Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 38 (18.9.1895)
- Date
- 1895-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 686 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 38 Der christliche Staat. (Vergl. Nr. 31 der Oesterr. Wochenschrift). II. Orient und Oeeident?) Ueber die Idee des christlichen Staates sich zu äußern, ist einem Juden nicht nur erlaubt, sondern geboten. Sollen wegen der christlichen Natur des Staates unsere Rechte als Bürger beschränkt werden, so haben wir als solche nicht nur das Recht, sondern die Pflicht der Prüfung. Und das Einzige, was man hierbei von uns verlangen darf, ist, daß wir für die religiösen Gefühle unserer Mitbürger gebührende Hochachtung beweisen. Das kann einem Juden nicht schwer werden. Mag auch manchem Juden des Ostens das Christenthum, das er nur aus den Fehlern seiner Jünger kennen lernt, eher Abneigung einflößen, so haben wir Juden des Westens zwischen der Religion und ihrcn Bekennern zu unterscheiden gelernt. Wir fühlen uns nach dem trefflichen Worte Güdemann's') nicht dadurch beschwert, daß es zuviel, sondern daß es zu wenig Christen gibt. Es gibt genau genommen soviel Religionen wie Menschen. Denn die Religion ist etwas hochpersönliches, gewissermaßen der ganze Mensch. Im Gegensätze zur Kirche, zur Confession, welche eine Anzahl Menschen unter gleicher BezeichnungA) zusammenfaßt. Innerhalb einer Kirchengemeinschaft oder eines Theiles einer solchen bildet sich indessen eine Art durchschnittlicher religiöser Ueberzeugung, welche den geschichtlichen Stand dieser Kirche in dem betreffenden Lande und zu der betreffenden Zeit kennzeichnet. Diese Durchschnittsidee, wenn man so sagen darf, ist in jeder Denomination der Wandlung unterworfen, in keiner war indessen die Wandlung so radical, wie im Christenthum. Ein Kind des Orients, ist es an der Stätte seines Entstehens, von europäischen Ein-, Wanderern abgesehen, fast völlig verschwunden, während es in anderen Welttheilen zur fast ausschließlichen Herrschaft gelangt ist. Eine derartige Wanderung konnte nicht ohne entscheidenden Einfluß auf das Wesen des Christenthums bleiben?) Das Leben der Apostel setzte die Gastfreundschaft des Orients voraus, die Lehre „Du sollst nicht sorgen für den kommenden Tag" ließ sich wohl für den Orient geben, wo die Lebensbedingungen so viel einfacher sind, den Lebensbedürfnissen so viel leichter genügt werden kann. Jede Religion ist chrem Wesen nach demokratisch, sie faßt naturgemäß die Kinder Gottes als gleichberechtigte Wesen auf, deshalb enthält z. B. schon das Buch Hiob b) die Erklärung der Menschenrechte, die von der französischen Nationalversammlung entdeckt wurde. Aber dem aristokratischen Europa ist diese demokratische Tendenz nicht congenial. Die Sonne des Ostens lähmt die Thatkraft, eine Wirkung, der sich selbst Europäer nicht entziehen können. Um wie viel stärker muß sich der klimatische Einfluß in Generationen fühlbar machen. Die herabgedrückte Energie macht orientalische Völker 1) Viele Punkte, die in diesem zusammenfassenden Aufsatz nur berührt werden konnten, sollen später eingehender behandelt werden. 2) „Wenn alle Juden Juden und alle Christen Christen werden, dann wird auch allen geholfen sein." Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden II, Vorrede S. VIII. *) Die Engländer haben das treffliche Wort Denomination für das, was wir Confession nennen. Der amerikanische Humorist Mark Twain spottet darüber, daß man in Deutschland den Reisenden nach seinem reli^ioim brnnä gewissermaßen seinem religiösen Etikett oder Plakat frägt. 4) „Dieser Glaube kam ja aus dem Osten (aber nicht von den Ariern, sondern Semiten, und bekam durch den Hellenismus seine Knifflichkeits-Dogmen.) Wenn man nun sagt, er könne nicht nach dem Osten zurückkehren, so liegt darin ein Geständniß, daß wir ein abendländisches Ding aus ihm gemacht haben, das mit europäischen Zuthaten überhäuft worden ist.. . " Aus einem Art. der „Times" abgedruckt. Globus 1873, Bd. 23, p. 141. 