Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 661 Seidner an der Schule definitiv angestellt. Im Laufe oes Monats September wird auch ein Lehrer für den hebräischen Unterricht, der wöchentlich durch 8 Stunden ertheilt werden wird, bestellt. Gelehrt werden die Gegenstände der Volksschule. Heuer wird blos die I. Classe eröffnet. In dieselbe werden wegen des beschränkten Raumes höchstens 125 Knaben ausgenommen. Die Schule wird successive erweitert. Den besonderen Bemühungen des Herrn Dr. Geller in Sadagura, ehemaligen Mitgliedes des Bezirksschulrathes für den Landbezirk Czernowitz, ist die Creirung dieser für Sadagura so nothwendigen Schule zu verdanken. Brody, 2. September. (O s i a s H. Schorr.) Wir haben heute einen Mannzu seiner letzten Ruhestätte begleitet, der ein Leben von 81 Jahren nur einmal unterbrochen, um sich von seinem einzigen Sohne vor deffen in Paris erfolgten Tode zu verabschieden, sonst aber ununterbrochen und einförmig das Dasein eines Philosophen und Sonderlings führte. Herr Osias H- Schorr genoß in Oesterreich, Deutschland und Italien den verbreiteten Ruf eines ausgezeichneten Hebraisten und Alterthumskenners; er führte eine klassische, scharfe und rücksichtslose Feder gegen die sich spreitzende Mittelmäßigkeit und jüdischen Jesuitismus, er kämpfte mit Erter, Krochmal und Blumenfeld zu einer Zeit im Vordertreffen, als noch auf Fortschritt Excommunication stand und das Judenthum in Galizien hinter mittelalterlichen Barricaden verschanzt lag. Er führte Krieg gegen das Chederwesen, die Wundermänner, den Clericalismus und Chasidismus, er entlarvte die falschen -Propheten und zerschellte die Hohlheit in unbarmherziger, aber stets genialer Weise. Bon seinem unübertrefflichen, mustergiltigenHebräisch hieß es, daß Schorr im Stande wäre, noch einmal eine Bibel zu schreiben. Mit Zunz, Reggio und Grätz befreundet, unterhielt er mit ihnen einen lebhaften und wiffensreichen Briefwechsel, der sich im Nachlasse finden dürfte, der, nebst werthvollen Schriften, eine reiche Bibliothek und ein großes Vermögen umfaßt, welche nun den Rabbinerseminar in Wien in voller Gänze anheimfallen. Als Gelehrter ausgezeichnet und anerkannt, war S ch o r r als Mensch ein Sonderling, wie sie in der Gegenwart zum Glück für sie selbst und ihre Mitmenschen immer seltener Vorkommen. Bei einemBermögen, das dem einsamen, kinderlosen Manne das behaglichste Leben und alle Genüsse, die das Alter gestattet und erheischt, ermöglicht hätte, darbte der arme reiche Mann, der sich aus Geiz oder Stoicismus die nothwendigsten Lebensbedürfnisse versagte und vor Hunger gestorben wäre, wenn nicht seine Nichte, Frau Doctor Leiblinger ihn betreut hätte, obschon es hier allgemein bekannt war, daß Schorr sein ganzes Vermögen, unter Umgehung seiner Verwandten, culturellen Zwecken testamentarisch zuführte. In seiner Lebensweise ein Cyniker, in seiner äußeren Erscheinung der lebendige Protest gegen die Textilindustrie; der Hitze des Sommers und der Kälte des Winters in derselben verblichenen Kleidung trotzend und unentwegt durch welterschütternde Ereigniffe langsam seinen einsamen Weg, wie ein von seinem Piedestal herabgestiegenes Bild aus einem verblichenen Jahrhundert, wandelnd, häufte Schorr aus seinem fast unberührten Einkommen Geld auf Geld, und was jetzt dem Rabbinerseminar in Wien zukommen wird, dürfte etwa 140.000—150.000 fl. betragen. So schied der letzte bedeutende Mann aus dem ehemals bedeutenden Brody, der letzte Rest einer besseren Zeit, theilnahmslos und ohne Theilnahme einzuflößen, fast unbemerkt aus unserer Mitte; blos Dr. H e r z e l rief den wenigen Männern, die die Bahre umstanden, ins Gedächtniß, was der Mann war, was er bedeutete, was die gelehrte Welt verloren, und dann kollerten die Erdschollen auf den schlichten Kasten, der die Hülle eines großen Gelehrten umschließt. Leo Herzberg-Fränkel. . Monor. (Gelegentlich der feierlichen Installation) des Herrn Ladislaus Sandor de Csik-Szent- Domokos als Ochcrgespan des Groß-Kokler Comitates machte bei ihm auch die Schäßburger Judenschaft unter Führung des Monorer Rabbiners ihre Aufwartung. Die Deputation wurde vom neuernannten Comitats-Oberhaupte überaus freundlich ausgenommen, und auf die Ansprache des Rabbiners sagte er u. A.: „Auch jetzt finde ich meine schon im Jahre 1848 gemachte Erfahrung bekräftigt, daß die Juden zu den