Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 666 Nr. 37 Dr. Vkutz's Wochenschrift. Kein Zweifel, meine Herren, es kracht das Gebälke dieses unnatürlichen und widersinnigen Baues und tiefe, klaffende Riffe sind bloßgelegt, welche unschädlich gemacht werden sollen durch einen bis zum Wahnwitz gesteigerten Doppel-Fanatismus, durch fanatische Wuth und haßentflammte Leidenschaft wider alle Parteigegner und durch fanatische Unterwürfigkeit unter die maßlosen Dictate ihres souveränen Führers und Tyrannen. (Allgemeiner Beifall.) Die Erscheinungen der Wahlwochen, die hinter uns liegen, sind hiefür beweismachend und charakteristisch genug. Es kracht in dem Gefüge, sagte ich, und fürwahr, ist der Abfall und Exodus so vieler und verschiedenartiger Wählerclaffen aus diesem antisemitischen und antiliberalen Babel nicht Beweis genug? Betrachten wir die ebenso zahlreiche als wichtige Wählerclaffe der Beamtenschaft, welcher rücksichtlich der verunglückten Wahlen vom 1. April dieses Jahres der entscheidende Einfluß zugeschrieben wird? Welch außerordentlich tiefgehender Wandel hat sich in diesem Kreise der Intelligenz vollzogen! Es mag dahingestellt bleiben, welcher Antheil an diesem Wandel etwa jenem Erlasse zuzuschreiben sei, welcher von regierungswegen sich mit der Ausübung des politischen Wahlrechtes der Beamtenschaft beschäftigt; cs mag auch nicht untersucht werden, ob nicht gerade durch diesen Erlaß zahlreiche Beamte in ihrer antisemitischen und freiheitsfeindlichen Gesinnung nur noch bestärkt wurden, — Eines steht fest: In den Kreisen dieser Beamtenschaft selbst ist eine Erkenntniß aufgegangen, vermöge deren sie sich überzeugungsvoll von der unglückseligen Führung lossagt, der sie bisher, irregeleibet, verhetzt, getäuscht, mißbraucht, blinde Heerfolge geleistet hat. Mir liegt ein, übrigens auch in die Oeffentlichkeit gelangtes Circulär vor, welches der Wahlausschuß der vereinigten Beamten des XVHL Bezirkes, eines genügend verseuchten Rayons, an seine „Standesgenossen und Mitbürger" gerichtet hat und worin der tiefen Entrüstung, welche sich dieser Kreise bemächtigt hat, unter Anderem auch mit der fulminanten Aufforderung an alle Wähler Ausdruck verliehen wird, von einer „handvoll rücksichtsloser, hochverrätherischer Terroristen, welche nur Unfrieden und Zwietracht zu stiften bemüht sind, sich nicht beeinflussen zu lasten". Diese eine öffentliche Kundgebung ist significant für die ganze Bewegung in diesem wichtigen Kreise der Wählerschaft, und wenn nur ein Theil derselben dieses Sinnes geworden ist, so können wir auf einen beachtenswerthen Zuwachs an liberalen Stimmen rechnen. Eine zweite Gruppe von Wählern ist in ganz besonderer Weise in der Wahlaction hervorgetreten. Ich meine die Kleingewerbetreibenden, denen endlich, wie es scheint, die Schuppen von den Augen zu fallen beginnen und die nun vermöge der materiellen Nachwirkungen, durch welche sie sich bedrängt sehen, zu der Erkenntniß gelangen, daß sie bisher die Opfer einer gewissenlosen, mißbräuchlichen Agitation gewesen sind, der sie lediglich als Werkzeuge zu dienen bestimmt waren, ohne daß ihr Wohl, ihre Zukunft, ihre Interessen, welche die schwersten Schädigungen erlitten, jemals irgendwie in Betracht gezogen worden wären. Es ist lehrreich, zu sehen, wie sich die terroristische Antisemitenschaar diesen Gewerbetreibenden gegenüber benimmt, die ja Blut von ihrem Blute, Fleisch von ihrem Fleische sind und wahrlich wenig gemein haben mit jener semitischen Race, die bisher allein der Ehre des Haffes und der Brutalisirung seitensderantiliberalenCulturträgertheilhaftigwar. Nichtnur,daß diese freisinnigen Gewerbetreibenden, noch gestern die engsten Bundesgenossen und Anhänger der antisemitischen Partei, nunmehr von dieser in öffentlichen Kundgebungen als Strafhauscandidaten, als entlassene Sträflinge, direct als Lumpe schlechtester Sorte und selbstverständlich als «bezahlte Judenknechte" bezeichnet werden, sprengt man systematisch und mit roher Gewalt ihre Versammlungen, in denen ihr Wiederaufleben, ihr Gefühl der Selbstbefreiung aus geistiger und moralischer Knechtschaft, ihre Klage über die Verschlechterung ihrer materiellen Lage nach Ausdruck ringt und mannhaften, selbstbewußten Ausdruck findet. (Stürmischer Beifall.) Und diese Regung der Freiheit und Selbstständigkeit entfesselt die tolle Wuth, und da stürzen sie herein, die ehemaligen Freunde, durch gesprengte Thüren und durchstoßene Fenster: „Haut sie tobt!", „Nieder mit den Hunden!", „Reißt der Bande die