Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 38 (18.9.1895)
- Date
- 1895-09-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 696 Dr. Blvch's Wochenfchrifl. Nr. 38 Berlin, 16. September. Nebst Graf Wälder fee verliert auch Baron Monteuffel eine beträchtliche Summe Geldes bei H a m m e r st e i n. Zur Affaire Hamm er st ein erfahre ich noch, daß weitere Enthüllunqen bevorstehen, insbesondere über sein Verhältniß zu Flora G a ß. der er sich als Witwer vorgab und dessen Folgen er zu verhindern versuchte. Es dürfte Vieles bekannt werden, obwohl er die genannte Person mit Hilfe hochgestellter Freunde zum Schweigen zwingen wollte. Correspondenzen. Wie«. (Abenteuer einesWieners in Kiew.) Einem Wiener Geschäftsmann, der vor wenigen Tagen von einer Geschäftsreise in Rußland zurückkam, verdanken wir folgende intereffante Mittheilungen: Mein Paß wurde im Ganzen sechsmal revidirt; zuerst beim Wiener Eonsulat, man legte mir, der ich Israelit bin, bier nahe, mich als confessionslos anzugeben, doch durfte ich mich dieser Gefahr nicht aussetzen, da ich in Rußland Verwandte habe, bei denen eine Anfrage genügt hätte, um die Unwahrheit der Angabe an's Tageslicht zu bringen. Ich erhielt also in die Rubrik Confesiion die Angabe: ..Er i st E b r ä e r!" Nach meiner Ankunft in Kiew logirte ich mich in dem ersten Hotel der Stadt in der Kreuzstraße ein. Mein Paß mußte zum Eigentbümer des Hotels geschickt werden; dieser erschien zu meinem Erstaunen in der Nacht in meinem Zimmer und erklärte mir. ich müsse sofort sein Hotel verlassen, da in einer Straße, die den Namrn Kreuzstraße hat und zum Kloster führt, kein Jude sich aufhalten dürfe. Was sollte ich thun. ich verließ das Hotel auf der Stelle und ging in ein Hotel minderen Ranges. Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört das Heilige Kloster, sowie die Katakomben, die an Größe diejenigen von Paris und von Rom übertreffen. In Begleitung zweier Russen besuchte ich diese Stätten. Plötzlich erschien ein Polizist hinter mir und forderte mich auf. mich sofort zum Generalgouverneur zu begeben, ich folgte selbstredend dieser Aufforderung. Ich mußte meinen Paß zeigen und wurde nun hochnothpeinlich befragt, zu welchem Behufe ich in den Katakomben und im Kloster gewesen sei. Ich antwortete der Wahrheit gemäß, ich hätte die Sehenswürdigkeiten Kiews bewundern wollen. Zu meiner Freude erhielt ich nun den scharfen Verweis, mich nicht mehr um „re l i g i ö s e Sehenswürdigkeiten" zu kümmern, gleichzeitig aber wurde der Wunsch ausgedrückt, „ich möge meine geschäftlichen Angelegenheiten sehr bald ordnen". Wie gern ich dieser Aufforderung nachkam, läßt sich denken! Noch ärger erging es zwei Bekannten von mir. die auf der Straße — Notizen machten, sie wurden per Schub an die Grenze gebracht. Ein Oesterreicher, der photographisch das Kloster aufnahm, befindet sich noch jetzt in Untersuchung! . . . Das sind die Schattenseiten Kiews. Sonst ist die alte Dnjester-Stadt sehr vorgeschritten. Eine elektrische Stadtbahn durchquert die Stadt, das Leben ist sehr billig und die Stadt mit unzähligen Gartenanlagen versehen. Csakaturn. Als ein im Amte ergrauter Lehrer erlaube ich mir die Ausführungen in dem in Nr. 36 dieses geschätzten Blattes mit „Concurse" überschriebenen Artikel einer Kritik zu unterziehen. — Der geehrte Herr Artikelschreiber zählt früher die an einen Rabbiner der Jetztzeit gestellten Anforderungen auf und kommt schließlich zu der mathematischen Formel: Rabbiner — 800: Lehrer 650 + x. — Obschon in dieser Aufstellung selbst dargethan ist, daß der Lehrer mit 150 im Minus bleibt, und das x stets nur als Fragezeichen fungirt; obschon die Lebrerstellen zumeist mit 400—500, — ich kenne Lehrer, die. 40 Jahre und darüber in derselben Gemeinde wirken und es nicht über fl. 500 brachten, — und die Rabbinerposten mit fl. 1000—1200 dotirt sind, so will ich dennoch bei der obigen Formel bleiben, aber auch die an einen Lehrer gestellten Anforderungen. seine Pflichten und Leistungen hinzufügen. — Der Lehrer muß den größten und schönsten Theil seines Lebens unter Kindern verbringen, die er sittlich und moralisch zu erziehen, und denen er die Elementarkenntniffe beizubringen hat. Er hat dem Schulcomite, dem Ortsschulaufseher, dem Bezirksschul-Jnspector und endlich bei öffentlichen Prüfungen über seine Leistungen Rechenschaft abzulegen. Hiebei wird ein gut erreichtes Resultat dem ausgezeichneten Talente der Kinder zugeschrieben, und wenn den Erwartungen einiger Gemeindemitglieder nicht entsprochen wird, einige