrer Sachen ärgerlich zusammen und setzte sich an einen kleinen Tisch, der in der entferntesten Ecke des Locales stand. „Geben Se mer ein Glas Bier, Herr Wolfsohn" — so >) Feiertag. 2) Waare. *) Euch! 0 Blick. *) Schweinskopf. 8) Angelegenheit. 0 Fantasiename, vielleicht in's Land der Verrückten.