Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Seite 683 ««SöIrSSSSSsL-SLyT»y<g».ia—-l^*Safc:«5ffiEJC «. Nr. 37 Dr. VLoch'O Wortzensthrift. Solls zuertheilt. Ihre schlichten, einfachen Eltern, von mancherlei Norurthest belangen, wollten vorerst von einer musikalischen Ausbildung ihres Töchterchens nichts wissen', allein eine so bedeutend angelegte Individualität strebte in unaufhaltsamen Drange, mächtige Boruriheile zu besiegen und die ihr von der gütigen Vorsehung verliehenen Gaben entsprechend zu entwickeln und auszubilden, vorwärts. Endlich willigten die Eltern ein, sie zur Musiklehrerin ausbilden zu lassen und die dreizehnjährige Jettka erhielt regelmäßigen Clavierunterricht. Als sie nach einigen Jahren nach Berlin ging, um in der Königlichen Hochschule für Musik Aufnahme zu finden, gab sie bei ihrer Prüfung die große OOur-Sonate von Beethoven so trefflich wiede-r, daß Professor I oachim sie fragte, ob sie sich zur Pianistin oder Sängerin auszubilden gedenke. Sie wünschte das Letztere. Mit Liebe und Sorgfalt pflegte der jüngst Heimgegangene Professor Gustav Engel, dem die Künstlerin bis über das Grab hinaus ein pietätvolles Andenken bewahrt, jedoch auch nicht minder Frau Profesior Schultzen von Asten die schöne Stimme der begeisterten Kunstnovize, deren emsiger Fleiß die ausgestreute Saat zu köstlichster Blüthe und goldener Frucht reifen ließ. Nachdem sie bei einer Schüleraufführung im Königlichen Schauspielhause die Ortrud gesungen, wurde sie sofort für das Hoftheater in Darmstadt engagirt. Neun Jabre, von 1S81 bis 1890, war sie der Gefeierte Liebling der hessischen Residenz, insbesondere der Frauenwelt, in welcher das Andenken der edlen, hochsinnigen Großherzogin Alice unvergänglich fortlebt. Sie rief namentlich in hochdramatischen Partien als Azucena, Fides, Carmen, Fidelio', Ortr-ud, Adriano stets die größte.Bewunderung hervor. Mit dem Titel einer großherzoglich hessischen Kammersängerin geschmückt, verließ sie die Bühne und unternahm eine Pilgerfahrt nach dem Mekka der modernen Künstler, Paris, um ihre musikalische Ausbildung bei der unvergleichlichen Gesangsmeisterin Pauline Biardor-Garcia, auf welche sich das pädagogische Talent und der Lehrerruhm ihres großen Vaters und Bruders übertragen hat, zu vervollkommnen. Wer zählt und nennt sie Alle, die aus Belehrung und Vorbild der außerordentlichen Frau Gewinn schöpften? Aber zu jenen Schülerinnen, welche durch ihre Erfolge dem Ruhmeskranze der genialen Lehrerin neue Blätter hinzugefügt haben, zählt Vauline Viardot-Garci a auch gern unsere liebenswürdige Künstlerin, l Jettka F i n k e n st e i n studirte in erster Reihe zu den Füßen derMeisierin die Fides, welche Pauline Biardot'Garcia gerade vierzig Jahre vorher bei der ersten Aufführung des „Propheten" in Paris creirt hatte. Mit der „Segensarie" der Fides errang Jettka F i n k e n st e i n einige Zeit später einen so großen Erfolg in London und ries einen so liefen Eindruck bei den Zuhörern hervor, daß der Prinz und die Prinzessin von Wales nach Schluß des Concertes die Künstlerin durch Ansprachen auszeichneten und sie darauf der Ehre theilhastig wurde, in einem Concerte im engsten Kreise der königlichen Familie in Windsor zu singen. Jedoch schon vorher, 1891, begannen die Concertreisen der Künstlerin, welche sie auch nach Berlin und Hamburg führten; in diesen Städten begleitete kein Geringerer als Hans von Bülow ihre Liedervorträge; sie besuchte außer London, noch Bremen, Königsberg, Danzig. Breslau, Rotterdam, und ihr Ruf als eine der vorzüglichsten Liedersängerinnen verbreitete und be-festigte sich immer mehr. Dazwischen gastirte sie auch mehrmals in Hamburg, Berlin