Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Dr Bloch's Wochenschrift. Seite 663 nahe der Grenze lieben sie es so zu halten. Vor dem gestrengen Herrn Bezirksrichter verstehen sie es dann die Augen zu verdrehen, machen sie mit ihren plumpen, schweren Stiefeln zierliche Kratzfüße, als ob Elefanten Menuett tanzen wollten. Da drücken sie die Hüte vor die Brust im Gefühle ihrer makellosen Unschuld. Der Bezirksrichter läßt sie meist laufen. Er will Ruhe haben. Dann zahlen sie dem alten Amtsdiener ein Schnäpschen im Gemeindewirthshaus vor Freude über den gelungenen Spaß. Oder sie lassen ihm gleich aus dem Füßchen selbstangesetzten Kornbranntweines trinken, das sie an vielgeknüpften Spagatschnüren um den Hals tragen. Das macht unter ihrem Leinwandkittel einen verdächtigen Bausch. Der Alte mit dem über den Mund hängenden weißen Schlachzizenschnurrbart hatte das immer gleich weg.. Das war ein gerechter Mann, Jud oder Christ galtihm gleich. Dem Juden erging es gerade so wie dem Masuren, wenn er in seine Hände gerieth; wenn er „Amt zu handeln" hatte, — zahlen mußten sie alle Beide. Er faßte die Amtshandlung erschrecklich wörtlich auf. Billig war er eben nicht, wenn man die Verhältnisse der armen, jüdischen Hausirer in Anbetracht zog, die ab und zu durch das Grenzdörfchen mit ihren schweren Waarenballen auf dem gekrümmten Rücken keuchend und schwitzend gezogen kamen. Wie die Hunde bellten und sie an ihren langen Röcken zausten! wie die Gänse und Enten schnatterten in ihren Pfützen! wenn Se. Gestrengen, der Herr Ortspolizeimeister und Amtsdiener auf der Landstraße eine seiner beliebten Scenen aufführte. „Du gottverfluchter jüdischer Hund, was willst du hier? Was hast du da zu suchen? Hier ist ein christlicher Ort. Geh' nach Jerusalem/ Seine grauen Schlitzäuglein funkelten grimmig und listig dazu und der Gesichtsvorsprung leuchtete nordlichtartig mitten in seinem Antlitz. „Euer Gnadenleben, gnädiger Herr Gendarmerie! Was soll suchen ein armer Pinkeljud? Einen kleinen, ehrlichen Verdienst, nichts sonst." Der Ingrimmige strich sich den Schnauzbari. „Arm? Hm hm! Man kennt das. Ehrlich? Ja, ja, ehrlich. Wie eure Sorte Ehrlichkeit schon bestellt ist. Schau, daß Du weiterkommst." „Aber, Euer —" „Kein Aber! Teufelsbombengranatenregiment! Renitenz gegen die Vorgesetzte Behörde — das fehlte noch. Wachebeleidigung! In's Loch mit dem Kerl! So ein frecher, jüdischer Hund!" Er stellte sich in Positur und faßte nach dem gebogenen Säbel, der in einer abgewetzten, ledernen Scheide steckte und ihm über den Bauch baumelte. Verlegen blickte das Jüdlein zu Boden und zählte die Gamaschenknöpfe der weltlichen Obrigkeit. Die meisten fehlten und die da waren, hatten sich in die unrichtigen Knopflöcher verirrt. Zögernd griff der Jude in die Hosentasche, um nach der Börse zu suchen. Bis zum Knie fast tastete er hinunter, tauchte den Beutel heraus und zog die Schnüre. Eine abgeschliffene Münze bietet er als Lösegeld und Tribut mit linkischer Verbeugung. „Nehmen.Sie doch, Herr Rittmeisterleben!" Geschmeichelt durch das Wort, zuckt der Alte schon nach dem Geldstück. „Das ist Bestechung einer Amtsperson, weißt Du das? Eigentlich solltest Du schon dafür in's Loch — und blos fünf Kreuzer Schein? Wer weiß, ob das Ding da nicht am Ende falsch oder beschnitten ist. Man kennt eure Künste. Jedenfalls deponire ich cs. Das kommt zur weiteren Amtshandlung. Ja, davon habe ich gar nichts, mein lieberSchmul. Aber ein Kopftüchlein mit rothen Blumen und grünen Fransen könnt' ich gut brauchen, das mußt Du mir billig ablaffen. Glaubst Du denn, ich bin so 'n Hundekerl, der sich bestechen läßt mir nichts dir nichts? Bei mir muß es nur ehrlich zugehen. Siehst Du nicht, was ich da auf der Brust trage? Kennst Du das Ding? Das ist der größte Orden der Welt, die Rettungsmedaille. Habe ein Menschenleben, zwar nurdas eines miserablen Juden — je nun, man nimmt, was man findet — aus dem Wasser gerettet vor 17 Jahren. Ei was! Mensch ist Mensch, Hab' ich mir gedacht. . . . Mauschel, Du betrügst mich. Diesen Fetzen da soll ich Dir abnehmen. Der ist keine drei Groschen werth. Das seidene Tuch da, das Du vor mir versteckst, das thäte es vielleicht zur Noth, obgleich es noch schäbig genug ist. Mein Weib hat aber Veilchenblau und Pomeranzengelb gerade gern. Verrückter Gusto! Gib her!"