Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 672 Dr. Bloch's Wochenschrift. dir. 37 lich erscheint, dem „Obzor" mit seinem Wiener Hintermann die gebührende Abfertigung zutheil werden ließ, da schlug der „Obzor" um und der Wiener Antisemit verduftete bei Nacht und Nebel, ohne Sang und Klang. Man sagt sich heute noch, es soll Meister Stampiglius gewesen sein, der sich fürchtete, bei Tage abzureisen, da ihm sonst das Malheur hätte passiren können, ein Paar saure, aber auch faule Gurken auf die Reise mitzubekommen. Dr. Jecheskel. „Der schwarze Iudrndortor". Das is halt Wienerisch, Wienerisch.... Die wahren Begebenheiten dieser einfachen Geschichte sollen, so wie sie sich zugetragen, schlicht aneinandergereiht werden. Nur im Wiener Boden, in dem sie wurzeln, sind sie möglich gewesen. Nichts wird in der Darstellung zurecht-- gerückt oder verändert werden, als die Namen der handelnden Personen. * * * Der Herr Johann Riglsam war vor fünfzehn Jahren noch ein friedliebender und ehrsamer Bäckermeister in der Vorstadt, der sich um sein aufblühendes Geschäft eifrig annahm. Wenn er, die schneeweiße Schürze vorgebunden, in seinem Laden stand, hatte er auch für die kleinste Kunde ein munteres Wort und einen freundlichen Blick — und kamen aus der Backstube die warmduftenden Brote herüber, auf welche die Käufer bereits mit dem Gelde in der Hand warteten, dann war der Mann zufrieden mit sich selbst und allen Anderen und hätte mit Keinem getauscht. Sein Gewerbe verstand er von Grund aus, gab richtiges Gewicht und es bedurfte keines Vergrößerungsglases. um seine Semmeln zu bemerken, die überaus appetitlich vom Ansehen und äußerst wohlschmeckend waren. Wenn der große Backofen 'chon um vier Uhr des Morgens geheizt wurde, war der Meister immer selber mit dabei. Die „Mischer" überwachte er persönlich und den ganz kleinen, mehlbepuderten Lehrling, der sich, trotz seiner geraden Beine alle Mühe gab, mit O°Füßen durch die Welt zu wackeln, um es den erwachsenen Gesellen jetzt schon möglichst gleich zu thun, den zupfte er höchst eigenhändig an den Ohren, wenn er des ehrsamen Handwerks grundlegende Lehren nicht rasch genug capirte. Kein Wunder also, daß die Bermögensumstände' des Herrn Riglsam sich von Jahr zu Jahr zusehends verbesserten, und er rascher, als er selbst es hoffte und dachte, zum Hausherrn gehen konnte, um ihn zu fragen, wie hoch er denn das einstöckige Eckhäuslein im Preise halte und ob es gegen baar Geld auf den Tisch nicht feil wäre. Die Mitgift seiner Frau, die einer begüterten Bürgerfamilie entstammte, kam ihm beim Abschlüsse dieses Handels wesentlich zu statten. Damals war er ein Jahr erst verheiratet und schon strampelte ein wohlgenährter Stammhalter in der Wiege. Seine Gattin, eine echte Wienerin, so energisch als gutmüthig. half ihm tüchtig mit im Geschäfte und hielt auch das Hauswesen in guter Ordnung. Bald kam noch ein blondes Mädel nach und dann — — der Hans war schon auf der Hochschule und die Rudi auf drei Bällen, als sich der Storch der Riglsam-Leute wieder erinnerte und ihnen einen kleinen Nachzügler bescheerte, den sie Liefe! nannten — der Aller Liebling und Herzblättchen wurde — verzogen und verhätschelt nach Noten — wie man das schon kennt! Aber der Herr Riglsam war damals schon lange nicht mehr der Alte. Er war unter die Politiker gegangen — durch und durch Parteimann —, hochstrebend und auffahrend, nur zu Wahlzeiten herablaffend und zugänglich. Wem er sonst blos für seinen respectvollen Gruß mit kaum merklichem Nicken dankte, dem drückte er dann innig und gefühlvoll die Hand, und wen er für gewöhnlich nur per „Sie, Dings" ansprach, den erhob er großmüthig in den taxfreien, wienerischen Adelsstand, indem er seinem Familiennamen ein schmeichelhaftes „Herr von" vorsetzte. Ganz selbstverständlich war er Antisemit, christlich-social wie die Möglichkeit, und wetterte, was das Zeug hielt, gegen die nichtswürdigen Juden, die bekanntlich an allem Uebel und Unheil dieser Welt ganz alleinig die Schuld tragen. Die schlechten Zeiten kannte er freilich blos von Hörensagen der Herr — Gemeinderath. Sein Geschäft, um das er sich nur mehr wenig kümmerte, überwachte die Frau. Das ging nunmehr von selbst und war nicht mehr zum Um» bringen; er konnte ungehindert in Sitzungen und Versammlungen seinen sogenannten Geist leuchten lassen, wie er wollte. Zwar machte er sich leider zumeist nur lächerlich mit