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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-18 · 38 (18.9.1895) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
38 (18.9.1895)
Date
1895-09-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 688 Heuchelei und die Verfolgung Andersgläubiger, andererseits rückt das, was das Wichtigste sein sollte, der sittliche Lebenswandel, an Bedeutung zurück. Dem schlechtesten Christen kann verziehen werden, der beste Andersgläubige wird der Seligkeit nicht theilhastig, ihm werden sozusagen die religiösen Bürgerrechte nicht zuerkannt.') Mit dieser Auffassung des Glaubens als Schwerpunkt der Religion hängt denn auch das gewaltsame Proselytenmachen, Beichte, Ablaß rc. zusammen; sie ist ein vorzügliches Mittel und die Voraussetzung, Mitglieder einer Religionsgesellschast zu gemeinsamer Organisation, zu gemeinsamen Handeln zusammenzufaffen und entspricht deshalb dem organisatorischen Sinn des Europäers. Dagegen wäre das Gesetz für die Ausbreitung des Christenthums ein gewaltiges Hinderniß gewesen. Gewiß mochte das Gesetz zu mancher kleinlichen Auffassung Veranlassung geben, aber es war auch nach der richtigen Auffassung der jüdischen Lehrer ein Zaum, der vom Bösen zurückhielt. Es erfaßte doch mehr oder weniger den ganzen Menschen. Ein Stöcker konnte sagen, daß er dieJuden,die Fremdlinge seien, liebe. Und dann hinderte ihn nichts, sie zu verfolgen. Das Alte* Testament aber, das nicht nur ein Moralbuch, sondern eine Verfassung, ein Rechtsbuch ist, lehrt: Einerlei Recht sei Dir und dem Fremdling. Das Recht, das Gesetz kann erzwungen werden, die Liebe nicht, das platonische Gefühl ist kein Hinderniß der Propaganda, wohl aber das Gesetz, welches so häufig Entsagung und Aufopferung verlangte) Indem Paulus durch die Voranstellung des Glaubens, durch Zurückdrängung des Gesetzes die Formel fand, unter der sich das Christenthum nach Westen verbreitete, ist die Wandlung, die das Christenthum erfuhr, doch nicht sein Werk, sondern die Folge der Uebertragung auf fremdem Boden. Paulus hat das Christenthum gewissermaßen geschmeidiger, anpassungsfähiger gemacht. Das ist aber eine mehr negative Thätigkeit, die Kräfte, denen das Christenthum sich besonders anpaßte, erwuchsen aus dem Boden der Staaten, in denen es' sich ent- ' wickelte, besonders Europas. So kam das Christenthum dazu, seine Macht zu verbreiten, aber nicht zu vertiefen. Die Kirche ließ die Mißstände bestehen, die sie vorfand, auch neue Mißstände sich entwickeln. Sie fand sich im glaubensreinen Spanien mit den Stiergefechten und in Amerika mit der brutalsten Form der Sclaverei ab. Kurz, sie machte es wie jener national-liberale Führer, welcher erklärte: Ich bin ihr Führer, also folge ich ihnen. Was in politicis, die eine Sache der Utilität sind, immerhin vernünftiger ist, als in der absolut sein sollenden Religion. — Man darf nach derlei geschichtlichen Thatsachen in den so oft hervorgehobenen Einfluß der christlichen Idee einigen Zweifel setzen.') Die neuere Geschichtsschreibung ist überhaupt *) In der jüdischen Lehre, auf die anderwärts genauer einzugehen ist, heißt es: „Die Edlen aller Völker der Welt haben Antheil an der Seligkeit." Tosesta Sanhedrin XIII, 2. Einige andere Belegstellen siehe Antisemitenspiegel S. 220. 2) Kaut zum ewigen Frieden, Anhang 2: Beides, die Menschenliebe und die Achtung fürs Recht der Menschen ist Pflicht . . . Mit der Moral im erstere« Sinne (als Ethik) ist die Politik leicht einverstanden, um das Recht der Menschen ihren Oberen prerszugeben; aber mit der in der zweiten Bedeutung, (als Rechtslehre) vor der sie ihre Knie beugen mußte, findet fie es rathsam, fich gar nicht auf den Vertrag einzulaffe«, ihr lieber alle Realität abzustreiten und alle Pflichten auf lauter Wohlwollen auszudeuten. 