! Der Jude lamentirt, das sei gerade das allerschönste und koste ihm einen Gulden Münz selber, so wahr.. . . „Schwör' nicht, Abraham, schwör' nicht. Will's ja nicht geschenkt von Dir. Bezahl' es Dir baar mit klingender Münze. So, da hast Du, Moses.. .." Er drückt ihm das Geldstück, das er soeben von ihm erhalten, mit so großartiger Geberde in die Hand, als schenkte er ihm einen goldenen Ducaten, schiebt das Tuch in die Brusttasche und denkt gar nicht daran, es seinem keifenden, zahnlosen Weibe zu bringen. „Die rothe Kasia soll es haben. Sie wird dann ihre Sprödigkeit gegenüber schon aufgeben, die Dirne. Der Knecht Jan Pawlowski ist zwar jünger, aber solche prächtige Tüchlein herzuschenken, das vermag er doch nicht, der Schuft, dazu muß man schon Amtsperson und Würdenträger sein." Der Jude sieht ihm nach und knüpft jammernd und ächzend das Tragtuch an den vier Enden zum Knoten zusammen, um den Sack wieder auf den Rücken zu nehmen. Das Auge des Gesetzes ist schon weit. Der würdige Greis hat Eile und macht lange Beine. Dem Manne mit dem Waarenlager auf dem Rücken will's nicht aus dem Sinn: „Lebensrettungsmedaille?! Einen Juden gerettet? Der? Sollte man sich im Menschen so täuschen können? Der Orden ist schon der richtige gewesen, der ist ganz echt. Möcht' wissen, wie das zugegangen ist?" Und er geht kopfschüttelnd seinen kleinen Geschäftchen mit unerschütterlichem Eifer und nimmer rastender Beredtsamkeit bei den Bauern nach. Des Abends trifft man sich im Gemeinde-Wirthshause. Der Jude verzehrt seine hartgesottenen Eier in der Ecke und trinkt klares Brunnenwasser dazu. Am großen Tisch ist lustige Gesellschaft. Das Executiv-Organ der weltlichen Obrigkeit spielt lärmend d^n Tonangeber und Bortrinker. Er hat es sich überlegt und doch lieber der dicken Wirthin das Tuch zugesteckt. „Schnaps ist doch eine zu herrliche Sache. Küsse sind gut, aber Schnaps ist noch um Vieles bester. Der Schnapsrausch dauert länger, als der Liebesrausch." Er erzählt eben an der Geschichte, die er jeden Tag dreimal zum mindesten auftischt: Die Geschichte von der Lebensrettung. „Geh' so an einem heißen Sommertag am Mühlenwehr spazieren, dort an der Stelle, wo die verwitterte Tafel schief in der Erde steckt: „Baden bei Strafe verboten". Spazieren Hab' ich gesagt? Das war nicht gut gesagt. Ich ging eigentlich amtlich spazieren. — Wie heiß doch da herinnen ist? Reiß' doch ein Fenster auf, Marunka!" Er wirft die Schirmmütze auf den Tisch und streicht sich die paar wirren, grauen Strähne über das kahle Hinterhaupt. „Geh' den Wiesenpfad entlang und guck' durch die Erlen. Schimmert was Weißliches durch. Was? Badet die Müllerin? Das wäre doch des Teufels! Verlangsame meine Schritte und blinzle durch's Gebüsch. Der verfluchte Schlingel war's, der Stanislaw, der mir schon so vielen boshaften Ulk angethan. Wirst Du herausgehen aus dem Master, Du Hundesohn! brüll' ich ihm zu. Weißt Du denn nicht, daß hier das Baden strenge verboten ist? Kein Sittlichkeitsgefühl, keine Spur von Anstand, keine Achtung vor dem Gesetz steckt in diesen Bauernlümmeln. Das tummelt sich ganz ungenirt weiter, vergnügt wie ein Fisch und dreht sich und wendet sich und kümmert sich nicht um mich, als ob ich nicht da wäre." Auf dem anderen Ufer springt er an's Land, reißt das Maul auf wie ein Scheunenthor und weist höhnend die Zunge und treibt allerlei Gassenbubenschabernack. Da taucht neben mir die Gestalt eines Hausirjuden auf. Der alte Aron, wißt ihr, der schon längst gestorben ist. Ein Jude zwar, aber es ließ sich mit ihm leben. Damals war es auch bester als heute, das Gesindel. Wie er sieht, daß ich schrei, und hinübergestikulire, stellt er sich neben mich und will den Liebenswürdigen spielen, hilft mit: „Kommen sie gefälligst herüber, junger Herrleben. Der Herr von Gendarmerist thut ihnen nichts zu Leide". „Mauschel", sag' ich zum Aron. „Schrei nicht so und mach keine so heftigen Bewegungen. Fuchtel nicht mit den Borderfüßen in der Luft herum, sonst verlierst Du mir noch das Gleichgewicht—". Kaum ausgesprochen, plumpst er schon in's Master. Das rutschige Erdreich der Böschung war unter ihm gewichen. Schon treibt er gegen den gefährlichen Wirbel in der Mitte zu, der ihn so gewiß wie Amen im Gebet, in die Tiefe hinabreißen muß — ich, kurz entschlossen, so wie ich nun einmal bin, ihm in's Wasser nach, Mensch