Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 38 (18.9.1895)
- Date
- 1895-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 58 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 687 gion die Bekenner auf der Höhe ihrer Sittenlehre stehen, so ist doch in Europa der Unterschied zwischen Lehre und Leben, ein besonders starker. Man braucht die Begriffe „christlich und germanisch" nur zu perfonisiciren, um den Widerspruch zwischen germanischem Machtinstinct und christlicher Demuth grell hervortreten zu lassen. Es geht wirklich nicht, aus Hermann dem Cherusker und Christus eine einheitliche Figur, ein einheitliches Ideal zu machen, man kann sich vielmehr dem Einen nur insoweit nähern, als man sich vom Anderen entfernt. Und das Ergebniß bleibt dasselbe, ob wir an Stelle Hermanns das Ideal des englischen muscular Christian oder des französischen Troupier setzen. Auf der einen Seite immer das Ideal der Demuth, des Leidens, auf der anderen das Ideal der Kraft, der Macht. Hier das Ideal des Unterdrückten, dort des Herrschers?) Dieser Widerspruch zwischen Lehre und Jnstincten ist deshalb Europa eigenthümlich, weil die christliche Lehre nicht in Europa natürlich erwachsenist, sondern als fremdeLehrehauptsächlich durch die römische Staatsmacht innerhalb des imperium Romannm und sodann durch Eroberung (Sachsenkriege!) sich verbreitet hat. Die Entwicklung des geschichtlichen Christenthums aus dem Urchristenthum hat ihre Spuren in der christlichen Moral und im Dogma hinterlassen. Die Bibel konnte man als Offenbarung nicht einfach eliminiren, aber es war wenigstens bezeichnend, daß man das Studium der Bibel nach Möglichkeit hinderte. Und wenn man den Wortlaut der Bibel bestehen lassen mußte, so hat man ihren Sinn in wesentlichen Punkten verändert. Aus einer Religion der Armen wurde das Christenthum eine Religion der Reichen „das Recht des Armen oder richtiger des Schwachen gelangte überall zum Sieg, wenigstens bis zu der Zeit, in der das Christenthum unter völligem Aufgeben seines ursprünglichen Charakters mit den militärischen und aristokratischen Schichten sich verband und dem Armen nur noch den Verzicht zu predigen hatte."-) In Palästina Propheten, in Europa Hofprediger! Vor der aristokratischen Lebensauffassung des Europäers konnte die Idee der christlichen Nächstenliebe nicht bestehen. Sie ist dahin „ausgelegt" worden — daß Jeder sich selbst der Nächste sei. In der Sitzung des Niederösterreichischen Landtages vom 6. April 1892 erklärte der Abg. Cooperator Schnabel: „Die christliche Nächstenliebe beruht auf dem Satze: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Die Nächstenliebe beginn 1 b e i s i ch s e l b st, dasistdiewahreNächstenliebe, wie sie Christus der Herr gepredigt hat, dann erst kommen die Blutsverwandten; erst kommt die eigene Person, dann kommen . die Eltern, dann die Geschwister, dann alle Anderen, die uns näher stehen. Das ist das Naturgesetz. Da uns die Juden am entferntesten stehen, kommen sie zuletzt." Eine Auffassung der Nächstenliebe, die zwar vielleicht nicht christlich, aber jedenfalls katholisch recipirt ist. Von zahlreich anwesenden geistlichen Berufsgenoffen widersprach keiner dem Redner, und ein Widerspruch erfolgte nur von einigen Laien, die auf dem Boden der Kirche wohl nicht mehr stehen. Das eigentliche Kennzeichen der Nächstenliebe ist die Liebe zum Fremden. Weil eben die Liebe zu denen, die uns nahe stehen, ein Naturgesetz ist, verlangt die Religion mehr als das, was wir schon unserer Natur nach thun. Gerade in der Liebe zum Fremden zeigt sich der wahre Begriff der Nächstenliebe. Ist doch gerade der Fremde der Liebe besonders bedürftig. Darum mögen die vereinigten Christen einen Trumpf gegen die Juden auszuspielen vermeinen, indem sie die Juden als Fremde bezeichnen — die Bibel steht auf anderem 9 Das jüdische Ideal unterscheidet sich vom christlichen durch eine mehr optimistische Lebensauffassung, stimmt aber mit ihm in der Auffassung des Verhältnisses von Macht und Recht, von Staat und Religion, auf die es hier besonders ankommt, überein. 