3) Der Idee des Christenthums thut das keinen Eintrag. In europäischen Augen verliert das Christenthum damit allerdings etwas von seinem Nimbus. Der Europäer geht nach dem Erfolg. Ist doch die kleine Zahl der Juden häufig als Beweis gegen sie angeführt worden. Sagt doch der „Osservatore Romano" zu dem Wittenberger Trinkspruch Kaiser Wilhelms II. (S. Jacobowsky „Der christliche Staat", Berlin, Carl Duncker, S. 114): „Der Papst ist das Haupt von vierhundert Millionen Katholiken, der Kaiser ist das Oberhaupt von achtzehn Millionen Protestanten." — Diese arithmethische Werthung statt der ethischen wird einem Juden nicht beifallen können. Allerdings bleibt es demnach ^äthselhast, wie man gerade die Juden als Erfolganbeter bezeichnen kann, die jüdischen Erfolganbeter mußten naturgemäß Christen werden. Nr. 38 gegen den Einfluß von Ideen etwas skeptisch. Nicht die Ideen machen die Menschen, sondern die Menschen machen sich ihre Ideen. Nicht die Religion macht die Menschen, sondern die Menschen machen sich ihre Religion?) Gleichwie erfahrungsgemäß dieselben Erfindungen und Entdeckungen zu gleicher Zeit mehrfach gemacht zu werden pflegen, ist eine Geistesrichtung nie das Verdienst Einzelner, sondern sie tritt stets an mehreren Stellen in einer Mehrzahl von Personen zugleich zu Tage. Darauf allein beruht ja auch die Möglichkeit ihrer Erfolge. Aber trotz dieser Anpassung blieb noch genug von dem Geiste des Christenthums, um einen grundsätzlichen Widerspruch zum europäischen Staatsideal erkennen zu lassen. Die Kunst, die Staaten zu lenken, heißt Politik, ist der Staat christlich, so muß das zunächst in der Politik seinen Ausdruck finden. Wer harmlos genug ist, in politischen Gesprächen das Unrecht zu rügen, das im Laufe der Zeit und jetzt noch mehr oder weniger von allen europäischen Staaten begangen worden ist und begangen wird, wird mit mitleidigem Lächeln von seinem Nachbar die Belehrung empfangen, daß es in der Politik keine Ehrlichkeit gibt. Selbst bei Handelsverträgen, die gewissermaßen die friedlichste Seite der Staatskunst ausmachen, handelt es fich nach einem Worte des Fürsten Bismarck darum, wer den anderen über das Ohr haut. Wer Ehrlichkeit in der Politik erwartet, wird nicht nur von Berufspolitikern, sondern von jedem Bierphilister ebenso reif für das Irrenhaus erachtet, wie ein Mann, der das psrpetuum mobile oder die Quadratur des Cirkels gefunden zu haben glaubt. So daß wir also einen Staat, der nicht einmal ehrlich zu sein strebt, einen christlichen zu nennen hätten: Dem einzelnen Staat darf es allerdings zur Entschuldigung dienen, daß alle mehr oder weniger in die gleiche Kerbe schlagen. Zur Entschuldigung, aber nicht zur Rechtfertigung. Denn wahrhaft christliche Staatsleiter würden immerhin vorziehen, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun. Der Widerspruch zwischen Lehre und Leben macht sich bei naiveren Völkern und Menschen nicht fühlbar. Der Toreador betet zur heiligen Jungfrau, bevor er in den Kampf geht, ja in jeder Arena befindet sich eine Capelle, während Juden und Judenchristen schon vor zwei Jahrtausenden den Besuch des Circus als Sünde mieden. Der italienische Bravo fleht vor einem Raubanfall um guten Erfolg zu den Heiligen. Zum Schutz gegen feindliche Kugeln trägt er ein Bild der Madonna am Hut. Der Schiffer der Bretagne pflegte zur Madonna um einen guten Stand, das heißt ergiebige Schiffbrüche, zu beten, denen er gelegentlich durch falsche Leuchtfeuer nachhalf. Die Gotteslästerung, die in einem solchen Gebete liegt, wurde nicht empfunden. Dagegen ist es unserer forschenden und denkenden Zeit eigenthümlich, daß der Widerspruch zwischen Lehre und Leben mehr und mehr zum Bewußtsein gelangt. Aus den vielen Schriften und Reden, die diesen Widerspruch behandeln, seien wegen der betheiligten Personen zwei Reden besonders hervorgehoben, in denen über diese Frage gesprochen wurde. Im preußischen vereinigten Landtag von 1847 machte der Abgeordnete von Vincke folgende Ausführungen: „Ich will nun die Grundsätze unseres Staates mit dem Neuen Testament vergleichen. Ich könnte auch bei dem Allen anfangen und mit den zehn Geboten beginnen. Die zehn Gebote sagen schon: du sollst nicht tödten, während der Herr Schatzminister, den auch die Armee in ihren Reihen zu zählen das Glück hat, gewiß nicht beabsichtigen wird, in strenger Anwendung seiner Grundsätze den Krieg zu verdammen. Es steht weiter im Neuen Testament: „Du sollst nicht schwören; Eure Rede sei ja, ja; nein, nein; was darüber ist, ist vom Uebel". Wir haben jedoch in einer der letzten Sitzungen, wo wir mit dem Gesetzentwurf wegen der Einkommensteuer beschäftigt waren, erfuhren, daß sogar neue Eide eingeführt werden sollen... . Es ist ferner das Gebot des Christenthums „liebet Eure Feinde" und: „wenn dir Jemand einen Backenstreich gibt, so halte ihm die andere Backe auch hin"; wie wollen wir aber mit diesem Grundsätze bie- Gesetzgebung über die Injurien in Einklang bringen?". ') Feuerbach. Wie derMensch, so sein Gott. Dr. Bloch's Wochenschrift.

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