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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 684 Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift. manen die Menschenfreundlichkeit bereits in schönster Weise geübt. Denn im Türken ist der wahre Mensch mit seinem noblen Herzen und seiner edlen Gesinnung nie erstorben. An diese Ehre wird sich selbst kein Ahlwardt, kein Rohling und kein Drumont heranwagen» um sie anzutasten. Sie müßten sich denn zugleich an den wahrhaft erhabenen Gestalten der Grobherren der Türkei vergreifen und das werden sie nicht thun, obgleich sie sonst nicht vor Majestätsbeleidigung und Blasphemien zurückschrecken .... Natürlich haben nun die Günstlinge der Türkei, die Armenier, iniolge ihrer innerpolitischen Wühlereien deren außerordentliche Gewogenheit verloren und werden auch ihre bislang eingenommene Vorzugsstellung bald einbüßen. Es ist dies sehr begreiflich. Man kann eine» Feind nicht auf einem Posten belasten, der das größte Vertrauen erheischt. Etwas ganz Natürliches ist's jedoch auch, wenn sich die Ottomanen auf eine noch wirksamere Weise zur Wehr gegen die aufrührerische Bewegung setzen. Die eigene Haut schützen will ein Jeder. Dann ist auch zu befürchten, daß jedes Abbröckeln vielleicht den völligen Zusammensturz herbeiführen könne, was wir nicht hoffen. Diese innern Zustände des Landes sind nun, irre ich nicht, in mancher Beziehung von Nutzen für die Juden. Denn es ist eine Eigenheit des Menschen, so oft als möglich Vergleiche anzustellen, und er vergleicht gewöhnlich Alles mit Allem. Dem Türken drängt sich nun unwillkürlich der Vergleich zwischen seinen israelitischen und z. B. armenischen Nnterthanen auf, die er ja Beide seit Jahrhunderten kennt. Braucht erst noch hervorgehoben zu werden, daß das Ergebniß davon ein für die Juden günstiges ist? Was wäre ihnen denn auch vorzuwerfen? Höchstens vielleicht ihre Ergebenheit, ihre Liebe, ihre Erkenntlichkeit ihre Selbstlosigkeit und ihre Opferfreudigkeit! In der Türkei werden aber solche Eigenschaften merkwürdigerweise anerkannt. Das edle Handwerk, auch das Gute am und im Juden, allein um dieser Eigenschaft willen, zum Bösen zu stempeln, überlassen unsere islamitischen Nächsten bereitwilligst unseren christlichen Mitmenschen, wollte sagen unseren Feinden und Hassern. Dagegen haben sie den Israeliten, soviel sie im Einklänge mit ihren religiösen Bestimmungen haben handeln können, zu allen Carrieren Thür und Thor geöffnet. Nur haben unsere Glaubensgenossen bisher noch nicht den gewährten Dortheil aus diesen höchst angenehmen Verhältnissen gezogen. Wohl sind sie fast in allen Zweigen der Verwaltung vertreten, gibt es unter ihnen mehrere, die sogar ganz hohe Aemter bekleiden. Allein die Zahl derselben ist eine verhältnißmäßig geringe, und doch müßte bei den anerkannten Fähigkeiten und Anlagen der Juden auf allen Gebieten das gestellte Eontingent ein nach jener Richtung hin umfangreicheres sein. Das -Warum" hiervon in einem nächsten Briefe. 0. H. Feuilleton. Alte Kleider?") „Haben Se was abgelegte Kleider zu verkaufen? — Ich zahle die höchst«: Preise, 's mögen sein Ueberzieher, Anzüge, gute und schlechte, als Stiefel, alte Hüte-" Schon wollte ich dem „Kleiderjuden" die Thüre vor der Nase zuschlagen, ärgerlich darüber, mich in meinen Erwartungen getäuscht zu sehen, — ich glaubte nämlich, der Einlaßbegehrende wäre der sehnlichst erwartete Geldbriefträger — als mir noch rechtzeitig einfiel: dieser Aron kommt mir, wenn auch nicht als rettender Engel, so doch sehr Apropos! Aron hatte mir seine Geschäftskarte in demselben Augenblick in die Hand geschoben und betonte nochmals: „ich zahle die höchsten Preise — baar." Mein Zögern ermuthigte ihn. „Wenn Sie vielleicht mal Nachsehen möchten, geehrter Herr? — Ich kann ja bischen warten — wie gesagt, ich zahle die höchsten Preise — baar." „Schön," sagte ich, — „kommen Sie rein in die gute Stube, will mal Nachsehen."- Bescheiden blieb Aron im Corridor stehen, bis er meiner energischen Aufforderung, einzutreten, Folge leistete. Während ich eine Generalmusterung über meine Garderobe vornahm, betrachtete Aron mit Kennerblick meine Bibliothek! Sein Nicken mit dem Kopfe bei den größeren Werken, sein leise geführtes Selbstgespräch ließ deutlich erkennen, daß Aron in der Literatur „von außen" nicht unbewandert war. — er kannte die Bücher, aber nur die Namen derselben. „Wenn Sie Lexikons haben, geehrter Herr, ob Meyer oder Brockhaus — oder Schlofser's Weltgeschichte — Brehm's Thierleben — Bücher kaufe ich auch und zahle die höchsten Preise in baar." Vom Inhalt der Bücher hatte Aron offenbar keine Ahnung. „Was thu' ich mit dem Inhalt? antwortete er mir auf meine Frage, ob