Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 38 (18.9.1895)
- Date
- 1895-09-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 692 Dr Blvch's Wochenschrift Nr. 38 liken in protestantischen Ländern, wie Rußland, die Juden verfolgend, sich der angeblich verfolgten Armenier in der Türkei anuimmt. Toleranz, ja volle Gleichberechtigung seiner Glaubensgenossen verlangt es von der türkischen Regierung, während es in der intolerantesten Weise vorgeht und von Gleichberechtigung nichts hören will. Der griechische Kirchenvater Gregor von Nazianz erging sich in den heftigsten Schmähreden gegen den Kaiser Julian, weil er den Christen den Zutritt zu den Bildungsanstalten verwehrte, und die russische Regierung nimmt sich nicht die Worte des gelehrten Erzbischofs von Constantinopel zu Herzen, sondern befolgt das Beispiel des heidnischen Kaisers, des „Apostaten", indem sie den Juden die höheren Studien erschwert oder ganz verbietet. Der Sultan aber übersendete neulich dem Exarchen (Oberhaupt der griechischen Confession in Constantinopel) einen hohen Orden und ließ ihm sagen: „Der Sultan wisse, wie sehr er auf die Treue der Griechen zählen könne und er wünsche, daß ihm zwanzig junge Leute namhaft gemacht werden, die auf Kosten Sr. Majestät für den Staatsdienst zu erziehen seien." So handelt der von Gladstone geschmähte „barbarische Türke". — Wenn wir nun lesen, daß Lord Salisbury jüngst im englischen Oberhause von einer Regierung sprach, „welche zum Menschenglück und Fortschritt nicht viel beiträgt, sondern eher die bedenkliche Tendenz zeigt, Unterschieden des Glaubens und der Race die Zügel schießen zu lassen" und dann hinzufügte, „er babe dieser Regierung den Ernst der Folgen ihres Benehmens begreiflich zu machen gesucht", so wird es einem mit den politischen Jntriguen der Mächte nicht Vertrauten kaum einsallen, daß hier von der Türkei und nicht von Rußland die Rede ist. Aber die Türkei ist schwach und Rußland ist stark. Auch Spanien war einmal sehr stark und suchte den: damals schwachen England seinen Glauben und seine „Toleranz" aufzudringen, und unter den englischen Staatsmännern der Königin Elisabeth, welche die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Vaterlandes vertheidigten, war auch ein Vorfahre des edlen Lord Salisbury. Freilich, die Minister der auswärtigen Angelegenheiten der meisten europäischen Staaten haben jetzt nicht Zeit oder Lust, die Geschichte zu studiren, sonst würden sie anstatt an die Türkei Noten zu richten und sie zur Abstellung von Uebelständen zu mahnen, sich damit mr ihre Collegen im Innern wenden. Man kann den Regierungen Spaniens in früheren Jahrhunderten nicht vorwerfen, daß sie die inneren Angelegenheiten vernachlässigten. Im Gegentheil, sie wendeten ihnen große Aufmerksamkeit zu und waren stets bemüht, alle freiheitlichen Institutionen auszurotten, jede freie Meinungsäußerung unmöglich zu machen. So wurden die Rechte der Cortes immer mehr beschränkt, den Städten der größte Theil ihrer Selbstverwaltung genommen; ein Aufstand in Aragonieu bot (1591) Gelegenheit, die freie Verfassung dieser Provinz in despotischem Sinne umzuändern. Rußland hat es in dieser Beziehung viel leichter gehabt, weil es nur die polnische Verfassung (1831) aufzuheben hatte, um die unumschränkte Autokratie im ganzen Reiche einzuführen, mit Ausnahme Finnlands. Aber auch diese steht nicht mehr so fest, „kann stürzen über Nacht". Freilich, in Uhland's Ballade ist es nicht eine Verfassung, die einstiwzt, sondern das Schloß des „stolzen Königs, an Land und Siegen reich", der das Lied: „Von Freiheit, Männerwürde, von Treue und Heiligkeit .... von allem Hohen, was Menschenherz erhebt", nicht hören mag. Worin aber das russische und das spanische Regierungssystem am meisten einander ähnlich sind, das ist die religiöse Intoleranz; und in beiden Fällen sind es die Juden, welche am meisten darunter litten und noch