Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-18 · 38 (18.9.1895) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
38 (18.9.1895)
Date
1895-09-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021100--04898-3029108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 38 Dr Vlvch's Wochenschrift. Seite 689 Der Abgeordnete von Bismarck — spätere Fürstz Bismarck — erwiderte ihm: ,,Daß dies (nämlich die Erreichung der christlichen Ideale) nuferem Staate nicht in allen Beziehungen gelingt, das hat der geehrte Abgeordnete aus der Grafschaft Mark in einer mehr scharfsinnigen, als meinen religiösen Gefühlen wohlthuenden, Parallele zwischen den Wahrheiten des Christenthums und den Paragraphen des Landrechtes dargethan. Wenn indeß auch die Lösung nicht iimntr gelingt, so glaube ich doch, die Realisirung der christlichen Lehre sei der Zwecl des Staates." Es ist indessen eine schiese Ausdrucksweise, daß die Verwirklichung der christlichen Lehre nicht immer gelinge. Diese wird vom Staat ja gar nicht erstrebt, im Gegentheu stellt der Staat Forderungen, die der christlichen Idee geradezu zuwiderlaufen. Der Staat fordert von seinen höheren Beamten und Ossicieren das Duell, wer sich einem solchen vorkommenden Falles nicht unterzieht, gilt nicht für würdig, dem Staate zu dienen. In Deutschland haben deshalb vereinzelt fromme Katholiken ihre Stellung als Beamte und Officiere niederlegen müssen?) Hier kann man nicht davon reden, daß dem Staate die Verwirklichung der christlichen Idee nicht gelingt, er hindert sie vielmehr bewußt und planmäßig. Nach der Bibel — dem Alten übrigens wie dem Neuen Testament — gilt das Sammeln von Schätzen nicht für eine besonders gottgefällige That. Wie es im Neuen Testament heißt, daß eher ein Kanreel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in den Himmel kommt, ruft das Alte Testament wehe über den, der Haus an Haus und Feld an Feld reiht. Und wenn dann bei uns das Sammeln von Schätzen durch die- Verleihung von Adelsstand und Titeln, das Reihen von Feld an Feld durch die Genehmigung der Fideicommißbildung belohnt wird, so darf man nicht davon sprechen, daß dem Staate die Verwirklichung der christlichen Idee nicht gelingt. Wahr ist vielmehr, daß er sie hindert, daß er etwas belohnt, was im Sinne dieser Idee keine Belohnung, sondern Tadel verdient. Wer sagen will, er habe ein Ideal nicht erreicht, muß es erstrebt haben. Wie Jemand, der von Wien nach München zu reisen hat, sich nicht damit entschuldigen kann, es sei ihm das nicht gelungen und er sei nur bis Budapest gekommen. Die Juden ließen sich zur Maccabäerzeit von ihren Feinden am Sabbath hinjchlachten, weil ihre Religion ihnen den Kampf am Sabbath verbot. Die modernen Egypter unter Arabi Pascha unterließen es, bei dem Zuge der Engländer nach Tel-el Kebir diese durch Abschneidung des Canals zu gefährden, weil der Koran gebietet, auch dem Feinde das Wasser nicht zu entziehen. Religiöse Don Quixoterie, wenn man will Fanatismus! Aber wieviel weniger unsympathisch wirkt dieser Fanatismus, der sich selbst Ungelegenheiten bereitet und der in Europa unmöglich wäre, als der europäische, der nur an dem Gegner sein Müthchen kühlt. Und gerade weil uns das Vorgehen der alten Juden und der Egypter unsinnig erscheint, ist es für den religiösen Geist der Orientalen im Gegensatz zu der utilitären Lebensauffassung des Europäers bezeichnend. Dort stehen die Gebote Gottes über der Nützlichkeit — in Europa il y a des accomodenients avee le, ciel. In dieser orientalischen Auffassung liegt vielleicht nicht das letzte Wort der Sittlichkeit. Aber sicherlich steht diese Auffassung, welche das Wort Gottes vorkommenden Falles auch als eine Schranke betrachtet, höher als die Gewohnheit, die Bibel als Waffe zu benützen, mit der man den Gegner todtschlägt, im Uebrigen aber Gott einen guten Mann sein zu lassen. Die Kirche erklärte, daß sie nicht nach Blut verlange, ecclesia non sitit sanguinem, und ließ ihren Gegner durch den weltlichen Arm