besten Patrioten des Landes gehören. Mein graues Haupt und meine reiche Erfahrung bewahrten mich davor, die Ursache der günstigen Bermögensverhältnisse der Juden in unlauteren Quellen zu suchen; ich weiß es wohl, daß deffen Ursache in ihrer Mäßigkeit, Sparsamkeit und unermüdlichen Thätigkeit zu suchen ist. Es wäre zu wünschen, daß die ganze Nation die den Wohlstand 'ördernden Principien von den Juden erlernen möge." Biala. (Ueberreichung des Ehrenbürger- Diploms an den Grafen Bade ui.) Am 28. v. M. überreichten Bürgermeister Dr. Rosner und Magistratsrath Wenzelis als Deputirte der Gemeindevertretung von Biala dem Statthalter Grafen Casimir Badeni in Lmberg das Diplom eines Ehrenbürgers der Stadt Biala. Graf Badeni wiederholte seinen bereits telegraphisch ausgesprochenen Dank und äußerte seine Befriedigung, seine Verwallungsthätigktit auch von der Bürgerschaft von Biala anerkannt zu sehen. Auf das Ersuchen der Deputation, der deutschen Bürgerschaft von Biala seinen Schutz gegen chauvinistische An- und Uebergriffe angedeihen zu lassen, entgegnete der Statthalter, die Herren möchten beruhigt sein; an welchen Ort immer ihn der Ruf Sr. Majestät stelle, werde er darauf halten, daß in Biala Niemandem wegen seiner Nationalität oder Confession Unrecht geschehe. Toporoutz. Anläßlich der Decorirung des hiesigen Gutsbesitzers Herrn Joses Fischer fand eine große Feierlichkeit statt. Nachdem Bezirkshauptmann B a r 1 e o n nach entsprechender Anrede dem Herrn Fischer im Gemeindehause das goldene Verdienstkreuz, das Herrn Fischer für seine großen Verdienste bei Abwehr der Cholera in den Jahren 1893 und 1894 vom Kaiser verliehen worden war, überreicht hatte, wurden sämmtliche Anwesenden von dem Decorirten, nachdem er für die allerhöchste Ehre gedankt, zu einem Bankette eingeladen, bei dem viele Toaste, darunter der erste auf unfern Kaiser, ausgebracht wurden. Berlin. (Jn diesenTagenderErinnerung)an die großen Ereignisse von 1870—71 kehren Tausend! n und Abertausenden, die mit dabei gewesen, mit den Gedanken an das Erlebte, auch die Melodien in das Gedächtniß zurück, die damals gespielt und gesungen wurden. Zu diesen zählen zwei Musikstücke, die bei der Siegesfeier von 1871 entstanden und damals allseitig die lebhafteste Aufnahme fanden: der B e r! i n e r Einzugsmarsch und der D e u t s ch e T r i u m p h-M a r s ch. Beide, von dem bekannten Componisten A. W. B l u m e n f e l d r verfaßt, sind Kaiser Wilhelm I. gewidmet, der die Dedication annahm. Von demselben Componisten ist jetzt Op. 42 „H i in nt e 1 ssehnen", Lied ohne Worte, erschienen, ein Salonstück, das sich durch leichte Spielbarkeit und angenehme Melodik auszeichnet und gewiß bald beliebt sein wird. Wien. 55 Waisenkindern des israelitischen Waisenhauses in Unter-Döbling gestattete Herr Director Gabor Steiner die freie Besichtigung von „Venedig" in Wien. Die Kinder wurden von Director B ruck geleitet und von Herrn S t e i n e r und Oberingenieur König empfangen. Herr Generalsecretär Klein hatte die Führung und wurden den Kindern 8 Gondeln zur freien Fahrt zur Verfügung gestellt; ferner zur Jause im Cafe Schneider wurden sämmtliche Kinder mit Kaffee und Gebäck tractirt, dann wurden dieselben in's Marionetten-Theater geführt. Wer die freudige Erregung der armen Waisenkinder gesehen hat, und den Jubel, mit dem sie Alles begrüßt haben, wird empfinden können, welch' ganz besondere Wohlthat die Direction von „Venedig" an den Kindern ausgeübt. Wien. (Verlobung.) Fräulein Sarah P o l l a k, Tochter des vor Kurzem verewigten Rabbinats-Assessors der hiesigen Cultusgemeinde Herrn Rabb. M. P o l l a k, hat sich mit Herrn Salomon Lustig, Religionslehrerin Brünn, verlobt. Wien. Sonntag den 1. d. M. fand iin israelitische,t Tempel gebände in der Seitcnstettengasse die Trauung des Herrn David Mandl, in Firma S ax und Mandl, ein Bruder unseres Bndapester Mitarbeiters Herrn Bernhard Mandl, unter Anrvesenhei, eines zahlreichen und distinguirten Publicnms statt. Die Blaut ist eine Tochter des in Mistelbach und Umgebung hochgeachteten Tberwundarztes Herrn Jonas Schläfrig, Der Bruder des Bräutigams. Herr Dr. Simon Mandl, Rabbiner in Kostet, vollzog die Trauung; allgemeinen Eindruck machten die Worte des jungen Seelsorgers. Berlin, 27. August. Am heutigen Tage feierte der zweite Cantor der Synagoge an der Potsdamer Brücke, Herr Salomon