leiden. Freilich, in Spanien sind nicht wenige der Hinneigung zum Protestantismus Beschuldigte als Ketzer verbrannt worden und in Rußland sind die Katholiken und die sogenannten Altgläubigen auch nicht auf Rosen gebettet, aber die Masseuvertreibung, die Aechtung eines ganzen Volkes war hier wie dort nur gegen die Juden, ein friedliches, loyales Volk, gerichtet. Die Moriskos wurden ja auch aus Spanien verjagt, aber erst nachdem sie im offenen Aufstande besiegt worden waren, ein Aufstand, zu dem sie freilich die Bedrückungen und Verfolgungen durch die spanische Staats¬ und Kirchengewalt getrieben hatten. Das Schicksal der vertriebenen Juden war vor vierhundert Jahren ein viel traurigeres, als das der jetzt aus Rußland Vertriebenen, aber dies ist nicht der größeren Milde der russischen Regierung zu verdanken, sondern der im Laufe von vier Jahrhunderten fortgeschrittenen Civilisation der Nachbarstaaten, in denen jetzt die Juden doch eher Zuflucht und Duldung finden können. Andererseits ist jetzt das Elend viel größer, da aus Spanien nur ungefähr eine Viertelmillion ausgetrieben wurde, während jetzt beinahe fünf Millionen Juden von russischer Intoleranz zu leiden haben. Und in dem Maße, als die Zahl der Verfolgten größer ist, werden die Folgen für die Bedrücker schwerer sein und schneller eintreffen. Voltaire, einer der größten Judenfeinde, hat doch den Ruin Spaniens als Folge der Vertreibung der Juden und Moriskos erklärt. „L’ Espagne s’ est detruite ellememe en chassant les Juifs et les Maures“ schrieb er 'am 30. September 1767 dem Grafen Schuwalow. Ist es nicht merkwürdig, daß er diesen Brief gerade an einen russischen Staatsmann richtete, als er ihm Spanien als warnendes Beispiel vor Augen halten wollte? Freilich, der Philosoph von Ferney lobte in diesem Briefe noch die Toleranz der Kaiserin Katharina; er konnte nicht ahnen, daß Rußland in hundert Jahren so weit — fortschreiten würde auf dem Wege, der 'Spanien zur Schwäche und Verarmung führte. Nun wird aber vielleicht Mancher fragen: Spanien war ja noch beim Tode Philipps II., hundert Jahre nach Vertreibung der Juden, eine Weltmacht, wie kann also diese die Ursache des Verfalls sein? Darauf ist nun Folgendes zu erwidern: 1. Es wurden ja nicht alle Juden ausgetriebeu, viele ließen sich durch Zwang, Ueberredung und weltliche Interessen bewegen, das Christenthum anzunehmen und trugen mit ihrem Fleiß und ihrer Geschäftskenntniß dazu bei, den Verfall aufzuhalten. Dieser konnte erst ganz eintreten, nachdem die ununterbrochenen Verfolgungen durch die Inquisition auch bei diesen „Neuchristen" jede Thatkraft, jede Unternehmungslust ausgerottet hatten. „Die Inquisition verdoppelte ihre Intoleranz und ihre Verfolgungen, mit der Absicht, die letzte Wurzel dieses unglücklichen Volkes ° aus dem Boden Spaniens zu reißen; das theokratische Element triumphirte am Hofe Karls II. (Ende des siebzehnten Jahrhunderts) und das Feuer seiner Scheiterhaufen verzehrte Alles, was nur im Entferntesten seine Eifersucht erregen, seine Allmacht einschränken konnte", sagt Amador de les Rios, ein Spanier und ein Christ, in seinen „Studien über die Juden in Spanien". 2. Die Entdeckung Amerikas fiel mit der Vertreibung der Juden zusammen und seine schier unerschöpflichen Silberminen, die Sklavenarbeit der Indianer brachten den Spaniern mühelos reiche Schätze, mit denen sie die Producte anderer Länder kaufen und große Heere unterhalten konnten. Mit diesen Armeen unterwarfen sie sich einen großen Theil Italiens, das sie dann ohne Erbarmen ausbeuteten. Mit diesem Raubbau in Amerika und Italien konnten sie noch einige Zeit das alte System der Intoleranz und Despotie aufrecht erhalten, bis auch diese Länder wie das Mutterland erschöpft waren und weder Geld, noch Soldaten liefern konnten, endlich ganz verloren gingen, während Spanien ohne Industrie, ohne Volksunterricht, ohne Handel und Verkehr, immer tiefer sank.