Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 57 Dr. Bloches Wvchen»chrifi. Silberbusch's einzige Erholung, um die kein Mensch etwas wußte, und die er auf seiner Stube, die dazu gerade geräumig; genug war, fleißig ausübte. j Eines Abends trat er ans den Freund zu, der übelj gelaunt im Lehnstuhle lag, und fragte ihn in seiner lakonischen Weise, indem er auf die Schläger und Bandagen an der Wand deutete: „Magst?" — „Nein, danke. Bin heute nicht recht beisammen".— Silberbusch griff ihm mechanisch nach dem Puls: „Fieber. Begib Dich zu Bett und geh' mir vor Allem heute nicht auf den Studentenball, hörst Du!" — Der Andere brummte verdrießlich: „Gut also, ich bleibe daheim; aber nur untere in erBedingung,— wenn D umeine Karte benützest." — Silberbusch lehnte ab. — „Sei nicht langweilig, hier liegt Ballhemd, weiße Cravate, Frack und Claque und Alles, was zur Unwiderstehlichkeit sonst gehört, sei doch kein Narr und schau' Dir einmal die Comödie an." Nur der Drohung, sonst selbst hinzugehen und sich ernstlich krank zu machen, gelang, was allem Zureden mißglückte. — Sie waren ungefähr einer Größe und Silberbusch sah merkwürdig gut aus. Er streifte sich die weißen Glacehandschuhe an die Finger und sagte, sich im Spiegelchen besehend: „Ihr erster Ball. Gute Nacht!" Dann ging er. Unterwegs machte er sich ernstliche Borwürfe darüber, seinen Grundsätzen so leicht untreu geworden zu sein und wäre hundertmal umgekehrt, wenn er sich nicht vor dem Freunde geschämt und seinen Spott gefürchtet hätte. * * Der prächtige Anblick eines glänzenden Tanzsaales übt selbst auf erfahrene Ballbesucher immer erneuten Reiz aus und das „Ah" der Ueberraschung verlernen sie niemals. Unser Neuling stand einen Moment geblendet von so viel Glanz, der auf ihn eiustürmte. Doch rasch gewöhnte sich sein Auge an ihn imb er stürzte sich muthig in das Gewühl der Flanirenden — Medifirenden — in das Kreuzfeuer der Coquetterie. Hier reife, vollerblühte Frauenschönheit —' die Seide knistert, Sammt und Brocat rauschen in schweren Falten — reiches Geschmeide blitzt auf! — dort reizende Mädchenknospen, Ballnovizen, die Unerfahrenen von heut' Abend, einfach in rosa oder weißem Tüll. Ein mumificirtes Hofräthchen, seine aus der Mode gekommene, längliche Gemalin in grauer Seide am Arm, trippelt ängstlich über das Parquet. Studenten in voller Wichs schaffen den Beiden ehrerbietig Raum. „Seh'n die nicht aus, wie aus einem alten Schachterl?" flüstert eine Ganz - Boshafte ihrer Freundin so leise in's Ohr, daß die Umstehenden es hören müssen. Au.b Bekannte trifft Silöerbusch. Man grüßt sich und schreitet vorüber ... „Was, Teufel, der Jud' auch da?! Mit dem wollen wir uns heute mal einen ausgiebigen Ulk leisten. K-.mm', machen wir uns an ihn an." Der Bursch, der dies zu seinem Commilitonen gesprochen, faßt ihn unter den Arm und lootst ihn quer durch das Gewühl. Arglose Begrüßung und man bummelt auf gut Glück zu Dreien. „Welches Mädel gefällt Ihnen denn am besten, Freund Silberbusch, he? Die in Rosa vielleicht, dort neben ihrer Mutter, die mit dem großen Straußfedern-Fächer unaufhörlich wedelt. Nach der blicken sie ja fortwährend hin. Na, sie hat keine üblen Veilchenauaen, die kühle Blonde. Wollen Sie vorgestellt sein und sich zur Quadrille einschreiben. Kommen Sie — Vorwärts! Nur nicht schüchtern. Sonst merkt's ja Jetur gleich, daß Sie zum ersten Male auf einem Balle sind." Silberbusch kommt mit seiner leisen Weigerung gar nicht an. Im Grunde ist es ihm gar nicht einmal so unlieb, sich diesem liebreizenden, jugendfrischen Geschöpscken räbern zu dürfen. Schon siebt er vor ihr. — „Studiosus Med. Nathan Silberbusch" — „Fräulein Rudolfine Riglsam" -- schon trägt er seinen Namen in ihr Büchlein ein. das sie ihm mit holdem Erröthen darreicht und er hat gar nicht bemerkt, welch wüthende Blicke die aufgedonnerte Frau Mama —dunkelviolette Sammtrobe, schwerer Goldschmuck — inzwischen nach rechts und links geschossen, auch nicht bemerkt, wie sie das Töchterchen am Arme gezupft — denn schon haben die beiden „Freunde" ihn wieder entführt. Was er aber zu bemerken glaubt, ist, daß sie das Lachen verbeißen und ihm auch sonst ihn ihrem Betragen sonderbar verändert erscheinen. Hat er vielleicht unbewußt einen Etiquettefehler sich zu Schulden kommen lassen und stimmt sie das so fröhlich? — Da werden sie mit Eins von ihm getrennt und er findet