Zöglinge aus Faulheit und Nachlässigkeit nicht lernten, so schiebt man die Schuld dem Lehrer in die Schuhe. Ist der Rabbiner alldem ausgesetzt? Anständig gekleidet soll auch der Lehrer sein, und kräftig nähren muß er sich, wenn er nicht vor der Zeit aufgerieben werden soll. Er ist infolge dessen gezwungen, das unerquickliche Nebeneinkommen zu suchen. Körperlich und geistig ermattet muß er aus der Schule zu den Privatstunden eilen, wo er erst die Geduld eines Hillel braucht. Ist der Lehrer mit 650 x zu beneiden? — Nun muß er aber auch für seine Fortbildung sorgen, da bekanntlich Stillstand Rückgang ist. Als Lehramtscandidat war er nickt auf Rosen gebettet; denn besser situirte Jünglinge widmen sich nicht dem Lehrfache, und nun hat er weder Zeit, noch Mittel zur Zerstreuung. — Der Rabbiner bekommt freie Wohnung, einen Erziehungsbeitrag für seine Kinder, eine erkleckliche Beisteuer zur Verehelichung seiner Töchter und zweimal im Jahre von den Baledattim freiwillige Spenden, was in den kleinsten Gemeinden gang und gäbe ist; Leichenreden und Trauungen tragen auch etwas. — Wie soll nun die mathematische Formel heißen? Mögen die Concurse wie immer lauten; den Lehrer lasse man ungeschoren. L. Efsegft, 13. September. Die liberale Partei errang gestern bei der Gemeinderathswahl auch im dritten Wahlkörper einen alänzenden Sieg, indem ihre elf Candidaten mit erdrückender Majorität gewählt wurden. Bezüglich des zwölften Candidaten findet Samstag eine Stichwahl statt. Der Wahlpräsident Bartholovich konnte das Wahlresultat erst um 11 Uhr Nachts verkünden. Dienstag erfolgt die constituirende Sitzung des neugewählten Gemeinderathes, Mittwoch die Bürgermeifterwabl. Teplitz. (Ein Haus derBarmherzigkeit.) In der Thermenstadt Teplitz in Böhmen, deren Heilquelle Tausenden leidender Menschen Gesundheit und Lebenslust wiedergegeben hat. stebt ein Haus der Barmherzigkeit, der wahren Menschenliebe. Still und geräuschlos werden daselbst Wohlthaten geübt, wie diese nur eben von wahrhaft frommen, israelitischen Herzen, denen Gemilas Chasodim zum Grundsätze dienen, bethätigt werden. Tausende von armen, in- und ausländischen israelitischen Kranken haben in dieser Anstalt Aufnahme gefunden, haben das köstlichste Gut, die Gesundheit, erlangt und sind dem Leben und ihren Familien wiedergegeben worden. Reine Menschenliebe umfängt jeden Leidenden, welcher in das Haus, das den schlichten Namen „Israelitisches Badehospital" führt, einzieht und neue Hoffnung beseelt den von Gebresten behafteten Körper. Die beste und hingebungsvollste Pflege wird dem unglücklichen, armen und kranken Israeliten zutheil. Diese Institution aewährt durch vier Monate einer Unzahl armen Kranken Obdach, Nahrung, Bäder und die liebevollste, ärztliche Pflege seitens des Leiters, des Herrn Sanitätsrathes Dr. Ignaz Hirsch. Dieser Wohlthäter tröstet durch 25 Jahre bereits diese Aermsten der Armen. Dem jüdischen Wohlthätigkeitssinne würde es wahrlich zur größten Ehre gereichen, wenn auch Jene dieser Humanitätsanstalt gedenken würden, welche mit irdischen Gütern gesegnet sind, aus daß dieses Haus der Barmherzigkeit und Liebe sich erhebe und erweitere und alle Jene aufnehme, die Hilfe suchen, die aber aus Mangel an Raum abgewiesen werden müssen. Wilhelm Stepper. Aus Böhmen. Wer meine Notiz in Nummer 35 dieses geschätzten Blattes gelesen hat. dürfte sich überzeugt haben, daß meine Ausführungen in derselben durch die „Erwiderung" des löblichen Vorstandes des böhmisch-jüdischen Landeslehrervereines in Nummer 37, trotzdem ich in derselben „als vom Wege der Wahrheit abgewichen" beschuldigt werde, keinesfalls sachlich widerlegt wurden. Durch Citirung des § 4 seiner Statuten will mir der löbliche Vorstand des erwähnten Vereines die Behauptung unterschieben, als hätte ich es jemals in Abrede gestellt, daß derselbe berechtigt sei, in seinem Verbände „geprüfte, sowie auch ungeprüfte Lehrer" aufzunehmen. Ich habe vielmehr in meiner Zuschrift ausdrücklich betont, daß unsere geprüften Genossen in gesellschaftlicher und socialer Beziehung unter sich eine geschlossene Kette zu bilden suchen. „Und ist dem auch nicht so?" „Wenn zwei einflußreiche Genossen, von denen der Eine bis vor nicht langer Zeit Vorstandsstellvertreter, der Andere langjähriges Vorstandsmitglied des Landeslehrervereines war und noch gegenwärtig im Curatormm des Pmsionsfondes als Vertreter der Lehrerschaft fungirt, im Hospitale ein actives Vorstandsmitglied besuchen, mit demselben fortwährend freundschaftlich verkehren, während die anderen