Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021099--04890-3029099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 682 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 37 Nagel zu hängen und in ein Geschäft einzutreten, wo er Packete machen und Maaren abstauben lernt; er. ist innerlich erbittert, daß chm seine Carriere abgeschnitten worden und dies allein — wie er mir schwermüthig sagt — weil er die Psalmen der Väter und die hebräische Grammatik nicht gelernt. Derartige Fälle stehen nicht vereinzelt da. Die Gymnasiasten der oberen Classen beherrschen sehr oft den in den früheren Classen durchgenommeuen Lehrstoff (hebräisch) nur sehr ungenügend. Man nahm es bis vor einigen Jahren nicht so genau damit. Wer lernen wollte, lernte, wer nicht lernen wollte, kam auch durch. Jetzt, wo der Lehrstoff vergrößert worden ist, glaubt der Religionslehrer größere Anforderungen stellen zu müssen und consequent dabei zu beharren, daß sie erfüllt werden. Und die Folgen? Entweder Berufswechsel, wie im oben geschilderten Falle, oder Religionswechsel. Wie viele Gymnasiasten der oberen Classen erklären sich heutzutage consessionslos und aus dem einen Grunde, weil sie fürchten, den Anforderungen des Religionslehrers nicht genügen zu können und durchzufallen. Als ich jüngst einen Studenten als Hauslehrer für meinen Sohn aufnehmen wollte, hatte ich Gelegenheit, Einblick in die Gymnasialzeugnisse mehrerer Studirender zu nehmen, die zur Zeit Vorzugsschüler waren, sich aber consessionslos erklärt hatten, um nicht Gefahr zu laufen, bei ihrem als streng bekannten Religionsprofessor durchzufallen. Und dieses sich coufessionlos „Erklären" ist, wie mir der Eine, ein junger Jurist, erklärte, so einfach! „Man geht in ^das Rathhaus, sagte er, „meldet seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde an und damit — fertig." Wäre ich Religionslehrer, ich würde es mir „aus Religion" wohl überlegt, einen Schüler vor die AUernative zu stellen, sich consessionslos erklären zu müssen, weil er zu wenig hebräische Grammatik gelernt; indeß die Abhilfe für die jetzigen, oft recht bedauerlichen Zustände müßten von ganz wo anders Herkommen! Fragen wir uns ehrlich: Welcher Schüler des Obergymnasiums lernt heute mit Vorliebe die hebräischen Psalmen auswendig? Solch'ein Forciren führt nicht zur Religiosität, sondern zur Irreligiosität. — Ja, wäre der hebräische Unterricht ein systematisch sich aufbauender, so daß die Schüler von Anfang an Grammatik und Sprachverständniß sich angeeignet hätten, dann wäre es ein Leichtes; aber der hebräische Unterricht wurde Jahre hindurch nicht mit Ernst behandelt; es sitzen Schüler in der fünften und sechsten Gymnasial-Classe, die kaum hebräisch lesen können; wie sollen die ram flugs hebräische Psalmen übersetzen und auswendig lernen? Und wenn sie es nicht können, so fallen sie eben durch und stehen vor der Alternative, ihren Beruf oder chre Religion zu wechseln. Ein fesselnder Religions-Unterricht, der auf das Sitten- und Pflichtgefühl der jungen Leute einwirkt, trete an die Stelle des todten Memorirens! Gewisse Religionslehrer treiben durch die Anforderungen, die sie sich zu stellen berechtigt hatten, jährlich so und so viele Schüler dazu, sich confessionslos zu erklären. Lieber weniger todten Wissenskram verlangen und durch das lebendige Wort, durch einen zündenden, zu Herzen gehenden Vortrag für die Religion erwärmen! Unsere Zeit ist ernst genug, daß man das kleine Häuflein zusammenhatte, nicht schon in den Schulen den Austritt aus der Religions-Gemeinschaft veranlasse.— Genannter Schüler, von dem ich Anfangs erzählte, ist dadurch, daß sich sein Religionslehrer dem Aufsteigen in eine höhere Classe widersetzte, gezwungen worden, schweren Herzens einem Berufe zu entsagen, für den er sich, seitdem er vor einem Jahre im Spital weilte und das menschenfreundliche Walten der Jünger Aesculaps sah, begeistert hatte. Bei seinem angeborenen Hang zum Wohtthun, zur Hllfsberettschaft »wäre er vielleicht dereinst ein Retter in der Noth für Piele geworden; kein Geringerer als Mundy war sein Ideal. — Ade Idealität und StrÄen! Der arme Junge muß heut „Packel schupfen", wie es am Quai heißt uud wenngleich er — der Vater wollte es nicht — im entscheidenden Moment davon Abstand nahm, sich wie viele seiner Collegen Konfessionslos zu erklären — die Liebe zur Religion der Väter -dürfte in ihm erstickt sein, in ihm, wie in .so/ vielen Änderen, die man