und . Frankfurt am Main und erntete namentlich als Ortrud, Amneris und Carmen wohlverdienten Beifall. Seit 1693 mit dem Capellmeister Pulvermacher vermählt, ist nunmehr die schlesische Metropole die Heimat der liebenswürdigen Künstlerin. Sie hat die Gunst des Schicksals zu preisen, in ihrem Gatten, einem gleichstrebenden und gleichgesinnten, tüchtigen Pianisten, einen ebenso trefflichen als verständnisvollen Begleiter bei ihren Kunstleistungen zu besitzen, was von unschätzbarem Werthe für sie ist. In einem ebenso behaglich als geschmackvoll ausgestatteten Künstlerheim waltet Jettka Finken stein. Selbst mit hervorragendem Talent und Neigung für den Unterricht begabt, erinnert sie sich gern der vorzüglichen Lehrer, deren Führung sie genossen, und wirkt in deren Bahnen lehrend und dabei lernend fort. Sie leitet gemeinsam mit ihrem Gatten eine Gesangschule und entfaltet eine ebenso segensals erfolgreiche Lehrtätigkeit. Der Winter entführt sie oft ihrem traulichen Heim, namentlich zählt die Reichshauptstadt sie zu ihren bevorzugten Lieblingen; während sie ihren Flug zumeist bis nach Norddeutschland nahm, beabsichtigt sie denselben im nächsten Winter auch auf Süddeutschland auszudehnen.. Jettka F i n ke n st e in steht im Zenith ihres künstlerischen Könnens und Wirkens; möchte es ihr vergönnt sein, sich ungetrübt noch lange ihres schönen Talentes zu erfreuen und ihren Mitmenschen unvergeßlich genußreiche Stunden zu bereiten. Ihr Wahlfpruch ist: »Rast' ich, so rost' ich!'* und sie strebt, daß ihr Name dereinst ebenbürtig neben denen der bedeutendsten Sängerinnen aller Zeilen mit goldenen Lettern in dem Buche der Vertreterinnen des vollendeten Kunstgesanges prangen wird. R. N. ,.Deutsche Hausfrauen-Zeitung". Die Juden der türkischen Hauptstadt. Consiantinopel, den 30. August 1895. Auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs kommen die Juden in Consiantinopel erst in dritter Reihe in Betracht. Die Griechen und Armenier nehmen in dieser Hinsicht den Vorrang ein. Die Griechen, als Altinfassen der Stadl seit Beginn des byzantinischen Reiches, machen noch immer einen überwiegenden Theil der eingeborenen Bevölkerung aus. Als geborene Kaufleute, die sie bekanntlich find, haben sie es auch in großem Maße verstanden, das Uebergewicht, das sie im geschäftlichen Leben gleichsam als väterliches Erbe mitbekommen, zu wahren. In der Tbat ist die Stellung, die sie behaupten, niemals außer Acht zu lassen. Zugleich ist ihr Einfluß ein großer und ausschlaggebender. Beide Thatsacheu finden darin ihre Erklärung, daß sich hier die Griechen fünfzig Jahre früher als die Juden der weltlichen Bildung erschlossen haben. Dadurch kamen sie leicht zu hohen amtlichen Stellungen, und bis heute haben sie vielfach neben den Armenier», die in diesem Punkte das Gleiche gethan, die ersten Plätze in *ev Verwaltung sinn«. Für letztere kommt noch hinzu, daß sie sich seit jeher eines ganz besonderen Schutzes und einer ganz außerordentlichen Gunst von Seiten der türkischen Regierung erfreuten. Wie sie oerselben dafür danken, geht uns nichts an. Daß die Grikchen und Armenier die günstige Gelegenheit so recht dazu verwandten, sich selbst ein angenehmes Leben zu bereiten und auch für ihre Nachkommenschaft vorzusorge», wird keinen bes.emden, der eine bloße Ahnung hat von den bislang obgewalteten Verhältnissen im hiesigen Regierungssystem. Ihre außerordentliche Wohlhabenheit ist jedoch noch anderen Ursprungs, und die Antisemiten in Oesterreich, Deutschland und Frankreich müßten, vorausgesetzt, daß sie diese Eigenschaft noch besitzen, unbedingt erröthrn über die ungeheuerlichen Vorwürfe, die sie den Juden über Dinge