er denn *) Autorisirter Abdruck aus dem soeben erschienenen humorvollen Buche von Oskar Klein „Hecht mit Klöße" Berlin, Verlag von Carl Duncker. die Bücher inhaltlich kenne? — „Was thu' ich damit; Bücher sind für mich Waare, genau wie ein Kleidungsstück. —> Wer von mir Schlofser's Weltgeschichte kauft, weiß mehr wie ich geehrter Herr. Ich handle nur und zahle die höchsten Preise — baar. —" Den Nachsatz sprach Aron mit solcher scharfen Betonung, er sah mich dabei so verständnißvoll an. er taxirte so genau mein Portemonnaie, daß ich mich faktisch zu einem größeren.Verkaufe, hinreißen ließ, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte. — Aron musterte die Sachen mit scharfem Blick, — legte jedes Stück fein säuberlich zusammen und bot mir schließlich 20 Mark für meine fast sämmtliche Wintergarderobe. Für 30 Mark hatte er die Sachen schließlich gekauft. „Und die Bücher, geehrter Herr? —" „Verkaufe ich nicht." „Sehr recht von Ihnen, geehrter Herr, — ich möchte meinen Sohn auch schön ansehen, wenn er möchte verkaufen die Bücher, die ich ihm im Schweiße meines Angesichts auf meine alten Tage verschaffe." — „Was ist denn ihr Sohn?" — „Er wird Arzt, er ist im achten Semester." — „Studirt er hier?" „Nein, geehrter Herr, in Greifswald. — Soll er hier mit die Herren Studenten verkehren können, wenn die möchten wissen, sein Vater ist ä alter Kleiderjude? — In Greifswald weiß man viel, wer Löbel Aron ist, aber hier? —' Ich geh von Haus zu Haus handeln, 's sieht doch ä bischen mieß aus. — Ich Hab noch ä Sohn, der ist bei Bleichröder — war mir gut's Kind — die Stellung — da fragt man aber nicht danach, wer ist dein Vater, sondern da fragt man, was biste — was kannste? — Mein Simon hat ein schönes Einkommen, er wird 'mal eine gute Heirat machen und ist versorgt für sein Leben. Meine Eltern haben viel gewußt von Bildung! — Sie haben mich in die Schule geschickt, und wie ich geworden bin dreizehn Jahre, haben sie mir einen Ducaten gegeben, drei Thaler und fünf Böhm und haben gesagt: Jetzt geh in die Welt und ernähr' dich selbst. Ich hab's gethan und Hab' mich durchgeschlagen mein Leben lang auf eine sehr anständige Weise, aber ich habe mir gesagt, meine Kinder sollen so ein Schnorrerleben wie ich es gekostet habe bis auf den Grund, nicht durchmachen sie sollen was lernen und was werden und Gott sei Dank, ich habe es unberufen durchgeführt und meine Frau und ich sind glücklich in dem Gedanken: „Unsere Kinder sind was." — Jeden Morgen von 11—1 Uhr bin ich in der Klysterstraße auf der alten Kleiderbörse, wenn Sie 'mal vom alten Aron was wollen, brauchen Sie's nur dort zu bestellen. Entschuldigen Sie, daß ich Sie Hab' so lange aufgehalten. — Also — in der Klosterstraße auf der alten Kleiderbörse — fragen Sie nur nach dem alten Aron, die Leit' kennen mer. — Adje — geehrter Herr."- Aron hatte mir Respect eingeflößt — alle Achtung vor solchem Manne! — Auf der Kleiderbörse! — Dieses Institut kannte ich selbst dem Namen nach nicht. — Am nächsten Morgen gegen 12 Uhr durchwanderte ich die Klosterstraße, um zur alten Kleiderbörse zu gehen. Auf der Seite der Klosterstraße nach der Königstraße zu konnte mir kein Mensch Auskunft geben, wo die alte Kleiderbörse ist; dagegen war sie in dem Viertel der Klosterstraße nach der Neuen Friedrichstraße zu sehr bekannt. Der Eindruck des verhältnißmäßig kleinen Hauses ist mindestens ein sehr matter. Vor einer Kneipe, die nicht sehr einladend aussieht, handelten mehrere Juden unter sich alte Kleider aus. Ich ging in die Kneipe hinein und drängelte mich durch einen Knäuel von jüdischen Handelsleuten durch, die mich mit erstaunten Blicken von oben bis unten ansahen, alle mit der Frage auf dem Gesicht: „Was zu handeln?" Eine Bude — eine bessere Bezeichnung verdient diese sogenannte Börse nicht — charakteristisch gehalten, entsprechend ihrem Zweck — alt — dunkel — unsauber — brr! — Schon wollte ich wieder hinaus, als Aron auf mich zutrat und mich nach meinen Wünschen fragte. — „Ansehen wollte ich mir diese alte Kleiderbörse 'mal, das Treiben und Leben — aber ich habe genug — das halte der Teufel aus. —" „So arg ist es nicht, geehrter Herr, Sie müssen sich nur erst etwas gewöhnt haben an die ganze Atmosphäre, dann werden Sie's auch aushalten, es sind manche interessante Menschen da; z. B. dort der Salamon Seifknsteiner aus Lemberg, dort Jach Jeiteles aus Jassy — dort der gerissenste Jüd von ganz Posen — Wolf Ruffer. — Wenn Sie sich da so ganz harmlos hinsetzen, lassen sich ä Glas Bier geben und zünden sich ä Cigarr an und Sie bieten die 3 Leit auch ä Cigarr an — ich rauch' nicht — da können Sie was hören." — (Fortsetzung folgt.)

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