aus; Religion zur Abneigung gegen die Religion bringt, — todten Gedächtnißkram auswendig lernen läßt, der mit der Religion unserer Zeit gar nichts gemein hat. — Man kann sehr religiös sein, ohne hebräische Grammatik zu kennen; die Schüler der Obergymnasien sind —- wer wüßte es nicht — überbürdet; sie plagen sich, allerhand Wissen sich anzueignen, das ihnen weder für die Matura noch für ihr späteres Berufsleben nöthig ist. — Es wäre endlich Zeit, da zu sichten, den Lehrstoff zu vereinfachen, und was speciell die jüdischen Schüler anbelangt, von ihnen nicht mehr hebräisches Wissen zu verlangen, wie von den zur Matura gehenden Realschülern. — An der Hand der Statistik läßt sich Nachweisen, wie viele Schüler sich consessionslos 'erklärt haben, um dem Zwang zu entgehen, der jetzt bezüglich des hebräischen Unterrichtes von gewissen Religionslehrern ausgeübt wird. Zahlen beweisen! Sie haben eine beredte Sprache, die gehört werden sollte! E i n e M u t t e r. Nus der Kunstwrlt. Jettka Finkenstein. Zu den gefeiertsten und hervorragendsten Liedersängerinnen unserer Zeit, zu jenen Auserwählten und Bevorzugten in der Kunst, die es getrost wagen dürfen, einen Liederabend allein auszufüllen, ohne daß die Stimme auch nur eine Spur von Ermüdung zeigt oder in dem Zuhörer das Gefühl der Monotonie und Uebersältigung nufsteigt, gehört Frau Jettka Finken st ein. Wer die treffliche Sängerin zum ersten Male hört, bewundert nicht nur das gottbegnadete Talent und die vorzügliche Schulung, sondern nimmt sofort auch wahr, daß sorgfältiges Studium, liebevollste Hingebung, hoher Ernst, unermüdlicher Eifer, rastloser Fleiß die großartige Vielseitigkeit der Künstlerin gezeitigt und gereift haben. Nicht minder erkennt man sofort, daß Jettka rine denkende Künstlerin ist, welche in den Geist der Tonschöpfungen, die sie zu Gehör bringt, eingedrungen ist, welche mit der Geschichte der Meister, deren Werke sie so kunstvollendet wiedergibt, innig vertraut ist. Die Vielseitigkeit der Künstlerin, die ebensowohl auf der Bühne als im Coneertsaal mit gleich großer Sicherheit zu Hauie ist, genügt den höchsten Ansprüchen und setzt in der Thal in Erstaunen. Kein Gebiet, kein Genre ist für sie eine terra inLo^nita. Sie singt Alles mit ebenso wohlthuender Wärme der Empfindung und selbstständiger, künstlerischer Auffassung, als mit feinstem Geschmack; edles Maß, Weiblichkeit, Grazie, Gemüthstiefe des Ausdruckes bezeichnen ihre vornehme Vortragsweise; sie begeistert, rührt, wirkt hinreißend. Ihr Repertoire umfaßt Lyrisches und Dramatisches, Heiteres und Ernstes, Classisches und Romantisches, Altes und Neues; sie singt deutsche Lieder jeden Styls, französische Chansons, allitalienische Arien in gleich hoher Vollendung, sie beherrscht die fremden Idiome gleich ihrer Muttersprache und bietet hinsichtlich der Textaussprache ebenfalls mustergiltige Leistungen. Ihre Stimme ist ein prächtiger, wohllautender Mezzosopran, ebenso ausgiebig, umfangreich und ausgeglichen in der Höhe wie in der Tiefe. Es ist nur zu natürlich, daß eine Künstlerin von solch hoher Begabung, welche noch die menschlich schönen Eigenschaften echter Liebenswürdigkeit und rührender Bescheidenheit, verbunden mit reicher vielumfassender, wissenschaftlicher Bildung, besitzt, sich in den weitesten Kreisen der liebevollsten Verehrung und aufrichtigsten Bewunderung erfteut und allerorten die uneingeschränkteste Anerkennung der Kritik, selbst der anspruchsvollsten, sich errungen bat. .Obgleich Frau Finken st ein erst seit mehreren Jahren als Concertsängerin wirft, gilt sie heute schon als hervorragendste Vertreterin ihres Faches und man erklärt sie allenthalben als die würdigste und berufenste Nachfolgerin der unvergeßlichen Hermine Spieß. Ihre Liederabende erfreuen sich überall des reichsten Beifalles und künstlerischesten Erfolges. Die Wiege der liebenswürdigen Künstlerin stand in einer kleinen Stadt Russisch-Polens. Als sie kaum ein Jahr zählte, verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Kempen in der preußischen Provinz Posen. Ein besonders glücklicher Umstand war für die geistige und musikalische Entwicklung der kleinen Jettka der Umstand, daß die Familie einige Jahre später nach Posen übersiedelte. Ungewöhnliche musikalische und stimmliche Begabung machte sich schon frühzeitig bei dem kleinen Mädchen bemerkbar'; ihr fröhlicher Gesang erfüllte das . Elternhaus und bei allen öffentlichen Schulfeiern wurden ihr die