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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-18 · 38 (18.9.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
38 (18.9.1895)
Date
1895-09-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 690 Nr. 38 Dr. Bloch's Wochenschrift. Spanien und Rutzland. Der Historiker, sagt man, ist ein rückwärts gewendeter Prophet. Er schildert die Vergangenheit, wie sie ihm erscheint; aber nur selten kann er dasür bürgen, daß die Ereignisse sich gerade so abgespielt haben, wie er sie darstellt. Er sieht nur die allgemeinen Umrisse, die großen Gestalten unter den handelnden Personen, aber die Details, die Motive entgehen oft seinem forschenden Auge. Aber wie die alten Römer ihren Gott Janus mit zwei Gesichtern abbildeten — das eine nach rückwärts, das andere nach vorn schauend — so sieht auch der politische und philosophische Historiker ebensogut in die Zukunft, als in die Vergangenheit. Er erhebt seine Wissenschaft zur Lehrerin der Menschyeit. Die Thaten der Völler in der Vergangenheit, ihre Gesetze, Institutionen und Gebräuche erforschend, zieht er daraus seine Schlüsse für ihre Schicksale in der Zukunft. An dem Beispiele untergegangener oder in Verfall gerathener Staaten zeigt er den blühenden und mächtigen Staaten und Nationen die Fehler 'und Jrrthümer, die sie zu vermeiden haben, um nicht einem gleichen Schicksale zu verfallen. Wohl den Staatsleilern und Nationen, die sich durch die Beispiele der Geschichte belehren lassen. Es wird ihnen ergehen wie den Bewohnern der Stadt Nieweh, „die umkehrten von ihrem bösen Wandel und von dem Unrecht, das sie thaten" und gerettet wurden, obwohl der Prophet Jonas ihnen den Untergang binnen vierzig Tagen verkündet hatte. Jetzt gibt es keine Propheten mehr und noch weniger darf sich ein gewöhnlicher Sterblicher-erkühnen, die Zukunft vorauszusagen. Der Historiker kann nur sagen: „Ein großer, mächtiger, reicher Staat ist durch schlechte, unverständige Leitung im Laufe von nicht zwei Jahrhunderten zu einem kleinen, sckwachen, armen herabgesunken;- ffetzt sehen wir einen ebenso gewaltig großen, mächtigen Staat dasselbe System befolgen, und können daher mit ziemlicher Sicherheit schließen, daß ihn dasselbe Schicksal erreichen wird — wenn er dieselben Wege weiter wandeln wird. Aber die Leiter und Regierer dieses Staates können das Beispiel des Königs von Nieweh befolgen und durch zeitliche Umkehr das drohende Uebel abwenden. Der Historiker wird sich dann nicht wie der Sohn des Amitai kränken, daß seine Prophezeiung nicht eingetroffen; er wird sich vielmehr freuen — wenn er es erlebt — daß eilt großer Staat, „in welchem viel mehr als zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht zu unterscheiden wissen zwischen rechts und links", vor dem Verderben gerettet wurde. „Ich wußte, du seiest ein gnädiger und barmherziger Gott, langmüthig und von großer Huld" sagt der Prophet Jonas; den Grausamen aber ruft der römische Dichter zu, sich das Beispiel der Bestraften zu nutze zu machen und die Götter nicht zu verachten: Oiseite M8titiam moniti, et non temnere divos. Wenn heute ein Jonas, durch die Straßen Petersburgs schreitend, das drohende Verderben verkünden möchte, so würde man ihn wohl als Wahnsinnigen einsperren. „Wie! das mächtige heilige Rußland, von den Ufern der Weichsel bis zum Amur, von dem ewigen Eis des Nordmeeres bis zu den rebentragenden Geländen der Krim sich erstreckend, ein Siebentel oder Sechstel der Erdoberfläche einnehmend, sollte in Gefahr sein, etwas zu fürchten haben! Wer hat so viele Soldaten, so viele Kanonen und Kriegsschiffe wie der Czar?" „ltub was Gott anbetrifft, was kann ihm denn lieber sein als.das orthodoxe, allein den wahren Glauben besitzende russische Volk, das heilige Rußland, in dem alle Ketze/ und Andersgläubige unterdrückt und verfolgt werden und dessen Beruf es ist, das heidnische Europa zu unterwerfen und zu bekehren." Und der Historller, der die stolzen Worte hört, erinnert sich, daß alles dies schon gesagt wurde in einem anderen Staate, vor ein paar