Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 667 Vertrauen darauf, daß Andere ihre Pflicht thun. sich selbst der Pflichterfüllung entzieht, keinen Einzigen, der den Abscheu nicht überwinden würde, den selbst die Bekämpfung dieses namenlos widerlichen Treibens unserer Feinde in Jedem von uns Hervorrufen muß. Eine derlei Zurückhaltung, welchem Motive immer sie entspringe, gliche in diesem heiligen Kampfe um unsere höchsten moralischen Güter einem schweren Berrathe an den Interessen unserer Stadt, in deren weiten Gemarkungen wir leben, unsere Familien und unseren Beruf begründet haben und deren schönste Zier, die autonome Verwaltung, den Streichen eines großen Theiles ihrer eigenen Söhne zum Opfer fiel und nicht minder. einem Berrathe an unseren eigenen Interessen, sür die außer uns selbst Niemand mit gleicher Wärme und gleicher Hingebung einzutreten im Stande oder berufen ist. (Stürmischer Beifall.) Und darin, meine Herren, kommen uns die Umstände, das Unheil, die Entartung, zu der der Antisemitismus naturgemäß gelangen mußte, zu Statten. Anfangs unter der schmutzigen Flagge des nackten Judenhasses einhersegelnd, verdunkelt, verliert der Antisemitismus nachgerade diese seine ursprüngliche Bedeutung; er hat sich Dank des Fluches der bösen That zum allgemeinen A ntiliberalismus, zum Feinde jeglicher Freiheit in Staat, Schule, Wissenschaft, Presse, Handel, Erwerb, Industrie ausgeweitet, weil er nach und nach außer den Juden auch alle besseren Elemente der christlichen Bürgerschaft in den Giftbereich seines Haffes und seiner Verfolgung einbeziehen mußte, welche sich dem blinden Racenkampfe entgezenstellten und nun als „Judenliöerale" und „Judenknechte" mitbekämpst und mitgequält wurden. (Großer Beifall.) So standen und stehen die bedrängten Juden und ein großer — wahrlich nicht der geringwertigere — Theil der christlichen Mitbürger einem gemeinsamen Widersacher, einer gemeinsamen Gefahr gegenüber, die zu überwinden ein gemeinsames Interesse, eine gemeinsame Pflicht ist, und so erweitert sich diese Gemeinschaft mit jedem Tage, an welchem diese neue Religion des Hasses und der Zwietracht neuen Abfall von Gläubigen und Bekennern zu verzeichnen hat. Und gleich vohl, wie zahlreich, mannigfaltig und vielgestaltet ist noch der Anhang, der allerdings derzeit den Zenith des Abersinnes erreicht zu haben scheint! Wenn wir sehen, wie der Wiener Oberbonze dieses antisemitischen Heerbannes, dem Papste gleich, Bannbullen gegen mißliebige Genossen schleudert und sie dem wirthschaftlichen Boycott preisgibt; sein Conterfei in der Kirche stiften läßt, welches an dem Gedenktage eines Reiseabenteuers mit der sinnbildlichen weißen Nelke geschmückt wird und zu welchem Tausende Frauen wallfahren, um Sieg und Triumph für den neuen „Erlöser" zu erflehen; wenn wir sehen, wie, dem glorreichen Beispiele eines Pater Deckert folgend, nunmehr ein glaubenseifriger Cooperator den Pfarrhof zum agitatorischen Heerlager umgestaltet, während ein dritter Priester die Menge beglückwünscht, daß der „schwarze Prinz" zum Volke „herabsteigt", um es mit den Segnungen seiner „erblichen, angeborenen Führerschaft" zu erdrücken; wenn wir sehen, wie dieser Chef des antisemitischen Generalstabes diesen tollen, wüsten Spuk in höchst unchristlicher Blasphemie als „Gotteswerk" preist, — dann mag wohl die Erwägung gerechtfertigt erscheinen, ob trotz der ersichtlichen Mitwirkung des übermächtigen, clericalen Factors das Erwachen aus diesem Taumel, aus diesem öffentlichen Bacchanal nicht näher steht, als wir glauben mögen, ob nicht bald auch dieser Nacht das Morgenroth eines freiheitlichen Tages folgen muß? (Stürmischer Beifall.) Doch nicht blos Wien beherbergt und züchtet diesen volksvergiftenden Feind, — auch außerhalb dieser Stadt, in welcher er allerdings, wie sonst nirgends, schamentblößt durch die Straßen zieht, gewahren wir eine Reihe betrübender Erscheinungen, die dessen beklagenswerthes Wirken und Gedeihen kennzeichnen. Den Blick auf die Grenzen unseres Vaterlandes beschränkend und von dem internationalen Charakter dieser geistigen und moralischen Epidemie momentan absehend, erinnere ich Sie nur aus der letzten Zeit an die famose Resolution des Grazer Gemeinderathes, betreffend die Fernhaltung der „mißliebigen Zuzüglinge", an den nicht minder denkwürdigen Beschluß des oberösterreichischen Landesausschuffes, verweise