5) 31.13 „Wenn ich verachtet hätte das Recht meines Knechtes und meiner Magd, in ihrem Streite mit mir. 14. Was thäte ich, wenn Gott aufstände, und wenn er es rügte, was erwiderte ich ihm? 15. Hat nicht in dem Mutterleib, der mich geschaffen, er ihn geschaffen und ihn gebildet in gleichem Schoß e?" deshalb zu einer leichteren Beute für Eroberer, bis auch diese der Wirkung des Klimas erliegen. Mit dieser dürfte auch der Fatalismus des Orientalen Zusammenhängen, der Mensch fühlt stärker seine Ohnmacht und stellt deshalb umso mehr seine Zukunft in die Hand der Vorsehung?) Ohne für den Fatalismus Sympathie zu haben, muß man zugeben, daß er gerade, dem Zustande religiöser Verinnerlichung sehr entspricht. Das innere Gut der Religion kann Niemand rauben, alles Uebrige hat daneben nur geringen Werth, wenn Gott dem Menschen Uebles schickt, so muß er es ertragen, es geschieht um seines Wohles willen, man soll nicht sorgen um beit kommenden Tag. Das ist eine Lebensauffassung, die dem lebendigen thatkrüftigen Sinn des Europäers nicht entspricht. Aus dieser verschiedenen Charakteranlage ergibt sich auch eine verschiedene Auffassung des Staates. Hier strebt er nach Recht, dort nach Macht'), denn das Recht ist das Ideal des Schwachen, die Macht das des Starken — Nietzsches befamit gewordene Unterscheidung zwischen Herrenmoral und Sclavenmoral. Ein arabisches Sprichwort sagt: die Söhne Sems sind Propheten, die Söhne Japhets Könige. In der That sind alle großen religiösen Bewegungen orientalischen Ursprunges,^) während der Ruhm des Occidents in der siegreichen Unterwerfung der Naturkräfte und fremder Völkerschaften beruht. Europa kennt eine einzige religiöse Bewegung von größerer Bedeutung: die Reformation, sie endet im Augsburger Religionsfrieden damit, daß der Landesfürst die Religion seiner Unterthanen zu bestimmen hat. Der gerade Gegensatz also des theokratischen Staates; hier beherrscht die religiöse Idee den Staat, dort hat die Staatsgewalt die religiöse Idee zu bestimmen. Die Religion sinkt zum Büttel des Staates herab, sie wird in der beliebten Verbindung von Thron und Altar eine staatliche Einrichtung, wie das Ministerium des Innern oder die Staatsanwaltschaft. Der Staat ist sich selbst Zweck, daraus entwickelt sich eine Moral, die zu der religiösen Moral in Widerspruch steht?) Wo eine Religion autochthon ist, kann ein Gegensatz zwischen religiöser und staatlicher Moral nicht bestehen, das Staatsideal fällt mit dem religiösen zusammen, es hat seinen Niederschlag in den religiösen Ideen. Der antike Römer ist im Charakter einheitlich wie der Bewohner Palästinas. Erst mit der Verpflanzung der christlichen Religion entwickelt sich der Gegensatz, eine Religion läßt sich eben nicht so leicht übertragen, wie eine Uniform oder eine neue Maschine. Mag man auch zugeben, daß in keiner Reli- *) Die Vorschrift: „Hilf dir selbst und Gott wird dir helfen", ist ein Compromiß. 2) Bon dem 1866er Kriege gegen Oesterreich sagt Moltke. (Abhandlung über den Krieg 1870/71): „Er ist nicht aus Nothwehr gegen die Bedrohung der eigenen Existenz entsprungen, auch nicht hervorgerufen durch die öffentliche Meinung und die Stimmen des Volkes, es war ein im Cabinet als nothwendig erkannter, längst beabsichtigter und ruhig vorbereiteter Kampf, nicht für Ländererwerb, Gebietserweiterung oder materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut — für Machtstellung." Mag man Machtstellung ein Ideal nennen — ein christliches Ideal ist es sicher nicht. Dabei war Moltke, wie aus seinen Trostgedanken hervorgeht, innerlich weit religiöser als die Mehrheit seiner Zeitgenossen. 3J Dies ist auch die Auffassung von Peschel und Schaffte, Bau und Leben des socialen Körpers, wie aus den Angaben bei Döllinger Akademische Vorträge Bd. III, S. 46, hervorgeht. 4) „Im Staatsdienst ist der Maßstab für gutes und böses Handeln ein anderer als im Privatleben, und die sittliche Aufgabe gemeinsamer Lebensordnung heiligt viele Mittel, deren Anwendung für persönliche Interessen durchaus verwerflich ist." Prof, theol. Goltz (S. Jacobowsky: Der christliche Staat S. 141.) Worauf der Herr Professor jedenfalls sich hingesetzt und einen fulminanten Artikel gegen die Jesuiten gebracht hat, bei denen der Zweck die Mittel heiligte. Die Ansicht des Prof, theol. Goltz, welche übrigens allgemein von den wissenschaftlichen und theologischen Handlungsgehilfen des Staates verkündet wird und somit typisch ist, besagt: Weil der Staat eine sittliche Kategorie ist, darf er (durch seine Beauftragten) unsittlich handeln. Ueberhaupt darf man umso unsittlicher handeln, je sittlicher man ist — denn je größer der Zweck, desto schlechter dürfen die Mittel sein.