Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021099--04879-3029088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 37 Dr Bloch's Wochrnfttzrifi. Seite 671 tödtung anwenden und daß den orthodoxen Juden dieser Halsschnitt als inhuman verboten wird. Gibt es aber im Königreich Sachsen keine Militärconservenkabrik, so können doch die dortigen beglückten Unterthanen Betrachtungen darüber anstellen, was diesseits und jenseits der deutschen Particular- Grenzen wahr und was innerhalb und außerhalb von Militärconservenfabriken erlaubt ist. Christlicher Thierschutz. Die „Berliner Neuesten Nachrichten" brachten dieser Tage folgende Meldung: „Den »Grand prix de Spaa« von 10.000 Fr. gewann unter 75 Concurrenten Graf Boß aus Mecklenburg (22 Tauben ohne Fehlschuß), nachdem er schon am Freitag das Challenge Sweep von 3000 Francs gewonnen hatte. Dieser Sieg rief unter den in Spaa anwesenden Deutschen eine außerordentlich große Freude hervor, da man allgemein einen Sieg der Franzosen erwartet hatte. Zweiter Sieger war der Italiener Signor Ghido, dritter der Italiener Dr. Madura, vierter der Engländer Mr. Roberts." Hierzu schreibt das Stöcker'sche „Volk" mit Recht: „Wir halten es für eine Schande für einen Deutschen, sich an der nnwürdigen Thierquälerei des Taubenschicßens zu betheiligen. Es gehört dieser „Sport" zu den raffinirtesten Grausamkeiten, die sich die menschliche Mordlust ausgedacht hat. Ein deutscher Graf hätte wahrhaftig Besseres zu thun, als sich in Spaa solche „Lorbeeren" zu sammeln." Der Antisemitismus der slavischen Volksstämme. Wenn wir von Rußland, wo der Antisemitismus mit seiner ganzen Schamlosigkeit, die er im Gefolge hat, wie: Lüge, Bosheit, Verrätherei, Verleumdung, Untreue, Bestechung und dergleichen Schönes, wo er vonden höchsten Gesellschafts- und Beamtenkreisen in die niedrigsten Volksschichten getragen wird, absehen, so müssen wir, um der Wahrheit die Ehre zu geben, es gestehen, daß die slavischen Volksflämme im Großen und Ganzen genommen von dieser Seuche — Antisemitismus genannt — welche wie ein großes, unheimliches Gewölk über dem Haupte unserer aufgeklärten Generation trübe herobhängt, nichts wissen wollen und sich gegen diese den Wohlstand, Frieden und die Eintracht der Gesellschaft vernichtende Pest mit aller Macht wehren. So zum Beispiel ist der Antisemitismus in Polen, wo er, zur Ehre des polnischen Volkes sei's gesagt, nur sporadisch auftritt, eine von den sogenannten Stempelfälschern und Consorten, welche doch bis auf den Pan Verganiw fast sämmtlich germanischer Abkunft sind, künstlich hervorgebrachte Bewegung, der sich solche Elemente zweifelhaften Wesens anschließen, denen Begriffe wie: „Arbeit, Ehrlichkeit und Wahrheit" als Chimäre erscheinen. Solche Individuen, welche gar keine Berechtigung zur Existenz haben, und ihr Dasein doch fortfristen möchten, sehen sich eben genöthigt, dem Antisemitismus sich anzuschließen, um im Trüben fischen zu können. In Böhmen hinwiederum ist die Quelle des Antisemitismus im Nationalitätenhader gelegen; jede der beiden kämpfenden Parteien glaubt von dem Juden nationale Heeresfolge fordern zu dürfen. Anders ist es in Croatien und Slavonien. Hier ist kein Schatten von Berechtigung zum Antisemitismus, ja selbst zu einem bloßen Hinneigen zu demselben oder einem Liebäugeln mit dieser gottlob weit außerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes existirenden Partei, die sich zur Schande aller politischen Parteien auch den Namen „politische Partei" beilegt, vorhanden. Dementsprechend — aber ganz entgegengesetzt zu Deutschland, wo doch auch kein Schatten zur Begründung oder Existenzberechtigung dieser häßlichen Bewegung vorhanden ist — haben wir auch hier nicht einmal einen Schatten einer antisemitischen Bewegung. Das croatische Volk ist zu friedliebend, besonnen und zu weitblickend, um zu erkennen, daß, wenn es sich derartigen Neigungen hingebe, es das Land dem wirthschaftlichen Bankerott preisgebe. Die hervorragenden Erfolge und Fortschritte, die Slavonien und Croatien seit zwei Decennien am wirthschaftlichem und culturellem Gebiete aufzuweisen haben, zeigen, daß das slavisch-croatische Volk für etwas Befferes und Edleres reif ist, als für den Antisemitismus. Keine politische Partei will von dem Antisemitismus etwas wissen. Die Rechtspartei als oppositionelle Partei des croatischen Landtages zu Agram hat erst vor einigen Monaten das Jubiläum ihres greisen Führers Dr. Anton Starcevic gefeiert, hat ihm ein kostbares Palais zum Ehrengeschenke gemacht. Und wie weihte dieser greife Führer dieses ihm als