Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 38 (18.9.1895)
- Date
- 1895-09-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021100--04900-3029110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 Dr. Blvch's Wochrnfchrist. Seite 691 verschwendet. Es konnte noch eine riesige Flotte zur Eroberung Englands aussenden, aber ihr keinen fähigen Befehlshaber mitgeben. Und Gott wendete sich von dem rechtgläubigen, glaubenseinheitlichen Spanien ab, um das „ketzerische" England zu begünstigen. Die spanische Armada ging zu Grunde, und Königin Elisabeth ließ eine Denkmünze prägen mit einem Vers aus dem Siegesgesange Mosis: Afflavit Jehova et dissipati sunt. Ein halbes Jahrhundert später ging Portugal verloren, seine ausgedehnten reichen Colonien (Brasilien, die Gewürzinseln u. s. w.) waren, während es unter spanischer Mißregierung stand, größtentheils von den ketzerischen Holländern erobert worden. Spanien war nur noch eine Macht zweiten Ranges. Und wieder nach einem halben Jahrhundert war es der kranke Mann, an dessen Bett die europäischen Großmächte saßen, darüber berathend, nicht wie er am Leben zu erhalten, sondern wie sein Erbe zu theilen sei. Und eine dieser Großmächte war das rebellischeHolland, das aus einer kleinen Provinz Spaniens eine Weltmacht geworden war und das, horribile dieru, die aus Spanien vertriebenen Juden gastlich bei sich ausgenommen hatte. Aus dem Erbfolgekriege ging Spanien (1713) arg beschnitten hervor. Es verlor den Rest der Niederlande (Belgien), die Lombardei, Neapel, Sieilien, Sardinien. Burgund und die Franclie comte hatte es schon im siebzehnten Jahrhundert an Frankreich abtreten müssen. Aber es blieben ihm noch die Colonien in Amerika und Asien. Im achtzehnten Jahrhundert war Spanien schon eine Macht dritten Ranges. Die gewagten Versuche Philipp V. oder vielmehr seiner Gemalin Elisabeth, die verlorenen Provinzen wiederzugewinnen brachte ihm nur Spott und Schaden, wenn es ihm auch mit Hilfe Frankreichs gelang, zwei spanische Prinzen zu Souveränen in Neapel und Parma einzusetzen, deren Nachkommen in unserem Jahrhundert vertrieben wurden. Ebensowenig Erfolg hatten die Versuche zu Reformen im Innern. Kaiser Karl VI., der einige Jahre lang in Spanien regierte, wollte dem Lande aufhelfen durch Wiedereinführung der — Juden, Karl III., der viel länger regierte (1759—1788), versuchte es mit Austreibung der Jesuiten. In der That begann sich Spanien unter diesem aufgeklärten, reformsreundlichen König zu erheben und zu veredeln, wie Rußland unter Alexander II.; aber sein Nachfolger mit der Günstlingsherrschaft und der unseligen franzosenfreundlichen Politik verdarb wieder Alles. Auch war das Volk durch die beinahe dreihundertjährige Mißregierung so demoralisirt und verdummt worden, daß es sich gegen die Reformen gleichgiltig und häufiger noch widerstrebend verhielt. Nach dem kurzen Freiheitskriege gegen Napoleon, der nur mit englischer Hilfe geführt werden konnte, und nach einer kurzlebigen constitutionellen Regierung begann im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts wieder die alte Mißwirthschaft mit Intoleranz und Pfaffenherrschaft. Die Inquisition wurde wieder eingeführt, die Jesuiten zurückberufen und ihnen der Unterricht der Jugend anvertraut. Es folgte nun eine fast siebzigjährige Periode von Bürgerkriegen, Militäraufständen und Staatsstreichen; der Staat ward bald absolutistisch bald constitutionell bald republikanisch regiert. Während dem gingen die großen amerikanischen Colonien Mexico, Peru u. s. w. verloren, und dem Mutterlande blieb nur das einzige Cuba. Und wie lange noch wird diese „Perle der Antillen" im Besitze Spaniens bleiben? Seit einem halben Jahre befindet sich die Insel im Aufstande und obwohl sie sich an Einwohnerzahl zum Mutterlande ungefähr so verhält, wie Holland vor drei Jahrhunderten zum damaligen Spanien, so ist ihre Unterwerfung kaum zu erwarten. Bereits