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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-09-13 · 37 (13.9.1895) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 674 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 37 Professors werden, dessen erklärter Liebling er — in. Geheimen war. Der Professor halte es ihm wohl bestimmt zugesagt, doch bat er ihn schließlich, ihm das voreilig gegebene Versprechen zu erlaffen. Es müßten ihnen Beiden hieraus nur Unannehmlichkeiten erwachsen. Silbcrbusch erließ es ihm . . . Die wiffenschaftliche Laufbahn sah der Mittellose sichsohin verschlossen. Er war unerfahren genug, sich um den erledigten Posten eines städtischen Arztes in — Oberösterreich zu bewerben, den er auf Grund seiner vorzüglichen Qualification erlangen zu können vermeinte. Da er aber den Taufschein beizuschließen vergaß, führte auch dies zu nichts- Also die Praxis! Fern von Wien und fern von allen geistigen Bestrebungen in irgend einem Neste zu versauern und zu verkümmern, dazu mochte er sich auch nicht entschließen und so begab er sich denn zu einem Schildermaler und ließ sich auf eine Glastafel mit schönen Goldbuchstaben den Namen und darunter die Ordinativnsstundeschreiben. Dann.berichtete eres seiner altenMutter und hieß sie nach Wien kommen. Sie sollte bei ihm, mit ibm leben und das Haus führen; für ihrer beider bescheidene Ansprüche würde es schon langen, dachte er. In einer Vorstadt wurde eine nette, freundliche Wohnung gemiethet und einfach eingerichtet. Die Ersparnisse der alten Frau waren gleichwohl draufgegangen, doch hatte sie den letzten Trost- und Zehrpfenniq ihres Alters gerne für die Zukunft des über Alles geliebten Sohnes hingegeben. Es meldeten sich, so unglaublich dies scheinen mag, auch wirklich Patienten. Erst freilich lange gar keine — dann — wieder sehr lange gar keine — endlich die erste Schwalbe, welche bekanntlich noch keinen Sommer macht — und später doch nach und nach einige wenige — sagen wir genauer: sehr wenige. Nur Schade, daß von diesen sehr wenigen die Aller wenigsten wirklich zahlten. Von der Armen-Praxis allein kann selbst der humanste Arzt nicht leben. Das ist wohl sehr traurig, es ist tief beschämend, aber leider unumstößlich wahr. Die Mutter vertröstete und ermahnte zur Geduld. Es müffe ja bald besser werden. Doch der Doctor wurde immer ernster, immer verschloffener. Ein geheimer Kummer schien ihn zu bedrücken. Das Mutterauge sieht scharf und las in seiner Seele: er ringt mit einem schweren Entschluß. Doch war die alte Frau zu zartfühlend und schonungsvoll, um das zur Sprache zu bringen, was er ihr verbarg. „Es würde ihm doch nur peinlich und schmerzlich sein" dachte sie, ,,er ist klug und stark, er wird schon selber mit sich fertig werden. Er braucht meinen alten Kopf nicht dazu." Fast täglich erhielt der junge Doctor antisemitische, offenbar mit verstellter Hand geschriebene Schmähbriefe, die ihn aufforderten, den Ort seiner Thätigkeit schleunia zu wechseln, sonst würde es ihm noch schlimm ergehen. Er kannte den verborgenen Schützen — ob junior oder senior, was lag daran? — boxt der Ecke blies der Wind scharf und unfreundlich zu ihm herüber. Die Riglsam-Leute waren ihm spinnefeind. Es schwirrten allerlei böswillige Gerüchte über den „schwarzen Judendoctor" herum. Im Eckladen fanden sie immer den lebhaftesten Wiederhall. Jüngst hatte ihm sogar der Herr Gemeinderath «'ine Familie abspenstig gemacht mit Augenzwickern und halben Redensarten: „Der?! — Aha! — Den kenn i — wisien's das is a ganz feiner, der schwarze Judendoctor!" Mit der wohldotirten Hausarztensstelle war es gründlich vorbei. Sogar die Aermsten redete er ab, zu dem „schwarzen Judendoctor" zu gehen. Doch die blieben treu. Die waren nicht so leicht zu erschüttern in ihrem felsenfesten Vertrauen in seine ärztliche Kunst. Das freute ihn ein klein wenig. — Das Fräulein Rudi hatte er seither einige Male im Theater gesehen und war ihr auch auf der Ringstraße manchmal begegnet; ihren freundlichen, ermunternden Blick hatte er stets mit zurückhaltender, beinahe steifer Begrüßung erwidert. Den Brief aber, den sie ihm den Tag nach seiner Mensur mit ihrem Bruder geschrieben, den bewahrte er sorglich in der untersten Lade seines Schreibtisches auf und seufzte, so oft er ihn überlas : „Ewig Schade. Sie ist ein prächtiges Mädel, das das Herz auf dem richtigen Fleck hat". Die Rudi schlug einen