Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 38 (18.9.1895)
- Date
- 1895-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 88 Dr. Bloch’s Jahrgang XII. Centralorgan für die gesammtrn Interessen des Iudenthums. K. k. Postsparkassen-Amt Elrsringverkehr Nr. 610.976. Dedartion und Administration: Wien " , L»1rrrL«gar1rnflr«tzr1». Telephon-Nr. 6535. *= Wien, 18. September 1895. m= Erscheint jeden Freitag. ->>. >- & Man abonnirt bei allen Postanstaltrn des In- und Auslandes. '&= Bejuganrsta flir Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 3 Jtr. Einzelexemplare 25 ft. Jüt’a Ausland: halbjährig 6 jl. 10 Ar. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitarti kel: Die Mahnung des Tages. — Der christliche Staat. — Spanien und Rußland. — Einige Bemerkungen zu dem vom h. k. k. Cultusministerium veröffentlichten Musterstatut für jüdische Gemeinden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: „Jud' bleibt Jud'!" Antisemiten-Candidat und Juden-Compagnon. Arische Arbeiterfreundlichkeit. Antisemitische Agitatoren. Antisemitische Vaterlandsliebe. Anarchismus und Antisemitismus. Der Antisemitenhäuptling Baron Hammerstein. — Corresponbcnjeii: Wien, Csakaturn, Essegg, Teplitz, Aus Böhmen, Stuhlweißenburg, Brody, Suczawa, Gliniany, Berlin. — Vermischtes: Wien, Trencsin-Teplitz, Mährisch-Weißkirchen, Buczaez, Budapest, Sambor, Frankfurt am Main, Leipzig, Berlin, Jnowrozlaw, Nelv-Uork. — Feuilleton: Alte Kleider. — Briefkasten. — Inserate. Ditz Mahnung des Tages. > Während die Wiener Judenschaft in allen Synagogen sich versammelt zu dem Gebete, „daß alle Völker einen Bund schließen, Gott zu erkennen lauteren Herzens", ertönt draußen auf den Straßen der Triumphgesang des Hasses. Der Antisemitismus hat mit den gestrigen Wahlerfolgen im dritten Wahlkörper die Herrschaft angetreten in dieser Stadt, deren Bevölkerung einst der Freiheit und der Gleichberechtigung strahlende Kerzen angezündet hatte. Ja, wie das flackernde Licht einer Kerze, so ist der liberale Gedanke immer trüber und schwächer geworden in dem Bewußtsein dieser Bevölkerung, bis er nun zuckend verlöscht ist. Es ist keine Täuschung darüber möglich, und Niemand soll sich auch darüber täuschen: Wien ist dem liberalen Gedanken verloren für lange, lange Zeit. Nicht das Spiel eines blinden Zufalles, nicht ein unvorhergesehenes Zusammentreffen ungünstiger Umstünde hat das vernichtende Ergebniß des ersten Wahltages verschuldet. Wir haben ihn wachsen gesehen, diesen wilden, fanatischen Haß, Tag für Tag und Stunde um Stunde, geschürt von Unten und gefördert von Oben, bis seine Flammen den Himmel blutigroth färbten und seine giftigen Dämpfe das Sonnenlicht der Freiheit verfinsterten- Vergebens war das Hoffen auf eine Wendung in den Anschauungen und Tendenzen der obersten Machtfactoren; die geflissentlich zur Schau gebrachte Neutralität in diesem Kampfe um die Geltung des Gesetzes hat jeden Einsichtigen das Ziel der Bahn angedeutet, wohin wir gelangen sollen. Doch wir wollen heute nicht klagen und anklagen- Inbrünstiger denn je beten wir in unseren Gotteshäusern, Tempeln und Synagogen, daß Gott die Völker erleuchte „zu einem Bunde der Liebe und Gerechtigkeit". Die alte Zeit wird wieder lebendig vor uns, da Israel vor dem Sturm und Brand des Glaubenshasses sich zurückzog an die geweihten Stätten, wo der Ewige, unser Gott geheiligt ward. In diesen Mauern, auf uns selbst und auf die unerschütterliche Macht unserer unversiegbaren Hoffnungen gestützt, haben wir noch jederzeit Schutz und Trost gefunden gegen den Irrwahn und die Bosheit der Völker; in diesen Mauern hat uns das ewige Licht der Freiheit gestrahlt, wenn draußen die Nacht der Knechtschaft sich herabsenkte; hier haben wir uns die warme, hingebende Liebe bewahrt für die Familie, für unser Volk, für die ganze Menschheit, wenn draußen der Haß seine blutigen Spuren zog. Hieher laßt uns flüchten und geduldig warten, bis der Tag der Freiheit wieder anbricht! Wir sind frei von dem Vorwurfe der Pflichtversäumniß oder gar der Untreue und Feigheit. Mit beispielloser Selbstverleugnung, mit aufopfernder Hingebung haben wir die Bollwerke des Liberalismus bis auf's Aeußerste vertheidigt. Niemand darf uns sagen, daß wir schlechte oder auch nur laue Bundesgenossen waren! Und wir werden unsere Pflicht noch bis zuletzt thun! Auch um dm zweiten und ersten Wahlkörper wollen wir mit dem Aufgebote all' unserer Kraft kämpfen. Von unseren staatsbürgerlichen Rechten geben wir aus eigenem Antriebe kein Titelchen preis, und wer sie uns nehmen will, muß sie uns mit den Waffen in der Hand entreißen! — Dann aber, wenn dieser Entscheidungskampf zu Ende gerungen ist, laßt uns zurückkehren in unser eigenes Heim und in das Haus Gottes, laßt uns leben der Sorge für unsere Kinder und der Pflege unserer heiligen Geistesschütze, laßt uns Sammlung und Kraft suchen für die Kämpfe einer besseren Zukunft! Wir wollen nicht mißverstanden sein! Nicht ein freiwilliges Ghetto wollen wir aufrichten, nicht aufgeben wollen wir den unverjährbaren Anspruch auf unser gesetzliches Recht! Aber die Zersplitterung und Äufreibung unserer Kräfte, das heiße Hasten und erfolglose Jagen um die gesellschaftliche Anerkennung und Gleichstellung soll aufhören. Von jeder lauten, lärmenden Bethätigung unserer politischen Ueberzeugungen, von dem lärmenden Gewirre des offenen Marktes ziehen wir uns zurück. Wenden wir alle geistigen und materiellen Hilfsmittel, über die wir verfügen, uns selber zu! Bis draußen das Dunkel sich wieder lichtet und eine bessere Erkenntniß reift, seien wir Juden nnd nichts alsJuden! Ueben wir jüdische Nächstenliebe, j üd i s ch e Mildthätigkeit, pflegen wir jüdische Sitte und jüdisches Geistesleben und nichts als dieses! So allein kann und wird sich dereinst das Gebet erfüllen, das wir heute gläubigen Sinnes zu Gott entsenden, so allein werden wir jenen „Bund der Völker" vorbereiten, von dem wir hellte weiter entfernt scheinen denn je, den Bund der Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit!