Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 679 die officielle Mißachtung ihrer Religion, fühlen die Demüthigung und werden entweder Verächter des Religionsprincipes überhaupt oder es bäumt sich in ihnen das Selbstgefühl und Kampfgedanken ziehen schon in das sonst so friedliche kindliche Gefühl ein. Morgen früh soll ein arischer Hauslehrer seinen Einzug bei den Gütdenau's halten. Welch' ein wichtiges Ereigniß! Ein jüdischer Hauslehrer wird in dem jüdischen Hause als Domestik betrachtet, einem arischen Hauslehrer v u|; man jedoch alle erdenklichen Ehren erweisen und jede nur mögliche Bequemlichkeit und Annehmlichkeit bieten, entsprechend dem hohen Glücke und dem reichen Segen, die mit einem solchen Lehrer in das jüdische Haus einkehren. Und die Erwartung auf einen arischen Hauslehrer verträgt sich allerdings nicht mit der Vorbereitung für einen heiligen jüdischen Festtag. Frau Güldenau beschäftigt sich in angelegentlichster Weise, fast mit dem Eifer der Cornelia für die Erziehung der jungen Gracchen, mit der Herrichtung des Zimmers für den morgen früh eintretenden Hauslehrer, und die fünfzehnjährige Tochter Fräulein Elsa steht dabei der Mutter getreulich zur Seite. Die Erwartung, eine Luft mit einem Arier zu athmen, einem Arier bei Tische gegenüber zu sitzen, die ritterlichen Galanterien eines Ariers entgegennehmen zu können, so oft man nur will — wie überselig muß dies nicht ein jüdisches Mädchen machen! „Mama! wir müssen noch Alles bei Seite schaffen, was uns dem Lehrer als Juden zu erkennen gibt". Für diesen glücklichen Gedanken fiel die Mutter dem Mädchen um den Hals und küßte es: „Mei' kluge Elsaleben". . „Mama! Mama! Du jüdelst schon wieder. Das mußt Du Dir jetzt abgewöhnen! Und was ich Dir noch sagen will — Deine Mutter darf nicht mehr mit uns am Tische essen, der sieht man ja an, daß sie eine Jüdin ist, wenn sie auch nichts redet." „Du hast Recht, liebes Kind, sie soll aus ihrem Zimmer bleiben!" Nun gehen Mutter und Tochter in das „Zimmer des Buben" und machen sich daran, aus den obersten Fach des Bücherkastens die verstaubten hebräischen Bücher herunter zu werfen, die man dann von einem Dienstboten auf den Dachboden transportiren läßt. Herr und Frau Güldenau stammten von frommen Juden ab. Es waren die Bücher noch vorhanden, aus denen sie in ihrer Jugend lernten und beteten. Endlich ist Alles für den Empfang des Hauslehrers fertig. Herr Güldenau kam gegen drei Uhr von der Börse nach Hause. Er vermißte in seiner Familie die Stimmung des Tages, die jeden Juden heute überkömmt, mag er noch so sehr im Weltlichen verloren sein, wie der Gichtbehaftete den Witterungswechfel nicht verschlafen kann." Verdrießlich saß er beim Diner, die Speisen fast unberührt lastend. Nach Tische bemerkte er seiner Frau gegenüber: „Du, Bella, Edi wird morgen auch noch die Schule besuchen; er wird mit mir in den Tempel gehen; das Mädel kann meinetwegen thun, was sie will, aber der Bub' muß wissen, daß er Jude ist, er ist alt genug dazu." „Was fällt Dir ein, gerade morgen, wenn der christliche Lehrer eintritt? Muß der denn sofort wisten, daß wir Juden sind? Edi wird morgen in die Schule gehen und feine Lernstunden beginnen." „Ich sag' Dir aber, Edi wird mit mir in den Tempel gehen. Soll der Lehrer meinetwegen wissen, daß wir Juden sind, wenn er's nicht ohnehin schon weiß. Ob er's morgen oder erst später erkennt." „Und I ch sag' Dir, der Bub' wird seinen Lehrer empfangen, in die Schule gehen und dann zu Hause seine Stunden nehmen. Mit Deinen Grundsätzen wird aus dem Knaben nichts werden. Auf große Männer hat immer nur die mütterliche Erziehung Einfluß. Du bist ein