Ehrengeschenk angebotene Palais ein. Unter dem Jubel der tausendöpfigen Menge, welche vor dem Palais Aufstellung nahm, agte Dr. Starcevic: „Die Grundprincipien unserer Partei müffen sein: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" Mit begeisterten Zivio-Rufen begleitete die tausendköpfize Menge diese Worte ihres greisen Führers. Wir können aber zur Freude aller jüdischen Unterthanen mit Genugthuung dem Führer der Rechtspartei des Agramer Landtages sagen, daß er in puncto Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit der Regierung auf ein und derselben politischen Bahn einherschreitet, da die Agramer Landesregierung, was ihr auch zum Lobe gereicht, eine der humansten Regierungen Europas ist. Bei Besetzung von Aemtern, sei es auf politischem Gebiete, Verwaltungsgebiete oder justitiellem Gebiete, ist ihr nur das Maß von Können und der Charakter des Candidaten maßgebend, aber nicht die Confeffion oder Nationalität desselben. Der milde, sanfte Charakter des croatischen Volkes kommt auch in der croatischen Presse, sowohl in demjenigen Theile, der in deutscher, als auch in dem, der in croatischer Sprache erscheint, zum Ausdrucke. Die zwei Organe der Starcevic-Partei. die „Hrvacka" und das „Agramer Tageblatt", gleichen nach Form und Inhalt, nach Ton und Ausdruckweise den Wiener Blättern liberaler Richtung. Nun gibt es aber in Slavonien und Croatien noch eine oppositionelle Partei; ein kleines Häuflein russophiler Leute bilden diese Partei, der allerdings die Tugenden d«r Starcevic-Partei ganz abhanden gehen. Dieser russophilen Partei in Agram hat es stets an der nöthigen Toleranz gefehlt, doch war sie wenigstens bis vorigen Monat nicht antisemitisch. Diese Partei hat auch ein Organ zur Verfügung, dos ihr als Sprachrohr dient, dessen Protector merkwürdiger Weise der Diakovarer Bischof S troß m a yer, der zum jüngst verstorbenen Rabbiner zu Diakovar freundschaftliche Beziehungen pflegte, ist. Während nun die Starcevic-Partei die ruffische Knute verdammt und der politisch sehr richtigen Aufiasiung ist, daß jeder slavische Bolksstamm, auch ohne die russische Knute an sich zu verspüren, glücklich, ja mitunter sogar noch glücklicher sein könne, meint die ,.O b z o r"-Partei, daß nur Rußland der alleinseligmachende Factor ist, dem sämmtlicke slavischen Bolksstämme sich zu unterwerfen haben, wollen sie nicht in das Fegefeuer kommen. Diese politische Unreife der Obzorasen hat dazu beigetragen, daß ihr viele Anhänger untreu geworden und bei der auf freiheitlicher Basis beruhenden Starcevic-Partei um Aufnahme baten, welche ihnen auch gewährt wurde. Was thut nun „Obzor" in dieser seiner Verlegenheit, in dieser seiner verzweiflungsvollen Lage, um entweder neue Gesinnungsgenossen heranzuziehen oder die Abtrünnigen zurückzugewinnen? Sie steckt das antisemitische Fähnlein ans. greift zu einem nicht nur sich selbst, sondern dem ganzen Lande gefahrdrohenden Mittel, schreibt einen pöbelhaften Artikel im Wiener Antifemitenjarqon nach dem andern, verdächtigt Leute makellosen, lauteren Charakters unehrlicher Handlungen und glaubt auf diese häßliche Weise das gesunde Herz und den gesunden Sinn des croatischen Volkes vergiften zu können. Doch weit gefehlt! Das croatische Volk müßte seine ganze Vergangenheit verleugnen, wollte es auf den albernen Einfall der Antisemiten eingehen. Ein solches Armuthszeugniß will es sich eben nicht ausstellen. Kaum find zwei Hetzartikelchen im „Obzor" erschienen und flugs kommt ein Wiener Antisemit herbeigeeilt, greift dem von seinem eigenen Anhänge verlassenen „Obzor" hilfreich unter die Arme und gibt ihm den wohlmeinenden Rath, eine antisemitische Partei in Agram zu gründen. Nun ist aber Agram nicht Wien, ja nicht einmal Graz, wo ein derartiges Project sich mit Leichtigkeit verwirklichen ließe. Mit Ausnahme der Redacteure des „Obzor" war Niemand für dieses Project zu gewinnen, denn Agram ist eine echt croatische Hauptstadt und bedankt sich für ein derartiges, den Frieden der Bürger störendes Geschenk. Da verfiel der Wiener Antisemit aus eine großartige Idee, nämlich folgende: In Esiek wohnen ziemlich viel Deutsche. Deutsche sind von Natur aus Antisemiten, ergo ist Essek der beste Boden für eine eroatischrussophil-antisemitische Partei. Das ist natürlich eine Galgenlogik, die nur in einem antisemitischen Schädel Raum hat. Weder in Agram noch in Essek ist es den antisemitischen Bärenmachern gelungen, eine antisemitische Partei zu gründen. Und als die in Essek erscheinende, den Agramer R"- gierungskreisen nahestehende „Drau", welche dreimal wöchent-