Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 668 Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift. zu begrüßen und darum gestatten Sie mir, ^huen den Wunsch und die Bitte mit auf den Weg zu geben, daß Sie und all unsere Freunde und Gesinnungsgenossen treu, standhaft und ausnahmslos Ihrer Wählerpflicht entsprechen; sollte stch Ihrer jemals eine Regung des Mißmuthes oder der Pasftvltat bemächtigen wollen, dann erinnern Sie sich all der Schmach, die uns seitens dieser Feindeschaar bereits zugefügt wurde, erinnern Sie sich, wie Tag für Tag die Heiligthümer unseres Glaubens unserer Ehre, unserer Familie ungestraft beschimpft und besudelt werden, erinnern Sie sich, wie man uns der Menschenrechte der Stellung im Staate und in der Gesellschaft berauben möchte — und dann treten Sie hin an die Wahlurne zur Ausübung Ihres wichtigsten constitutionellen Rechtes und Sie werden mindestens das Bewußtsein haben, Ihre Pflicht erfüllt zu haben als Dtaatsbürger und Juden! (Grosser aUseitiger minutenlanger Beifall, Redner wird von allen Seiten beglückwünscht und von der Versammlung die Drucklegung und Verbreitung der Rede einhellig beschlossen.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Dr. Lueger uud seine Gesellschaft. In einer socialdemokratischen Versammlung erklärte vor einigen Tagen Dr. Victor Adler, die antisemitische Partei sei genau so corrupt wie die liberale. Diese Aeußerung scheint Herrn Lueger ziemlich unangenehm in die Nase gerochen zu haben, denn in einer antisemitischen Wählerversammlung im „Hotel Wimberger" wandte er sich mit großer Heftigkeit gegen den von Dr. A d l e r erhobenen Vorwurf und forderte den Letzteren auf, nur in einem einzigen Fall nachzuweisen daß die Antisemiten corrupt und bestechlich seien. Herr Dr. Lueger hat ein schlechtes Gedächtniß, der langjährige Vertreter stadtbekannter Wucherer sollte doch den Mund etwas weniger voll nehmen. Wenn er selbst auch alle Ursache hat, seine Vegangenheit aus der eigenen Erinnerung auszutilgen, so lebenr doch noch im Gedächtnisse Tausender die Thaten des „Beu cheldoctors" und des „Herrgottpfänders". In Einem Punkte Allerdings war Dr. Lueger stets unbestechlich — die Th^änen der Armuth haben sein Herz nie zu rühren vermocht. Darüber jedoch, ob der Begriff der Corrnption auf seine Vertret ung des Rudolfsheimer Spar- und Vorschußvereines und au f feine Vertretung der Tramway-Bediensteten anznwenden ist, haben wir unsere eigene Meinung, die allerdings von jener des Dr. Lueger abweicht. Die Stirne dieses Mannes ist nicht mehr von Eisen, sondern schon von Beffemer Gußstahl. Die antisemitische Partei trieft von Corruption und Herr Lueger verlangt, daß man ihm nur einen einzigen Fall Nachweise. Es würde schwer halten, das Gegentheil zu beweisen und einen einzigen Menschen in ihren Reihen zu finden, der n i ch t corrupt wäre. Als vor Kurzem die Mühldorfer Diebstähle Bergan i's, des journalistischen Stabstrompeters L u e g e r's, aufgedeckt wurden, da rief der Ehrenmann und Anticorruptionist Lueger mit scheinheiligem Augenverdrehen: „Was gehen mich V e r g a n i und seine Geschichten an!" Aber er fand kein Wort der Verdammung für jene schmutzigen Unredlichkeiten seines Freundes, so wenig wie ihn jemals die Fälschungen des Ritters Stampiglius genirten. Und der brave D e ck e r t mit seinen unsauberen Geschäftchen, seinen Luftvillen und Waggonkuppelungen — ist er nicht noch immer eine Säule der antisemitischen Partei, wie sie die längste Zeit hindurch die geistlichen Betrüger Pater S ch e r z e r und Pater B a t t i st i gewesen sind? Bon dem Auftreten Rohling's bis auf den heutigen Tag hat es kein namhaftes Mitglied der antisemitischen Gaukler- und Spitzbubenbande gegeben, welches nicht bis an die Knöchel in Corruption gewatet wäre. Wir nennen R o hl i n g selbst, den Virtuosen des Meineides, seinen schurkischen Genossen Brimanus, den Defraudanten Verhovay, den Falscheid-Schwörer Stöcker, den Mädchenschänder Dr. B ö ck e l, den Ritualmord-Erfinder Paulus M e y e r, den Wucherer P i ck e n b a ch, den „Gauner aller Deutschen" A h l w a r d t, den Dr. Lueger einst im Triumphe in