hat Spanien die Hälfte seiner Armee hingeschickt und das Resultat war — das Wachsen des Aufstandes. Schon hört man von Widerstand gegen weitere Truppeneinschiffungen und wenn es der Regierung auch nicht an Soldaten fehlen sollte, woher wird sie das Geld zu ihrem Unterhalt nehmen? Den Schullehrern werden schon lange die Gehalte nicht bezahlt, und wie schon im vorigen Jahre die „Allgemeine Zeitung" berichtete, waren hungernde und bettelnde Lehrer keine Seltenheit mehr. Warum ist Spanien mit seinem fruchtbarm Boden, mit seiner von Natur wohlbegabten Bevölkerung, mit allm Bedingungen zum Wohlstand und zur Zufriedenheit so tief gesunken? Gesunken, nachdem es schon eine so hohe Stufe der Macht und des Reichthums erreicht hatte? Schien doch Spanien vor drei Jahrhunderten unüberwindlich und unerschütterlich, in stetem Wachsen begriffen, zur Weltherrschaft bestimmt, wie jetzt Rußland. Aber ein scharf durchdringendes Auge hätte schon damals den Wurm bemerken können, der ini Innern des blühenden, anscheinend von Gesundheit strotzenden Körpers nagte. „Die Staaten," hat ein großer Politiker gesagt, „werden durch dieselben Mittel erhalten, durch die sie gegründet wurden", aber er hätte hinzufügm sollen, daß sie durch den Mißbrauch dieser Mittel zu Grunde gehen. Wiederholt wurden von russischen Politikern Orthodoxie, Autokratie und Nationalismus als die unerschütterlichen Principien des russischen Staatswesens verkündet und diese Dreiheit bildete auch die Grundlage der spanischen Monarchie, wie sie sich aus dem Kampfe gegen die Mauren -herausbildete. Nur wurde der Begriff des Nationalismus bald durch die Ländergier gefälscht, indem man fremde Völker unterwarf und sie gewaltsam der eigenen Nationalität zu assimiliren suchte. Doch ging Spanien im Religiösen fanatischer als Rußland, in politischen und administrativen Angelegenheiten gegen die fremden Nationalitäten vorsichtiger und schonender vor, dafür aber sie finanziell unerbittlich ausbeutend. Trotz der ungeheuren Ausdehnung chres Reiches haben die Beherrscher Spaniens stets an Länderhunger gelitten, stets nach Vergrößerung ihres Besitzes gestrebt und gierig jeden Vorwand benützt, um Eroberungen zu machen. Bald auf Grund irgend eines zweifelhaften Erbrechtes, bald im Namen der Religion, bald unter dem Vorwände, sich gegen drohende Angriffe zu sichern, bemächtigten sie sich ganzer Länder oder Provinzen anderer Staaten, lind wo man mit offener Gewalt nichts ausrichten konnte, nahm man zu Meuchelmord seine Zuflucht und schürte die Rebellion im Nachbarlande. Freilich, die Grafen Egmont und Horn wurden öffentlich in Brüssel hingerichtet und offen schaltete das Blutgericht des Herzogs von Alba; aber gegen den Prinzen von Oranien, dem man nicht mit offener Gewalt beikommen konnte, schickten die spanischen Staatsmänner Meuchelmörder ans Meuchelmörder aus, denen er endlich zum Opfer fiel. Wahrscheinlich glaubten sie, daß ihre Religion ihnen solches erlaube. Ebenso begünstigten und förderten die spanischen Staatsmänner die englischen Rebellen und alle Versuche zur Ermordung der Königin Elisabeth und ihrer Minister. König Philipp II. versprach den Verschwörern, ihnen Hilfstruppen aus Flandern zu schicken, sobald er erfahren haben werde, daß „Babington und seine Freunde in England den Hauptschlag, den sie Vorhaben (die Ermordung der Königin), gethan haben.*) Manche Vorgänge in Bulgarien, die Ermordung von Beltschew und Stambulow, der Proceß Iwanow (Jänner 1894) erinnern an diese dreihundert Jahre alten spanischen Geschichten. Im Namen des Katholicismus suchte man England zu unterwerfen, wie Rußland die Unterdrückung der Dissidenten zum Vorwand nahm, um sich Polens zu bemächtigen. Bei sich zu Hause die Protestanten auf's Grausamste verfolgend, forderte Spanien die Gleichberechtigung der Katho- *) Schreiben Philipps an seinen Gesandten Mendvza in Paris, bei Mignei, Ristoire de Maria Stuart, cap. 10.