Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 37 Seite 681 Dr. Bloch's Wochrnsrtzrifl. Aus Rutzland. Der Oberprocureur der „heiligen" Synode, Tvrqucmada ll., gewöhnlich Pöbedonoszew genannt, der unter dem verstorbenen Kaiser der wirkliche Selbstherrscher aller Reußen war und zu Beginn der gegenwärtigen Regierung etwas zurückgedrängt wurde, ist in jüngster Zeit wieder stark in den Vordergrund getreten, und wie es scheint, hat dieser finstere Fanatiker seinen unheilvollen Einfluß auf die innere Politik Rußlands vollständig wiedergewonnen. Und im Bewußtsein seiner Macht wird unser Großinquisitor immer „anspruchsvoller", immer „unternehmender" und fühlt sich ermuthigt, solche Fragen anzuregen, die sogar bei Alexander M. kein geneigtes Ohr und keine Ermuthigung fanden. — In dem allerunterthänigsten Rapport, den Pöbedonoszew unlängst dem jungen Monarchen erstattete, finden sich folgende gemein-antisemitische Denunciationen: „Der Einfluß der Juden erscheint ganz besonders schädlich auf die Religiosität ihrer rechtgläubigen (russischen) Dienstboten. Minderjährige, die bei Juden einige Jahre im Dienst standen, vergefien vollständig ihre rechtgläubige Religion; aber auch bei Erwachsenen wankt die Religiosität durch den Einfluß der jüdischen Herrschaft. An Sonnabenden und Sonntagen ist den (christlichen) Dienstboten die Möglichkeit genommen, die Kirche zu besuchen, da die jüdische Herrschaft an jenen Tagen, die gewöhnlich Markttage sind, ganz besonders auf die Hilfe ihrer Dienstboten angewiesen sind, und ist's den christlichen Domestiken streng verboten, an Sonn- und Feiertagen zur Messe zu gehen, unter Androhung von Strafen oder Stellenverlust. Die Rechtgläubigen, vie in ein jüdisches Haus gerathen sind, hören also auf, die Gotteshäuser zu besuchen, entwöhnen sich vom A n b l i ck der Heiligenbilder und vernachlässigen alle kirchlichen Gebräuche. Die Geistlichen hören mit Entsetzen bei der Beichte der bei Juden bediensteten Rechtgläubigen die wüthenden Blasphemien, welche die Juden gegen das Christenthum, den Erlöser, die Gottesmutter Hervorbringen, und welche durch diese Dienstboten sich unter das Volk verbreiten können. Die Juden bemühen sich auch, durch verschiedene Mittel die Christen, welche in ihren Fabriken, arbeiten, zu demoralifiren. Sie umgeben die Fabriken mit einem Netz von Wirthshäusern und und locken dahin die Fabriksarbeiter, welche dort ihr Geld und ihre Gesundheit verlieren u. s. w." Natürlich darf in der russischen Presse dieser „allerunterthänigste Bericht" nicht commentirt und noch weniger widerlegt werden. Doch wagen manche Blätter die schüchterne Bemerkung, „daß es bedauerlich ist, in diesen allgemein gehaltenen Betrachtungen kein einziges Factum zur Bestätigung derselben zu finden, was um so wünschenswerter wäre, da bis jetzt Fälle von einer schädlichen Einwirkung der Juden auf die Religiosität ihrer christlichen Dienstboten völlig unbekannt sind." Ja, wo sollte denn Herr Torquemada-Pobtdonoszew Beweise hernehmen? Er weiß ja ganz genau daß diese seine „persönlichen Ansichten" völlig aus der Luft gegriffen find, er wird sich auch noch erinnern können, daß sogar der verstorbene Kaiser, an die Legende von dem demoralisirenden Einfluß der Juden auf ihre rechtgläubigen Domestiken nicht recht glauben wollte; denn noch vor Jahren hat der eifernds Pobedonoszew dem Kaiser Alexander HL einen „allerunterthänigsten Bericht" unterbreitet, worin er den frommen Monarchen zu bewegen suchte, den Juden zu verbieten, christliche Dienstboten zu halten, welcher „Bericht" aber unberücksichtigt blieb. Jedenfalls ist's aber ein vielversprechendes Zeichen für den „Liberalismus" der neuen Aera, daß Pobedonoszew gerade jetzt den Muth hat, dem jungen Monarchen solche mittelalterlich-blödsirimge Dinge aufzutischen. Gutist auch die Denunciationjgegen die jüdischen Wirthshausbesitzer. Als ob man an allerhöchster Stelle nicht wüßte, daß den Juden der Getränkehandel nur in den Städten des engen Ansiedlungsrayons und auch dort nur mit großen Einschränkungen gestattet ist! Als ob man an „allerhöchster Stelle" nicht wüßte, wie die „rechtgläubigen" Lsdatsetmidi (Schankwirthe) in den innerrusfischen Gouvernements das Volk geradezu verthiert haben, so daß die Regierung sich veranlaßt sah, den Getränkehandel in Monopol zu nehmen! Aber was geht das alles den Oberprocureur der heil. Synode an, er ist ja auch Ober-Judenfresser