reichen Freier nach dem andern aus. Die Eltern waren fast verzweifelt ob des schier unbegreiflichen Eigensinnes ihrer Tochter. Durch einen Zufall kamen sie aber einmal hinter ein Tagebuch, in welches das Mädchrn seine geheimsten Gedanken und Gefühle, nur für sich selbst und Niemand sonst, eingetragen hatte. Der Alte war vorerst ganz perplex, ehe er tobte und raste, wie ein angeschossenes, wildes Thier. Seine Phantasie konnte ihm nur ein unlauteres Berhältniß des armen Judendoctors zu seiner Tochter ausmalen. Das Mädchen schloß sich ein, Schmerz, Scham und Trotzlwühlten in ihrer Seele. Endlich machte sich ihr gequältes und zermartertes Innere in einem heißen Thränenstrome Lust. Sie warf sich auf ihr Lager und weinte lange .... Indessen warf ihr Vater in grenzenloser Wuth und maßloser Erbitterung einen Brief auf's Papier voll niedriger Schmähungen. Das war sein Stil. Das sandte er gleich hinüber. Als der Doctor es gelesen, zusammengeknüllt und gelassen in den Papierkorb befördert hatte, sagte er ruhig zu sich selber: „Mir ist es nur um das arme Mädel. Sonst hätte ich dem brutalen Patron die Antwort auf diesen Wisch nicht geschenkt". Eines Abends wurde aus einer Vertrauensmänner- Versammlung der Vorsitzende plötzlich durch ein Dienstmädchen nach Hause berufen. Mitten in einer fulminanten Rede hatte er abbrechen müssen. Die sechsjährige Liesel, sein „Herzbinkerl", war schon Tags vorher nicht ganz wie sonst gewesen und hatte über mancherlei geklagt. Der Bruder Doctor hatte ihr flüchtig in den Hals geschaut und gesagt: „Nix is. Faxen macht's halt. Laßt's mich in Ruh'". Wie der Alte nach Hause kommt, findet er Alle in rathloser Bestürzung. Der will dies, Jener jenes — ein Befehl kreuzt den andern. Der Liesel ist immer übler und übler worden. Erstickungsanfälle! — sie ringt nach Luft!! Man sendet um Hans. Er ist nicht in seiner Wohnung. Wo ist er? Im Bierhaus. Man jagt im Fiaker hin und holt ihn heraus. Aber in welchem Zustande tritt er an das Krankenbett der Schwester. „Diphtheritis" lallt er tonlos und tastet schwankend nach einem Stuhl. „Jeder Moment bringt sie dem Tode näher. Da hilft nur eines mehr — Luftröhrenschnitt!" Er taucht sein Taschentuch in das Eiswasser, um sich die glühenden Schläfen zu kühlen. Wie ihm die Hände zittern! „Hans, um aller Heiligen Willen", ruft die Mutier in ihrer Angst, „Du darfst mir in diesem Zustand das Kind nicht anrühreu. Das wäre ja ein Mord!" „So schicken's nach dem Silberbusch hinüber, Mutter, aber rasch, sonst geht die Liesel d'rauf." „Nach dem Juden, mit dem Du die dumme G'schicht damals g'habt hast und dem ich erst die vorige Woche-? und meine gestrige Red' dazu über die jüdischen Aerzte, nein das geht nicht!" wirft der Alte ein und runzelt sorgenvoll die Stirne. „Was geht nicht, Vater?" Wenn man den Juden haben muß, dann hört sich der An tis e m i t i s m u s einfach a u f. Damit vergibt man sich nicht das Mindeste. Das wird immer so gemacht. Schick' nur die Rudi in Gottes Namen hinüber. Er muß kommen und er wird kommen. Seine Sache versteht er. Mußt halt ein bissel klein beigeben, wenn Du den Juden brauchst. Das verpflichtet weiter zu gar nichts." Das sah er denn auch ein, der Alte. Die Rudi eilte athemlos hinüber. Stumm hörte Silberbusch ihren Bericht an — ton- und athemlos flogen die Worte von ihren bebenden Lippen. Er steckte ein schwarzes Täschchen zu sich, griff nach seinem Hute und sagte kurz: „Da ist keine Zeit zu perlieren — gehen wir." Sie versuchte es, seine Hand zu küssen. Er wehrte energisch ab: „Aber liebes Fräulein, was fällt Ihnen denn ein?" „Sie sind ein wahrhaft edler Mensch, Doctor Silberbusch." „Ich thue meine Pflicht, sonst nichts." Mit eisiger Höflichkeit grüßte er flüchtig die Familie und trat an das Lager des röchelnden Kindes heran. Mit gelassener Ruhe vollführte er die Operation. „Das Schlimmste hätten wir hinter uns", tröstete er die Anwesenden beim Weggehen. „Wünschen Sie, daß ich morgen wieder nachschaue?" — Nach wenigen Tagen befand sich Liesel bereits außer aller Gefahr. Der „schwarze Judendoctor" hatte sie gerettet. Nach einigen Wochen sprang sie, wie vorher, wieder im Hause umher. Die überschwänglichen Lobeshymnen und Da.ckesbezeugungen des Vaters schnitt der Docter kühl ab: „Da ist nichts dabei. Eine so einfache Operation trifft jeder. Uebrigens ist meine Aufgabe hier beendet."

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