Sie auf das Verhalten der speciell in Böhmen stets zunehmenden Partei, welche unter der verführerisch klingenden Bezeichnung „deutsch-national" die Contrebande des racenfeindlichtten Antisemitismus verbreitet, und bitte Sie nun, mit mir zuerkennen, daß selbst nach einem etwaigen glücklichen Erfolge der bevorstehenden Wiener Gemeinderathswahlen unsere Aufgabe noch lange nicht beendigt, noch nicht einmal recht begonnen ist. (Allgemeine Zustimmung.) Auf kaum absehbare Zeit hinaus wird uns und nur uns allein die dornenvolle Aufgabe bleiben, den Antisemitismus nach Möglichkeit und Kräften in allen seinen Spielarten und Erscheinungsformen zu bekämpfen. Und dafür wurde unsererseits noch viel zu wenig gethan. Wir müssen eine Selb st wehr von moralischer Bedeutung und tiefgehendem Einflüsse schaffen, sonst sind wir verloren, auch trotz eines etwa günstigen Ausfalles der Wiener Gemeinderathswahlen. (Großer, demonstrativer Beifall.) Schwingen wir uns endlich empor zu dieser rein vernünftigen Erkenntniß unserer Interessen, bethätigen wir das uns innewohnende Solidaritätsgefühl, sammeln und vereinigen wir unsere Kräfte, die uns zum Vorwurfe gemacht werden, um derentwillen wir leiden, — und wir werden uns als Macht fühlen, stark genug, um im Vereine mit den wohlgesinnten Claffen des Volkes unseren Feinden wirkungsvoll und dauernd zu begegnen. (Lebhafter, allseitiger Beifall.) Verzeihen Sie mir diese Abschweifung, allein es erscheint mir unmöglich, daß wir unsere Blicke wie hypnotisirt lediglich auf die bevorstehenden Wahlen lenken und dadurch eingelullt werden, einen eventuellen Wahlsieg auch zugleich als einen unmittelbaren Sieg unserer Sache zu betrachten. Es wird ein Sieg der liberalen Sache sein, der wir voll und ganz zugehören, aber in dieser liberalen Sache, wie sie derzeit und bei uns aufgefaßt wird, ist noch lange nicht sieghaft genug die jüdische Sache zum Ausdruck gebracht. Wir können uns darüber die Augen nicht verschließen, daß wir von der liberalen Partei noch gar viel und doch so wenig, weil nur Selbstverständliches und Natürliches, zu verlangen haben, daß sie noch sehr tief in unserer Schuld steht; wenn wir ihr jetzt neuerlich Gefolgschaft leisten, so ist dies eine Vermehrung ihrer Schuld und wir wollen hoffen, daß sie Dienst mit Gegendienst, Treue mit Treue vergelten werde. (Stürmischer Beifall.) So ausgerüstet und geklärt, in patriotischer Dienstbarkeit für das öffentliche Wohl und in Würdigung unserer singulären Lage wollen wir in dem Wahlkampfe ausharren und haben uns nun, nachdem wir einig sind, w i e, noch zu fragen, wen wir wählen sollen? Auch darin gibt es meines Erachtens kein Schwanken | und kein Zaudern; wir haben schlechtweg die Consequenzen unserer Bundesgenossenschaft mit der liberalen Partei auch rücksichtlich der Personen, die gewählt werden sollen, gewissenhaft zu ziehen und auch in dieser Beziehung jede Sonderöestrebung, jeden persönlichen Zwiespalt, wie bisher, auch fernerhin zu vermeiden. Es kann nicht geleugnet werden, daß die bis zur Stunde von dem Centrum der liberalen Wahlaction nominirten Candidaten nicht durchwegs allen Anforderungen entsprechen, die wir an jene Personen stellen möchten, welche wir zu den Vollstreckern unseres politischen Willens, sowie zur autonomen Verwaltung des ersten und größten Gemeinwesens des Reiches berufen; es mag dies insbesondere von den Bewerbern aus dem dritten Wahlkörper gelten, deren Würdigkeit und Eignung vielleicht nicht immer sich decken. 'Allein die Verhältnisse und speciell die Wahltaktik bringen es mit sich, daß Kreise zur Vertretung herangezogen werden müssen, die den vollsten Anspruch und die innere Berechtigung hiezu besitzen und die um so erstrebenswerther sind, als sie neue Elemente der liberalen Partei zuzuführen bestimmt er-, scheinen. (Allseitiger Beifall.) Es ist daher nur ein Corrollar unserer Anhängerschaft und eine oberste Pflicht der Parteidisciplin, selbst mil Unterdrückung persönlicher Wünsche und mancher Kritik sich jenen Candidaturen anzuschließen, die seitens des liberalen Central-Wahlcomites zur Nominirung gelangen. (Allgemeine Zustimmung.) In diesem Sinne schließe ich meine allgemeinen Betrachtungen über die Wahlbeweguvg und über unsere Stellnng zu derselben. Es dürfte mir kaum gegönnt sein. Sie noch vor dem in wenigen Tagen beginnenden Wahlacle in einer Versammlung