seinen in drohendem Tone vorgebrachten Gemeinplätzen. Die Parteigenossen selbst hatten nur in einem ganz bestimmten Sinne großen Respect vor seinen „Fähigkeiten", die ihnen schon manche arge Verlegenheit bereitet hatten. Gewöhnlich begnügte er sich, die Reden der anderen noch einmal zu halten — aber wenn er mit beringter Faust kräftig auf das Pult schlug und entrüstet mit dem Fuße dazu stampfte, so verfehlte diese Art populärer Beredsamkeit doch nur selten ihren Eindruck. Namentlich in den Wirthshäusern der „enteren Gründe" stand er in dem Rufe eines beliebten Volksredners und galt für einen Mann, der ein Herz für's Volk, richtiger ausgedrückt, für den Durst des Volkes hatte und was springen ließ. Wenn er die Reihen der Tische durchschritt, an denen die Leute saßen, die das Bier tranken, das er ihnen auftragen ließ, unddieWürste verzehrten, die er bezahlte, da scholl es ihm brausend entgegen: „Hoch, der wackerere Bolksmann, hoch der Judentödter — drei — mal H o ch!!" Das gefiel ihm ausnehmend und schmeichelte ihm gewaltig. Er hatte sich, obwohl er weder kurznoch weitsichtig war, eine Brille in goldener Fassung angeschafft, die seinem wohlgenährten, röthlichen Gesichte einen gewissen gelehrtenhaften Anstrich und seinen Worten Nachdruck und Bedeutung verlieh. Sein Hans hatte es inzwischen glücklich bis zum Studiosus Medicinae gebracht. Mit Müh' und Roth, Hauslehrern und Correpetitoren hatten sie den Allzubequemen durch das Gymnasium hindurchbugsirt und beim zweiten Versuch an der Klippe Matura vorbei. Dvctvr mußte der Hausherrnsvhn unter allen Umständen werden, „kost's was der wöll". Im Kneiplocal und auf dem Fechtboden war er sicherer zu treffen als im Hörsaal. Papa war der Letzte, ihm hieraus einen Vorwurf zu machen. Der war schon zufrieden, daß Hans einer absolut judenreinen Couleur beigetreten und zu ihren besten Schlägern zählte. Seine Mensuren verhalfen ihm sogar zu einer Art von gefürchteter Berühmtheit. Die Schulden zahlte die Mama hinter dcs Papa's Rücken und so währte das flotte Leben ein Paar Jahre ungehindert fort. Dabei waren die geistigen Anlagen des Jungen keine so üblen, was ohne allen Zweifel mütterliches Erbtheil war. Schloß er sich für ein paar Wochen ein und ochste und paukte zum Examen drauf los, rutschte er fast immer knapp durch. Er machte eben einen günstigen Eindruck auf manche Professoren, der hochgewachsene, stramme Arier mit seinem schneidigen und bei aller Sicherheit gefälligen Auftreten und nahm sich doch ganz anders und viel besser aus, als beispielsweise College Nathan Silberbusch, der schüchtern und gedrückt, nach dem richtigen Ausdruck tastend, vor den gestrengen Herren am grünen Tische stand. Zwar hatte der weit mehr gelernt, kein Zweifel, aber er war kleinen, unansehnlichen Wuchses und hatte schwarzes, gekraustes Haar, welches nicht sonderlich beliebt fein soll. In seinem bleichen Antlitz, das von Entbehrungen aller Art erzählte, glommen ein paar dunkle Augen übernächtig und unstät. Tagsüber unterrichtete er um. dreißig Kreuzer, die Stunde und die Nächte hindurch saß er bei der Studierlampe. Er war der Sohn eines Districtsarztes in der Bukowina, welcher ihn, das einzige Kind, im zarten Knabenalter der trostlosen Mutter ohne nennenswerthes Vermögen zurückließ. Arzt zu werden, gleich dem Vater, das war der glühende Wunsch, der ihn, seit er dachte, beseelte. Bis zur Hochschule hatte er sich durchgekämpft und durchgerungen und Hindernisse aller Art, die sich ihm in den Weg stellten, mit nie ermattender Energie besiegt. War es ihm doch sogar einmal gelungen, einen kleinen erübrigten Geldbetrag, das Honorar der ersten veröffentlichten Arbeit, seiner Mutter nach Hause senden zu können. Dann darbte er noch einmal so gerne weiter . . . Sein Stubencollege, ein Landsmann und aus wohlhabendem Hause, versuchte es, ihm hin und wieder eine Unterstützung zuzuwenden, die er jedoch beharrlich zurückwies: „Nehme nichts geschenkt. Hab', was ich brauche. Danke!" Silberbusch bereitete den um einige Semester Jüngeren zu den Prüfungen vor, nahm aber auch hiefür keine Bezahlung. Der andere unterwies ihn dagegen in einer Fertigkeit, in der er selbst es ziemlich weit gebracht hatte — in der Fechtkunst. Das nahm er an. Sein Körper erwies sich als gelenkig und geschmeidig; die Faust meisterte alsbald den Schläger mit kühner Eleganz. Nach des Tages vielfältiger Mühe bildeten die Rappiere