Hundert Jahren. Es war nicht lange her, seit die Russen sich von der Herrschaft der Tartaren befreit hatten; es gab noch kein Kaiserreich Rußland, nur ein halb oder ganz barbarisches Großfürstenthum' Moskau, als im Südwesten Europas ein Staatswesen entstand, das in überraschend schnellem Wachsthum bald zu dem Reiche ward, in dem die Sonne nicht unterging. Und es hatte kein unwirthliches Sibirien, keine eisbedeckten Steppen unter seinen Provinzen, ihm gehörten die. schönsten und blühendsten Länder Europas: Das Stammland Spanien, zu dem bald (1581) auch Portugal hinzukam, die reiche Lombardei, das gesegnete Neapel, Sicilien, Sardinien, die Hafenplätze in Toscana, die kunst- und gewerbereichen Niederlande, ganz Südamerika und Theile des jetzigen nordamerikanischen Freistaates, Colonien in Asien und Afrika. Ungeheure Flotten brachten die Silberbarren Perus und Mexicos nach Spanien, dessen Reichthum unerschöpflich schien. Es hatte die tapfersten Soldaten und die eifrigsten Geistlichen, die besten Feldherren und die schlauesten Diplomaten. Und wo es nicht direct herrschte, regierte es durch seinen Einfluß. Der Papst war vom Könige von Spanien abhängiger, als er jetzt vom Könige von Italien ist; die Republik Genua, der Großherzog von Toscana durfte keine andere Politik als die spanische befolgen, Venedig und der Herzog von Savoyen konnten nur mit äußerster Anstrengung ihreMnabhängigkeit behaupten. Die Furcht vor den Türken und die nahe Verwandtschaft mit den deutschen Habsburgern sicherten den Königen Spaniens großen Einfluß auf Deutschland und Ungarn, und es fehlte nicht viel, daß England und Frankreich spanische Secundogenituren wurden. Und wie Rußland hatte auch Spanien seine „Mission", den wahren Glauben zu erhalten und zu verbreiten, die Ketzer und Ungläubigen zu bekehren oder auszurotten. Nur war sein „wahrer Glaube" nicht der orthodox-griechische, sondern der römisch-katholische, und die Scheiterhaufen der Inquisition waren vielleicht ein noch besseres Ueberzeugungsmittel, als Knute und sibirische Bergwerke. Unbeschränkt herrschte der Monarch im treuen Bunde mit der Kirche über die Millionen seiner Unterthanen. Während Amerika erobert und dem Bekehrungseifer ein neues Feld eröffnet wurde, hatte man die Juden, die sich dem Zwange der Bekehrung nicht fügen wollten, aus Spanien vertrieben und bald darauf den noch im Lande gebliebenen Mohammedanern unter Verletzung feierlich geschloffener Verträge nur die Wahl zwischen Auswanderung oder Bekehrung gelassen. Sie nahmen fast alle äußerlich das aufgezwungene Christenthum an, blieben aber im Herzen Moslim, so der Inquisition reichliche Gelegenheit zu Verfolgungen und Beraubungen bietend. Aeußerlich aber war die Glaubenseinheit in Spanien hergestellt und damit schien auch die Größe und Macht des Staates den Gipfelpunkt erreicht zn haben. Wer sollte nicht vor Spanien zittern, das nur einen Gott, einen König und eine Nationalität hatte? Und bot nicht dieser religiöse Fanatismus die beste Garantie für die ewige Dauer, für die stets wachsende Macht und Prosperität Spaniens? Konnten nicht die Spanier, die sich für die besten und wahrsten Christen hielten, deren König den Ehrentitel des Katholischen führte, auf die unwandelbare Gunst und „Dankbarkeit" Gottes rechnen. Und doch ist es anders gekommen: Zuerst, noch unter Philipp II., gingen die Niederlande verloren. Die unüberwindlichen Heere, die mächtigen Flotten des spanischen Riesenreiches konnten das kleine Volk der Holländer, die von den hochmüthigen Granden verachteten Krämer und Handwerker von Amsterdam und Rotterdam, nicht unterwersen. Und die Republik der Niederlande entstand, ein Asyl der Toleranz, stets an Macht, Ansehen und Reichthum zunehmend, während Spanien immer tiefer sank. Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts war Spanien nach Außen noch stark genug, um die Unabhängigkeit Frankreichs und Englands zu bedrohen, aber finanziell war es schon ganz zerrüttet, die Industrie ruinirt, die Reichthümer Amerikas

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