machen, zu welchen diese erst im Laufe der Jahrhunderte förmlich ge rängt, gezwungen wurden, wenn sie sich -rinnern wollten, daß es in der Welt Leute gibt, welche die gerügten Vorgehen ohne jeden Zwang begehet» und umso eher ernstliche Vorstellungen verdient hätten. Ja, Ihr edlen Schönerer-, Stöcker-, Böckel-, Ahlwardtianer und Drumontenser! Wucherei, Güterschlächterei und Bauernschinderei betreiben unzweifelhaft echte Christen, wahre Arier! Nur trägt leider der Jude das traurige Verhäugniß an sich: Was man im Auge eines Staubgebornenkaum oder nicht einmal als einen Splitter sieht, hat sich in dem seinigen — der Vorgang ist bekannt — in demselben Augenblicke bald zu einem Balken ausgewachsen. Desgleichen wir' die Schuld eines Einzelnen schnurstracks verallgemeinert und der Gesammtheit in die Schuhe geschoben. Damit soll nun nicht gesagt sein, daß man gefetzten Falles gut thnn würde, die Armenier oder Griechen aus dieselbe charakteristische Art zu behandeln Gott behüte! Hiermit soll nur ein Streiflicht auf den Gerechtigkeitssinn der Nationen geworfen werden, die der Hohen Pforte alle möglichen und unmöglichen Zugeständnisse zumuthen und die verschiedensten Vorschläge machen, und die Armenier deshalb in Schutz nehmen, weil sie ihre Dankbarkeit in politischen Umtrieben bekunden, die blos dazu angethan, die schon geringe Ruhe im Innern des bedauerswerthen Reiches auf's Heftigste zu erschüttern und Unfrieden, der schwere Folgen nach sich ziehen kann, denn die Türken bereiten sich zu einem Heldentode vor, nach Außen hin zu stiften. So verfährt man gegen Nichtjuden und alle Welt platzt schier vor Entrüstung über Zustände, welche die oltomanische Regierung weder heraufbeschworen, noch sonstwie verschuldet. Unwillkürlich fragt man sich da: Warum traten die Mächte nicht auch für die unglücklichen Juden ein, als für sie in Rußland die mittelalterlichen Verfolgungen und Grausamkeiten von Neuem anfingen? Warum kamen sie da nicht ebenfalls als Vermittler an? Hatten sie damals noch nicht die „Noten", die sie jetzt vom Goldenen Horn ertönen lassen? Ja. warum kehren denn die braven Herrschaften nicht vor ihrer eigenen Thür, wo der antisemitifche Misthaufen täglich Ablagerungen erfährt? Man ist ja sonst in diesen Ländern für ungeheuere Reinlichkeit! Wartet man mit der Wegschaffung dieses Schuttes, bis dessen übler Geruch und schädliche Ausdünstungen die Lust verp'stet und die schwersten Krankheiten hervorgerufen haben? Es wäre gerade Zeit, mit der ekeligen Sippe der Judenfeinde gehörig auszuräumen. Die Antisemiten schlagen euch dort schon dieselben gräßlichen Wunden, wie sie uns hier die politischen Ruhestörer schlimmstens verursachen könnten! Fegt zuerst Euren Kehrrickt weg! Dann kommt uns mit euren Vorstellungen! Euer gutes Beispiel allein soll uns dienen! — So denkt, wie der Chinese, auch der Türke, der sich indessen von seinem Mitmenschen aus dem Reiche der Mitte durchaus unterscheidet: Zuerst ist seine äußerste Toleranz gegen alle Andersgläubigen keineswegs in Abrede zu stellen, und dann ist seine Freundlichkeit gegen Fremde eine ausgemachte Sache; denn beide sind ihm von Natur eigen.. Wurden hier doch die aus Spanien vectriebenen Juden aus freien Stücken ausgenommen. Niemand hat die Türkei gezwungen, den gewaltsamen Verfolgten eine neue Heimat^zu bieten. Ebenso hätte keim Macht auf Erden den großherrlichen Sultanen, als sie sich auf dem Gipfel ihrer Gewalt befanden, verwehren können, den ungläubigen Untertanen ihre Religion aufzuzwingen, wie es ja dermalen Brauch und Sitte in anderen Ländern gewesen. Als noch die moderne Humanität der anderen Völker im tiefsten Schlafe lag, haben die Musel-