und als solcher muß er ja unverschämt lügen, auch in den „allerunterthänigsten Berichten". Uebrigens hat der genannte „Bericht" und seine eventuellen Folgen nicht die mindeste Bedeutung für die russischen Juden. Sollte die jetzige liberale Regierung den Juden verbieten, christliche Dienstboten zu halten, so würden nicht die jüdischen Arbeitgeber, sondern die christlichen Arbeitsucher unter diesem. Verbot leiden. Auch ist die jüdische Lage in Rußland unter der neuen Regierung so traurig, daß die „Dienstbotensrage" uns am allerwenigsten anficht. Es wird immer trüber und schlimmer. Die Ausweisungsdecrete vermehren sich. Besonders hat es die jetzige Regierung auf die sibirischen Juden abgesehen. In Wladiwostok traf ein Circulär ein, welches verfügt, alle dort ansässigen Juden unverzüglich in ihren Anfiedlungsrayon zu expulfiren. Ein anderes Circulär verbietet, Juden beim Bau der sibirischen Eisenbahn Arbeit und Beschäftigung zu geben, und verfügt, die dort angestellten jüdischen Arbeiter sofort in ihre „Heimat" zurückzudrängen. Das find die Mittel, mit welchen die „liberale" Regierung die Judenfrage lösen will. Also ehrliche, schwere Arbeit wird den Juden verboten, damit man desto munterer auf die „Parasiten" und „Exploitirer" losdecretiren kann. In die vom Staate neu zu eröffnenden Gewerbe- und technischen Schulen dürfen Juden nicht ausgenommen werden; Ackerbau dürfen Juden nicht treiben; die Lehrthätigkeit, die Advocatur, alle Staatsämter find den Juden vollständig abgesperrt; ja, sogar die Ausübung des Handwerks wird den Juden immer beschwerlicher gemacht, kurz, jede ehrliche Beschäftigung ist den Juden untersagt, was sollen sie also doch anfangen, um ihr Leben zu fristen? Fast scheint es, daß unsere Regierung den Rath, den die „Nowoje Wremja" vor einigen Jahren den bedrängten Juden ertheilte, sich in's Wasser zu stürzen, als die passendste Lösung der Judenfrage betrachtet. Oder will sie die Juden in's Taufwasser stürzen? Vielleicht. Hat doch vor Kurzem ein russisches kirchliches Organ mit der ernstesten Miene der Welt erklärt, daß alles Unglück in Rußland daher kommt, „weil wir keine innere Mission zur Bekehrung der Juden haben", und zur Bekräftigung dieser hochweisen Ansicht führt es als Beispiel England an, wo. dank den dort ausgezeichnet arbeitenden Miffionsgesellschaften, die dortigen Juden sichmassen weise taufen lassen, und das Land dadurch eine Menge nützlicher Bürger erwirbt und keine Judenfrage kennt". Daß aber in England, außer den Miffionsgesellschaften. denen es mit größter Mühe und ungeheueren Geldopfern gelingt, ein paar verworfene Spitzbuben jährlich zu taufen, noch andere Umstände, z. B. Freiheit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze, Mitwirken, um die Juden in nützliche Bürger zu verwandeln, das verschweigt das kirchliche Organ wohlweislich. Ebenso verschweigt es auch die Thatsache, daß die englischen Juden im Allgemeinen streng religiös und dem Judenthum sehr zugethan und dabei wirklich sehr „nützliche Bürger" sind. Aber das ist ja alles Nebensache, richtig ist nur die „segensreiche Thätigkeit der englischen Misfionsgesellschaften". Ego. Vornss! jüdischen Religionsunterricht in den Gymnasien. Unsere armen Gymnasialschüler haben sicher schwer genug zu kämpfen, um sich durch die Wüste lateinischer und griechischer Grammatiken hindurchzuarbeiten, sie „stucken" — dies ist der technische Ausdruck — mit einer Bravour, die einer besseren Sache würdig wäre; indeß da gibt es keinen Pardon, das Pensum muß erreicht werden. Zwei todte Sprachen sollte man meinen, genügen; bleibt noch etwas freie Zeit, so wäre es gut, wenn sie auf das Studium lebender Sprachen verwendet werden könnte. Das ist jedoch jetzt, seitdem den jüdischen Gymnasialschülern auch hebräische Grammatik zu lernen obliegt, thatsächlich unmöglich. Mir rst vom jüngsten Semester ein Fall bekannt, wo ein Gymnasialschüler dadurch, daß er den Anforderungen des Religionsprofessors nicht genügte, gezwungen wurde, dem Studium zu entsagen und zum Handelssache überzugehen. Er hatte, weil die lateinischen und griechischen Studien ihn im letzten Jahre stark in Anspruch nahmen, das Hebräische vernachlässigt und — fiel durch; die Eltern wollten ihn nicht repetiren lassen, so blieb dem armen Jungen, der nun schon 6 Jahre Latein und 3 Jahre griechisch gebüffelt hatte, nichts übrig, als seine griechischen und lateinischen Studien an dm