Wien herumführte — nicht zu sprechen von den Hunderten und Aberhunderten minderen Ranges, die wegen Meineid, Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Schändung rc. die Zuchthäuser Deutschlands und Oesterreichs bevölkern oder flüchtig geworden sind. Daß Herr Lueger durch den langjährigen Verkehr in solcher Gesellschaft schon das Urtheil darüber verloren hat, was corrupt ist oder nicht, und daß er sich im Vergleiche mit solchen Freunden selber noch für einen ehrlichen Mann hält, finden wir ja begreiflich; aber das Voranstehende genügt wohl zu dem Beweise, daß die Aeußerung des Dr. A d l er mehr als berechtigt war. „Die Gedärme heraus!" In der vorstehenden Notiz haben wir die Erinnerung an jene merkwürdige Probe christlicher Nächstenliebe aufgefrischt, die Herr Dr. Lueger seinerzeit als Anwalt des Rudolfsheimer Spar- und Vorschußvereines gab. Seine damalige Aufgabe bestand darin, den kleinen Leuten das „Beilschel herauszureißen". Diese Art von Bethätigung christlicher Barmherzigkeit hat seither großartige Schule gemacht. Am Montag haben die Antisemiten wieder einmal eine Versammlung der freisinnigen Gewerbetreibenden gesprengt. Die wiithende Horde drang mit dem Rufe: „E r s ch l a g e n w i r di e H u n d e! H a u t's e s tobt! Nieder mit den Hunden!" in den Saal ein und ein Intimus Dr. Lueger's stürzte auf den Einberufer der Versammlung mit dem tapferen Feldgeschrei los: „Wo is der Schuaster? I muaß eahm dö Darm auß ar eiß'n!" — Noch auf der Straße wurden friedliche Passanten mit dem Rufe angefallen: „Das is a Sauj u d, h a u t's i h n n i e d e r; die Gedärme sollte man dieser Bande aus dem Leibe reißen!" — Dr. Lueger selbst gab am selben Abend in einer Versammlung die Parole aus, die Liberalen weidlich d u r ch z np r ü g e ln. — Das heißen die Antisemiten praktisches Christenthum! Mechaniker Schneider in der Reparatur. Wir haben nie daraus ein Hehl gemacht, daß der Mechaniker Schneider, der durch den uncrforschlichen Rathschluß seiner Wähler gerade dort sitzt, wo er am wenigsten am Platze ist, und nicht dort, wohin er am besten passen würde — zu den „Jnwendiggeflickten" gehört. Die „Jnwendiggeflickten" schreien nun allerdings immer, daß sie moralisch integer seien, aber Schneider macht eine rühmliche Ausnahme. Er hat in einem „launigen" Schreiben an den ihm so vielfach ähnlichen Berg an i das offene Geständniß abgelegt, daß er die Nothwendigkeit erkannt habe, sich „in die Reparatur" zu geben. Also ein „Jnwendiggeflickter", der sich als solcher bekennt. Schneider erklärt in dem „launigen" Briefe, den wir gerne ein wenig gloffiren, weil er ein bezeichnendes Licht auf den Stampiglius wirft, daß er zwar kein schweres Leiden verspüre, aber rechtzeitig seinen Mechanismus in die Reparatur gebe, „um in den bevorstehenden Kämpfen voll und ganz nach bisheriger Gepflogenheit arbeiten zu können. Man kennt die bisherigen Gepflogenheiten dieses berüchtigten Fälschers und Lügners, und seine schlichte Versicherung, daß er in dieser Weise weiter arbeiten wolle, läßt leider mit Bestimmtheit erwarten, daß Schneider auch in Zukunft die Hetze gegen die Juden mit allen Mitteln betreiben werde, die einem anständigen Menschen Ekel und Abscheu einflößen müsse:,. Ueberraschend ist uns nur der Umstand, daß die „bisherigen Gepflogenheiten" Schneide r's für ihn mit Mühen und Anstrengungen verbunden waren. Wer das Treiben dieses Menschen verfolgte, mußte glauben, daß Verleumdungen, Verlogenheit und Perfidie. Gehässigkeit und Rohheit das Element bilden, in denen sich Schneider kannibalisch wohl fühle. Schneider hat das „launige" Schreiben an den wählverwandten Freund, den gewesenen Nichtherausgeber von Mühldorf und derzeitigen Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" aus Bad Ein öd gerichtet es liegt eine gewisse Symbolik in der Wahl eines Badeortes mit diesem Namen. - In der Thal, Leute, wie er, gehörten eigentlich in eine Einöde, wo sie, ferne von dem Verkehre mit civilisirten Menschen, mit solchen Lebewesen beisammen wären, von denen sie sich nur durch äußerliche Merkmale unterscheiden. Oder glaubt man. daß jenes Individuum, welches das öfter-