Gedärme heraus!" — wohlgemerkt, Christen gegen Christen, Antisemiten gegen Brüder unverfälscht arischer Abstammung und Fortpflanzung! Wie lange noch, und das von dem derzeitigen Beherrscher aller Antisemiten am, gestrigen Tage öffentlich proclamirte Mittel, „die Liberalen durchzuprügeln", wird seine bluttriefende Bestätigung gefunden haben. (Allgemeine Entrüstung.) Mir liegt es durchaus fern, eine Wahlverwandtschaft zwischen dem „Gedärmeausreißen" der Jünger und dem durch den Gerichtssaal zu dauernder Berühmtheit gelangten „B eusch elausreißen" ihres Apostels zu behaupten — aber aus tiefster Seele und mit unsäglicher Beschämung beklagen muß Freund und Feind, in welch abgrundtiefem Schmutz und Schlamm sich die Aeußerungen und Kundgebungen dieser bethörten und verblendeten Massen bewegen, denen gleichfalls, wir wünschen es im Interesse der Menschenwürde und des Fortschrittes,der Tag der Erkenntniß und Umkehr nicht fern sein möge. (Lauter Beifall.) Auch die Handwerkerkreise beginnen sich von diesem das Rechtsgefühl empörenden, geradezu anarchistischen Treiben scheu abzuwenden und weithin vernommen wurden die von einem ihrer hochkatholischen Führer in einer vor etwa fünf Tagen abgehaltenen Versammlung unter dem stürmischen Beifalle der christlichen Zuhörerschaft gesprochenen Worte: „Wir befolgen das Gebot der Nächstenliebe, doch unsere Gegner scheinen von diesem Cardinalgebote der katholischen Kirche, nichts zu wissen," — Worte, die, von sittlicher Entrüstung eingegeben, auch in einer Versammlung verhaßter Semiten hätten gesprochen werden können! Und sie ertönten gleichlautend und sie weckten ein verständnißvolles Echo noch in einer vierten Wählergruppe, bei den Wiener Wählern czechischer Nation. Auch da durchbricht das Licht der Wahrheit und Erkenntniß die bisherige Verblendung und Verirrung, und wenn auch die Stimmen dieser Gruppe, welche selbstständige Candidaten aufstellt, unsere Partei nicht verstärken werden, müssen wir es als einen Gewinn betrachten, wenn diese Stimmen den Gegnern verloren gehen. Höher jedoch als jeglichen materiellen Stimmenzuwachs, den die unverkennbare Lossagung eines beträchtlichen Theiles unserer Bevölkerung von der antisemitischen Hetze mit sich bringen mag, stelle ich den moralischen Erfolg, die innere Bedeutung der Thatsache, daß nach und nach die Ueberzeugung immer weitere Kreise erfaßt, daß das bisherige Treiben der Antiliberalen nur die Untergrabung aller fundamentalen Grundsätze des modernen Staatslebens, die Verleugnung aller Principien der Ehre und Gerechtigkeit, in welchen wir Alle erzogen und herangewachsen sind, bedeutet; die Thatsache, daß ganze Wählerclaffen wiederum zur Selbstständigkeit, zu eigenem Denken und Urtheilen sich wieder aufgerafft haben, daß sie das Lügengewebe endlich zerreißen, in das man sie eingesponnen, mittelst dessen man ihren Blick getrübt, ihre Wohlfahrt schwer geschädigt und für egoistische, ihnen selbst fernabliegende Zwecke mißbraucht'hat. (Stürmischer Beifall.) Angesichts solcher Erscheinungen dürfte es gestaltet sein, von einem unzweifelhaften Fortschritte zu sprechen, der sich in der Oeffentlichkeit zu vollziehen beginnt, — ohne daß demselben jedoch optimistischer Weise eine Bedeutung beigemessen werden dürfte, als ob durch ihn allein schon der Sieg der guten Sache, der Erfolg in dem tobenden Kampfe entschieden wäre! Weit entfernt von solcher Hoffnungsseligkeit, können wir aber gleichmäßig weit entfernt sein von Verzagtheit oder Muthlosigkeit. Nichts wäre verderblicher als ein derartiges Gefühl, als ein solcher Anhauch von Schwäche. Es gibt der düsteren Propheten genug, die das muthmaßliche Resultat dieser, die gesammte Wählerschaft unserer Stadt erregenden Wahlbewegung als solches hinstellen, daß besten Falles wiederum ein gleiches Maß der Kräfte hervortreten, wiederum die alte Wüstheit und Unbeweglichkeit der Gemeindeverwaltung platzgreifen werbe. Allein von einer Gleichmäßigkeit der Kräfte bis zu einem Ueberwiegen unserer Partei ist nur ein Schritt und die Frage drängt sich auf, ob nicht durch einheitliches energievollcs, zielbewußtes Wirken und Schaffen auch dieser letzte Schritt zum Erfolge noch zurückgelegt werden kann. (Allgemeiner Beifall.) Was ich zu Beginn der Wahlbewegung hier auszusprechen die Ehre hatte, kann ich heute unr nachdrücklichst wiederholen. Es erfülle jeder Wähler und Allen voran jeder Wähler jüdischer Confeffion seine Pflicht; es darf keinen Einzigen unter uns geben, der aus Muthlosigkeit oder aus Indolenz, oder im