ungebildeter Mensch." Das war immer ihr letzter Trumpf im häuslichen Kriege. Gegen dieses Argument ließ sich nicht mehr ankämpfen. Herr Güldenau holt einen tiefen Seufzer, geht auf sein Zimmer und gibt sich seinen Gedanken hin — es sind stechende Erinnerungen an die Vergangenheit, an das Elternhaus, an die Jugend. Nach einer Weile durchschreitet er wieder die Flucht der Zimmer, deren Flügelthüren angelweit offen stehen. In dem Arbeitszimmer des Knaben hielt er stille, steigt aus einen Stuhl und will vom obersten Fach des Bücherkastens Etwas herabholen. Das ganze Fach ist leer. Es überkömmt ihn ein Schrecken, wie wenn man am Grabe theurer Todten eine Leichenschändung wahrnimmt. „Wo sind denn die Bücher von da oben hingekommen?" schreit er, daß es durch's ganze Haus hallt. „Schrei nicht so!" sagt die herbeigekommene Gattin an der Thür stehen bleibend, „ich Hab' sie auf den Boden Hinaufräumen lasten, der Lehrer muß nicht wissen, daß wir Juden sind." „Hol' Dich der Teufel mit Deinem Lehrer, Du böses Weib! Das sind die Bücher von meinen Eltern; im Rosch- Haschonoh-Machsor steht das Datum des Todestages meines Vaters und meiner Mutter eingeschrieben. Beide stehen im Geiste vor mir, wenn ich in diesem Machsor bete. Verzeiht mir, daß Euch in meinem Hause diese Schmach angethan wird!" Und er weinte wie ein kleines Kind. Verächtlich wendet sich die Frau von ihm ab und geht weg. Herr Güldenau keucht die fünf Treppen auf den Boden hinauf, holt sich das Machsor, das er küßt und an sein Herz drückt. Anstatt der wehmüthigen Stimmung, wie sie vor dem Tempelgange am Eingang des Rojch-Haschonoh im jüdischen Hause herrscht, ist es unheimlich bei den Güldenaus, eine drückende Atmosphäre von Haß und Verachtung zwischen Vater, Mutter und Kindern. Herr Güldenau steht in trüben Gedanken versunken am Fenster seines Zimmers und schaut auf die öffentlichen Anlagen hinab, über deren buntgefärbten Laubfchmuck die untergehende Sonne ihre röthlichen Gluthen wirft, welche mehr zum Sterben, als zum Leben locken. Es ist die höchste Zeit, in den Tempel zu gehen. So allein, wie heute, so sich und sein Haus verwünschend» hat er diesen Gang noch niemals gemacht. Eben will er sein Zimmer verlosten, da tritt ihm das Stubenmädchen mit einen Brief in der Hand entgegen. Vermöge der Stunde kann es kein Geschäftsbrief sein. Die Neugierde treibt Mutter, Tochter und Sohn herbei. Herr Güldenau reißt das Couvert auf, entfaltet das Schreiben und wirft es verächtlich dem Mädchen hin: „Es ist von Eurem Lehrer. Was will der Mensch, der schon vor seinem Eintritte so viel Verdruß in's Haus bringt. Lies!" Und das Mädchen liest pochenden Herzens: „Herr Güldenau! Ich habe schon bei der Aufnahme erkannt, daß Sie dem Hause Israel angehören, obwohl Ihre Frau und Tochter sich alle Mühe gaben, es zu verleugnen. Allein in meiner finanziellen Noth wollte ich mich entwürdigen und bei Juden dienen, auch beschwichtigten die vielverheißenden Blicke des Fräuleins mein Gewiffen. Mit dem Vorschuß von fünfzig Gulden, den Sie mir gegeben, habe ich mich jedoch wieder so rangirt, daß ich die Schande fühle, in ein Judenhaus zu gehen und mich mit Judenbuben zu plagen. Ich zeige Ihnen also hiemit an, daß ich meinen Posten nicht anrrete. Den Vorschuß werde ich Ihnen mit Zinsen zurückzahlen, sobald es mir möglich sein wird. Cornelius Langhammer'" Das Mädchen zittert vor Scham und Aufregung, schleudert den Brief von sich und bricht in Thränen aus. Herr Güldenau ruft: „Gott sei gelobt! Seht, der Lump hat Euch doch als Jüdinnen erkannt, und da habt Ihr den Dank für Euren Enthusiasmus für einen Arier. Frau Güldenau schleicht sich beschämt davon.