hinrichten, oder sie verbrannte ihn. Das war Wortklauberei. Wer indessen durch das „Wort" l) Der deutschnationale id est antisemitische Rector der Universität in Graz hat 1895 der katholischen Verbindung Carolina bie Theilnahme an einer Universitätsfeier mit „Schlägern" nicht gestattetweil sie die löbliche deutsche Sitte des Schlagens nicht mitmache, ein Unfug, der seitens der „vereinigten Christen" keine Rüge gefunden hat. UM Opfer des eigenen Bortheils geführt wird, der hängt nicht am Wort, sondern der fühlt über das Wort hinaus. Mit der Einbürgerung und Erweiterung der politischen Rechte wurde die Nothwendigkeit, Leben und Lehre in Einklang zu bringen immer stärker in Europa empfunden, bis sie zu starken Gegensätzen in der Bevölkerung geführt hat. Bei den Deutschnatwnalen bäumt sich der Stolz gegen die demüthige Stellung, welche die christliche Religion ihren Bekennerlt anweist, an die Stelle der Knechtgestalt Jehovas sollen die Heldengestalten Wotans und der deutschen Götter treten. Ehrliche Christlich-Sociale, sie könnten sich auch Christen schlechthin nennen, denn das sociale Element liegt im Christenthum wie im Mohammedanismus, Judenthum und Buddhismus, ehrliche Christlich-sociale wollen mit den socialen Ideen des Christenthums Ernst gemacht wissen, wobei sie allerdings innerhalb ihrer Kirche und als Geistliche eventuell mit ihren Patronen leicht in Conflict gerathen. Die Masse der kirchlich Gesinnten sucht den Riß zwischen Leben und Lehre zu verbergen, statt ihn zu heben. Endlich suchen große Volksmassen unter Abwendung von der Kirche, die ihnen gegenüber stets als die Kirche der Mächtigen auftrat, den socialen Ideen des Christenthums zur Verwirklichung zu verhelfen. Es ist sehr bezeichnend für den aristokratischen Charakter der geschichtlich gewordenen christlichen Kirchen, daß gerade die Massen in bewußten Widerspruch zu ihr getreten sind, die sonst weit zuverlässigere Stützen einer religiösen Gemeinschaft sind, als die oberen Zehntausend. Ebenso bezeichnend, daß erst aus dem Streben der Massen Anknüpfungen an die Idee des Urchristenthums stattfinden, wie man denn die französische Revolution als die Quelle dieser Belebung des Christenthums, dieses Neochriftianismus ansehen kann. Im Jahre 1893 fand in Chicago ein Religionscongreß statt?) Auf diesem faßte der Brahmo-Somaj Chimdur Mozoomdur den Unterschied zwischen Ost und West in folgende Worten zusammen: „Ihr im Westen arbeitet rastlos und Euere Arbeit ist Euer Gottesdien st. Wir tm Osten meditiren und beten stundenlang, und der Gottesdien st i ft unsereAr beit. Eines Tages vielleicht, wenn dieses Parlament seinen Erfolg erreicht haben wird, mag sich der Mann des Westens mit dem Mann des Ostens verbinden, ihre Stärken gegenseitig aufrechtzuerhalten und ihren Schwächen gegenseitig abzuhelfen. Und dann mag jene segensreiche Synthese der menschlichen Natur herbeigeführt werden, welche alle Propheten vorhergesagt, alle gottergebenen Seelen ersehnt haben." Inzwischen wird der Europäer dahin streben müssen, in sich selbst die Synthese zwischen dem Mann des Westens und des Ostens, zwischen der Lehre des Orients und dem Leben des Occidents herbeizuführen. Er wird sein Leben wandeln müssen oder seine Sittenlehre. Christus wird über Hermann den Cherusker siegen müssen oder dieser über jenen. Von dem Ausgang dieses Kampfes wird die Zukunft Europas abhängen. ') Auf diesem Religionscongreß waren zum ersten Mal Vertreter aller größeren Religionen, Katholiken, Protestanten, Griechisch- Katholische, Juden, Brahmanen, Shintoisten, Muhammedaner:c. friedlich vereinigt. Ueber dieses Epoche machende Ereigniß in der Geschichte der Menschheit, das allerdings weder ein Blumencorso, noch ein Pferderennen, noch ein Schachcongreß war, berichtete, soweit wir übersehen konnten, von deutschen Zeitungen allein die „Frankfurter Zeitung", der wir das obige Citat entnahmen. Sicherlich kein guter Beweis für unsere Presse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.