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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 37 Dr. Blvch's Wochenjchrifi. Seite 675 „Ich hätte mit Ihnen noch Einiges zu reden, Herr Doctor. Sie haben mir die jüngere Tochter curirt, möchten Sie die ältere nicht auch ein bissel in die Cur nehmen. Es hat sich bei ihr ein Herzleiden eingestellt . . Doctor Silberbusch ging auf den scherzhaften Ton nicht ein. „Ich werde mir gestatten, Ihnen zu Ende des Jahres meine ärztliche Note zu senden. — Hinter Ihren Worten erkenne ich den Einfluß Ihrer Frau. Eine Verbindung mit mir — wir wollen uns ganz offen aussprechen, nicht wahr? — müßte Sie bei Ihrer Partei für immer ganz unmöglich machen und Sie dem Hause und der Familie wieder zurückgeben, wie es der Wunsch Ihrer. Gemalin ist. Außerdem haben Sie wegen Ihrer letzten Reden sich mit Ihren Genossen ein wenig überworfen. Sie fühlen sich zurückgesetzt, in Ihrem Ehrgeiz verletzt. Doch das wird sich Alles wieder finden." Doctor Silberbusch machte eine kleine Pause. Riglsam spielte verlegen mit der Quaste des Tischtuches. Dann fuhr der Doctor wieder fort: „Eine Verbindung zwischen Juden und Christen ist in der gegenwärtigen Zeitlage und unter den speciellen Voraussetzungen insbesonders immer nur das erste Glied einer endlos langen Reihe von Conflicten, denen wir als besonnene Männer doch lieber von vornherein ausweichen wollen. Geben Sie, falls Sie mir gestatten. Ihnen einen freundschaftlichen Rath zu ertheilen, Ihrer Tochter einen christlichen Galten, aber einen braven Mann, den sie sich selbst wählt. Und denken Sie nicht allzuschlecht von uns Juden! Wir sind Menschen und keineswegs srei von Schwächen und Fehlern. „Wer sich frei weiß von Schuld, der werfe den ersten Stein." So ungefähr, glaub' ich, steht es ja in ihrer Bibel. Und nun wollen wir ohne Groll von einander scheiden, Herr Riglsam." Mit Wärme und steigender Empfindung hatte er gesprochen. Sie reichten sich die Hände zum Abschied, der Antisemit und der Jude. . . Riglsam schritt nachdenklich im Zimmer auf und nieder: „Hm. hm! Ein Prachtkerl im Grund, der schwarze Judendoctor. Emen Verstand hat er, wie ein Messer. Alles durchschaut er. Sollte ihm eigentlich dankbar sein. Er hat mich da in der Geschwindigkeit von einer großen Dummheit zurückgehalten. Das g'fallt mir wirklich von ihm. So ein Jud' ist mir noch gar nicht unterqekommen. Ah was. der eine Ausnahmsjud, der weiße Rab', beweist mir die Regel. Weg'n dem einen werd'n wir nicht die ganze antisemitische Beweguna, die uns so prächtig m die Höh' gehoben bat, wieder abwinken; fiel' uns ein. Die Juden, meine Herren, sind und bleiben das grundschlechteste Gesindel, das der Erdboden trägt!" — Und dies bildete gleich den Uebergang zu einer neuen Rede, an deren Ausarbeitung er sich allsogleich machte und die ihn bei den ein wenig verschnupften Parteifreunden wieder rehabilitiren sollte. Die G'schicht' mit dem schwarzen Judendoctor aber, die wollte ihm lange nicht aus dem Sinn. — fr. Die liebe Jugend. Eine fröhliche Bubenschaar treibt sich auf der Gasse h:rnm, begierig, ihrem jugendlichen Uebermutbe die Zügel schießen zu lassen. Wer würde ihnen das übelnehmen? Es ist ihr gutes Recht, Allotria zu treiben und manchmal sogar über die Schnur zu hauen, denn sie find ja Buben, und frischer Wagemnth und keckes Zugreifen steht ihnen gut an und wir Er vachsenen sehen gar oft mit vergnügtem Schmunzeln in das bunte, lustige Treiben, das Jagen und Necken und Ringen und Durcheinanderpurzeln — wir waren ja selbst einmal Schuljungen, und das harmlose fröhliche Lachen des männlichen Nachwuchses erinnert uns an tolle Streiche und lustige Stunden. Auch das ist zum Theile anders geworden. Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Sie sind nicht immer so harmlos, die Spiele und scherze unserer Schuljugend. Das hat sich vorgestern erst wieder in Währing gezeigt. Das Zander-Pepi führt eine Schaar Gesinnungsgenoffen in eine Gasse, wo sie auf sein Commando vor einem Geschäftsladen Halt machen, dessen Inhaber einen „verdächtigen" Namen führt. „Wißt's was," sagt der Zander-Pepi zu seinen Kameraden, „jctzt than m'r den Inden a biff'l raz'u, und wann er außakummt, so nehmt's dö Staner ans'» Sack und haul's eahm d'Fenster ein." „Jessas ja." antwortet der Ro h r er-Toni," dös wird a Hetz; aber früher kummt's her, stellt's Euch Alle herum im Kreis und hernach than m'r über's Kreuz spucken, das a Jud stirbt." Dieser witzige Einfall fand jubelnde Zustimmung; nur der Rippel-Franz fragte mit zweifelnder Miene: „Js dös wahr, geht dös a wirkli so aus, daß a Jud' stirbt?" „Wann i D'r's sag'," erwidert der Zander-Pepi, „dö vorige Wochen erst hab'n m'r's probirt, und glei darauf is eahm dö Jüdirg'sturb'n, dem da drinn'." „Aber dös wär'ja nachdem a Sünd'." fuhr der Rippel- Franz! in seinem Bedenken fort. Der Zander-Pepi lachte laut auf. „Hört's den an." sagt er zu den Uebrigen, „dös is a Sünd'! Was bist denn Du nachher für a Christ, wann Di Deine Eltern nct amal zun Pfarrer Deckert seine Predigten g'schickt hab'n?" Der R ip p e l - Franz! entschuldigte sich schüchtern wegen dieses furchtbaren Versäumnisses, indem er darauf hinwies, daß er mit seinen Eltern erst seit einem Vierteljahr in dieser Gegend wohne. ..Ah so, das is hernach was anders," sagte der Zander-Pepi, „da bring' i D'r muring in Juden-Vaterunser zum Lesen — zahlst halt zwa Klapsfedern dafür — da wirst hernach anders reden." Die übrigen Buben staunten den R i p p e l - Franz! wie einen vom Mond Herabgefallenen an. ,.Dös maßt hernach a net, daß dö Juden an Allen schuld san?" fragte der R obrer-Toni. Der Ri pp e l-Franzl schüttelte mit dem Kopfe. „Und daß s' dö Christenbuab'n hamli fürafangen und abschlachten, maßt a net? Jeden Tag gengan in Währing zwa Kinder ab. Wo wär'n s' denn hinkumma, wann s' dö' Juden net abq'schlacht' hätten?" Der R ip pel-Franzl verneinte noch immer und der Zander-Pepi sab ihn mit unsäglicher Geringschätzung an. Ein Mensch, der nicht einmal diese Elementarbegriffe eines Neu-Christen in sich ausgenommen hatte, verdiente in seinen Augen keine Beachtung. „Geht's laßt's 'hn geh'n, den tepperten Kerl, der muaß rein aus Galizien eing'wandert sein." sagte er zu feinen Kameraden, „der hat ja gar ka Bültung g'lernt." Das war für die Anderen genügend, um dem ..Bültungslosen" ihre Verachtung fühlen zu lasten. Einer gab ihm das ..Füßl", ein Anderer schlug ihm den Hut vom Kopfe und ein Dritter schleuderte den Hut mit der Fußspitze an's andere Ende der Straße. Der Rippel-Franz l, der auf diese Weise einen Begriff von der wahren „Bültung" bekam, war froh, mit seinem zerquetschten Hute das Weite suchen zu können. „Jetzt paßt's auf." rief der Zander-Pepi: „Eins, zwei' drei: Jud', Jud' über'n Krag'n, hast Dein Weib im Bett derschlagen." Die Anderen schrien und johlten das geistreiche Berslein im Chore nach, und als der Ladeninhaber auf der Thürschwelle erschien, um sich das Ständchen zu verbitten, da flog ein Dutzend Steine in seinen Laden und einer davon nahm den Weg durch's geschloffene Fenster, das klirrend in Scherben ging. Jetzt nahmen die Buben Reißaus. Ein Paffant hatte aber den Vorgang beobachtet und erwischte den Rädelsführer beim Kragen, um ihn der Polizei zu übergeben. Der Rohrer-Toni war aber nicht gewillt, seinen Kameraden im Stiche zu laffen. Er hatte was gelernt aus den Reden der Schneiderund Consorten und rief daher mit gellender Stimme: „Halt's ihn auf, den Juden, er will den Christenknaben fortschleppen!" Der Zander-Pepi, dem seine Rolle als Opfer eines beabsichtigten Ritualmordes sofort einleuchtete, schrie gellend um Hilfe und die Buben, welche schon die Flucht ergriffen hatten, vereinigten sich wieder und eröffneten auf den „Juden" einen Steinhagel. Der Schreckensruf hatte eine Unzahl von alten Werbern herbeigelockt, die sofort den Faden ergriffen, um ein ungeheuerliches Gewebe von entdeckten Greuelthaten und Blutscenen zu spinnen. Der Angegriffene konnte sich der Steinwürfe nicht erwehren und mußte j den Pepi losloffen. Das war erst ein Halloh für die tapfere j Schaar, die ihren Führer jubelnd umringte und die Verfolgung! des „Mörders" mit doppeltem Eifer aufnahm. Erst als die

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