sich wiederum allein. Vom dreistufigen Peristyl blickt er in den Saal hinab; die verführerischen Seite 673 Weisen des Walzers erklingen und die Paare wiegen sich nach : den rhythmisch bewegten Schaukelwellen des Dreivierteltacts, j Wiener Walzer, letzter schöner Rest des liebenswürdigen, alten j Wienerthums! Ein Merkzeichen der Vergangenheit bist du uns, , und zugleich eine Gewähr für die Zukunft. So lang Wien an schönen Melodien noch Gefallen findet, ist noch Hoffnung vorhanden, daß es nicht ganz versinken und untergehen kann in Rohheit und Gemeinheit. . . . Da faßt Jemand Silberbusch unsanft am Arm und stört ihn in seinen Gedanken. „Da ist er ja. der freche Jud', der die Unverschämtheit gehabt hat, meine Schwester zum Tanze zu bitten. Ich heiße Hans Riglsam." Silberbusch entgegnete nur wenig erregt: „Ihrer Frau Mutter bin ich vorgestellt und meinen Namen habe ich mit Einwilligung Ihres Fräulein Schwester in deren Tanzkarte eingetragen; daher werde ich auch die Quadrille mit ihr tanzen, d.h.insofernesie mirnicht selbstmittheilt, daß sie sie n i ch t mehr mit mir zu tanzen wünsche. So viel zu Ihrer Darnachachtung, mein Herr, und in allem Uebrigen erkläre ich Sie für einen dummen Jungen." Damit wandte er sich von ihm ab — das Mädchen mit rascher Verbeugung um den versprochenen Tanz zu bitten. Verwirrt stand sie auf und legte ihren Arm in den seinen. Die beiden lustigen Brüder, die auf einen ganz anderen Ausgang ihres köstlichen Scherzes vorbereitet waren, sahen mit langen Gesichtern zu, wie Fräulein Rudolfine Riglsam, die Tochter des ultra-antisemitischen Gemeinderathes, zu aller Welt Erstaunen mit dem Herrn Nathan Silberbusch wunderschön Quadrille tanzte! Auch der Papa kam wüthend vom Tarocktisch herüber und machte große Augen. ... „Hat er sich feig benommen, der Jud', bei Deiner Herausforderung?" fragte er später den Sohn. „Bei meiner —? Im Gegeutheil, merkwürdig phlegmatisch. Er schlägt sich, aber vorher will er erst tanzen. Den hau' ich ordentlich zusammen. Bei der Kadimah ist er nicht, das weiß ich." Ein besorgter Blick aus den Augen seiner Schwester irrte durch den Saal, doch traf er den nicht mehr, den er suchte. Sie hätte gerne einige freundliche Worte zu ihm gesprochen, und ihm gesagt, wie sehr sie es bedauere, die Beranlaffung zu all' diesen peinlichen Vorfällen abgegeben zu haben, daß sie selbst . . . Als man aber des anderen Tages den Herrn Bruder übel zugerichtet und verklebt in's elterliche Heim brachte, da kam es zuerst über sie, wie ein Gefühl der befriedigten Genugthuung — des freudigen Stolzes! Sie machte sich selbst Vorwürfe darüber und konnte sich dessen doch nicht erwehren. Es war ihr, als ob Silberbusch eine ihr persönlich zugefüqte Schmach ritterlich abgewehrt hätte. Dann erst wandte sie sich mit schwesterlichem Mitleid ihrem übel gelaunten, schimpfenden Brüderchen zu. # * Drei Jahre waren seit diesem verstrichen und Nathan Silberbusch war Doctor der Medicin geworden. An demselben Tage hatte er mit HanS Riglsam, seinem einstmaligen Gegner, promovirt, der noch immer, wo er ihm begegnete, einen schlecht verhehlten Groll zur Schau trug, um den sich der junge jüdische Arzt herzlich wenig kümmerte. Wissenschaftliche Probleme beschäftigten ihn zu sehr, um Leuten, üie er für recht unbedeutend halten mußte, mehr als flüchtige Beachtung zu schenken. Der Sohn wandelte nicht mehr so ganz in den Fußtapfen des Vaters. Wallfahrtete dieser mit einem großen, weißen Nelkensträuße am Wanderstecken nach Maria-Enzersdorf, um die Mutter Gottes zu „bestürmen", Lueger's Gesundheit zu conserviren, so zog den Jungen sein Herz nach Rosenau, wo Sankt Geolig. der Drachentödter, zu Hause ist . . . Beide trieben es immer bunter und toller. Jeder hatte sich derart völlig in sein Lügengewebe eingesponnen, daß er jetzt schon an all' das selber steif und fest glaubte, was er Abenteuerliches und Seltsames behauptete. Riglsam sen. stand im Wahlkampfe in vorderster Reihe. Haß und Neid. Verleumdung und Verhetzung bildeten seht seinen Beruf und seine Lebensaufgabe und die gedankenlose Menge ließ sich von solcher Führerschaft willig am Gängelbande und Narrenseile leiten. Auch in die stilleren, der Wissenschaft geweihten Hallen war der unselige Geist der Zwietracht eingedrungen. Silberbusch, der einige beachtenswerthe Arbeiten bereits veröffentlicht hatte, durfte nicht der Assistent seines