2) Renan in der Revue de8 äeux mondes 15. Juni 1890- Die Aenderung trat ein, als durch Constantin den Großen das Christenthum die Staatsreligion eines europäischen Staates wurde. Standpunkte. Nach dem Fremdenrecht des Alten Testaments hatte der Fremde die Rechte der Witwen') und Waisen. Das Alte Testament lehrt: Einerlei Recht sei dir und dem Fremdling, du sollst ihn lieben wie dich selbst, demi ein Fremdling bist du gewesen in Egypten.-) Eine Mahnung, die wohl nicht nur den Juden galt, sondern allen Völkern gilt, die im Sinne der Religion auf dieser Erde doch überall nur Fremdlinge sind. Hand in Hand mit der Wandlung der christlichen Moral ging eine Wandlung des christlichen Dogmas. Es kann hier nicht die Stelle sein, auf das christliche Dogma einzugehen, soweit es das Verhältniß zu Andersgläubigen, die Verhältnisse im Staate nicht berührt. Streitigkeiten über die Natur Christi, den Begriff der Dreieinigkeit re. haben zwar wiederholt zu Kriegen und Verfolgungen den Namen gegeben. Aber sie waren, wenn wir uns nicht vom äußeren Schein blenden lassen, doch nie etwas anderes, als der Vorwand, unter dem sich die Verfolgungssucht äußerte. An sich find diese Begriffe zu abstract, um Einfluß zu äußern. Deshalb bleiben diese Bestandtheile des Dogmas unbesprochen, nur das dogmatische Verhältniß der Christen M Andersgläubigen kann Gegenstand unserer Betrachtung sein. Das Christenthum — natürlich das geschichtlich gewordene im Gegensatz zum Urchristenthum erkennt Andersgläubige als sittliche Menschen überhaupt nicht an Dies ist nicht etwa nur die Auffassung sogenannter hochorthvdoxer Kreise, vielmehr schreibt auch der Protestantenvereinler B e \y schlag in dem „Offenen Brief an den hochwürdigsten Bischof von Trier, Herrn Dr. Kor um (S. 13): „Das lautet ja förmlich nach einer 'Gleichberechtigung aller Religionen, auch der heidnischen; denn im guten Glauben an die Wahrheit seiner Religion leben und die Gebote seines Gottes nach dem Maße feines Wissens beobachten, kann der Heide ebenso wohl wie der Katholik. Ich gestehe Ihnen, hochwürdigster Herr Bischof, daß das mir, dem liberalen Protestanten, doch etwas zu liberal ist, denn ich frage mich: Kann denn Jemand die Gebote Gottes beobachten ohne die Heilsgnade, die uns in Christo dar geboten ist?* * 3) Was meinen Sie dazu, Herr Bischof? Meinen Sie: Ja, er kann's, dann sind Sie ein Pelagianer und Rationalist vom reinsten Wasser, also ein Erzketzer, was für einen Bischof von Trier doch etwas wunderlich wäre." Ein Socrates oder Buddha stand nach canonischer Auffassung allerdings unter einem afrikanischen Cannibalen, der vom Missionär getauft war. In der Gegenwart bahnt sich eine Aenderung dieser Anschauung an. Das beweisen ja schon die Ausführungen des Bischofs, gegen welche der Professor so eifrig polemisirt. Indessen für die Vergangenheit bis in die unmittelbare Gegenwart hinein gelten die Anschauungen, die von dem liberalen Professor entwickelt werden, Anschauungen, die auf den Begriff der Universalität allerdings keinen Anspruch machen können. Es ist üblich, die Wandlungen, die das Christenthum in Europa erfahren hat, auf die Lehre des Paulus zurückzuführen. Er hat allerdings die Formel aufgestellt, unter der die Wandlung sich vollzog. Er legte den Schwerpunkt in den Glauben, er nahm dem Gesetz die Bedeutung, die ihm noch Christus zugebilligt hatte.') Sicherlich in der guten Absicht, eine religiöse Vertiefung herbeizuführen. Aber mit dem entgegengesetzten Erfolg. Der Glaube ist etwas Innerliches, er kann nicht erzwungen werden. Indem man den Glauben zum Wahrzeichen der Religion macht, züchtet man einerseits Es ist sicherlich ein Scherz, daß unsere Frommen uns unter ..Fremdenrecht" stellen wollen, womit wir nach jüdisch-christlichem Recht, das doch unseren Frommen mehr gelten muß als das heidnische, vor den Einheimischen eher bevorzugt wären. -) HL B. M. m. 19/39 und 24/22. 3) Aehnlich schrieb die deutsche Kaiserin an den Magistrat von Berlin im November 1894 von der wahren Wohlthätigkeit, die nur Derjenige üben könne, der sich in dem Glauben an den Heiland gestärkt habe. (Dieser Brief ist als Telegramm der Wolss'schen (Continental) Telegraphen-Compagnie verbreitet worden.) ^) Ich bin nicht gekommen, Gesetz und Propheten aufnilöfen, sondern zu erfüllen.